Tabernas: Im Wilden Westen Europas

In der einzigen Wüste Europas wurden über 2000 Filme gedreht. Eine Nacht in Tabernas, im trockenen Süden Spaniens.

(Bild: Adrian Aeschbacher)

In der einzigen Wüste Europas wurden über 2000 Filme gedreht. Eine Nacht in Tabernas, im trockenen Süden Spaniens.

Und dann biegen wir ein in die Strasse, die uns in die Wüste führen soll. Vor uns: 280 Quadratkilometer Nichts. Nichts als Gestrüpp, Kakteen, Sand, Fels und Steine, die sich zu Hunderten von identischen Hügeln auftürmen, als hätte der Wind sich besonders Mühe gegeben.

Mitten in diese wilde Kargheit duckt sich ein Ort, der den Namen mit der Wüste teilt. Tabernas. Zwei Hotels, drei Bars, wo ein paar Einheimische schon mittags Bier schlürfen, und ein Supermarkt, dessen Storen unten bleiben. Weil es nun auch noch zu regnen beginnt, obwohl sie hier 3000 Sonnenstunden im Jahr zählen, bestellen wir uns ebenfalls «una cervezita», aus der bald zwei, drei werden.

Danach kuscheln wir uns im Hotelzimmer über der Bar auf die Matratze, die vielleicht früher mal bequem war. Und weil mittlerweile regelrechte Flüsse durch die Gassen rauschen, gucken wir uns «Lawrence von Arabien» auf dem Laptop an.

In diesem Film versengt die Sonne die Wüste, durch die sich der blonde Lawrence schlägt. Es ist nur schwer vorstellbar, dass es dieselbe Wüste ist, die sich hinter unserem Hostel erstreckt. Viele Szenen des mit sieben Oscars prämierten Wüstenepos wurden hier gedreht, nachdem die Dreharbeiten in Jordanien wegen politischer Unruhen unsicher geworden waren.

Direkt in die Filmkulisse

Am nächsten Morgen hat der Himmel seine Farbe ausgetauscht. Nach einem «café solo» (so nennen sie hier den Espresso) spazieren wir direkt in die Filmkulisse hinein. Im Westerndorf Fort Bravo ziehen zwei müde Pferde eine Kutsche über den Dorfplatz. Vom Grand Hotel blättert die Farbe ab, auf den Kirchenbänken liegt der Staub zentimeterdick. Eine magere Katze huscht vorüber. Vor der Rail Road Station enden die Geleise im Nirgendwo. Die Schienen sowie die blaue Matte neben dem Post Office erinnern daran, dass das kleine Dorf nicht mehr als eine Kulisse ist.

Innert 60 Jahren wurden hier über 2000 Filme gedreht, wie uns Ruben erzählt – kariertes Hemd und Cowboystiefel. Die Tabernas-Wüste wurde zum Wilden Westen, zum Nahen Osten und in jüngerer Zeit auch zu Irak und Afghanistan.

In den letzten Jahren aber ist die Anzahl Drehs stetig zurückgegangen, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Kulissen zu Wüstenstaub zerfallen werden.




Als Drehort nicht mehr gefragt, ist es eine Frage der Zeit, bis das Westernstädtchen zu Wüstenstaub zerfällt. (Bild: Adrian Aeschbacher)

Der berühmteste Film, der in der spanischen Wüste gedreht wurde, ist «Once Upon a Time in the West». Und zwar in einem anderen Westerndorf ein paar Kilometer die Strasse bergauf. An der Pforte von «Western Leone» sitzt ein Mann, den Hut tief ins Gesicht gezogen, als möchte er seine Identität nicht preisgeben. Nachdem er ein paar Euros kassiert hat, treten wir zwischen die ausgeblichenen Holzhäuser.

Im Gegensatz zu «Fort Bravo» sind wir hier die einzigen Touristen. Und es dauert nicht lange in dieser vergessenen Stille, da haben wir das Gefühl, die durchdringenden Töne des Mundharmonika-Spielers zu hören.

Dies ist also der Ort, an dem Frank und seine Männer den Farmer Brett McBain und dessen Kinder abgeknallt haben. Wenn man eintritt, ist einem heute noch mulmig zumute, zumal sich in den Augen des Getränkeverkäufers dieselbe ängstliche Unruhe spiegelt, die man in den Augen der Kinder gesehen hatte.

Fast hat man das Gefühl, man sei ein Störfaktor in einer Zeit, die längst vorüber ist. 

  • Anreise
    Per Flugzeug nach Malaga oder Sevilla, dann weiter mit dem Mietauto. 
  • Übernachten und Essen 
    Hostal el Puente: Einfaches Hotel, sauber und günstig, die Bar liegt praktischerweise direkt unter den Zimmern. Empfehlenswert ist das hauseigene Tapa: «las patatas a la plancha»; Calle Miguel Usero 1, Tabernas.
  • Für Filmfans
    Fort Bravo: Das grösste Westerndorf in der Tabernas-Wüste und das einzige, in dem heute noch gedreht wird. Im Saloon finden täglich Unterhaltungsshows statt, die Statistenpferde tragen einen über die staubigen Wüstenstrassen und im Souvenirshop gibt es Cowboystiefel in allen Grössen. Am Dorfrand finden sich mehrere Bungalows sowie ein Swimmingpool, sodass man zwischen den Filmkulissen schlummern und planschen kann.
    Western Leone: Dieses Westerndorf wurde von Sergio Leone für den grossartigen Film «Once Upon a Time in the West» (Spiel mir das Lied vom Tod) aufgebaut. Im Saloon gibt es Drinks, im Restaurant Imbisse – und eine Handvoll Pferde wartet darauf, ausgeritten zu werden.
    Oasys: Das wohl touristischste Westerndorf wurde zu einem Freizeitpark und Zoo umgestaltet, in dem heute über 800 Tiere zu Hause sind. Zudem kann man sich im Wasserpark austoben und in den Restaurants den Magen vollschlagen.

 



Fort Bravo: Ein bisschen Hollywood in der spanischen Wüste – Indianersiedlung inklusive (links).

«Fort Bravo»: ein bisschen Hollywood in der spanischen Wüste – Indianersiedlung inklusive (links). (Bild: Muriel Gnehm)

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