Tawergha – eine ganze Stadt im Exil

Nach dem Sturz von Gaddhafi wurde die Bevölkerung der Stadt Tawergha vertrieben. Drei Jahre nach dem Krieg leben die 40’000 Tawerghas immer noch verstreut über ganz Libyen in Lagern. Ihre Heimatstadt wird mehr und mehr zerstört, um eine Rückkehr für immer zu verhindern.

Im Schatten halbfertiger Wohhnblocks leben jetzt Flüchtlinge. (Bild: Astrid Frefel)

Nach dem Sturz von Gaddhafi wurde die Bevölkerung der Stadt Tawergha vertrieben. Drei Jahre nach dem Krieg leben die 40’000 Tawerghas immer noch verstreut über ganz Libyen in Lagern. Ihre Heimatstadt wird mehr und mehr zerstört, um eine Rückkehr für immer zu verhindern.

Am Vortag hat es stark geregnet. Jetzt dringt die Feuchtigkeit durch das Dach und den Fussboden in das winzige Zimmer von Omar Mohammed Ali, seiner Frau und den beiden kleinen Mädchen. Seit September 2011 sind die sechs Quadratmater in einer Baubaracke das Zuhause seiner Familie. Sie haben noch Glück. In andern Zimmern sind bis zu einem Dutzend Personen zusammengepfercht. Es gibt nur winzige Fenster, Gemeinschaftstoiletten, keine Küchen und keine Privatsphäre.

Die heruntergekommenen Baubaracken einer türkischen Firma im Schatten von halbfertigen Wohnblocks dienen jetzt als Lager für 1270 Tawerghas, die während des Aufstandes gegen das Gaddhafi-Regime aus ihrer Stadt vertrieben wurden. Den Einwohnern der gleichnamigen Stadt, rund 40 Kilometer von Misrata, wird vorgeworfen, sie hätten im Krieg für den Diktator gekämpft und in dieser Zeit auch Übergriffe begangen. Die Tawerghas sind dunkelhäutig und ethnische Berber.

Angst vor bewaffneten Überfällen

Das Fallah-Camp in der Nähe des Quartiers Souq al-Talat in Tripolis ist eines von vier in der Hauptstadt und vielen weiteren, die übers ganze Land verstreut sind. Die Verhältnisse sind überall ähnlich. «Wir leben von Hilfslieferungen. Etwa die Hälfte der Familien hat kein regelmässiges Einkommen», zeigt Lagervorsteher Ali auf fertig zusammengestellte Lebensmittelrationen aus Spenden. Zuhause in Tawergha hatten sie ihre Palmgärten oder Jobs in Misrata.

«Den libyschen Staat gibt es hier nicht, vor allem keine Sicherheit. Die Behörden unternehmen nichts zum Schutz vor Racheakten», sagt Ali. Das Eisengitter muss abends geschlossen werden. Im vergangenen November überfielen bewaffnete Milizen aus Misrata das Camp und töteten einen jungen Mann.

Während die Vertriebenen weitab von ihrer Heimat in Baracken leben, wird ihre Stadt systematisch zerstört

Wegen des Pauschalvorwurfes Gaddhafi-Loyalisten zu sein, wurden die Tawerghas nicht nur vertrieben: «Mindestens 1200 Männer sind im Gefängnis, ohne Anklage und ohne Prozess», erzählt Alis Nachbar. Drei Familienmitglieder von Ali sind auch darunter. «Wir wissen nicht, ob sie von Milizen gefangen gehalten werden oder in Gefängnissen sind, die von der Regierung kontrolliert werden. Wir haben keinen Kontakt», präzisiert der Lagervorsteher.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Während die Vertriebenen im reichen Libyen weitab von ihrer Heimat in menschenunwürdigen Verhältnissen leben, von denen in den einheimischen Medien möglichst keine Bilder erscheinen sollen, wird ihre Stadt systematisch zerstört. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch dokumentiert diese Entwicklung kontinuierlich mit Satellitenfotos und hat festgestellt, dass nach dem Ende des Krieges Wohnhäuser systematisch geplündert, angezündet und Geschäftsgebäude in den meisten Teilen der Stadt verwüstet wurden, mit dem offensichtlichen Ziel, eine Rückkehr der Bevölkerung von Tawergha zu verhindern.



Die engen Gassen dienen als Wachsküche.

Die engen Gassen dienen als Wachsküche. (Bild: Astrid Frefel)

Die gewaltsame Vertreibung von rund 40’000 Tawerghas, ebenso wie willkürliche Haft, Folter und Tötungen seien verbreitet, systematisch und ausreichend organisiert, um als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu gelten, befindet Human Rights Watch. Den UN-Sicherheitsrat fordert die Menschenrechtsorganisation auf, diese Verbrechen zu verurteilen und den Internationalen Strafgerichtshof gegen Kommandanten der Milizen und Stadtverantwortliche von Misrata eine Untersuchung einzuleiten.

Rückkehrversuch gescheitert

Sogar seine kleine Tochter hätte auf der Strasse den Hass gegen die Tawergha schon zu spüren bekommen, etwas was es vor der Revolution nie gegeben hätte, schildert Ali das Gefühl ausgestossen zu sein. Hoffnung auf eine Rückkehr gibt es keine. Im letzten Sommer hatten die Tawergha-Führer einseitig Pläne für eine Rückkehr angekündigt, auf Drängen der Regierung aber wieder davon Abstand genommen. Die Regierung argumentierte, es brauche zuerst einen Versöhnungsprozess und die Stadt müsste wieder aufgebaut werden.




Die heruntergekommenen Bauarbeiterbaracken haben kaum Tageslicht und sind nicht für Familen gedacht. (Bild: Astrid Frefel)

Bereits im Februar 2012 hatte die Tawergha-Führung eine offizielle Entschuldigung an die Bevölkerung von Misrata gerichtet und versprochen, alle jene auszuliefern, gegen die konkrete Anschuldigungen wegen Übergriffen vorliegen würden. «Es wird viel geredet, aber eine Lösung ist nicht in Sicht», sagt Ali ohne Illusionen und hofft, dass wenigstens die Regenzeit bald zu Ende geht.

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