Vorsicht, Velofallen!

Von wegen «Velostadt»: Über 100 Velofallen hat die TagesWoche-Community aufgelistet und in einer Karte verzeichnet. Und die Liste wächst laufend weiter. Sehen Sie die tückischsten und gefährlichsten Stellen für Velofahrer in Bild und Film – und helfen Sie mit, Basel wirklich zur velofreundlichsten Stadt der Schweiz zu machen!

Tückische Tramschienen, chaotische Kreuzungen, gefährliche Baustellen – Velofahren in der Velostadt Basel ist ein Risikosport. Die Community der TagesWoche weist auf über hundert Velofallen in und um Basel hin.

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Dicht befahren, viele Fussgänger, parkende Autos, deren Türen sich jederzeit öffnen können. Dazu Tram­verkehr und ein durch Schienen begrenzter Streifen von 30 Zentimetern, der erst noch tückische Rillen aufweist – die Güterstrasse im Basler Gundeli ist bekannt als Horrorstrecke für Velofahrerinnen und -fahrer.

Hier, auf Höhe der Solothurnerstras­se, wurde Sibylle Meyrat im April in der Güterstrasse von einem Auto angefahren. «Schäden an Fahrzeug A: leichte Kratzer», heisst es im Unfall­protokoll. «Schäden an Fahrzeug B: Totalschaden.» Meyrat zog sich starke Prellungen zu, mit vier Wochen Arbeitsunfähigkeit kam sie dennoch glimpflich davon: «Ich hatte gros­ses Glück. Es hätte auch viel schlimmer enden können.»

Bei einem späteren Augenschein vor Ort habe sie festgestellt, dass ein Unfall wie ihrer jederzeit wieder passieren könnte. «Die in der Stadt zunehmend verbreiteten abgeflachten Trottoirüberfahrten verlangen von den Autofahrern grosse Aufmerksamkeit, was offenbar viele überfordert. Durch parkierte Autos am Strassenrand werde zudem die Sicht erschwert. Autofahrer, die aus den Nebenstrassen kommen und einen Vortritt überfahren, seien so erst im letzten Moment sichtbar.

Zahl der Velounfälle sinkt

Exakt 100 Unfälle mit Beteiligung von Fahrrädern ereigneten sich 2011 in Basel-Stadt (siehe Dokument auf der Rückseite dieses Artikels). Das ist ein Rückgang von 24 Prozent. Risikofrei ist das Radeln in Basel trotzdem nicht. Die TagesWoche wollte es genau wissen und befragte jene, die es am besten wissen müssen: die Velofahrerinnen und -fahrer in ihrer Leserschaft.

Der Aufruf an die TagesWoche-Community, Velofallen zu melden, erging am Montag. Und er stiess auf grossen Anklang: Über 1oo Velofallen zeichneten die User innerhalb zweier Tage in die Google-Map ein. Dazu kamen zahlreiche Inputs auf unserer Facebook-Seite und via Mail. Die Palette reicht von ewigen Ärgernissen, wie der umständ­lichen Route für Velofahrer zwischen der Mittleren Brücke und dem Bar­füsserplatz, über chaotische Kreuzungen, wie jene beim Kunstmuseum, bis hin zu halsbrecherischen Hindernissen durch Baustellen und Tramschienen.

Falle 1: Baustellen. Keine Route fordert dem Drahtesel-Reiter mehr Courage ab als der Luzernerring. Hier gilt es, sich zwischen Autos, Bussen und Lastern hindurchzuschlängeln, der Belag ist übersät mit Schlaglöchern – wer nicht aufpasst, droht mit der Tasche an einer Abschrankung hängen zu bleiben. Die Baustelle soll Verbesserungen für den Veloverkehr bringen.

Bis dahin müssen wir uns, wie mancherorts, in Geduld üben. Denn die Freude, endlich wieder per Velo unterwegs sein zu können, wird jedes Jahr aufs Neue getrübt durch Baustellen, die Anfang Sommer nur so aus dem ­Boden schiessen. Mal ragt ein bei Dunkelheit kaum sichtbares Brett in die Fahrbahn, mal hängen die Lampen innerhalb der Abschrankung, mal ausserhalb, und oft gehorcht die Signalisation den Bedürfnissen der Bauarbeiter statt der sicheren Leitung der Verkehrsteilnehmer.

Falle 2: Enge Fahrbahn. Nicht nur in der Güterstrasse, auch am Totentanz bei der 11er-Tramhaltestelle «Univer­sitätsspital» müssen die Velofahrer durch ein Nadelöhr. Für zusätzlichen Nervenkitzel sorgen die am Strassenrand parkierten Autos. Man muss ständig damit rechnen, «gedoort» zu werden, wie das abrupte Stoppen durch aufgehende Autotüren im Velokurier-Slang heisst.

Längst nicht alle dieser Engpässe sind alte Sünden. Auch heute noch entstehen ständig neue Gefahrenzonen. Auch bei der neuen Tramhaltestelle «Zeughaus» sei der Abstand zwischen Schiene und Trottoir viel zu klein, moniert ein Leser. Die gleiche Meldung kommt vom Karl-Barth-Platz.

Falle 3: Unnötige Schikanen. Warum gibt es bei der Mostackerstrasse für Velofahrer keinen offiziellen Übergang über den Schützengraben? Warum ist das Velofahren auf dem Rümelinsplatz verboten? Wer es trotzdem wagt, wird regelmässig von Polizisten abgefangen und mit einem Bussenzettel bedient.

Dabei sind die Ungehorsamen die eigent­lichen Helden der Velorevolution. Bis heute gäbe es keinen Gegenverkehr in Einbahnstrassen, wenn unsere Vorfahrer sich an das damals geltende Gesetz gehalten hätten. Die nächste Bastion, die es zu stürmen gilt, ist das Rechtsabbiegen für Velofahrer bei Rotlicht. Es wäre an vielen Kreuzungen gefahrlos möglich, erlaubt ist es trotzdem nicht. Wer am Spalentor des Wartens überdrüssig ist und bei Rot nach rechts in die Schönbeinstrasse abbiegt, hat gute Chancen, ein Stück weiter unten bei der Uni eine Busse zu kassieren.

Falle 4: Die anderen. Auf dem Barfi, auf dem Marktplatz und dazwischen auf der Falknerstrasse kommt es immer wieder zu riskanten Ausweich­manö­vern. «Die Fussgänger überqueren die Strasse, ohne nach hinten zu schauen», schreibt ein User. SUV, die einem die Vorfahrt nehmen, immer breitere Autos, die von ihren Lenkern immer weniger beherrscht werden, gereizte Bus- und aggressive Taxifahrer: Schuld sind immer die anderen. Selbst passionierte Autofahrer mutieren zu militanten Bikern, wenn sie sich auf den Drahtesel schwingen. Und wackeln genauso achtlos über die Strasse, wenn sie zu Fuss unterwegs sind.

Das Ziel ist Platz 1

Nun ist es nicht so, dass in Basel nichts für Velofahrer gemacht würde. «Basel soll zur velofreundlichsten Stadt der Schweiz werden», ­erklärt Jasmin Fürstenberger, Sprecherin im Bau- und Verkehrsdepartement (BVD), das strategische Ziel. Dazu gehören der Ausbau des Veloroutennetzes, attraktive Abstellplätze oder auch der 2011 lancierte Velostadtplan. Ebenso dazu gehört Marketing. «Wir wollen die Vorteile des Velofahrens besser bekannt machen und die Pendler zum Umsteigen bewegen», so Fürstenberger. «Am wichtigsten ist aber, dass wir bei jeder Umsetzung die Auswirkungen auf Fussgänger und Velofahrer berücksichtigen.»

Der Basler Bau- und Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels ist selber leidenschaftlicher Radfahrer. Als ihm vor vier Jahren das Junge Grüne Bündnis eine Liste (siehe Artikel-Rückseite) mit 80 Velo-Ärgernissen überreichte, fackelte er nicht lange. Kurze Zeit später wurden der Claraplatz und die Greifengasse für den Veloverkehr freigegeben. Seither kann man völlig legal von der Messe zur Mittleren Brücke radeln. Dies zum Leidwesen mancher Drämmlichauffeure – und zur Überraschung vieler Autofahrer, die vom Claragraben her kommend ohnehin Mühe haben, ohne Crash über die Kreuzung zu kommen.

Umstrittene Verbesserungen

Auch der Claragraben ist seit einiger Zeit für Velos in beide Richtungen befahrbar. «Eigentlich eine tolle Sache», findet Leserin Ursula Lehmann. Problematisch sei die Kreuzung mit der Klingentalstrasse: «Die Autos kommen vom Parking her, müssen aber übers Trottoir, wo Fussgänger Vortritt haben. Die Velofahrer sind von parkierten Autos verdeckt und leicht zu übersehen.»

Auch SVP-Grossrat Patrick Hafner bezweifelt, dass «jede vermeintliche Verbesserung für Velofahrer wirklich eine solche ist». Zum neusten Wurf des BVD hat Hafner eine Interpellation eingereicht: der Änderung der Vortrittsregelung in Einbahnstrassen mit Velo-Gegenverkehr. Neu gilt an 80 solchen Kreuzungen der Rechtsvortritt. «Solche Änderungen nehmen wir nur in Absprache mit der Polizei vor», erklärt Fürstenberger die Massnahme. «Der Rechtsvortritt gilt nur dort, wo es sicher ist.»

Und sonst gilt die Devise: No risk, no fun!

Der Kanton will Mängelliste prüfen


Karte Velofallen in der Region Basel in einer grösseren Ansicht.

Wenn Sie eine Vellofalle kennen, die noch nicht verzeichnet ist, tragen Sie sie bitte ein. Das Bau- und Verkehrsdepartement hat zugesichert, die Liste zu prüfen und wo möglich Verbesserungen anzustreben.

Beachten Sie auch die Wochendebatte zu diesem Thema.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 11.05.12

Konversation

  1. Ich wohne seit 15 Jahren in Basel, bin in England aufgewachsen wo es noch heute dort mit dem Velo in den Städten unterwegs immer noch viel zu gefährlich ist! Ihr habt in Basel ein echtes Paradies für Velofahrer! Eigene Velospüre, eigene Parkplätze, eigene Veloampel, rücksichtsvolle Autofahrer (die meisten!). Was mich echt deprimiert sind die Velofahrer selber! Viele von denen haben überhaupt keine Ahnung wie gut sie es hier in dieser wunderschöne Stadt haben, sie fahren durch rot auf gefährliche Kreuzungen, sie überholen einander in blöde Orten, sie fahren Nachts ohne Licht weil es ‚cool‘ ist, sie tragen keine Helme. Viele von denen haben sicher einen Führerschein und wurden sich ganz anders beim Autofahren benehmen. Aber mit dem Velo unterwegs – für diese Leute hat es scheinbar gar keine Verkehrsregeln. Eine echte Schande und für mich eine grosse Enttäuschung! Wach auf Basel Velofahrer! Ihr weisst gar nicht was Ihr für ein Paradies habt!

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  2. Trotz all diesen Hindernissen und Fallen, ist man aber immer noch schneller als das Tram und beim Hauptverkehr schneller als die Autos, so sie denn die Velostreifen nicht blockieren und auch dadurch, dass ich das Velo praktisch überall abstellen kann.

    Kürzlich habe ich mir einen Rückspiegel montiert, für mich eine Beruhigung, immer wieder einen Blick nach rückwärts zu richten, ohne den Kopf drehen zu müssen. Der Anlass war der Raser, der vor nicht langer Zeit ein paar Velofahrer umgemäht hatte.
    Da ich nicht mehr zu den Jüngsten zähle und beschlossen hatte auf das Tram zu verzichten und nur noch Velo zu fahren, habe ich mir ein e-bike angeschafft. Wenn ich in der Stadt herumfahre und mit meinem bike immer wieder in die Lage komme, andere Velofahrer zu überholen, kann ich so gut im Rückspiegel schauen, ob ich dabei kein Auto behindere und notfalls warten, bis es günstig ist.

    Wenn ich in die Stadt fahre, komme ich als erstes zur Münchensteinerbrücke. Wenn ich da links abbiegen will, um zum Bahnhof zu kommen, fahre ich mal gleich über die Tramschienen, damit die Autos hinter mir freie Fahrt habe. Nach den Tramschienen ist es dann oft rot für Velos und Fussgänger. Die Autos warten von rechts weiter unten auch. Die müssen also auch rot haben. Da gehe ich dann oft gleich rüber, weil es nicht angenehm ist, zwischen Tramschienen und Strasse eingeklemmt zu sein.
    Dann beim Bahnhof ist es wirklich nicht ganz klar, wo man da genau fahen soll. Ich fahre einfach so zwischen den Fussgängern hindurch in angemessenem Tempo. Es gibt auch immer wieder Fussgänger, die dann stille stehen. Aber eigentlich ist das nicht nötig, weil das Velo ja sehr wendig ist. Es gibt ja welche, die gerne einen gut eingezeichnete Fahrspur für Velofahrer hätten. Ich denke aber, dass dann das Durchkommen viel weniger flüssig wäre.

    Velospuren, die auf der ganzen Breite mit Farbe markiert sind, finde ich gut. Nur sollte dann der Belag gefärbt werden und die Farbei nicht über dem Belag aufgemalt werden, weil es dann, vor allem, wenn die Fahrbahn nass ist, bei einem schnellen Bremsmanöver in einer Rutschpartie endet, weil da der Pneu schlechter greift.

    An Stellen, wo nichts so klar ist, wie zum Beispiel beim Marktplatz oder wo Fussgänger einfach über die Strasse gehen, wie z.B. zwischen Marktplatz und Barfi, wäre es von Vorteil, dass die Fussgänger zumindest zuerst mal nach links schauen und, wenn ein Fahrzeug kommt, den Blickkontakt suchen, so weiss man, dass der hinüberwill. Viele schauen gar nicht und sind plötzlich auf der Strasse. Wenn ich abbiegen will und auf die linke Fahrspur wechseln will, schaue ich neben dem Handzeichen geben, immer in die Frontscheibe des Autos hinter mir. So wird mein Wunsch eigentlich praktisch immer respektiert, gerade auch abends bei der Münchensteiner Brücke, wenn ich wieder auf dem Weg nach hause bin.

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  3. Das ist eine penibel konzertierte Medienkampagne! Es muss ja nicht immer gegen Ausländer gehen.
    Ich scherze natürlich nur. Wo Sie Recht haben: Die eigene Rechercheleistung bleibt in diesem Fall aber tatsächlich klar hinter jener des Publikums zurück, was für mich eine ganz grossartige Sache ist. Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle an alle, die mitgemacht haben oder es noch tun. Wir bleiben dran!

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  4. Es ist schon eigenartig, dass TaWo UND Baslerstab das gleiche Thema zur gleichen Zeit „beackern“.
    Wo ist die viel-beschworene Medien-Vielfalt, wo die eigene Recherche, wo der investigative Journalismus ?

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  5. Ich bin regelmässig mit dem Velo in der Stadt unterwegs und meine Probleme sind definitiv nicht so gross. Klar ist es nicht ungefährlich in der Stadt unterwegs zu sein mit der grossen Menge an Verkehrsteilnehmern. Klar is aber auch, dass sich sehr viele Velofahrer nicht gross um die Verkehrsregeln kümmern. Natürlich besteht zum Teil grosses Verbesserungspotenzial z.B. in der Verkehrsführung. Aber ich denke auch, dass bei korrektem Verhalten der Velofahrer ein grosser Teil der Velofallen aus dem Viedo keine sind, wie zum Beispiel das Nichtbeachten des Rotlichts nach ca. 40 Sekunden. Das ist keine Falle, das ist ein Verkehrsdelikt…

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  6. Es gibt viele schöne Velorouten in und um Basel. Der Berufsverkehr ist am schrecklichsten, wenn sich jeder an den Arbeitsplatz drängt. Die ewigen Drängeler ärgern mich sehr. Das ist in jeder Schweizer Stadt so. Rücksichtnahme und Entspanntheit würde viel helfen. Langsamverkehr fördern hilft auch. Das ist meine persönliche Meinung.

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  7. Täglich bin ich ziemlich zackig mit dem Velo unterwegs, zwar nicht ganz so schnell wie die Velokuriere. Ich habe gute Bremsen, fahre vorausschauend und weiss, was hinter mir kommt. Mit dem Verkehr und den „Fallen“ komme ich gut zurecht. Die meisten Basler Automobilisten fahren rücksichtsvoll. Das einzige, was ich wirklich mühsam finde, ist wenn ich nicht rechts an der Schlange vor der Ampel vorbei kann. Klar, wenn das erste oder das zweite Auto rechtsabbiegen muss, ist es was anderes. Hinter einem Auspuff warten zu müssen ist blöd. Erst an der Kreuzung zu sein, wenn schon wieder rot ist, nervt richtig! Aber oft sind es Franzosen oder Deutsche, die die Velofahrer nicht vorbeilassen. Oder Leute, die nicht mehr wissen, wann sie einspuren müssen und wann nicht.

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  8. … die Verkehrsregeln beachten hilft ungemein ! Unfälle durch rücksichtslose Fahrweise mit so genannten „Velofallen“ zu entschuldigen, ist schon etwas billig und realitätsfremd.

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  9. sind für mich unverständlicherweise, wie auch auf einigen Bilder zu sehen, immer parallel zur Fusswegkante. Für Mountainbikefahrer ist das möglicherweise kein Risiko, aber jeder mit Normal- oder Rennbereifung droht darin latent festzustecken – ich wage es nicht das mal auszuprobieren, bin ja schliesslich kein Stuntman.

    Natürlich kann so das Regenwasser besser abfliessen und Kinderwagen, die die Strasse kreuzen, können sich so auch nicht verkanten, aber jeder durchschnittliche Fahrradfahrer muss dies einfach als Risiko betrachten. Ich bin schon mehrfach von Autofahrern böse ausgehupt worden, weil ich einen guten Meter auf der Fahrbahn fahre anstelle schön brav aussen rechts am Rand – für einen Autofahrer ist diese Gefahr natürlich nicht wirklich ersichtlich.

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