Vorwärts, Demokraten, wir müssen zurück!

Im April 1848 wurde der Ruf des Publizisten Georg Herwegh bei einem revolutionären Gastauftritt im Südschwarzwald arg ramponiert.

Georg Herwegh

(Bild: Dichter- und Stadtmuseum Liestal)

Im April 1848 wurde der Ruf des Publizisten Georg Herwegh bei einem revolutionären Gastauftritt im Südschwarzwald arg ramponiert.

Wer ein mitreissender Dichter ist, muss deswegen noch lange kein erfolgreicher Feldherr sein. Auf den Publizisten Georg Herwegh (1817–1875)  trifft diese Feststellung jedenfalls voll und ganz zu.

Mit militärischer Disziplin und Offiziersgehabe konnte sich der Sohn eines Gastwirts in Stuttgart sowieso nie anfreunden. Um dem verhassten Dienst in der württembergischen Armee zu entkommen, setzte er sich 1839 kurzerhand in die Schweiz ab.

Hier schlug er sich schlecht und recht als Journalist durch, bis er mit seinen 1841 erschienenen «Gedichten eines Lebendigen» Furore machte. Darin zeigte er sich mit Versen wie den folgenden als politischer Feuerkopf: «Reisst die Kreuze aus der Erden! Alle sollen Schwerter werden, Gott im Himmel wird’s verzeih’n. Gen Tyrannen und Philister! Auch das Schwert hat seine Priester, und wir wollen Priester sein.»

Aus solchen Zeilen sprach eine Aufbruchsstimmung, die viele seiner deutschen Altersgenossen teilten. Jedenfalls gestaltete sich eine Reise 1842 durch deutsche Städte zu einem eigentlichen Triumphzug Herweghs. Dabei lernte er in Berlin auch die überzeugte Republikanerin Emma Siegmund (1817–1904) kennen, die er mehrere Monate später heiratete.

Der französische Revolutionsvirus

Im Jahr 1848 blieb es bekanntlich nicht bei aufbegehrenden Worten. Am 24. Februar zwang ein Volksaufstand den französischen König Louis-Philippe I. zum Rücktritt. Kurz darauf wurden auch in verschiedenen deutschen Kleinstaaten demokratische Forderungen laut.

In Paris wurden Hunderte von deutschen Handwerkern, die auf ihrer Walz in der französischen Metropole haltgemacht hatten, vom revolutionären Virus befallen. Abenteuerlustig, wie sie waren, wollten sie auch in Deutschland einen Volksaufstand entfachen. Zu diesem Zweck bildeten sie die «Deutsche Demokratische Legion». Die politische Leitung übertrugen sie Georg Herwegh, der vor einiger Zeit mit Emma nach Frankreich gezogen war. Die militärische Führung lag bei Otto von Corvin und Wilhelm von Löwenfels.

Hauptmann Lipp im Gefecht bei Dossenbach, Gemälde von Franz Seraph Stirnbrand,1848

Ungleicher Kampf: Bei Dossenbach trafen die teils nur mit Sensen bewaffneten Freischärler auf württembergische Truppen. (Bild: Franz Seraph Stirnbrand)


Das Unternehmen stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Die neue französische Regierung liess die deutschen Handwerksgesellen zwar gerne ziehen; auf die ihnen versprochenen Gewehre warteten die Freischärler aber vergeblich.

Zudem kam den badischen Freischaren um Friedrich Hecker, die von Konstanz Richtung Freiburg ziehen wollten, der Zuzug aus Paris alles andere als gelegen, da das Gerücht gestreut wurde, die Legion sei eine Schar marodierender Polen. Erst nachdem Emma Herwegh zweimal heimlich nach Deutschland gereist war, schien der Zusammenschluss mit den Hecker-Leuten auf gutem Weg zu sein.

Bei Mondschein über den Rhein

In der Nacht vom 23. auf den 24. April setzten etwas mehr als 600 Männer, unter ihnen  Emma Herwegh als einzige Frau, mit fünf Kähnen bei Kembs über den Rhein. In Kandern erfuhren sie, dass Heckers Trupp am 20. April auf der Passhöhe Scheidegg geschlagen worden war und 55’000 hessische, nassauische und württembergische Soldaten in den Schwarzwaldtälern Jagd auf die Revolutionäre machten.

Darauf mühte sich die schlecht ausgerüstete Herwegh-Truppe über verschneite Gebirgskämme Richtung Schweiz.

Der geordnete Rückzug fand am 27. April kurz vor der Grenze ein Ende, als die Freischärler auf der Höhe von Dossenbach bei Schwörstadt auf württembergische Truppen stiessen. Beim anschliessenden Gefecht hatten die zum Teil nur mit Sensen bewaffneten Freischärler keine Chance. 30 sollen umgekommen und 60 verwundet worden sein. Viele gerieten in Gefangenschaft. Emma und Georg Herwegh gelang unter abenteuerlichen Umständen die Flucht in die Schweiz.

Das unglückliche Unternehmen war Herweghs Ruf als Revolutionär nicht eben förderlich. Nichtsdestotrotz hielt er bis zu seinem Tod im Jahr 1875 an seinen republikanischen Prinzipien fest, wie seine späteren Gedichte belegen. So war es denn auch sein Wunsch, in Liestals freier republikanischer Erde begraben zu werden, dies umso mehr, als er 1843 das Bürgerrecht von August erworben hatte und damit Baselbieter geworden war, wenn er auch nie in Baselland ansässig war.

_
Im Dichter- und Stadtmuseum Liestal gibt es am Freitag, 12. Mai, einen Themenabend zu Georg Herwegh und am Freitag, 19. Mai, einen zu Emma Herwegh.
Unerschrockenen Wandervögeln empfohlen: Hartmut Hermanns historischer Wanderführer zum Herwegh-Zug.

Konversation

Nächster Artikel