Weil ich ein Mädchen bin!

Die Frauenquote sorgt für Kontroversen. Ist sie schädlich oder sinnvoll?

Bei der Frauenquote scheiden sich die Geister. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Die Frauenquote sorgt für Kontroversen. Schädlich oder sinnvoll? Nicht einmal die Frauen sind sich einig.

Die Luft war stickig im Büro der Basler LDP Anfang Woche. Am Tisch sass eine ganze Reihe properer Jungpolitikerinnen und Jungpolitiker. Dazu etliche – teilweise etwas weniger chic gekleidete – Lokaljournalisten. Der Andrang war gross, das Thema der Pressekonferenz interessant: die Frauenquote. Darüber lässt sich trefflich streiten.

Der harte Kern der Anti-Quoten-Truppe bestand nicht etwa aus Jungpolitikern, denen man ­typisch männliche Ignoranz beim Thema Frauenförderung unterstellen könnte, sondern aus jungen Frauen – «Quotenkillerinnen», wie sie von den Medien fast schon liebevoll genannt werden. Männer sind im Referendumskomitee zwar auch mit dabei. Aber nur, weil irgendjemand ja auch für die bisweilen etwas mühsame ­Administration da sein muss, wie eine der Jungpolitikerinnen lachend ­erklärt.

Ausgerechnet einem dieser Quoten- und Papierkram-Männer oblag es dann aber, die Pressekonferenz zu ­eröffnen. «Wir stellen unsere Ideen für äh, für äh, eieiei …». Ja, für was denn schon wieder? Ach ja, da fiel es dem Jungfreisinnigen wieder ein. Nicht für irgendetwas setzt sich das Komitee ein. Sondern gegen etwas. Gegen die Frauenquote. Oder genauer gegen eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent in allen Verwaltungsräten von Basler Staats- und staats­nahen Betrieben wie BVB oder IWB. Der Grosse Rat hatte sich in der vergangenen Woche dafür entschieden.

Es wird sich schon ändern

Diese einleitenden Worte (beziehungsweise die Suche danach) wirkten vielleicht fast etwas unbeholfen. Aber womöglich war das Ganze ja auch eine besonders clevere Idee. Denn wie könnte man besser unter Beweis stellen, dass die Frauen das eine oder andere mindestens so gut können wie die Männer? Oder anders gesagt: dass sie auf eine Quotenregelung gar nicht angewiesen sind? Ein Eindruck, den die «Quotenkillerinnen», danach sogar noch verstärkten. Bei ihnen kamen die Argumente wie aus der Pistole geschossen:

Erstens: Bei einer Berufung muss die Qualität ausschlaggebend sein, nicht das Geschlecht.

Zweitens: Für eine Frau ist es erniedrigend, nur deshalb auserwählt zu werden, weil sie eine Frau ist.

Drittens: Frauen haben eine Quote eigentlich gar nicht nötig.

Viertens: Eine Quote ist ein Zwang. Ein Zwang entspricht nicht den liberalen Prinzipien. Und was nicht liberal ist, ist nicht gut. Nicht in verwaltungsnahen Verwaltungsräten und schon gar nicht in der Wirtschaft.

Das sass. Wobei: Nachdem die vierte oder fünfte Jungpolitikerin sich in diese Richtung geäussert hatte und auch der eine oder andere Jungpolitiker ­etwas hatte sagen dürfen, wirkte der Vortrag allmählich ein ­wenig ­repetitiv.

«Überbleibsel aus dem Mittelalter»

Die TagesWoche fragte darum bei Manuela Hobi (Junge CVP), Stephanie Giese (Jungliberale) und Fabienne Beyerle (Junge FDP) nochmals nach. Was sagen Sie zu der Männerdominanz an den entscheidenden Stellen in der Wirtschaft, fragten wir unter anderem? Oder: Was halten Sie von typischen Männer-Netzwerken wie den Serviceclubs, den Zünften oder Männer­cliquen? Die Antworten waren erfrischend klar.

Verwaltungsräte, die ausschliesslich aus Männern bestehen, seien eine Realität – leider, sagten sie. Aber das werde sich automatisch ändern: «Unsere Generation lebt die Gleichberechtigung – auch in der Ausbildung und im Beruf. Bestes Beispiel dafür: die vielen Hochschulabsolventinnen. Noch sitzt aber die Generation 55 plus an den entscheidenden Stellen, die anders aufwuchs.» Und mit Anspielung auf die Zünfte und Fasnachtscliquen stichelte Beyerle: «Das ist ein Überbleibsel aus dem Mittelalter.» Aber warum nicht, wenn die Männer es lustig fänden, ergänzte Giese.

Frauen müssen härter kämpfen

Das Interview löste einige Leserkommentare aus. Toll, wie selbstbewusst und emanzipiert diese jungen Frauen auftreten. Die haben es wirklich nicht nötig, sich hinter einer Quote zu verstecken, schrieben die einen. Die Frauen seien zwar schon recht sympathisch, aber leider eben auch etwas allzu idealistisch, entgegneten die anderen. Sobald sie einmal mitbekommen, wie schwierig es in der Schweiz für eine Frau immer noch ist, das Nebeneinander von Familie, Haushalt und Job zu managen und dabei vielleicht sogar noch die eigene Karriere voranzutreiben, würden sie ganz anders ­reden.

Clivia Koch, Präsidentin des Verbandes Wirtschaftsfrauen Schweiz, denkt heute auch ganz anders als früher. Die Betriebswirtschafterin war in einigen leitenden Stellen im Finanzbereich ­tätig, bei Banken wie der UBS und der Migros-Bank, bei Versicherungen und Pensionskassen. Heute ist sie bei der National Suis­se in Basel für den ­Bereich Business Development Frauen verantwortlich. Die 55-Jährige findet eine Frauenquote mittlerweile sinnvoll, nachdem sie sich selber «ein paar Mal den Kopf angeschlagen» hat.

«Als junge Frau war ich ebenfalls der Ansicht, dass alle die gleichen Chancen hätten, und deshalb war ich gegen eine Quote. Aber je älter und erfahrener ich wurde, desto mehr gelangte ich zur Überzeugung, dass es einfach nicht anders geht», sagt sie. Denn Frauen würden sonst nicht vorwärtskommen. Bis zum mittleren Kader gehe es zwar noch gut, danach werde es aber schwierig für die Frauen. Sie müssten viel härter kämpfen als ­Männer.

Quote auch für die Verwaltung geplant

Koch musste in ihrem Berufsleben oft feststellen, dass Männer privilegiert behandelt werden. «Wenn es ­darum geht, sich zwischen einer Frau und einem Mann zu entscheiden, fällt die Wahl meistens auf den Mann.» Für sie steht fest, dass auch Bünde wie Zünfte einen grossen Einfluss darauf haben, wie die Chefetage eines Unternehmens aussieht. «Man entscheidet sich meistens für die Person, die einem vertrauter ist», sagt Koch.

Gegen die männerdominierten Führungsgremien will Basel jetzt ein Zeichen setzen. So soll nicht nur die Quote in Verwaltungsräten von staatsnahen Betrieben eingeführt werden, sondern auch in der Basler Verwaltung selber. Eine Motion, die vor Kurzem der Regierung zur Berichterstattung überwiesen wurde, fordert für die höheren Kader der Kantonsverwaltung eine Quote von mindestens 35 Prozent. Auch Zürich und Bern sind momentan daran, eine Frauenquote in der Verwaltung einzuführen.

Doch gegen die Quote wehrt sich die Wirtschaft. Die Unternehmen müssten auch in dieser Hinsicht möglichst frei sein, fordert Economiesuisse. Entscheidend sei die Qualifikation, nicht das Geschlecht, heisst es – sehr ähnlich wie bei den bürgerlichen Basler Jungpolitikerinnen – auch in einem Grundsatzpapier des Wirtschaftsverbandes. Wobei Economiesuisse überraschend deutlich auch auf die Probleme hinweist: die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, gerade für die Frauen, an denen ­daheim häufig vieles hängen bleibt. Eine Lösung könne nur der Ausbau der Tagesbetreuung und -strukturen bringen.
Nur: Genau dafür sind die Bürgerlichen im politischen Alltag auch nicht immer zu haben.

Haben Frauen auch ohne Quote die gleichen Chancen?

In der Wochendebatte ­dis­kutiert Tiziana Conti, Vize­präsidentin der Jungen CVP BS, mit Lavinia Fasciati, Vizepräsidentin der Juso BS.

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 27.09.13

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