«Welches Land wollen wir sein?» Flavia Kleiner antwortet

Das Literaturhaus Basel beschloss ein politisches Halbjahr im Volkshaus mit einer offenen Debattenrunde zur Frage «Welches Land wollen wir sein?». Es entspann sich eine rege Diskussion – die allerdings unter der Absenz konträrer Meinungen litt.

Das Literaturhaus Basel beschloss ein politisches Halbjahr im Volkshaus mit einer offenen Debattenrunde zur Frage «Welches Land wollen wir sein?». Es entspann sich eine rege Diskussion – die allerdings unter der Absenz konträrer Meinungen litt. Das Literaturhaus darf sich trotzdem zugutehalten, ein erfolgreiches Facelifting vollzogen zu haben.

Der Montagabend war lau – nicht aber im Volkshaus Basel, wo das kalendarische Halbjahr des gastgebenden Literaturhauses beschlossen wurde, eines, das aus seiner Sicht politisch geprägt war wie schon lange nicht mehr. Das lag zum einen am Literaturbetrieb selbst, der in diesem Frühjahr auffallend politisch daherkommt (bestes Beispiel: Abbas Khider mit «Ohrfeige»). Vor allem aber lag es an der Programmkommission, der es gelang, aus dem Literaturhaus als ästhetischer Schaubühne ein politisches Podium zu machen.

Das Haus vollzog dabei keine Identitätsumwandlung: die Literatur steht und stand auch im Frühjahr 2016 im Fokus. Aber sie wurde eben eingebettet in Rahmenveranstaltungen wie dem Thementag «Zuflucht Schweiz». So bestimmten etwa der Islam, Asylfragen und Utopien des Zusammenlebens die Agenda. Literarische Themen? Ja. Politische Themen? Ebenso. War das Literaturhaus unter Kulturmuffeln bestenfalls als Ort einer künstlichen Reflexion der Realität verschrien, so hat die Adresse diesen Ruf zuletzt gründlich revidiert.

Das Literaturhaus kann auch das: die Öffentlichkeit mit anregenden Debatten zu brandaktuellen Themen bereichern. Themen, deren Entwicklung sich erst in Zukunft weisen wird. Und die dereinst wiederkehren könnten. Als Geschichten zwischen zwei Buchdeckeln.

Neues Format on Tour

So auch an besagtem Montagabend. «Welches Land wollen wir sein», hiess die Veranstaltung, die vom deutschen Soziologen Harald Welzer und dem Politikwissenschaftler Alexander Carius aus der Taufe gehoben wurde und seit vergangenem November durch Deutschland und die Schweiz tourt. Das Format ist denkbar einfach: Eingeladene Gäste geben kurze Statements, dann wird im Saal diskutiert.

Und es wurde rege diskutiert. Die geladenen Gäste der Basler Ausgabe waren Polit-Popstar Flavia Kleiner (Operation Libero), die Schriftstellerin Dana Grigorcea, Inés Mateos (Expertin für Bildung und Diversität) und René Rhinow (alt Ständerat). Die Moderation übernahm Christoph Keller. Vor allem Rhinow vermochte mit seinem Input zu überzeugen, indem er gleich mal den Titel der Veranstaltung zur Disposition stellte: «Dieses wir, das gibt es nicht. Und dieses Land, das gibt es so auch nicht.»

Die Debatte war lanciert. Der Titel sei bewusst offen gewählt, sagt die Leiterin des Literaturhauses, Katrin Eckert, denn diese Frage brenne zurzeit einfach vielen unter den Nägeln. Man sei gespannt, was in der Bevölkerung gedacht und was im Privaten diskutiert werde. Im Volkshaus, so viel sei gesagt, fand sich allerdings bei Weitem kein repräsentantes Abbild der Bevölkerung. Gekommen waren vor allem Vertreterinnen und Vertreter des linksintellektuellen Milieus, die mit Lust und Trotz die aktuelle Agenda abarbeiteten.

Es gab auch kritische Töne

Auf der lustvollen Seite wurde das Klagelied über restriktive Entscheide im Asylwesen gesungen und jene angeprangert, die sich einer offenen Gesellschaft entgegenstellten. «Mich stört es, dass wir nur denjenigen eine Chance einräumen, die uns nützlich sind», sagte eine Votantin, ihr Folgeredner wand den jungen Menschen einen Kranz, die sich mit ihrem Engagement für die «Opfer eines ungerechten Dublinsystems» eingesetzt hatten, indem sie gemeinsam mit Flüchtlingen die Matthäuskirche besetzten.

Aber es gab auch kritische Töne, wie etwa von Journalisten und Maghreb-Experten (SRF) Beat Stauffer. Er könne nur den Kopf schütteln, sagte er in Bezug auf das einleitende Statement von Flavia Kleiner, wenn von «DEN Asylsuchenden» als «Träger einer freiheitlichen Idee» (O-Ton Kleiner) gesprochen werde.

Klar kämen Künstler, Intellektuelle und solche, die nach Freiheit strebten. Es seien aber auch viele «stockkonservative» Leute darunter, die aus feministischer Sicht problematische Ansichten hätten. «Es erstaunt mich, wenn eine Frau solche Aussagen macht, ohne diese Einschränkungen zu erwähnen.»

Die Schweiz: kein Freilichtmuseum

Kleiner hatte in ihrem Inputreferat die Schweiz als «das Chancenland des 21. Jahrhunderts» bezeichnet, das aber von vielen lieber zum Freilichtmuseum umgemodelt werden würde. Das «Wir» an sich, «dieses Land» an sich, das gebe es gar nicht. Der Saal war voll – doch im Publikum herrschte grundsätzlich Einigkeit, Voten im Sinne von Beat Stauffer blieben die Ausnahme. Man hätte sich gewünscht, das von «vielen», die ebenfalls zum schweizerischen «Wir» gehören, zumindest einige mehr den Gang ins Volkshaus gewagt hätten.

Der Abend darf nichtsdestotrotz als Erfolg gewertet werden, der zumindest als Format den eigenen Anspruch, ein «Laboratorium der Zukunft» (Christoph Keller) zu sein, erfüllte. Eine schöne Begleiterscheinung waren die klackernden Schreibmaschinen, auf denen während der Veranstaltung vor den Toren des Unionssaals Texte auf Bestellung entstanden. Der Erlös wurde dem kleinen Basler Flüchtlingshilfswerk «Be aware and share» gespendet.

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Wer sich für die ganze Diskussion und die einzelnen Voten im Wortlaut interessiert: Die Protokolle der Veranstaltung sollen auszugsweise veröffentlicht werden. Sobald dies geschieht, werden wir sie hier verlinken.

Artikelgeschichte

In einer früheren Version des Artikels wurde der deutsche Soziologe Harald Wenzel (FU Berlin) als Initiator des Debattenformats genannt. Richtig heisst der Begründer Harald Welzel (Universität Flensburg), er hat «Welches Land wollen wir sein?» zusammen mit dem Politikwissenschaftler Alexander Carius initiiert. Wir bitten die Verwechslung zu entschuldigen.

Konversation

  1. Daniel Faulhaber berichtet in bekannt einseitiger Manier. Die Inputgeberinnen, die Gleichberechtigung für die seit Generationen ansässigen Menschen mit so genanntem Migrationshintergrund forderten (Mateos) und über Zugehörigkeit sprachen (Grigorcea) und von VotantInnen im Publikum mehrfach unterstützt wurden, kommen in seiner Berichterstattung nicht vor. Vielleicht weil beide selber einen Migrationshintergrund haben? Ebenso ist nichts darüber zu lesen, dass sich in der Diskussion viele zur Rolle der Schweiz in der Welt äusserten, die mit reger Beteiligung an Waffenlieferungen, Rohstoffhandel und Geldwäscherei Flüchtlingsströme erst schafft. Die süffisante Art, linke Kritik als lustvoll und trotzig zu degradieren und darüber zu klagen, dass mehrheitlich Linksintellektuelle den Weg ins Volkshaus fanden, während Faulhaber selber nur die die Mainstream-Voten zu Wort kommen lässt, die wir täglich von allen anderen Medien schon serviert bekommen, lässt am publizistischen Auftrag einer Tageswoche zumindest Zweifel aufkommen.

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  2. „Mich stört es, dass wir nur denjenigen eine Chance einräumen, die uns nützlich sind.“ Wo bitteschön lebt diese Person? Die war wohl nie in einer WBS, und schon gar nicht in der heutigen Zeit. Da würde sie auf die Welt kommen.

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