Wochenendlich bei Xherdan Shaqiri in Stoke-on-Trent

Unsere Reisegruppe nennt ihn liebevoll «Augster Wädli», der britische «Telegraph» bezeichnet ihn nach dem Match als «Alpine Messi». Wir haben Xherdan Shaqiri in Stoke besucht – und er lief zu Hochform auf. Kann das Zufall sein?

(Bild: Gabriel Vetter)

Unsere Reisegruppe nennt ihn liebevoll «Augster Wädli», der britische Telegraph bezeichnet ihn nach dem Match als «Alpine Messi». Wir haben Xherdan Shaqiri in Stoke besucht – und er lief zu Hochform auf. Kann das Zufall sein?

Die Ausgangslage war folgende: Ein gut abgehangenes Geburtstagsgeschenk aus dem Jahr 2013. Jungsausflug mit dem Ziel raus aus der Schweiz, rein in dieses Europa.

Diese schöne Gabe wurde im Sommer 2015 zur grossen Aufgabe: Wir erfuhren, dass sich Ex-FCB-Star Xherdan Shaqiri im Rahmen seiner Odyssee Mission nach München und Mailand für vier Jahre in Stoke-on-Trent niederlassen würde. Der Fall war klar: Wir müssen den Wizard of Augst im harten Klima der britischen Midlands aufmuntern. Ihm zeigen, dass wir ihn nicht vergessen haben. Ihm die Nestwärme geben, wie er sie von seinen Basler Jahren gewohnt war. Xherdan braucht jetzt unsere Hilfe!

Denn in England weht ihm zunächst ein harter Wind entgegen. Als Kollege L. beim Büro von Stoke City anruft und vier Karten für das Heimspiel gegen Manchester City erstehen will, sagt Ticket-Joe am anderen Ende: «Ihr kommt extra wegen Shaqiri? Viel gerissen hat er bislang nicht!» Nun, das war im September, Stoke war noch am Tabellenende und Shaqiri leicht angeschlagen. Ob er im Dezember überhaupt auf dem Feld stehen würde?

Die Hoffnung schaukelte uns beim Hinflug hin und her, denn im selben Billigflieger reiste auch der beratende Bruder Erdin Shaqiri mit. Er hatte den Transfer von Inter Mailand nach Stoke City eingefädelt. Und er fliegt an diesem Freitag bestimmt auch nach Manchester, um wieder mal nach Xherdan zu schauen. Wenn das kein gutes Zeichen ist?!

Die Renaissance des Xherdan Shaaaaawqiri

Unser Zelt haben wir im Renaissance Hotel aufgeschlagen, weil uns die Symbolkraft des Namens gefällt. Und weil es ein Vierer-Zimmer im Stadtzentrum von Manchester zu bieten hat. Wir machen uns rasch frisch, das heisst, wir trinken ein Bier und gründen eine Whatsapp-Gruppe, ehe wir eine Nacht lang durchs Northern Quarter von Manchester ziehen. Dieses wurde uns von mehreren Leuten empfohlen.

Tatsächlich lohnt sich der Streifzug durch den nördlichen Stadtteil, denn hier spielt die Musik. Zum Beispiel im Jazzclub (Matt & Phreds), wo ausgelassen gefeiert wird. Die New York Brass Band, eine achtköpfige Instrumental-Combo spielt Popklassiker – von Paul Simon bis A-ha. Guggemusik von Profis. Trinken und tanzen, was will ein Fussballfan mehr, nachts um halb zwei? 

Am nächsten Morgen bringen wir uns mit einem ausgewogenen englischen Frühstück wieder in Schwung.

Gestärkt machen wir uns auf die Socken, denn wir sollten vor Mittag in Stoke-on-Trent eintreffen. Das Spiel wird bereits um 12.45 Uhr angepfiffen, die Fernsehrechte in der Premier League wollen auf einen ganzen Tag verteilt werden. Zu unserem Glück ist Shaqiris neue Fussballheimat ans britische Eisenbahnnetz angeschlossen, so kommen wir nicht zu spät. Und geniessen auf der halbstündigen Fahrt stimmungsvolle Eindrücke: Links Schafweiden, rechts Fabrikruinen. Das hätte Ken Loach nicht schöner hingekriegt.

Rauer Charme empfängt uns bei der Ankunft. Stoke-on-Trent ist eine Stadt ohne Kern. Zu den Hauptattraktionen gehört gemäss TripAdvisor ein Töpfereimuseum und ein Wald voll Affen (Monkey Forest). Wir folgen dem pfeifenden Wind und landen unter Fangesängen in einem Shuttle Bus. Offenbar alles Manchester-City-Fans – abgesehen von uns und den zwei Bobbys, die eingestiegen sind. 

Der Bus wird ordentlich durchgeschüttelt, von Sprechchören und Fangetrampel, und fährt von Blaulicht eskortiert über eine für den Restverkehr blockierte Strasse. Da wird uns klar: Wir sind in einem Risikobus gelandet.

Tatsächlich werden wir direkt vor den Gästesektor des Stadions gekarrt, kämpfen uns umgehend zurück, durch die Massen, holen unsere Tickets und landen unterwegs noch im Wettbüro. Freund V. setzt 5 Pfund auf zwei Optionen: Shaqiri schiesst das erste Tor des Spiels. Und Stoke schlägt Manchester City, den Tabellenersten, mit 2:0.

Wir passieren noch Stoke Citys Wall of Fame. Ob Shaq Attack auch mal auf dieser schönen Backsteinmauer eingraviert sein wird?


Dann nehmen wir in der Fankurve des Heimclubs Platz. Vierte Reihe im Britannia Stadion: Herrlich! Ein Anblick wie aus einer anderen Zeit, keine Plätze in den Kurven, keine Absperrgitter – und keine Ersatzbälle. Wann immer der Matchball in die Ränge fliegt, müssen die Millionäre auf dem Rasen geduldig warten, bis er wieder den Weg zu ihnen gefunden hat.

Die Stimmung ist friedlich – und in unserem Sektor von Anfang an besser als vis-à-vis. Manchester City hat zwar veritable Superstars. Doch die werden entmutigt: Durch ihr eigenes Spiel. Und durch die Schlachtrufe aus unseren Reihen. «Greedy Bastard» rufen die Stoke-Fans, wenn Gegenspieler Raheem Sterling den Ball hat. Als gierig gilt dieser, weil er im Sommer dem FC Liverpool die Treue kündigte und für eine Ablösesumme von 62,5 Mio. Euro zu ManCity wechselte.

Ein Liedchen für Xherdan Shaqiri

Im Vergleich dazu war Xherdan Shaqiri ein Schnäppchen – er kostete nur 12 Millionen Pfund (rund 18 Mio. Franken). Doch auch dieser Betrag ist nicht ohne: Ein Keramiktöpfer in Stoke muss dafür rund 39 Leben lang arbeiten.

Aber zurück zum Spiel: Das Augster Wädli gibt alles! Liegts an unserem rotblauen FCB-Schal, der im Stadion auffällig aufleuchtet? Liegts an unseren aufmunternden Rufen? Oder an Bruder Erdin? Tatsache ist: An diesem Samstag, dem 5. Dezember 2015, ist Xherdan Shaqiri jeden Penny wert.

Er dribbelt seine Gegner drümmlig und bereitet mit brillanten Pässen die beiden Tore für Stürmer Marko Arnautovic vor. Wir sind ganz aus dem Häuschen. Und mit uns die ganze Fankurve. Als Shaqiri nach 77 Minuten ausgewechselt wird, singen die Engländer ihm zu Ehren sogar ein Liedchen!


Warum er Man of the Match wurde, kann man übrigens hier in seinen besten Szenen nachsehen. Und, um es vorwegzunehmen: Auch der «Sunday Telegraph» oder die «Sun» sind begeistert. Sie beschreiben Shaqiri nachher als «Alpine Messi»!

Nach diesem denkwürdigen Spiel, mit dem sich Stoke auf den 10. Rang in der Premier League hocharbeitet, posieren wir zur Erinnerung noch einmal vor dem Stadion, im Stil einer britischen Indierock-Band aus den 90er-Jahren. The Potters. Momoll, das könnte unsere Zukunft sein.

Aber bevor wir uns definitely maybe als Rockband formieren, wollen wir feiern. Und das mit V.’s Zaster: Denn er ist nach Spielschluss um 100 Pfund reicher. 2:0 für die Heimmannschaft, Volltreffer im Wettbüro. Wir gönnen uns eine Mütze aus dem Fanshop, eine Pfütze im Stadionpub und verbrüdern uns schliesslich mit den Locals im Wheatsheaf Pub bei einer Portion Fish & Chips für unschlagbare 3.99 Pfund. Dass der Kabeljau zu diesem Preis aus nachhaltiger Zucht stammte, wagen wir zu bezweifeln. Aber die Statistik unseres Fussabdrucks blenden wir für dieses Wochenende mal aus.

(Bild: Marc Krebs)

Gestärkt stürzen wir uns ins Nachtleben von Stoke…

(Bild: Marc Krebs)

… und kehren fünf Minuten später nach Manchester zurück. Selbst die Stokianer raten uns dazu. Die Stadt ist einfach tot. 

Was folgt, ist ein Abendessen im Teppanyaki Manchester Restaurant (lecker) und ein Ausflug ins Gay Village (bunt), ehe wir uns am Sonntag noch ein bisschen Sightseeing gönnen und feststellen: Auch der dunkle Norden kann vor Weihnachten lustig sein.

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Selbst Lust gekriegt auf ein Wochenende auswärts? Destinationen und Tipps in unserer Reise-Rubrik: «Wochenendlich»

Konversation

  1. Nordengland ist ist besser als dessen Ruf (ausser Sheffield). Habe selbst vor Jahren zwei mal so einen Groundhopping-Trip dorthin unternommen und besuchte Manchester City, Wigan Athletic, Bolton Wanderers, Sheffield United, Huddersfield Town, Rochdale AFC, Droylsden FC, sowie die die Rugby Union-Teams Leeds und Sale Sharks (dazumals noch mit dem „Höhlenmenschen“ Sébastien Chabal). Zu empfehlen ist insbesondere die Zeit um Weihnachten. Dann gibt es beinahe täglich ein Spiel.

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