Wochenendlich im Marais

Die Grossstadt im Kleinen erleben: Durch das Marais schlendern, statt durch ganz Paris zu hetzen. Die aktuelle Ausgabe unserer Reisekolumne Wochenendlich.

Bier in der Hand, Klassiker an der Wand. (Bild: David Bauer)

Die Grossstadt im Kleinen erleben: Durch das Marais schlendern, statt durch ganz zu Paris hetzen.

Die Crux mit Grossstädten ist, naja, dass sie eben gross sind. Und so endet ein Kurztrip viel öfter als einem lieb ist in plattgelaufenen Füssen und dem Gefühl, mehr verpasst als erlebt zu haben. Warum also nicht mal in die Tiefe statt in die Breite gehen? Und so waren wir beim letzten Besuch in Paris ausschliesslich im Marais, jenem alten jüdischen Viertel am rechten Seine­ufer auf der Höhe der beiden Inseln.

Starten bei Saint-Paul

Wir steigen bei «Saint-Paul» aus der Métro und stürzen uns ins Quartier. Mit seinen kleinen Strassen und engen Gassen eignet es sich hervorragend zum ziellosen Herumschlendern. Bistros, Cafés und Bars wechseln sich ab mit ungezählten kleinen Geschäften und Boutiquen von jungen Designern. Wer bereit ist, das Portemonnaie mehr als einen Spaltbreit zu öffnen, findet hier Kleidung, die man nicht auch in jeder anderen westlichen Stadt kaufen könnte.

Essen bei Marianne

Für Zwischenverpflegung sorgen zahlreiche Imbissstände. Geheimtipp: sich anschliessend im «Sabon» deren Peelings vorführen lassen. Die Hände sind danach nicht nur sauber, sondern sanfter als je zuvor. Ein Erlebnis. Weitere lohnenswerte Fixpunkte beim gemütlichen Schlendern: «De Bouche à Oreille» an der Rue du Roi de Sicile für Wohnungsaccessoires und der «Lomography Gallery Store» an der Rue Sainte Croix de la Bretonnerie.

Eine hervorragende Adresse für das Nachtessen ist «Chez Marianne». Am besten werfen Sie gar keinen Blick in die Karte, sondern bitten den Garçon, Ihnen eine Platte zusammenzustellen mit allen möglichen koscheren Köstlichkeiten.

Versumpfen um Sumpfgebiet

Etwas Historie mit auf die anschliessende Beizentour: Le Marais, das ist eigentlich «der Sumpf». Nicht etwa, weil es das Quartier einem so verführerisch leicht macht, in den zahlreichen Bars (zum Beispiel Les Etages in der Rue Vieille du Temple) zu versumpfen. Nein, das Marais war bis ins 13. Jahrhundert tatsächlich ein Sumpfgebiet vor den Toren von Paris und wurde trockengelegt, als die Stadt mehr Platz benötigte. Als Paris über die Jahrhunderte immer weiter wuchs, drang das Marais ins Herzen der Stadt vor. Bei uns geht das Schneller: Wir haben das Marais längst in unser Herz geschlossen. Und mit ihm das, von aussen unscheinbare und innen schmucke Hotel Bourg Tibourg. Muss man sich leisten wollen. Aber wozu gibt es Jubiläen?

Frühstücken bei den Philosophen

Für ein ausgedehntes Frühstück setzen wir uns am Sonntag vor «Les Philosophes» an der Rue Vieille du Temple. Hier gibt es nicht nur alles, was ein verkaterter Körper braucht (siehe Bild). Man hat auch einen hervorragenden Platz, um den überdurschnittlich chic gekleideten Menschen beim Flanieren zuzuschauen. Im Nu sind so zwei Stunden und ein Kater verflogen.

Ist die Shoppinglaune verflogen, bietet sich noch ein Besuch beim Centre Pompidou an. Wer es nicht so mit Gegenwartskunst hat, kauft sich an den Ständen in der Rue Rambuteau ein paar Früchte und etwas zu Trinken und schaut dem bunten Treiben auf der «Place Georges Pompidou» zu.

Für einen Wochenendtrip ist das Marais geradezu ideal. Am frühen Samstagmorgen hin, am Sonntagabend zurück. Zwei fast komplette Tage im Herzen von Paris, aber nur eine Übernachtung bezahlen. Mehr hätten wir uns im Bourg Tibourg ohnehin nicht leisten können.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 13.07.12

Konversation

Nächster Artikel