Zu. Wenig. Platz.

Die Debatte über die Zuwanderung ist auch ein Kampf um unsere Wahrnehmung.

Zuviel, zuwenig? Dichte entsteht auch in unseren Köpfen. (Bild: Hansjörg Walter)

Die Debatte über die Zuwanderung ist auch ein Kampf um unsere Wahrnehmung.

Die Dichte, sie springt uns an, durchdringt uns und unser Leben. Sonntags in der Migros am Bahnhof, nach der Mittagsschlafzeit auf dem Spielplatz im Kannenfeldpark, nach einer missglückten Baggerunterquerung auf der A1 an jedem gewöhnlichen Arbeitstag. Zu. Viele. Menschen. Kein Platz! Dichtestress!!

Und natürlich sind die Ausländer schuld. Und natürlich wird alles immer schlimmer. Und natürlich müssen wir nun endlich etwas dagegen unternehmen.

Just diese Woche hatten die Journalisten dieses Landes ein kleines rotes Büchlein auf ihrem Schreibtisch: «Der Zug ist voll – die Schweiz im Dichtestress», heisst die vergnüglichbärbeissige Sammlung von Autor Thomas Hämmerli, der laut den Angaben im Büchlein eine «verstreute Existenz» zwischen Tiflis, Mexiko-Stadt, Sao Paulo und Zürich führt.

Hämmerli, das merkt man bei der Lektüre schnell, regt sich fürchterlich auf. Über einen Begriff, der ursprünglich aus einem wissenschaftlichen Randgebiet stammt: der Stressforschung eines bayrischen Labors mit Tupajas (Spitzhörnchen). Seither, seit den 1970er-Jahren, hat der «Dichtestress» eine schwindelerregende Karriere gemacht und dient heute in den Worten von Hämmerli zum «Knüppel aller, die glauben, die Schweiz sei kurz vor dem Untergang durch Überbevölkerung oder gar Überfremdung». Dabei werde der «Dichtestress» nicht nur aus xenophobem Ressentiment verwendet, sondern auch aus «purer Dummheit und Mangel an Sprachsensibilität».

«Total überbevölkert»

Die Sammlung des Autors mit der verstreuten Existenz und seiner Mitstreiter (darunter der Kulturjournalist Manfred Papst, Popstar Dieter Meier, Satiriker Peter Schneider und andere) geht dieser Nachlässigkeit nach, klagt an, bedauert und wirft einen Blick zurück. Schriftsteller Wolfgang Bortlik zitiert in seinem Beitrag mit dem schönen Titel «Ein Pandämonium patriotischer Poltergeister» ein Referat von Botschafter Rudolf Weiersmüller, dem ehemaligen Koordinator für internationale Flüchtlingspolitik im Schweizer Aussenministerium. Dieser schrieb 1990 in der Parteizeitschrift der Schweizer Demokraten, dass die Schweiz «total überbevölkert» sei. Eigentlich könne das Territorium dieses Landes nur zwischen 700’000 und 1,4 Millionen Menschen «tragen», der Rest sei «überschüssig».

Damals war das nicht die erste Debatte über Zuwanderung und die Dichte in der Schweiz, heute erleben wir vor der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative der SVP nicht die letzte. Das diffuse Unbehagen gegen das Fremde wird in der Schweiz in regelmässigen Abständen zum innenpolitischen Thema. Dabei mischen sich immer zwei unterschiedliche Debattenstränge zu einem unappetitlichen Ganzen: die Angst vor dem Fremden und das Gefühl, zu wenig Platz im eigenen Land zu haben.

Uns interessiert vor allem der zweite Bereich. Ist es tatsächlich so eng geworden in der Schweiz? Wie viele Menschen erträgt das Land und seine Infrastruktur tatsächlich?

Die Wahrnehmung aus der Balance

Professor Ulrich Weidmann arbeitet an der ETH Zürich am Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme, und er sagt den wohl entscheidenden Satz in dieser Debatte: «Unsere Wahrnehmung ist aus der Balance geraten.» Gerade beim öffentlichen Verkehr, dem heiligen Gral aller Dichtestress-Propheten. «Der Zug ist voll», schreien sie und meinen die Strecke Basel–Liestal um 17 Uhr an einem Werktag.

Natürlich gebe es zu bestimmten Zeiten an bestimmten Stellen eine starke Auslastung des Systems, sagt Weidmann: «Die Spitzenauslastungen liegen in der Natur der Sache.» Betrachte man das Netz aber als Ganzes, würden diese Spitzen wieder relativiert. Im Regionalverkehr kommt man über den ganzen Tag gesehen auf eine Auslastung von 15 bis 17 Prozent, im Fernverkehr sind es etwa 30 Prozent. Eine Zahl, die in den vergangenen Jahren wegen des grösseren Angebots eher kleiner wurde. Und dennoch hat sich unsere Wahrnehmung verändert. «Der stärkste Treiber ist dabei unsere grössere Mobilität. Wir sind immer noch 90 Minuten pro Tag unterwegs und legen dabei immer grössere Distanzen zurück», sagt Weidmann. 1994 fuhren jede Schweizerin und jeder Schweizer noch 31 Kilometer pro Tag, 2010 waren es bereits 37 Kilometer oder zwanzig Prozent mehr. Das sei auch ein Preis des Taktfahrplans: Die Menschen müssen nicht mehr zügeln, sie können pendeln.

Der zweite Preis des Taktfahrplans: Alle wollen alles. Selbst auf kaum befahrenen Strecken braucht es jede halbe Stunde einen Zug. Weidmann: «In der Tendenz haben wir ein zu grosszügiges Angebot, wo die Nachfrage nicht besonders gross ist, und ein eher zu knappes Angebot auf den stark belasteten Strecken.»

Das grosse Aufrüsten

Das Angebot wird in den nächsten Jahren noch grösser werden. Am 9. Februar stimmen wir nicht nur über die Zuwanderungsinitiative der SVP ab, sondern auch über die langfristige Finanzierung des Bahnverkehrs. 6,4 Milliarden sollen mit dem Programm «Fabi» in den öffentlichen Verkehr gepumpt werden. Unsere Infrastruktur soll auf jene 9 Millionen (mittleres Szenario des Bundesamts für Statistik) bis 11 Millionen (hohes Szenario) Einwohner der Schweiz im Jahr 2050 aufgerüstet werden.

Ob alleine die Aufrüstung der richtige Weg ist, darüber streiten sich die Experten. Professor Eugen Brühwiler war Präsident der Leitungsgruppe des Nationalfonds-Projekts «Nachhaltige Siedlungs- und Infrastrukturentwicklung» (NFP 54), das zwischen 2005 und 2011 in 31 Forschungsprojekten wissenschaftliche Grundlagen erarbeitete, «die zu einer nachhaltigen Entwicklung von Siedlung und Infrastruktur in der Schweiz beitragen». Zum Abschluss des Programms verfasste das NFP 54 verschiedene Empfehlungen, deren Umsetzung diesen Frühling/Sommer zum ersten Mal systematisch ausgewertet werden sollen.

Brühwiler ist der Ansicht, dass die Forderung, eine starke Nachfrage brauche zwingend einen Ausbau der Infrastruktur, veraltet sei und im schlimmsten Fall zum Kollaps führen könnte, «weil der Aufwand für die Erhaltung einer weiter wachsenden Infrastruktur nicht finanziert werden kann und volkswirtschaftlich kaum tragbar ist», wie er in einem E-Mail allgemein zum Thema (und nicht direkt zu Fabi) schreibt. Brühwilers Lösung: Eine bessere Auslastung der bestehenden Infrastruktur und eine Änderung unseres Mobilitätsverhaltens. «Ein Land wie Japan, das die Verdichtung schon seit Jahrzehnten lebt, kann uns diesbezüglich Anschauungsunterricht und Ideen für unsere Situation in der Schweiz geben.»

«Absurde Hysterie»

Er stösst damit in eine ähnliche Richtung wie der Basler Stadtentwickler Thomas Kessler, der der TagesWoche vor einer Woche im Interview sagte: «Vor allem aber ist es nicht nötig, die Mobilität weiter zu erhöhen, weil wir vermehrt online arbeiten und einkaufen. Wir haben immer mehr Wissensarbeiter, die elektronisch arbeiten. Der Mobilitätszwang nimmt ab.» Auch sei die Hysterie wegen des Dichtestresses absurd: «Die ganze Bevölkerung der Schweiz hat bis in die 1980er-Jahre viel dichter gelebt.»

Auch hier: ein Problem der Wahrnehmung. Schön zeigt das auch der «Dichtestressomat» von David Bauer. Der Digitalstratege der TagesWoche hat die Wohndichte in sämtlichen Gemeinden der Schweiz online erfasst und daraus Szenarien errechnet. Eine Erkenntnis daraus: Schon heute leben 58 Prozent der Bevölkerung so dicht, wie der Durchschnitt auch in einer 11-Millionen-Schweiz leben würde. Es ist eine Spielerei – aber sie führt einem die Relationen vor Augen. Wenn die ganze Schweiz beispielsweise so dicht besiedelt wäre wie Basel, wo über 6000 Menschen pro Quadratkilometer leben, dann hätte die aktuelle Bevölkerung der Schweiz im Kanton Aargau Platz. In der ganzen Schweiz könnten dann 124,8 Millionen Menschen wohnen. Mit Abstand am dichtesten wohnen heute die Genferinnen und Genfer – wäre ihre Stadt der Massstab für die gesamte Schweiz, es hätte Platz für sagenhafte 213,8 Millionen Menschen.

Ein Missverhältnis

Das wäre knapp die halbe Bevölkerung der EU und hat mit der Realität natürlich wenig zu tun. Hört man aber den Promotoren der Masseneinwanderungsinitiative zu, dann scheint die Schweiz regelrecht geflutet zu werden.

Dieses Missverhältnis zwischen Tatsachen und Wahrnehmung ist eine Konstante aller Überfremdungsdebatten in der Schweiz in den letzten Jahren. «Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Ausländeranteil und der Angst vor der Überfremdung. Die Angst der Bevölkerung war am grössten in den 1930er- bis 1950er-Jahren, just als der Ausländeranteil so klein war wie sonst nie», sagt der Basler Historiker Patrick Kury, der an den Universitäten von Bern und Luzern als Privatdozent lehrt. Die Angst vor dem Fremden werde gezielt geschürt und für politische Zwecke benutzt. «Ich kann das Unbehagen der Leute ja verstehen. Aber die Hoffnung, eine soziale Dynamik von Amtes wegen und das noch mit möglichst kleinem behördlichen Aufwand regeln zu wollen, ist eine Illusion.»

Mit Blick auf die Masseneinwanderungsinitiative, deren Initianten zum System der Kontingente zurückkehren möchten, bemängelt Kury die Marktungläubigkeit genau jener rechten Kreise, die sonst immer und uneingeschränkt an den Markt glauben: «Schon in der Vergangenheit haben die Steuerungsversuche der Schweizer Politik in diesen Fragen nicht gut funktioniert. Sie haben uns sogar zusätzliche Probleme beschert.» Das sei bei der Bevölkerungspolitik vor dem Zweiten Weltkrieg und der antijüdischen Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg so gewesen und in der Boomphase der 1960er-Jahre, als mit den Kontingenten falsche Anreize geschaffen wurden und strukturschwache Regionen nicht so gefördert worden seien, wie das der Markt vielleicht hätte tun können.

Die Wahrnehmung entscheidet Abstimmungen

Tobias Straumann, auch er Historiker, forscht zu den gleichen Themen wie Kury – und kommt zu einem anderen Schluss. Im Interview sagt er: «Auf Dauer ist eine ungebremste Zuwanderung innenpolitisch nicht durchzuhalten.» Immer wenn die Einwanderung stark war in der Schweiz, habe sich dagegen Opposition gebildet. Das war der Auslöser für die erste Schwarzenbach-Initiative gegen die «Überfremdung». Hätten die Schweizer 1970 Ja gestimmt, wären 300’000 Menschen ausser Landes gewiesen worden. Es wurde ein knappes Nein.

Wer weiss: Hätte die Rezession in den 1970er-Jahren nicht zu einem negativen Wachstum geführt – vielleicht wäre der zweite Anlauf von Schwarzenbach im Jahr 1974 erfolgreich verlaufen. Doch die Wahrnehmung der breiten Bevölkerung änderte sich – zugunsten der Ausländer.

Das ist eben auch ein entscheidender Punkt: Man mag über die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität lamentieren, aber es ist die Wahrnehmung, die Abstimmungen entscheidet. Für den 9. Februar wird allgemein ein knappes Nein zur Masseneinwanderungsinitiative erwartet, aber das Thema bleibt aktuell: Voraussichtlich im nächsten Jahr werden wir über die Ecopop-Initiative abstimmen, die eine Begrenzung der Zuwanderung und Mittel für die Familienplanung in der Dritten Welt fordert. Sollte sich unser gefühlter Dichtestress bis dahin noch vergrössern – wer weiss.

Konversation

  1. Es ist ein beliebtes intellektuelles Spiel, die Sprache des Gegners zu sezieren und lächerlich zu machen. Damit ist aber kein Problem analysiert und schon gar nicht gelöst.

    Natürlich leben wir in der Schweiz nicht wirklich dicht, aber wir wollen ja die Lebensqualität erhalten und nicht zu einem grossen Monaco verkommen.

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  2. Bei der Diskussion um die Einwanderungs-Initiative in der TagesWoche 3 vom 17.1.2014 fehlen 2 wichtige Bereiche:

    Gemäss Berechnungen vom Ökologischen Fussabdruck() ist die Natur-Überlastung der Schweiz massiv.
    Da Naturbelastung sich aus dem Produkt von Prokopfkonsum mal Bevölkerungszahl ergibt, drängt sich neben Bemühungen zur Senkung des Prokopfverbrauchs(„2000-Watt-Gesellschaft“, Initiative der Grünen „für nachhaltige Wirtschaft“ und der Grünliberalen „Energie- anstatt Mehrwertsteuer“) als not-wendige Massnahme auch Begrenzung der Bevölkerungszahl auf.
    Ein Rätsel, warum sich die Grünen mit Nicht-Beachtung der Bevölkerungszahl als nur halbe Ökologen erweisen – löbliche Ausnahme „I Verdi Ticinesi“ sowie aufgeweckte Einzelne.

    Ebenso wie die ökologische Perspektive ausgeblendet, werden sozialpolitische Gesichtspunkte(Mietpreissteigerung, Arbeitsplatzverdrängung) vernachlässigt, wie sie z.B. in den Artikeln (u.a. in „Der Bund“ 10.12.2013, S.8) von Rudolf Strahm(SP-Nationalrat, ehemaliger Preisüberwacher) kritisch diskutiert werden. Ein Zitat von Rudolf Strahm aus der TagesWoche 3.1.2014, S.26:“Auf die Dauer ist ein freies Migrationsmodell innerhalb Europas schlicht undenkbar, wenn wie heute zwischen den reichen und den armen Gebieten eine Lohndifferenz von 10 zu 1 gilt und ein Gefälle in der Arbeitslosenquote von ebenfalls 10 zu 1.“
    Ein Rätsel, warum die SP diese Folgen(vor allem für die „Kleinen“) nicht berücksichtigt und so ihre eigenen Leute im Stich lässt.

    Die durch die zu grosse Einwanderung bewirkte Enge ist nicht nur als Dichtestress subjektiv im Kopf, sondern naturwissenschaftlich messbar im Ökologischen Fussabdruck und sozialpolitisch hautnah spürbar bei Wohnungsnot und Arbeitsplatzverdrängung.

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  3. Ob diese Fußabdruckmessung viel aussagt, bezweifle ich. Wie Sie sehr nachvollziehbar ausführen, hat das alles viel mit dem zur Verfügung stehenden Einkommen zu tun.
    Wenn ich beispielsweise in einem Minienergiehaus wohnen würde…
    Da könnte ich mir aber die Miete, geschweige denn den Besitz einer solchen Wohnung hier in Berlin niemals leisten. Abgesehen davon, dass solche Häuser meistens am Stadtrand stehen und bei den Distanzen in dieser Stadt sofort im Posten „Verkehr“ massiv ins Gewicht fallen würde.
    Etwas, was dem ein wenig abhelfen könnte, wäre eine beispielsweise in einer Stadt konsequent durchgeführte Wärme-Kraftkoppelung. Allerdings wären die Investitionen dafür unermesslich hoch.Wohl eine mindestens halbstaatliche Aufgabe.

    Ein Durchschnittsverdiener könnte da in dem notwendig großen Stil nicht „investieren“ und auch nicht kostenentsprechend „teilnehmen“. Was es mit Kleinanlegern in dieser Beziehung auf sich hat, zeigt zur Zeit in D geradezu beispielhaft die Alternativunternehmung Proton – das in Insolvenz geraten ist.
    Mit gewohnter Investitionskapitalrendite ( 15-25 %) ist auf dem Gebiet der alternativen Energieerzeugungen vermutlich weniger los, als es viele Gutmeinende behaupten, und zwar deshalb, weil Weitsichtigkeit auf dem so genannten Finanzkapitalmarkt weder lokal noch global kaum vorhanden ist.

    Deshalb finde ich Matter’s Beitrag hier etwas blauäugig. Und deshalb habe ich meinen Kommentar geschrieben.

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  4. Ich hab dann diesen Test auch gemacht. Ich frage mich wirklich, wie weit der die Realität abspiegelt.
    Mein Fussabdruck ist da 3.87 ha (Etwa halb soviel wie ein Durchschnittsdeutscher).
    Wohnen und Energie 66%
    Konsum 19%
    Ernährung 14%
    Verkehr 1%

    Für das Wohnen kann ich nicht viel dafür. Das bestimmt der Besitzer. Obwohl ich da so viel brauche ist meine Wohnung kaum auf 20% heizbar.
    Was die Energie betrifft. Ich brauche aus Ueberzeugung, solange ich habe die guten alten Glühbirnen. Ich frage, wie weit da die Herstellungsökonomie berücksichtigt wurde. Vermutlich,wenn das voll drin wäre, wäre der Unterschied marginal. Bis jetzt (ich benutzte zu Beginn einige Zeit Sparlampen. Die waren meist vor zwei Jahren nicht mehr brauchbar. Entweder gingen die kaputt, andererseits wurden sie laufend schwächer, bis sie nicht mehr genügend Licht gaben. Zu teuer für mich. Ich habe ein Leichtgewicht von Portemonnaie. Den Oekostrom kann ich mir ebenso nicht leisten. Deshalb habe ich Strommix. Wenn die mit Kostenwahrheit rechnen würde, könnte ich mir den Oekostrom am besten leisten, hingegen den Atomstrom überhaupt nicht.
    Wo ich noch sparen könnte. Ich bin zu faul dauernd den PC ab- und wieder anzuschalten. Auch das Hintergrundgeräusch vom Radie schätze ich noch zu sehr. Ansonsten brauch ich keines von diesen elektronischen Geräten, ausser noch dem Natel. Mit dem telefoniere ich allerdings nicht viel.
    Ernährung: Ich esse weder Fleisch noch Fisch und das seit vielen Jahren. Ich mag das gar nicht mehr. Der grosse Haken bei mir ist der Käse. Als richtige Kuhschweizerin ess ich den beinahe täglich. Deshalb ist die Umstellung auf Veganerin bei mir nicht absehbar.
    Ausserdem habe ich zur Wohnung einen kleinen Garten (und Terasse). Leider haben die mir zwecks verdichtetem Bauen ein Gebäude vor die Nase gepflanzt, dass kaum noch Sonne meinen Garten erreicht. So ist es jetzt fertig mit Tomaten, Salat und Kräutern und was ich sonst noch alles hatte. Einzig dem Haselnusstrauch scheint das nichts anzuhaben.
    Verkehr: Da kam ich sehr gut weg. Aus Spargründen verzichte ich auf U-Abo und Halbtaxabo und benutze deshalb den OeV praktisch nie (nur wenn es Schnee hat.). Das war letztes Jahr an zwei Tagen.

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  5. Interessant finde ich den Begriff „ökologische Fußstapfen“.
    Inzwischen gibt es viele Möglichkeiten, den eigenen Fußabdruck zu messen. Zum Beispiel hier:
    http://www.footprint-deutschland.de/inhalt/berechne-deinen-fussabdruck

    Ich habe eine Messung meines diesbezüglichen Fußabdruckes vorgenommen.
    Dabei bin ich auf einen persönlichen Fußabdruck in der Größe von 4,49 Hektar gekommen – was mich erst ziemlich aufgeschreckt hat. Immerhin: Den deutschen Durchschnittsabdruck unterbiete ich um einiges. Der liegt bei 5,1 Hektar.
    Mein Fußabdruck ist wie folgt zusammengesetzt (in Klammern: der deutsche Durchschnittsfußabdruck)
    -Wohnen und Energie: 38 % (25 %)
    -Konsum: 22 % (18 %)
    -Ernährung: 28 % (35 %)
    -Verkehr: 14 % (22 %).

    Zu den einzelnen Posten:

    -Wohnen und Energie: Ich wohne in einem Baukomplex in einem „bürgerlichen“ Stadtteil (vergleichbar: Paulusquartier in Basel), der vor über 100 Jahren erstellt worden ist. Der gesamte Komplex mit zweigeteiltem Vorderhaus, einem Seitenflügel und einem Hinterhaus sowie einem grossen begrünten Innenhof umfasst 30 Wohneinheiten. Die Wohnungen befinden sich in Wohnungseigentum. Ich bin Mieter eines Wohnungseigentümers.
    Beheizt wird meine Wohnung durch eine Etagengasheizanlage (im übrigen inzwischen eine ziemlich teure Angelegenheit hier in Berlin). Wärmedämmung ist zwar vorhanden, weil der Hauskomplex vor etwa 15 Jahren totalsaniert worden ist – aber eben nach dem damaligen technischen Stand. Ein grosser Teil der 38 % – Anteile von „Wohnen“ in meinem Fußabdruck ist diesem Umstand geschuldet.Ein zweiter Teil wohl dem Umstand, dass meine Wohnung über 100 qm Fläche aufweist und bloss von zwei Personen bewohnt wird.

    – Konsum: Darunter fällt unter anderem auch mein „Freizeitverhalten“. Ich besuche zahlreiche kulturelle Veranstaltungen in Berlin. Dadurch bin ich beispielsweise innerstädtisch kilometermässig bedeutend mehr unterwegs, als ich es etwa in Basel bei gleicher Aktivität wäre, und zwar einzig deshalb, weil Berlin eine riesige Fläche hat. Zudem kaufe ich keine Secondhand-Kleider, besuche aber sehr häufig Kinos, Theater, Konzerte, Ausstellungen…Solcherlei fällt bei der Art der Fragestellung ins Gewicht.

    – Ernährung: Dass mein Essanteil am Fußabdruck markant niedriger ist als im Durchschnittsabdruck, hat damit zu tun, dass ich wo immer möglich relativ teure einheimische Nahrungsmittel einkaufe.

    – Meine Verkehrsbilanz ist so niedrig, weil ich kein Auto besitze und auch nicht mit Autos herumfahre.

    Mein Alltagsleben findet nicht im luftleeren Raum statt. Es findet auch nicht ohne mein eigenes Bewusstsein darüber statt. Ich versuche, überall, wo ich persönlich dazu etwas beitragen kann, meinen ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten. Ich kaufe einheimische Nahrungsmittel, esse sehr wenig Fleisch, welches ich in Bioproduktionsqualität kaufe. Ausnahme: Orangen für den Frühstücksaft und Kaffee, den ich im Bioladen aus Direktimportangeboten von Kaffeebauern kaufe.
    Ich habe kein Fernsehgerät, benutze ausschliesslich einen Laptop und die Festnetztelefonie. Meine Reisen unternehme ich innerhalb Europas nördlich der Alpen ausschliesslich mit der Bahn – einzig nach Spanien habe ich in letzter Zeit das Flugzeug benutzt.

    Soweit – oberflächlich und kurz dargestellt – meine persönliche Situation.

    Dass die ökologische Fußabdruckbilanz der Schweiz vordringlich durch „Einwanderung“ bestimmt wird, ist meiner Ansicht nach eine Behauptung, welche mit der effektiven Situation teilweise wenig zu tun hat.
    Wieviele der Einwanderer fahren alltäglich mit einem privaten Auto herum ?
    Wieviele der Einwanderer leben in grossen Wohnungen ?
    Wieviele der Einwanderer haben Freizeiten, die sie für regelmässige und ausgedehnte Mobilitätsanlässe nutzen (können)?
    Wieviele Einwanderer leben in Einfamilienhäusern ?

    Zudem: „Masseneinwanderung“ aus der EU (denn darum geht es ja in der SVP-Initiative) bedeutet auch, dass anderswo in Europa, etwa im Süden, die quasi natürlich durch die Existenz eines Menschen gegebenen Fußabdrcksausdehnung zurückgehen müsste.

    Da die Schweiz in Europa als Ausdehnung und auch mit ihrer heutigen Bevölkerungszahl sehr klein ist, spielt der Fußabdruck, den sie produziert, europäisch, geschweige denn global gesehen keine übergeordnet grosse Rolle.
    Fußabdruckverminderung lässt sich heute in Europa nur kontinental verwirklichen – und dafür tut beispielsweise Deutschland zur Zeit im politischen Vorraum mit der „Energiewende“ einiges. Das läuft selbstredend nicht „ideal“, aber das (politische) Bewusstsein, dass diese Wende kommen muss, ist da. Dasselbe gilt, vermindert, auch für die EU. Die entsprechenden Normenveränderungen auf allen möglichen Ebenen des Lebens nützen nur dann etwas, wenn sie mindestens kontinental durchgesetzt werden. Damit postuliere ich keineswegs ein „Laisser-faire“. Natürlich muss die Schweiz sich den drängenden Normenveränderungen stellen. Sie aber auf „Einwanderung“ zu fokussieren ist meiner Ansicht nach unredlich, weil der Beitrag der Einwanderung zum Fußabdruck keineswegs eine Einzelposition ist, deren Abschaffung oder Einschränkung an der Ausdehnung des Fußabdrucks der Schweiz eine relevante Größe ausmacht.

    Denn:
    So lange SVP-Exponentnen etwa aus BL gegen die Einschränkung des freien Autoverkehrs“ vor jedes Geschäft in der Stadt Basel wettern, solange der schweizerische Bauernverband seine weit überzogene Viehzuchtideologie (Milchwirtschaft als Beispiel) durchsetzt, solange Móbilitätsprobleme und Bauzonenpolitik einem angeblich „freien Markt“ auf einer sehr beschränkten Ressource namens Landausdehung übergeordnet bleiben, was vor allem die SVP bei jeder Gelegenheit vertritt, spielt die Einwanderung für die hausgemachten Fußabdrucksgrößen in der Schweiz eine praktisch nicht messbare Rolle.

    Im übrigen finde ich, dass Philipp Loser in seinem Artikel die wesentlichen Aspekte des gegenwärtigen Diskurstandes betreffend „Dichtestress“ vorgestellt hat.

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