Mit einem Penaltygeschenk auf bestem Weg nach Russland 

Mit dem 1:0-Sieg gegen Nordirland hat die Schweizer Nationalmannschaft die Tür zur WM 2018 in Russland weit aufgestossen. Sie profitiert in Belfast von einem kaum nachvollziehbaren Elfmeterpfiff, gesteht den Gastgebern jedoch nichts zu und gewinnt schliesslich souverän.

Einem geschenkten Gaul schaut man nichts Maul, oder: Ricardo Rodriguez nimmt das Penaltygeschenk an und verwandelt in Belfast ungerührt zum Schweizer Siegtreffer. (Bild: Reuters/Jason Cairnduff)

Ein Volleyschuss von Xherdan Shaqiri und eine vom Schiedsrichter als irregulär ausgelegte Abwehraktion von Corry Evans, die Schusstechnik des Premier-League-Professionals und die unglückliche Reaktion des beim englischen Drittligisten beschäftigten Mittelfeldspielers – innerhalb von einer Aktion in der 56. Minute akzentuierte sich der Qualitätsunterschied der Beteiligten: ein schwer nachvollziehbarer Penalty, dann der souveräne Vollzug durch Ricardo Rodriguez.

Die Schweizer waren in jener heiklen Strafraumszene bis zu einem gewissen Mass vom Zufall und Wohlwollen des Schiedsrichters begünstigt, aber zum kursweisenden Vorteil gelangten sie nicht ohne Grund. Sie hatten die zuvor proklamierte Reife demonstriert und verhielten sich vor dem aufgeputschten Anhang der Briten so ruhig wie geplant. Angriffsflächen fand das Ensemble von Michael O’Neill keine vor, auf Fehlpässe wartete das elektrisierend laute Publikum vergeblich.

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Mit ihrem abgebrühten Auftritt im Stadion eines Gastgebers, der zuvor in den letzten zwei Qualifikations-Kampagnen einzig gegen Weltmeister Deutschland (1:3) ein Heimspiel verlor, haben sich die Schweizer eine nahezu perfekte Ausgangslage erspielt. Im St.-Jakob-Park bietet sich am Sonntag (18 Uhr/SRF2 live) die grosse Chance zur vierten WM-Teilnahme in Serie. Die Zahlen, Fakten und Eindrücke sprechen für die SFV-Auswahl: Im eigenen Land hat Petkovics Ensemble seit September 2014 nicht mehr verloren.

Zwei, drei Minuten hatten den Nordiren zunächst genügt, um ihre Wucht auf den Rasen zu bringen. Sie forcierten den Nahkampf ohne eine Sekunde Verzögerung. Steven Zuber, von Petkovic anstelle der in Leverkusen ausser Form geratenen Stammkraft Admir Mehmedi nominiert, bekam die ungefilterte Härte der Einheimischen sofort zu spüren.

Die entscheidende Szene: Xherdan Shaqiris Schuss wird von Corry Evans eher mit dem Rücken denn mit dem Arm geblockt.
Schweizer Jubel in Belfast.

Seine Reaktion auf die wilden Körperchargen fiel aus, wie es die Schweizer im Vorfeld angekündigt hatten: Er liess sich die Schmerzen nicht anmerken, die Einschüchterungsversuche perlten am Hoffenheimer Flügelspezialisten ab. Mit seiner Haltung und Bereitschaft stand er nicht alleine. Jeder der Gäste wehrte sich, keiner liess sich nachhaltig aus dem Konzept bringen oder in energieraubende Scharmützel verwickeln.

Als doch etwas Hektik aufzukommen drohte, setzte Fabian Schär mit einem Foul knapp am tolerierbaren Limit einen Akzent mit Signalwirkung. Der zentrale Verteidiger bezahlte für seine Grätsche zwar mit einer Verwarnung, gab dem Herausforderer aber zu verstehen, dass sie in der Not gewillt sein würden, Petkovics Devise umzusetzen: «Wir dürfen die Beine nicht zurückziehen.»

Die Schweizer kontrolliert das Spiel

Viel mehr als einen energischen Auftakt gestanden die Schweizer dem Achtelfinalisten der letzten EM nicht zu. Stattdessen kontrollierten sie die Partie dank ihrer typischen Veranlagung, den Ball zu einem hohen Prozentsatz in den eigenen Reihen zirkulieren zu lassen. Granit Xhaka steuerte die offensiven Bemühungen und verschaffte sich früh zwei Schussgelegenheiten.

Des Trainers Dank anden nervenstarken Penaltyschützen: Vladimir Petkovic (rechts) und Ricardo Rodriguez.

Die beste Szene der ersten Hälfte beanspruchte aber Haris Seferovic für sich. Benficas Stürmer scheiterte nach einem gekonnten Zuspiel Shaqiris am perfekt reagierenden Norwich-Keeper Michael McGovern. Das Geschehen spielte sich mehrheitlich in der Platzhälfte McGoverns ab, was die Stabilität der Schweizer, der Fifa-Weltnummer 11, verdeutlichte.

Und spätestens nach dem Penaltytor Rodriguez wurde deutlich, weshalb Nordirlands Coach O’Neill immer wieder betont hatte, primär das Spiel ohne Ball gut zu beherrschen. Mit dem Druck, etwas Konstruktives zu schaffen, taten sich die limitierten Einheimischen schwer. Herz und Seele allein reichten nicht aus, um die Schweiz vor ernsthafte Probleme zu stellen, die in den letzten 13 Jahren nur eine Endrunde verpasst hat.

«Kein Kriterium für eine Elfmeter war erfüllt»

Ziemlich ausser sich: Nordirlands Trainer Michael O’Neill protestiert beim vierten Offiziellen.

Die Reaktion der Nordiren nach Spiel fiel verbittert aus. «Die Spieler, ich, wir alle waren überrascht, dass er Penalty gab», sagte Michael O’Neill, «kein Kriterium ist erfüllt gewesen, um diesen Entscheid zu fällen.» Nordirlands Trainer monierte ausserdem die Sanktion für Schärs rüdes Foul: «Er hätte Rot sehen müssen.»

In der Rolle des Siegers konnte sich Vladimir Petkovic in der erregten Elfmeterdebatte generös zeigen: «Kann man pfeifen, muss man aber nicht.» Die Diskussionen, so der Schweizer Nationaltrainer, hätten sie aber selber verhindern können: «Wir dominierten während 70, 80 Minuten. Leider machten wir nicht mehr Tore, um mit einem beruhigenderen Vorsprung nach Hause zu reisen.»

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