Aufstieg und Fall der TSG 1899 Hoffenheim

Mit dem Geld des steinreichen Mäzens Dietmar Hopp schien ein Verein aus einer 3200-Seelen-Gemeinde den deutschen Fussball aufzumischen. Nun steht die TSG 1899 Hoffenheim vor dem Abstieg aus der ersten Bundesliga. Die Geschichte eine Niedergangs.

Hoffenheim's Sejad Salihovic sits on the pitch as he reacts after losing their German first division Bundesliga soccer match against Hamburger SV in Sinsheim May 11, 2013. REUTERS/Lisi Niesner (GERMANY - Tags: SPORT SOCCER) DFL RULES TO LIMIT THE ONLINE (Bild: Reuters/LISI NIESNER)

Mit dem Geld des steinreichen Mäzens Dietmar Hopp schien ein Verein aus einer 3200-Seelen-Gemeinde den deutschen Fussball aufzumischen. Nun steht die TSG 1899 Hoffenheim vor dem Abstieg aus der ersten Bundesliga. Die Geschichte eine Niedergangs.

Der Weg zur wahrscheinlich letzten Pressekonferenz der TSG 1899 Hoffenheim vor einem Bundesligaspiel 2013 führt an der sogenannten «Fussballtanke» vorbei. Hier, am Ortseingang des rund 3200 Einwohner kleine Örtchens Hoffenheim in Nordbaden, holten noch vor ein paar Jahren Journalisten ihre Karten für die Heimspiele der TSG im kleinen Dietmar-Hopp-Stadion ab. Viele Filme und Geschichten über den Aufstieg der TSG vom Drittligisten zum Erstliga-Herbstmeister 2008 nahmen hier ihren Anfang.

Als die TSG im Dezember 2008 vor dem Spitzenspiel beim FC Bayern München stand, kamen fast 100 Journalisten aus ganz Europa, auch die New York Times schickte einen Reporter. Für einen kurzen Moment schien es damals, als könnte der von den Millionen des Milliardärs und SAP-Mitgründers Dietmar Hopp alimentierte Emporkömmling tatsächlich ein ernsthafter Herausforderer des deutschen Fussballestablishments werden.

Wer glaubt schon an einen Sieg in Dortmund?

Viereinhalb Jahre ist das her, heute steht die TSG vor dem Abstieg in die zweite Liga. Nur ein Sieg beim Champions-League-Finalisten Borussia Dortmund diesen Samstag könnte den tiefen Fall noch vermeiden. Aber auch nur dann, wenn die Konkurrenz aus Augsburg und Düsseldorf ihre Spiele verliert – oder zumindest einer, dann könnte die TSG noch auf die Relegationsspiele gegen den 1. FC Kaiserslautern hoffen.

Der grosse Preis
für den SC Freiburg

Bayern München, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen als Spitzentrio der Bundesliga können für die Champions League planen. Den Platz für die Qualifikationsrunde der Königsklasse machen der SC Freiburg und Schalke 04 am Samstag (15.30 Uhr) im Direktduell aus. Gewinnen die Breisgauer daheim, erreichen sie erstmals überhaupt dieses Niveau. Sicher ist der Mannschaft von Christian Streich aber bereits die Teilnahme an der Europa League, ebenso dem VfB Stuttgart als Pokalfinalist (am 1. Juni in Berlin gegen Bayern München). Hinter Freiburg machen sich noch Eintracht Frankfurt, der Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach Hoffnung auf einen weiteren freien Platz.

Übersicht zu den Entscheidungen in der Bundesliga

Aber wer glaubt schon wirklich an einen Sieg der TSG in Dortmund? Auch in der Fussballtanke ist die Hoffnung nicht sehr gross. «Es sieht schlecht aus», sagt die Frau hinter dem Tresen: «Die hätten den Gisdol früher holen müssen, dann wären sie jetzt vielleicht nicht in der Situation.»

Markus Gisdol ist der Trainer der TSG. Er sitzt im hochmodernen Trainingszentrum der TSG in Zuzenhausen, dem Nachbardorf von Hoffenheim. Gisdol ist der vierte Trainer in dieser Saison, er sagt, was er sagen muss: «Es muss alles passen, dann kann man in einem Spiel auch Dortmund schlagen.»

Seit sechs Wochen ist Gisdol im Amt, der 43-Jährige ist ein Zögling des ehemaligen TSG-Erfolgstrainers Ralf Rangnick. Er trainierte einst die U 23 der TSG, bevor er als Co-Trainer mit Rangnick nach Schalke ging. Gisdol soll nun endlich Talente in die erste Mannschaft einbauen und den einst von Rangnick geprägten offensiven Spielstil wieder beleben.

Dietmar Hopp und seine Einflüsterer

Gisdol nennt sich einen Entwickler, er hat Vertrag bis 2016, er soll jene Kontinuität verkörpern, die der Club seit dem Abschied von Ralf Rangnick am Neujahrstag 2011 nie mehr hatte. Rangnick trat zurück, weil Mäzen Dietmar Hopp, der damalige Manager Ernst Tanner und der Spielerberater Roger Wittmann ohne das Wissen des Trainers den Spieler Luiz Gustavo an den FC Bayern München verkauften.

Es hatte einen grossen Richtungsstreit gegeben: Rangnick wollte weiter investieren, Hopp, dass der Verein sich selbst finanziert. Seit Rangnicks Abschied weiss niemand mehr, für was dieser Verein eigentlich steht, die Richtungswechsel sind so unübersichtlich wie die immer häufigeren Personalwechsel.

Der Niedergang der TSG ist ein Beispiel dafür, wie ein Verein trotz bester Voraussetzungen sich selbst aus der Erfolgsspur wirft, die Beschleunigung des Abwärtsstrudels in dieser Saison geriet fast unaufhaltsam. Dennoch, hätte die TSG letzte Woche gegen den HSV nicht 1:4 verloren, sondern gewonnen, stünde sie nun auf dem 15. Platz, und zumindest die Relegation wäre ein realistisches Szenario.

Vier Trainer, drei Manager und 43 Spieler – in einer Saison

Gisdol hat in den letzten sechs Wochen viel richtig gemacht, an der angekündigten Verjüngung des Kaders gearbeitet, Fehleinkäufe seiner Vorgänger degradiert, eine demoralisierte Mannschaft und ein enttäuschtes Umfeld wieder belebt.

Gegen Hamburg aber stellte er in der Abwehr die unerfahrenen Talente Nikla Süle und Stefan Thesker auf, es ging schief, die Jugend und ihr Trainer bezahlten viel Lehrgeld. Aber am wahrscheinlichen Abstieg der TSG tragen weder Süle oder Thesker noch Gisdol Schuld. Wer in einer Saison vier Trainer, drei Manager und 43 Spieler beschäftigt, um am letzten Spieltag Tabellenvorletzter zu sein, der hat ein Führungsproblem.

Immer wieder: Der Spielerberater Wittmann

In Hoffenheim balgten sich in den letzten Jahren zu viele Geschäftsführer, Manager und Trainer um die Gunst des mächtigen Mäzens Hopp, der externen Einflüsterern wie dem Spielerberater Roger Wittmann sein Ohr schenkt. Wittmann beriet und berät einige Spieler in Hoffenheim.

Einen Kardinalfehler beging der Club vor der Saison, als er den guten Torwart und Publikumsliebling Tom Starke ohne Not vergraulte und durch den ehemaligen Nationaltorwart und Wittmann-Klienten Tim Wiese von Werder Bremen ersetzte. Wiese ist in Hoffenheim nach schlechten Leistungen und Eskapaden abseits des Rasens längst aussortiert, Tom Starke feierte jüngst als zweiter Torwart von Bayern München die Meisterschaft.

Wiese sollte der Königstransfer auf dem Weg in den Europapokal sein – es wurde der grösste Transferflop dieser Saison. Der damalige Trainer und Manager Markus Babbel rief übermütig das Ziel Europa aus, obgleich die TSG drei Jahre lange die Bundesliga auf Rang elf abgeschlossen hatte. Die sportliche Substanz für einen Spitzenplatz war nach den Verkäufen der Stars Luiz Gustavo, Carlos Eduardo, Demba Ba, Vedad Ibisevic, Chinedu Obasi, Ryan Babel oder Gylfi Sigurdsson nicht mehr vorhanden.

Kolossale Fehleinschätzungen

Die Fehleinschätzungen Babbels bei Neuverpflichtungen waren gewaltig. Für zusammen rund zwölf Millionen Euro wurden die Stürmer Eren Derdiyok und Joselu verpflichtet. Markus Babbel glaubte, Derdiyok könne unter seiner Anleitung auf eine Stufe mit Mario Gomez und Robert Lewandowski kommen. Der Basler aber fasste nie Fuss und wird ebenso wie Joselu den Club nach einem bitteren Jahr wohl wieder verlassen.

Als Babbel dann im Herbst 2012 den Manager Andreas Müller zur Seite gestellt bekam, war die Mannschaft längst im negativen Fahrwasser. Im Pokal war die TSG in der ersten Runde bei einem Viertligisten kläglich ausgeschieden. Und die Diskussionen um die schlechten Leistungen Wieses und den Einfluss seines Beraters Wittmann ebbten nicht ab.

Ausser Abraham – alles Transferflops

Hopp sah sich veranlasst, den Fans sein Verhältnis zu Wittmann auf einer Veranstaltung in den Räumen der SAP zu erklären. Als er hinterher der Presse Rede und Antwort stand, nannte er Wittmann einen «guten Freund». Als Müller seinen ehemaligen Mitspieler Marco Kurz im Januar für den geschassten Babbel holte, wusste er: «Das geht auf meine Rechnung».

Diese war teuer: Für rund zwölf Millionen Euro verpflichtete die TSG im Winter unter Kurz und Müller sechs neue Spieler, ausser dem ehemaligen Basler David Abraham alles Flops. Im März schliesslich zog der Mäzen die Notbremse und entliess Kurz und Müller bereits. Von der Schweiz aus betrachtet erinnert dieses Personalkarussell an den FC Sion und dessen Alleinherrscher Christian Constantin.

Nun also Gisdol. Geduld war nie die Stärke von Hopp, und die Frage ist, wie lange er sie mit Gisdol hat. Die Pointe ist: Der neue Hoffnungsträger für den Wiederaufbau wäre schon im Winter zu haben gewesen. Den Fehlgriff mit dem mürrischen Kurz war Müllers grösster.

Und Hopp? Er leidet

Über 300 Millionen Euro hat Hopp in den letzten Jahren in den Verein gepumpt: in die Rhein-Neckar-Arena in Sinsheim, eines der modernsten Trainingszentren Europas in Zuzenhausen und in viele Spieler, Trainer, Geschäftsführer und Manager. Nun verspricht Hopp, er werde sich weiter engagieren.

Ein ehemaliger Mitarbeiter wurde jüngst in der Zeitung «Die Welt» mit den Worten zitiert: «Ohne Hopp geht es nicht, mit ihm aber auch nicht.» Kritik an seinem in Fussballdeutschland von vielen als Retortenverein wahrgenommenen Club nahm Hopp immer persönlich und reagierte dabei oft unsouverän. Nun leide er wie ein Hund, sagt einer, der ihm nahe steht.

In Hoffenheim aber sind sie am Niedergang selbst schuld, es war einer mit Anlauf. Noch hoffen sie bis diesen Samstag gegen 17.15. Ein Sieg in Dortmund? «Wunder gibt es immer wieder», zitiert ein Mitarbeiter ein Lied der Sängerin Katja Ebstein. So recht glauben sie an diese Zeile in Hoffenheim aber nicht mehr.

 

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