«Damals sagte man: So springt ja kein Mensch»

Der Schwede Jan Boklöv hat vor gut einem Vierteljahrhundert per Zufall den V-Sprung erfunden und damit das Skispringen revolutioniert. Im Gespräch im Vorfeld der WM 2015 erzählte er, warum er darauf nicht besonders stolz ist und warum ihn heute kaum noch einer kennt.

Mit dieser Sprungtechnik hat Jan Boklöv das Skispringen revolutioniert: «Ich habe es nur für mich getan», sagt er heute. (Bild: imago sportfotodienst)

Der Schwede Jan Boklöv hat vor gut einem Vierteljahrhundert per Zufall den V-Sprung erfunden und damit das Skispringen revolutioniert. Im Gespräch im Vorfeld der WM 2015 erzählte er, warum er darauf nicht besonders stolz ist und warum ihn heute kaum noch einer kennt.

Man möge ihn doch bitte erst nach 12 Uhr anrufen, hatte Jan Boklöv gemeint. Am Vormittag habe er immer zu tun. Seine jetzige Rolle als Hausmann verlange nämlich ähnlich viel Disziplin wie seinerzeit das Leben als Spitzensportler.

Der Schwede war ein mittelmässiger Skispringer, der unter epileptischen Anfällen litt und gerne zur Zigarette griff, bevor ihm 1985 der Zufall Flügel verlieh. Ein simpler Skifehler bei einem Trainingssprung liess Boklöv wie von Zauberhand weiter fliegen als je zuvor – geboren war der V-Stil.

Zufall war es freilich nicht, dass der Schwede mit dieser Technik alle überflügelte. Der V-Stil sorgt schlicht und einfach für mehr Auftrieb und ist, wie die Wissenschaftler schnell herausgefunden haben, die perfekte Technik für das Skispringen.

Der Stilbruch brachte Jan Boklöv viel Gegenwind ein, aber auch Trophäen wie den Gesamtweltcupsieg. Heute lebt der 48-Jährige mit seiner Frau, einer EU-Mitarbeiterin, und seinen beiden Söhnen zurückgezogen in Schaerbeek, einem Vorort von Brüssel. Nach seiner Karriere war Boklöv Kindergärtner, nun ist er Hausmann. In seiner Funktion als WM-Botschafter wird Boklöv Falun einen Besuch abstatten, wo am Donnerstag die ersten Bewerbe der Nordischen Weltmeisterschaft über die Bühne gehen.

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Herr Boklöv, wie sehr bestimmt das Skispringen noch Ihr Leben?

Ich bin da inzwischen extrem weit weg. Im belgischen Fernsehen wird Skispringen nicht übertragen, und Eurosport haben wir bei uns daheim nicht. Das Skispringen ist für mich jetzt irgendwie eine ganz andere Welt.

Der Mann, der das Skispringen revolutioniert hat, hat also keine Ahnung und kein Interesse mehr, was in «seinem Sport» passiert?

Moment, die Namen kenne ich natürlich schon. Und wenn einmal etwas Besonderes passiert, ein schwerer Sturz oder ein Weltrekord im Skifliegen, dann rufen mich alte Freunde an. Das letzte Mal, dass ich live bei einem Skispringen dabei war, ist aber schon zwei Jahre her.

Werden Sie dort denn überhaupt erkannt?

Ich bin jetzt keiner, der irgendwo hinkommt und schreit: «Hurra, ich bin da!» Im Mittelpunkt stehen, das ist sowieso nicht meins. Die Springer von heute können mit meinem Gesicht nichts anfangen. Woher auch? Es sind aber einige Trainer dabei, die mich noch kennen, und die erzählen dann ihren Leuten, was das für ein Typ ist. Und dass ich es war, der den V-Stil erfunden hat.

Wann und wie haben Sie denn bemerkt, dass Sie weiter und besser springen, wenn die Ski ein V formen?

Dass ich mit dem V-Stil um zwanzig Meter weiter springe, das habe ich bald gesehen. Aber es hat ewig gedauert, bis ich nachvollziehen konnte, was da wirklich passiert. Ich bin ja ganz allein dagestanden. Kein Trainer hat mir erklären können, warum ich jetzt um so viel weiter springe, nur weil ich ein V mache. Das Videostudium hat mir auch nichts gebracht. Alle haben sich gewundert. Ich habe mich lange gefragt: Warum? Warum ist das so? Aber ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass ich das Richtige mache.



State of the Art bis in die 70er-Jahre: Jiri Raska (Tschechoslowakei) bei einem in allen Hinsichten perfekt ausgeführten Sprung im so genannten Fisch-Stil.

State of the Art bis in die 70er-Jahre: Jiri Raska (Tschechoslowakei) bei einem in allen Hinsichten perfekt ausgeführten Sprung im so genannten Fisch-Stil. (Bild: imago sportfotodienst)

 

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Anton Innauer ist gerade ein junger Nachwuchscoach im Skigymnasium in Stams, als er von der Sache Wind bekommt. «Wie ich Boklöv das erste Mal springen gesehen habe, war ich richtig erschrocken», sagt der Vorarlberger Olympiasieger. Doch dieser komische Kauz aus Schweden sollte schnell die Neugier von Innauer wecken, der in Stams bereits früh mit seinen Jungadlern Pilotversuche mit dem V-Stil unternimmt. «Mich hat es extrem fasziniert, dass das fliegt.» 

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Herr Boklöv, Sie müssen doch sehr stolz sein, dass Ihnen alle nachgeeifert haben und heute nur mehr mit dem V gesprungen wird.

Warum soll ich stolz sein? Ich weiss: Viele sagen, ich hätte das Skispringen verändert. Aber die Wahrheit ist: Ich habe das in erster Linie für mich getan und nicht, damit alle Welt so springt wie ich. Aber wissen Sie, worauf ich wirklich stolz bin?

Worauf denn?

Ich bin stolz darauf, dass ich das durchgezogen habe. Man hat mir ja damals gesagt: «Was willst du damit? So springt ja kein Mensch. Das wird nie funktionieren.» Und der FIS hat es am Anfang auch nicht gepasst. Die Wertungsrichter haben mir immer Punkte abgezogen. Sogar wenn ich einen Telemark gemacht habe, haben sie mir nur 14,5 Punkte gegeben. Dass ich da durchgehalten habe, das macht mich heute noch stolz. Und irgendwann habe ich dann 17,5 Punkte für meine Sprünge bekommen, den Gesamtweltcup gewonnen. Plötzlich sind andere Springer mit dem V-Stil dahergekommen und gut gesprungen wie der Schweizer Stephan Zünd oder André Kiesewetter – und dann haben alle gesehen, dass der V-Stil nicht mehr aufzuhalten sein wird.



Fisch-Stil vs. V-Stil: Die Punktrichter konnten mit der neuen Technik zunächst nicht so viel anfangen. (Im Bild: Günther Göllner, Deutschland)

Fisch-Stil vs. V-Stil: Die Punktrichter konnten mit der neuen Technik zunächst nicht so viel anfangen. (Im Bild: Günther Göllner, Deutschland) (Bild: imago sportfotodienst)

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Im Sommer 1991 beschliesst der Internationale Skiverband, Springer, die den V-Stil verwenden, nicht mehr mit Punktabzügen zu bestrafen. «Ich hab’ dagegen protestiert, so was im Olympiajahr zu machen», erinnert sich Anton Innauer, der inzwischen das Nationalteam betreut. Für Innauer gibt es nur eine Lösung. «Wir müssen sofort die Technik umstellen.» Innerhalb weniger Wochen unterziehen sich verdienstvolle Routiniers wie Ernst Vettori oder Andreas Felder, die ihr Lebtag lang nur die Paralleltechnik gesprungen waren, einem V-Stil-Crash-Kurs – verblüffenderweise ohne Crash. «Mich hats nie geschmissen», erzählt Vettori.

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Herr Boklöv, sind Sie denn enttäuscht, dass der V-Stil nicht nach Ihnen benannt ist?

Natürlich könnte er auch meinen Namen tragen. So wie im Hochspringen der Flop etwa auch nach Fosbury benannt worden ist. Es ist ja nicht so, dass ich irgendwelche Hilfsmittel gehabt hätte. Ich hatte keine anderen Skier, ich hatte keinen anderen Anzug, was ich hatte, war halt eine andere Technik. Aber eigentlich ist es egal, es ist inzwischen für alle der V-Stil. Schluss.

Apropos Schluss. So plötzlich, wie Sie aufgetaucht waren, sind Sie auch wieder verschwunden. Warum haben Sie Ihre Karriere wenige Wochen vor der Heim-WM 1993 in Falun beendet?

Das war eine schmerzhafte Erfahrung, weil Skispringen mein Leben war. Aber meine Füsse wollten nicht mehr. Und irgendwann auch nicht mehr mein Kopf. Inzwischen hatten ja alle auf den V-Stil umgestellt. Und irgendwie um den 15. Platz springen, das wollte ich dann auch nicht.

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Die Revolution, die er selbst ausgelöst hatte, hatte Jan Boklöv da bereits besiegt. Der Pionier war wieder das, was er vor seiner Pionierleistung war: ein mittelmässiger Skispringer. Schon ein Jahr zuvor sprang Ernst Vettori in Albertville im V-Stil zu Olympiagold (1992), insgesamt holten die österreichischen Adler, die dank Innauers Weitblick als einzige Mannschaft komplett auf die neue Technik umgestellt hatten, fünf Medaillen. Jan Boklöv, der abgeschlagen auf Rang 47 landete, schickte damals eine Sektflasche ins Quartier der Österreicher. Samt Widmung: «Gratulation vom Vater des V-Stils.»

Nordische Ski-WM in Falun, 18. Februar bis 1. März 2015

Donnerstag, 19. Februar. 13.00 Uhr: Langlauf, Qualifikation Sprint Männer und Frauen (klassisch). – 15.15 Uhr: Langlauf, Finals Sprint Männer und Frauen (klassisch). – 17.00 Uhr: Skispringen, Qualifikation Frauen.

Freitag, 20. Februar. 10.00 Uhr: Nordische Kombination, Springen Normalschanze. – 16.00 Uhr: Nordische Kombination, 10-km-Langlauf. – 17.00 Uhr: Skispringen, Entscheidung Frauen. – 19.00 Uhr: Skispringen, Qualifikation Normalschanze.

Samstag, 21. Februar. 13.00 Uhr: Langlauf, Skiathlon Frauen (2×7,5 km). – 14.30 Uhr: Langlauf, Skiathlon Männer (2×15 km). – 16.30 Uhr: Skispringen, Entscheidung Normalschanze.

Sonntag, 22. Februar. 10.00 Uhr: Nordische Kombination, Team, Springen Normalschanze. – 12.30 Uhr: Langlauf, Qualifikation Teamsprint Männer und Frauen (Skating). – 14.30 Uhr: Langlauf, Finals Teamsprint Männer und Frauen (Skating). – 16.00 Uhr: Nordische Kombination, Team, 4×5-km-Langlauf. – 17.00 Uhr: Skispringen, Mixed-Team-Wettkampf, Normalschanze.

Montag, 23. Februar: Ruhetag.

Dienstag, 24. Februar. 13.30 Uhr: Langlauf, 10 km Frauen (Skating).

Mittwoch, 25. Februar. 13.30 Uhr: Langlauf, 15 km Männer (Skating). – 17.00 Uhr: Skispringen, Qualifikation Grossschanze.

Donnerstag, 26. Februar. 10.00 Uhr: Nordische Kombination, Springen Grossschanze. – 13.30 Uhr: Langlauf, Staffel Frauen (4×5 km). – 15.15 Uhr: Nordische Kombination, 10-km-Langlauf. – 17.00 Uhr: Skispringen, Entscheidung Grossschanze.

Freitag, 27. Februar. 13.30 Uhr: Langlauf, Staffel Männer (4×10 km).

Samstag, 28. Februar. 10.00 Uhr: Nordische Kombination, Teamsprint, Springen Grossschanze. – 13.00 Uhr: Langlauf, 30 km Frauen (klassisch/Massenstart). – 16.00 Uhr: Nordische Kombination, Teamsprint, 2×7,5-km-Langlauf. – 17.00 Uhr: Skispringen, Team, Grossschanze.

Sonntag, 1. März. 13.30 Uhr: Langlauf, 50 km Männer (klassisch/Massenstart).


Das Schweizer Team

Langlauf, Männer(7): Jonas Baumann (Jahrgang 1990, Wohnort Davos), Dario Cologna (1986, Davos), Gianluca Cologna (1990, Davos), Jovian Hediger (1990, Davos), Toni Livers (1983, Davos), Roman Schaad (1993, Unteriberg), Ueli Schnider (1990, Davos).

Frauen (3): Seraina Boner (1982, Davos), Laurien van der Graaff (1987, Davos), Nathalie von Siebenthal (1993, Lauenen bei Gstaad).

Nordische Kombination (1): Tim Hug (1987, Gerlafingen).

Skispringen, Männer (4): Simon Ammann (1981, Schindellegi), Gregor Deschwanden (1991, Horw), Luca Egloff (1995, Grabs), Killian Peier (1995, La Sarraz). 

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