Das Helfer-Syndrom

Fussball-Doktor Peter Neururer schlüpft beim VfL Bochum in seine Lieblingsrolle als Feuerwehr-Mann und ist drauf und dran, einem Traditionsstandort des deutschen Fussballs wenigstens die 2. Bundesliga zu erhalten.

Bildnummer: 13525587 Datum: 04.05.2013 Copyright: imago/Thilo Schm¸lgen VFL Bochum - 1. FC Kˆln 2-1 Rewierpower Stadion Bochum 2. Fuflball Bundesliga 2012/2013 Sport 04.05.2013 Peter Neururer, Trainer des VFL Bochum, lacht vor dem Anpfiff ; Fussball GER (Bild: Imago)

Fussball-Doktor Peter Neururer schlüpft beim VfL Bochum in seine Lieblingsrolle als Feuerwehr-Mann und ist drauf und dran, einem Traditionsstandort des deutschen Fussballs wenigstens die 2. Bundesliga zu erhalten.

Peter Neururer möchte das gerne kurz und unaufgeregt halten. Es ist Tradition beim VfL Bochum 1848, dass zur abschliessenden Presserunde am Freitag Kartoffelsalat und Würstchen gereicht werden – und dafür ein paar Fragen an den Cheftrainer der ersten Lizenzauswahl herüberfliegen.

Die unsichtbare Krone, die ihm manche an der Castroper Strasse schon aufsetzen wollen, kommt ihm jedoch spürbar zu früh. Mehr als einmal hat er unter der Woche gepredigt, dass noch nichts erreicht sei – auch wenn es zwei Spieltage vor dem Saisonschluss der 2. Bundesliga schon besser für die Blau-Weissen aussieht. Genauer gesagt: Nicht mehr so verheerend.

«Wir haben Matchball», stellt Peter Neururer schnörkellos fest, «den haben wir uns erarbeitet. Aber wir wissen auch um die Schwierigkeit: Drei Punkte müssen noch her. Und das gegen eine Mannschaft, die für mich die positivste Überraschung der Saison ist.» Damit ist der FSV Frankfurt gemeint, derzeit Fünfter der Tabelle, bei dem man am Sonntagmittag zu Gast sein wird. Und dann kommt die Versicherung, die der Routinier schon an so vielen Orten, aber fast nie umsonst im Namen seiner Spieler gegeben hat: «Wir werden alles dafür geben, dass wir da bereits den grossen Schritt machen, um die Liga zu erhalten.»

Ein Feuerwehrmann beim Löschen

Besonders originell oder gar innovativ hört sich das kaum an. Darum aber geht es in diesen Tagen auch nicht beim traditionsreichen Ruhrgebiets-Verein. Knapp zwei Jahre nach den Relegationsspielen mit Borussia Mönchengladbach, als am Ende ein Tor zum Aufstieg in Liga 1 fehlte, haben die Bochumer inzwischen ein ganz anderes Problem. Sie müssen den Abstieg aus der zweiten Klasse, für die sie sich lange zu gut fanden, mit aller Macht verhindern.

„Nach den heutigen Regeln hätte ich damals schon beim Aufwärmen eine Gelbe Karte gekriegt.“

Der Trainer Peter Neururer über den Spieler Neururer

Also mit Neururer, der sich in den beiden obersten deutschen Spielklassen den Nimbus eines Feuerwehr-Manns erworben hat. Obwohl er gerade hier, beim VfL, von 2001 bis 2005 schon mal mehr Nachhaltigkeit bewiesen hat: Damals dirigierte er die Elf bis in den UI-Cup.

Vier Spiele – vier Siege

Es ist also eine Ironie des Schicksals, dass der 58-jährige Fussballlehrer aus Marl, der 1257 Tage ohne Beschäftigung war, ausgerechnet hier wieder den Brand löschen soll. Aber in der Hauptsache zählt jetzt nur, dass er das offenbar immer noch kann.

Seit er zum 8. April das Traineramt vom glücklosen Karsten Neitzel übernahm, hat die zuvor so verunsicherte Mannschaft aus vier Pflichtspielen 12 Punkte und 8:1 Tore erbeutet – die meisten davon gegen «Mannschaften, die besser besetzt sind als wir», wie er weiss. Sie hat plötzlich das Glück gehabt, das ihr bisher in engen Spielen fehlte, und zeigt in der Folge ein neues, kollektives Selbstbewusstsein.

Heute gibt Neururer mit kleinerer Münze heraus

Ist Fussball wirklich so einfach? Oder muss man sich Neururer als einen überirdisch befähigten Handaufleger in der Fussball-Branche vorstellen? Früher hätte er sich so eine Trendumkehr wohl lautstark und ohne Zögern ans eigene Revers geheftet, was ihm nicht nur Freunde eingetragen hat. Heute dagegen, auf seiner 16. Trainerstation sowie ein Jahr nach seinem Herzinfarkt, gibt er lieber mit kleinerer Münze heraus.

«Wir haben immer ein Tor mehr geschossen als der Gegner, das ist Grund Nummer eins», sagt er auf die Frage nach den Ursachen. Ausserdem hätten die Spieler «plötzlich und lustigerweise noch rechtzeitig erkannt, dass es nicht nur um den Ligaerhalt, sondern noch ein bisschen mehr geht. Der VfL Bochum steht ja für irgendwas da.»

„Warm gemacht hab ich mich wie Maradona, aber gespielt hab ich wie Katsche Schwarzenbeck.“

Nochmal Neururer über Neururer

Schalke, Köln, Bochum – bei seinen erklärten Lieblingsclubs hat der meinungsfreudige Fussballlehrer zumindest phasenweise je einmal zaubern können. Er ist dort der Experte mit der Bodenhaftung gewesen, bei dem Erfolg nie kompliziert oder akademisch klang. Und der, während andere über Rauten, Abwehrketten und kompaktes Pressing dozierten, griffige Weisheiten zu den Unwägbarkeiten in diesem Sport parat hielt. «Ein Lattenschuss kann eine ganze Saison drehen», hat er dann gesagt, oder: «Von Platz 4 bis 15 kann man durchgereicht werden wie blöd.» Was sie in Bochum ja gerade wieder erleben dürfen.

Sein Einsatz: Blau für das lichte Haupthaar

«Abstieg wird’s beim VfL nicht mehr geben», hat er vor zehn Jahren aber auch mal gesagt – und sich damit gründlich geirrt. Um so dringlicher ist es nun, einen weiteren Absturz zu vermeiden. Weil es jetzt «so katastrophal wie noch nie» aussähe, so Neururer vor Amtsantritt – womit er wohl nicht nur den Tabellenstand, sondern auch Strukturen und Leidenschaft im vor sich hin träumenden Verein gemeint hat. Dafür ist er bereit, allen Druck und alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wie mit dem Versprechen, er werde sich den lichten Haarschopf blau färben lassen, falls Sohle 2 gehalten wird.

Eingewöhnen musste er sich rund ums Ruhrstadion nicht mehr, das wäre auch fatal gewesen. «Wenn du sechs Wochen Zeit hast und drei Wochen brauchst, um die Mannschaft kennenzulernen, hast du schon verloren», hat er sich in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» vernehmen lassen.

Methode Neururer: Die einfachen Dinge

Den Spielern macht er es ähnlich leicht, indem er in Abwehr und Angriff immer wieder Standards und »klare Zuordnungen» einüben lässt. Dadurch soll das Spiel in den Köpfen der Spieler einfacher erscheinen als es in der Tat ist. Nur das Positive also, und bloss kein Blick zurück.

Mit der Methode Neururer hat sich der VfL auf den 13. Platz gehievt – je vier Punkte vor Erzgebirge Aue (15.) und Dynamo Dresden (16.). Noch drei Punkte, dann wäre das Desaster definitiv vermieden. Neururer möchte sie lieber in Frankfurt als eine Woche drauf im Heimspiel gegen Union Berlin einfahren. Ein Lauf ist schliesslich ein Lauf – und sie müssen ja nur dafür sorgen, «dass Frankfurt das Fussballspielen im eigenen Stadion keinen Spass mehr macht.» Was einmal mehr so verblüffend einfach klingt, dass es sogar funktionieren könnte.

«Wenn wir ein Quiz machen würden unter den Trainern in Deutschland, wer am meisten Ahnung hat von Trainingslehre, Psychologie, und der Trainer mit den besten Ergebnissen kriegt den besten Club, dann wäre ich bald bei Real Madrid.»

Neururer über Neururer, zum Dritten

 

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