Der domestizierte Fan

Wie Politik und Medien den Fussball brav formen wollen.

Lieber Wunderkerzli. Medien und Politik möchten in den Schweizer Stadien am liebsten nur brav klatschende Konsumenten.

Wie Politik und Medien den Fussball brav formen wollen.

Vorsicht ist geboten bei sogenannten Fans. Und bei jenen in Anführungszeichen. In den vergangenen Jahren, genauer: nach den Krawallen von Basel im Mai 2006, haben sich diese sogenannten Fans in Anführungszeichen in die Berichterstattung über Ausschreitungen aller Art eingeschlichen. Es waren «sogenannte Fans», die im Herbst in Zürich den Spielabbruch provozierten, es waren «sogenannte Fans», die beim Europacup-Spiel des FCZ in Rom ­Petarden zündeten und damit für Tumult sorgten.

Die «sogenannten Fans» sind der sprachliche ­Ausdruck für eine Tendenz in der öffentlichen Wahrnehmung von Sportveranstaltungen, die keine Dif­ferenzierung mehr kennt: Es gibt nur gute Fans. Und die sogenannten. Dabei braucht es nur wenig, um von der einen Kategorie in die andere zu fallen. In einem Kommentar schrieb «Blick»-Sportchef Felix Bin­gesser im vergangenen November: «Wer Pyros und Petarden verharmlost und duldet, der macht sich mitschuldig

Dabei ist diese «Entweder du bist für uns, oder du bist mit den Terroristen»-Haltung des «Blicks» kein Minderheitenprogramm. Sie ist weder besonders radikal noch besonders umstritten. Diese Haltung ist im Gegenteil dazu geeignet, um eine Publikumswahl zur Politikerin des Jahres zu gewinnen. Danach ­sagte die St. Galler Sicherheitsdirektorin und FDP-Stän­derätin Karin Keller-Sutter der «Thurgauer Zeitung»: «Ich habe mich darüber gefreut, dass man gesellschaftlich jetzt wahrnimmt, dass die Massnahmen, die in den vergangenen Jahren getroffen wurden, notwendig sind.»

Mindestens in der Beschreibung ihrer Wahrnehmung trifft Keller-Sutter einen wahren Punkt. Die Wahl der betont kompromisslos auftretenden St. Gallerin wurde schweizweit wohlwollend aufgenommen. Keller-Sutter habe den Award nicht umsonst für ihre Verdienste bei der Bekämpfung des Hooliganismus in der Schweiz erhalten, hiess es etwa am Tag nach der Wahl in der «Neuen Zürcher Zeitung».

Frenetisch bejubelt

Karin Keller-Sutter hat es geschafft, sich als natio­nale Speerspitze gegen jegliche Gewalt im Sport zu positionieren – und damit erst noch Karriere zu ­machen. An der Wahl in den Bundesrat scheiterte sie knapp, dafür war die Wahl in den Ständerat ver­gangenen Herbst umso glorioser. Erstaunlich dabei ist, dass eine freisinnige und eigentlich liberale Politikerin für jeden neuen staatlichen Eingriff, jedes neue Gesetz (Schnellrichter etc.) und jede Verschärfung von bestehenden Richtlinien (Transport von Gästefans etc.) frenetisch bejubelt wird. Weniger ­erstaunlich ist, dass die Karriere von Keller-Sutter viele Politiker dazu animierte, sie in Art und Themenwahl nachzuahmen.

Die ehemalige Baselbieter Sicherheitsdirektorin Sabine Pegoraro ist so ein Beispiel. Sie setzte sich mit grosser Vehemenz für strengere Regeln ein und vergass dabei nie zu erwähnen, regelmässiger Gast im FCB-Family-Corner zu sein. Der Stadtberner Sicherheitsdirektor Reto Nause prägte den Begriff des «Raubtierkäfigs» für sogenannte Gäste-Fans, und der Berner Polizeidirektor Hans-Jürg Käser erinnert immer wieder mal sehnsüchtig an das englische Beispiel und die schärfstmögliche Meldepflicht: «Dann verleidets denen!», rief er vergangene Woche bei der Präsentation des verschärften Hooligankonkordats den anwesenden Journalisten zu.

Und diese nickten beflissen. Der Ruf nach mehr Härte, nach mehr Repression, ist nach den Vorfällen von Zürich im Herbst zurück auf der nationalen Medienbühne. Federführend ist dabei die «Blick»-Gruppe, die zuerst den «Petarden-Trottel» tagelang über den Boulevard schleifte und heute nun als erster Fürsprecher für möglichst drakonische Massnahmen auftritt.

Ob – wie die «Zeit» kürzlich vermutete – Ringier wirtschaftliche Interessen ihrer Agentur Infront/Ringier verfolgt, die ab Sommer die Super League vermarktet, lässt sich nicht schlüssig beweisen. Klar ist hingegen, dass die Ringier-Gruppe nicht alleine steht mit ihrem hysterischen Ruf nach strengen Strafen. Argumentiert wird in den gängigen Kommentaren mit einer nicht beweisbaren Häufung von Gewalttaten und mit den immensen Sachschäden, die der Allgemeinheit durch die sogenannten Fans entstünden. Über ein Jahr lang wurde dazu die Zahl von jährlich drei Millionen Franken Sachschäden an Fan-Extrazügen der SBB herumgereicht. Eine Zahl, die – wie die SBB schon immer wussten und die «Wochenzeitung» vor einigen Wochen enthüllte – um den Faktor zehn zu hoch war.

Die brav klatschenden Konsumenten

Es scheint im Moment alles recht zu sein, um das hochgeschriebene Sicherheitsproblem im Fussball ein für alle Mal zu beheben. Interessant ist dabei, wie immer wieder an das Beispiel England erinnert wird. Dort hat man sich des Problems auf soziale Art entledigt: Die Eintrittspreise sind derart hoch, dass in den schicken Stadien der Premier League nicht mehr die sogenannten Fans, sondern nur noch brav klatschende Fussball-Konsumenten sitzen, wie man sie von Spielen der Schweizer Nationalmannschaft kennt.

Jene Stimmen, die nach einer differenzierten Beurteilung verlangen, sind leise geworden. Umso erstaunlicher ist darum die wundersame Wandlung des ehemaligen Basler Polizeikommandanten Ro­berto Zalunardo. Dieser plädierte in der «Neuen Zuger Zeitung» (online nicht verfügbar, siehe Dokument auf der Rückseite) für einen «Perspektivenwechsel» und für eine «Anerkennung von Fahnen und Feuerwerk als zulässige Kommunikationsform in Sportstadien». Ein Anstoss, der im aktuellen Klima zu verglühen droht wie ein Wunderkerzli im Löschkübel der Feuerwehr.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 10.02.12

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