Der obskure erste Meistertitel der Grasshoppers

1898 gewannen die Grasshoppers den Ruinart-Cup, der 120 Jahre später aus Gewohnheit zu den 26 anderen Titeln des Schweizer Rekordmeisters hinzugezählt wird. Sporthistoriker finden das fragwürdig, aber nachvollziehbar, und die Swiss Football League behilft sich mit dem Zusatz «inoffiziell».

Eine stolze Sammlung an 27 Schweizer Meistertiteln wird den Grasshoppers zugeschrieben. Dem ersten aus dem Jahr 1898 haftet ein Makel an, den Sporthistoriker in einen Zwiespalt stürzt.

«Das isch GC! Rekordmeister! Was meinsch eigentlich, wer du bisch, he? Rekordmeister! Rekordmeister!» Der Wutausbruch von Ricardo Cabanas ist legendär. Der Captain des Grasshopper Club stampfte am 30. April 2011 nach dem Spiel gegen den FC Luzern in den Kabinengängen des Hardturms tobend Schiedsrichter Adrien Jaccottet hinterher.

GC hatte das Spiel zwar 2:1 gewonnen, Davide Callà war aber nach einer Schwalbe mit der gelb-roten Karte vom Platz gestellt worden. Das war zuviel für Cabanas, der die Partie wegen einer Verletzung als Zuschauer erlebte. Er bezeichnete GC zwar zu Recht als Rekordmeister. Aber war ihm bewusst, dass der erste Titel von 1898 gar keine offizielle Schweizer Meisterschaft war?

Unter Sporthistorikern ist die Einordnung des Wettbewerbs 1898 eine durchaus zwiespältige Angelegenheit. Sie verweisen unter anderem darauf, dass dieser Meistertitel in den Publikationen des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV) seit jeher aufgeführt wird. Aber ist das korrekt?

Mit drei Siegen holt GC vor 120 Jahren den Ruinart-Becher

Der 1895 von elf Fussballvereinen gegründete SFV tat sich in seinen Anfangsjahren schwer. Er versuchte, möglichst viele Fussballvereine unter einem Dach zu vereinen, schaffte es aber nicht, einen Wettbewerb auf die Beine zu stellen. Deshalb sprangen Private in die Bresche.

Die neugegründete Genfer Zeitung «La Suisse sportive» organisierte 1897/98 ein Turnier im Cupmodus. Der Pokal dazu, der Ruinart-Becher, wurde gesponsert von der Champagner-Kellerei Ruinart père et fils aus dem französischen Reims. Vor allem Teams aus der Westschweiz nahmen an diesem Wettbewerb teil.

Zeitzeugen sprachen 1898 vom «Sieger um die schweizerische Fussballmeisterschaft»

Aus der Deutschschweiz wollten nur GC und der FC Zürich mitmachen. Die beiden Zürcher Clubs trafen in der ersten Runde, die zwischen Teams aus dem gleichen Kanton ausgetragen wurde, aufeinander. Die Grasshoppers deklassierten ihren Gegner im November 1897 mit 7:2 und qualifizierten sich für die Finalspiele im Frühling. Im März 1898 gewannen die Grasshoppers erst in Zürich gegen La Villa Longchamp Lausanne 6:1 und zwei Wochen später in Lausanne gegen La Châtelaine Genève 2:0. Damit waren die Grasshoppers Sieger des Ruinart-Cup.

Tatsächlich sprachen Zeitzeugen daraufhin vom «Meister» GC. Die «Basler Nachrichten» etwa schrieben am 16. April 1898 als Ankündigung auf ein Spiel der Zürcher gegen die Old Boys, dass die Grasshoppers den Ruinart-Becher gewonnen haben «als Sieger um die schweizerische Fussballmeisterschaft». Es ist deshalb nachvollziehbar, dass der Sieg des Ruinart-Cup in den Statistiken als Meisterschaft auftaucht.

Die SFL etikettiert den ersten Titel als «inoffiziell»

Die Swiss Football League (SFL) bezeichnet diesen Titel korrekt als «inoffiziell» (wie auch der SFV in seinem Jahresbericht) , zählt ihn aber zu den offiziellen Titeln dazu. Die Grasshoppers hingegen machen – zumindest in den konsultierten Jubiläumsbüchern und auf ihrer Webseite – diese Unterscheidung nicht. Das ist historisch nicht exakt.

Mit Sternchen und Einschränkung: So stellt die Swiss Football League die Ehrentafel der Schweizer Fussballmeister und die 27 Titel der Grasshoppers dar.

Der SFV hätte vor 120 Jahren den Ruinart-Cup als offizielle Schweizer Fussballmeisterschaft durchführen können. «La Suisse sportive» bot dem Verband den Wettbewerb an. Darüber diskutierte die SFV-Generalversammlung im Juni 1897, kam jedoch zum Schluss, dass die Organisation einer Meisterschaft zu aufwändig sei und die Vereine durch dafür nötige Reisen an ihre finanziellen Grenzen stossen würden.

Die erfolgreiche Ausrichtung des Ruinart-Cup setzte den Verband aber unter Druck. Bei den Vereinen nahm der Ärger über den untätigen Verband zu. An der Delegiertenversammlung vom August 1898 beschloss der SFV deshalb die Ansetzung einer Meisterschaft für die Saison 1898/99. Der Anglo-American FC aus Zürich wurde 1899 der erste offizielle Schweizer Fussballmeister, löste sich aber bereits im Jahr darauf mangels Mitglieder auf.

Die Sporthistoriker sind hin- und hergerissen

Hans-Dieter Gerber, Co-Leiter des Sportmuseum Schweiz, forschte zur Frühgeschichte des FC Basel. Er findet, dass der Gewinn des Ruinart-Cup «nach Buchstabe eigentlich nicht zum Palmarès der SFV-Meisterschaften gezählt werden darf», weil der Cup die «Initiative privater Fussballliebhaber» gewesen war. Allerdings sei die Zurechnung ideell nachvollziehbar, da die erste offizielle Meisterschaft in einem vergleichbaren Modus durchgeführt worden sei.

Aus Gewohnheit werden den Grasshoppers 27 Meistertitel zugerechnet.

In die gleiche Kerbe schlägt Christian Koller, Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs und Vizepräsident des Vereins Schweizer Sportgeschichte. Der Autor mehrerer Publikationen zur Frühgeschichte des Fussballs in der Schweiz weist darauf hin, dass der Wettbewerb von 1897/98 seit jeher in den Publikationen des SFV erwähnt werde. Auch die Tatsache, dass sich die erste offizielle Meisterschaft direkt an den Ruinart-Cup anschliesse, «spricht doch eher dagegen, diesen Wettbewerb einfach aus der Statistik herauszunehmen», so Koller.

26 oder 27? Noch stellt sich die Dringlichkeit nicht

Aus Gewohnheit also werden den Grasshoppers 27 Meistertitel zugerechnet. Dabei scheinen 26 Titel historisch korrekt. Philippe Guggisberg, Kommunikatonschef der Swiss Football League, sagt: «Die offizielle Sprachregelung ist 27 Meistertitel, davon einer inoffiziell». Auf Anfrage stellte sich der Grasshopper Club hinter diese Sprachregelung der SFL.

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Die Meisterschaften bis 1933, so Guggisberg, seien alle noch nicht im später eingeführten Modus durchgeführt worden. Deshalb seien die verschiedenen Titel schwer miteinander vergleichbar. Saro Pepe, Leiter des FCZ-Museum, forschte zum Anglo-American FC und unterstützt die Bezeichnung «inoffiziell» für den Titel 1898.

Die Frage, ob es nun 27 oder streng genommen nur 26 Meistertitel sind, «die Frage nach dem Rekordmeister», so Guggisberg, «ist noch weit weg». Wenn der FC Basel dann auch einmal bei 27 Meistertiteln angekommen ist, könnte man darüber diskutierten, ob beide als Rekordmeister gelten oder ob für GC die Schreibweise 26+1 und beim FCB die 27 stehen würde.

Respekt für die Grasshoppers

Im Gegensatz zur Meisterschaft gibt es die Bezeichnung «inoffizieller» Cupsieger nicht. Der Schweizer Cup in seiner bekannten Form wurde erst auf die Saison 1925/26 eingeführt.  Und auch der Cup kannte Vorgänger-Wettbewerbe, die aber nicht in der offiziellen Cup-Statistik aufgeführt werden. Von 1909-1913 gewannen die Young Boys dreimal und der FCB einmal den Anglo-Cup, und der Och-Cup ging 1921 an den FC Bern und 1922 an den FC Concordia Basel.

Auch darf davon ausgegangen werden, dass der FC Basel 1897/98 an einer offiziellen Meisterschaft teilgenommen hätte. Die Basler waren über die Untätigkeit des SFV, eine Meisterschaft auf die Beine zu stellen, so verärgert, dass sie 1897 damit drohten, der Generalversammlung die Auflösung des Verbandes zu beantragen.

Ob der FCB sportlich gegen die Grasshoppers beständen hätte, ist hingegen fraglich. Der FCB ging im November 1897 in einem Freundschaftsspiel gegen GC in Zürich mit 0:7 unter, ein Jahr später verlor der FCB zuhause mit 0:4.

Für die Beurteilung der Geschichte der Grasshoppers ist es nicht relevant, ob sie 26 oder 27 Meistertitel beanspruchen dürfen. Der Club aus Zürich verdient auch so Respekt für die vielen Erfolge in Meisterschaft (zuletzt 2003) und Cup (Rekordsieger mit 19 Titeln). Es war deshalb nicht falsch, als Ricardo Cabanas im April 2011 aus der Haut fuhr und die Grasshoppers beschrieb: «Än Institution, hey! Hey, chli Konzentration, he! Mir gähnd alles für dä Klub und du… läck du mir hey! Chli Respäkt!»

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