Der Valencia CF: Auf der Suche nach verloren gegangener Grösse

Den Flair früherer Tage verströmt der Valencia Club de Futbol derzeit nicht. Die Europa League, wo die Spanier am Donnerstag im Viertelfinal in Basel vor leeren Rängen gastieren, erweist sich in einer enttäuschenden Saison in der Primera Division als lohnenswertes Ziel.

Fede Cartabia (L) of Valencia celebrates with his teammates Eduardo Vargas (C) and Antonio Barragan after scoring a goal against Ludogorets during their Europa League soccer match at Vasil Levski stadium in Sofia March 13, 2014. REUTERS/Stoya (Bild: Reuters/STOYAN NENOV)

Den Flair früherer Tage verströmt der Valencia Club de Futbol derzeit nicht. Die Europa League, wo die Spanier am Donnerstag im Viertelfinal in Basel vor leeren Rängen gastieren, erweist sich in einer enttäuschenden Saison in der Primera Division als lohnenswertes Ziel.

Die Idee hatte die Marketingabteilung des Valencia Club de Fútbol. Die entscheidende Saisonphase steht an, alle müssen zusammen halten, also wurden zur Partie am Sonntag gegen Getafe weisse T-Shirts an die Anhänger verteilt mit der Aufschrift #VCFsentiment. Dummerweise ging das Spiel gegen die zuvor seit vier Monaten sieglosen Gäste dann 1:3 verloren. Woraufhin viele Anhänger die Shirts nahmen und sie wie Taschentücher durch die Luft schwenkten – in spanischen Stadien seit jeher das Zeichen für Protest gegen das eigene Team.

Die Viertelfinals in der Europa League (Donnerstag, 21.05 h)

AZ Alkmaar–Benfica
FC Basel–FC Valencia
Olympique Lyon–Juventus
FC Porto–FC Sevilla
(Rückspiele: 10. April)

Das entsprach nicht dergewünschten Verwendung, aber keiner soll behaupten, dass die Fans damit kein klassisches VCF-Sentiment ausgedrückt hätten, ein Lebensgefühl des FC Valencia also. Nirgendwo sonst nämlich werden so oft die Tücher geschwungen wie in der Mittelmeerstadt im Südosten des Landes – weil nirgendwo sonst der Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit so gross ist.

Vom Selbstverständnis her kommt Valencia nur knapp hinter Real Madrid und dem FC Barcelona. Wenn überhaupt. In der Realität hat es allerdings schon seit 2004 nicht mehr für die absolute Spitze gereicht.

Der finanzielle Einbruch

Damals gelang ein Double aus Meisterschaft und Uefa-Cup-Sieg. Bezeichnender ist allerdings eher, wie es weiterging. Erfolgstrainer Rafael Benítez verliess den Verein im Streit mit der Clubführung, die der Auffassung war, vom Fussball noch ein bisschen mehr zu verstehen – und Millionen über Millionen auf dem Transfermarkt versenkte.

Der Valencia Club de Futbol hat ein anspruchsvolles Publikum im altehrwürdigen Stadion Mestalla inmitten der Küstenstadt.

Der Valencia Club de Futbol hat ein anspruchsvolles Publikum im altehrwürdigen Stadion Mestalla mit seinen steilen Rampen inmitten der Küstenstadt.

Als Folge ist der Club pleite und muss seit Jahren seine besten Spieler verkaufen, zuletzt Angreifer Roberto Soldado an Tottenham. In den Jahren zuvor waren es weitere Nationalspieler wie Jordi Alba, Juan Mata, David Silva oder David Villa.

Dass unter Trainer Unai Emery bis einschliesslich 2012 dennoch regelmässig die Qualifikation zur Champions League gelang, empfanden Beobachter als kleines Wunder. Das eigene Publikum sah es anders und vergraulte den Basken mit häufigen Taschentucheinlagen.

Pizzi der vierte Trainer seit 2012

Seitdem haben vier Trainer bei Valencia gearbeitet. Vorige Saison scheiterte zunächst Mauricio Pellegrino, ehe Ernesto Valverde den Verein noch in die Europa League führte. Diese Spielzeit hat sich Miroslav Djukic als untauglich erwiesen, seit Januar leitet nun Juan Antonio Pizzi die Übungen.

Doch über die Liga wird es mit einer Rückkehr ins kontinentale Geschäft nichts mehr werden, Valencia rangiert mit 40 Punkten auf Platz neun der Primera División, neun Punkte hinter einem Europapokalplatz. Spätestens seit der Niederlage gegen Getafe liegen alle Hoffnungen auf der Europa League.

Valencia und Basel – da war doch mal was

Florian Raz erinnert sich an die  beiden Champions-League-Spiele im Jahr 2002.

Dabei hat Pizzi, gekommen als frischgebackener argentinischer Meister mit San Lorenzo, durchaus für frischen Wind gesorgt. Anfang Februar gelang sogar ein 3:2 beim zuvor seit 31 Ligaspielen im eigenen Stadion ungeschlagenen FC Barcelona.

Als Ex-Stürmer des Vereins (eine Saison, 1993/94) geniesst der nach wie vor langhaarige Pizzi einen gewissen Vertrauensbonus beim Anhang. Zweifelsohne hat er auch ausreichend Persönlichkeit für die Aufgabe. Valencia spielt strukturierter als im ersten Halbjahr und mit der Intensität, die argentinische Trainer besonders gern sehen.

Dem Irrtum mit Otamendi folgt der Senderos-Wechsel

Zuvorderst hat Pizzi die Defensive stabilisiert. Nach 29 Gegentoren in den 17 Ligaspielen bis Weihnachten gab es unter ihm nur noch 16 Gegentore in 14 Spielen (-> zur Fieberkurve und den Fakten Saison). Die vier K.o.-Partien der Europa League gegen Dynamo Kiew und Ludogorez Razgrad (der Gegner des FC Basel in der Champions League-Qualifikation vergangenen Sommer) bestritt Valencia allesamt zu null. Ein Werk mehr der Teamordnung als des Abwehrpersonals, denn die Innenverteidigung stellt vielmehr die Problemzone der Spanier dar.

Im Winter wurde deshalb hektisch Verstärkung gesucht. Die Wahl fiel auf den Argentinier Nicolas Otamendi vom FC Porto. Der Kauf war schon vereinbart, als dem Management auffiel, dass er nicht, wie angenommen, einen italienischen Pass besass und also einen der drei Plätze für Nicht-EU-Ausländer benötigt hätte, die allerdings schon anderweitig vergeben waren. Folglich wurde Otamendi gleich weiterverliehen und stattdessen Philippe Senderos von Fulham geholt.

Nach starkem Beginn changierte der 29-jährige Schweizer Nationalspieler zuletzt jedoch zwischen Spielfeld, Ersatzbank und Tribüne. Kritikern gilt er als zu hölzern für die schnellen Angreifer in der Primera División. Am Sonntag gegen Getafe bildete Senderos eine Not-Innenverteidigung mit Captain Jérémy Mathieu, einem gelernten Aussenverteidiger. Der eigentliche Abwehrchef und Spielführer Ricardo Costa fehlt seit Wochen angeschlagen.

Keita – neuer Leader und Rekordzeit-Torschütze

Als mindestens ebenso entscheidend für die peinliche Heimniederlage galt jedoch der Ausfall von Seydou Keita, einem anderen Wintereinkauf, der sich binnen weniger Wochen zum Leader der Mannschaft aufgeschwungen hat. Bei der Verpflichtung hatten viele Beobachter noch gelästert, Valencia sei so verzweifelt, dass es sich jetzt schon auf der Resterampe bedienen müsse – der malische Ex-Barça-Profi, 32, hatte zuletzt in China gespielt.

Doch Keita machte sich im defensiven Mittelfeld sofort unentbehrlich; nicht zufällig verlor Valencia beim Spiel zuvor in Almería (2:2) nach einer 2:0-Führung sofort den Faden, als er verletzt ausgewechselt werden musste. Im selben Match hatte Keita nach 7,6 Sekunden das schnellste Tor der Ligageschichte erzählt. Zu Wochenbeginn trainierte Keita wieder, gegen Basel kann er wohl spielen.

Keitas Tor in Rekordzeit:

Die entscheidenden Spieler für die Offensive sind demgegenüber jung und einheimisch. Wie Regisseur Dani Parejo, 24, an dessen Füssen und Launen das Angriffsspiel der Mannschaft hängt. Oder Linksverteidiger Juan Bernat, 21, ein umgeschulter Flügelstürmer, der allein schon deshalb als der neue Jordi Alba gilt. Und schliesslich das wohl grösste Talent von allen, Paco Alcácer.

Der Europa-League-Sieg – das wäre ein Anfang

Der 20-Jährige ist ein Angreifer klassischen Zuschnitts, der besonders gern per Direktabnahme trifft und im Laufe der Saison bekannte Namen wie den mittlerweile an Lazio Rom verliehenen Portugiesen Hélder Postiga oder den Brasilianer Jonás aus der Stammelf verdrängte. Allerdings bringt es Alcácer hinter dem Brasilianer Jonas (mit neun Toren bester Schütze) auf überschaubare 6 Tore in 16 Einsätzen.

Insgesamt tüftelt Pizzi noch an der richtigen Mischung und daran, dem einstigen Spitzenclub wieder zu geben, wonach sich das anspruchsvolle Publikum so sehnt: eine klare Identität. Und, natürlich, Erfolg. Der Gewinn der Europa League würde dabei wohl selbst von den kritischen Valencianern als ein Anfang akzeptiert werden.

» Das Kader des Valencia CF

 

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