Der zahnlose Tiger und der norwegische Posterboy

Es heisst, kein WM-Kampf seit Bobby Fischer und Boris Spasski habe eine so elektrisierende Wirkung gehabt wie das Duell zwischen Viswanathan Anand, dem Titelverteidiger, und Magnus Carlsen. Der junge Norweger, der als Favorit gilt, hat dem Schachspiel etwas Glamour eingehaucht.

Bildnummer: 09114322 Datum: 24.11.2011 Copyright: imago/ZUMA Press Nov. 22, 2011 - Moscow, Russia - Norwegian chess Grandmaster MAGNUS CARLSEN thinks during the Mikhail Tal Memorial chess tournament in Moscow, Russia. CHESS 2011 - Mikhail Tal Memorial (Bild: Imago)

Es heisst, kein WM-Kampf seit Bobby Fischer und Boris Spasski habe eine so elektrisierende Wirkung gehabt wie das Duell zwischen Viswanathan Anand, dem Titelverteidiger, und Magnus Carlsen. Der junge Norweger, der als Favorit gilt, hat dem Schachspiel etwas Glamour eingehaucht.

Seine Fans und die Medien feiern ihn als «Mozart des Schachs». Dem Fussball-Fan Magnus Carlsen gefiele wohl eher die Bezeichnung «Messi des Schachs». Doch der Norweger versprüht deutlich mehr Glamour als der argentinische Fussballstar Lionel Messi. Carlsen verleiht dem Schach eine coole Note. Und der Hype um den 22-Jährigen wird sich noch steigern, sollte er spätestens am 28. November jüngster Weltmeister der Schach-Historie werden.

Das WM-Duell

Die zwölf Partien (Sieger ist, wer als erster 6,5 Punkte erreicht) werden unter anderem auf der WM-Webseite live übertragen.
Weitere Informationen, Analysen und Livekommentare beim Schach-Software-Konzern Chessbase.

Der Spielplan

Vom Gewinn der Dame geblendet
– eine Analyse für die TagesWoche von zwei Partien Anand-Carlsen.

Woher die Schachkönige seit 1886 stammen: Die interaktive Weltkarte

Zuvor muss Carlsen aber Titelverteidiger Viswanathan Anand aus dem Weg räumen. Gegen den Inder hat er heute, Samstag (15 Uhr/10.30 Uhr MEZ), in der ersten von maximal zwölf Partien mit den weissen Steinen «Aufschlag». Gut möglich, dass der Weltmeister in seiner Heimatstadt Chennai dann gleich einem Rückstand hinterherlaufen muss gegen den favorisierten Weltranglistenersten.

Die rund 30’000 Besucher bei der Eröffnungsfeier am Donnerstag wünschten fast alle dem «Tiger von Madras», der Schach zum Nationalsport machte, den Sieg. Der Rest der Welt drückt überwiegend Carlsen die Daumen, obwohl Anand ein sympathischer und humorvoller Brahmane ist.

Seit Fischer–Spasski hat kein WM-Kampf mehr so elektrisiert

Allerdings bringt Carlsen, der Junge aus dem kleinen Dorf Lommedalen vor den Toren Oslos, neues Leben in den Mikrokosmos der Denkstrategen. Die Medien interessieren sich plötzlich nicht nur in Indien verstärkt für das Geschehen auf den 64 Feldern.

Das war seit dem «Kampf des Jahrhunderts» 1972 zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski nicht mehr so, weil vor Anand die sowjetischen und russischen Grossmeister fast ausnahmslos den Titel hielten und oftmals unter sich ausspielten. Jetzt widmen sich TV-Stationen und Blätter auch südlich von Norwegen ausgiebig dem altehrwürdigen Spiel, das als Tschaturanga vom Subkontinent kam.

Carlsen ist nicht nur Vordenker der kleinen Branche, er ist auch ihr Posterboy. Vielleicht keine klassische Schönheit mit seinem etwas zu gross geratenen Charakterkopf. Doch hübsch genug, um die Kleidermarke G-Star Raw als Sponsor an Land zu ziehen. Mit Liv Tyler tauschte der Jungspund Küsschen aus und spielte mit der Schauspielerin auch Schach. Das «Time Magazin» wählte den zurückhaltenden Skandinavier – etwas übertrieben – unter die 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. «Cosmopolitan» zählt Carlsen – vielleicht auch etwas überzogen – zu den 100 attraktivsten Männern der Welt.

Anand – der zahnlose Tiger von Madras

Diesen Eindruck macht er weniger, wenn er sich mal wieder auf den Stuhl fläzt. Geradezu schläfrig und leidenschaftslos wirkt der Norweger, weil der 22-Jährige hinter dem Schachbrett kaum eine Miene verzieht. Am ehesten zeigt der Blondschopf eine Regung, wenn er sich durchs dichte Haar fährt.

Doch hinter der Fassade ist Carlsen hellwach und hasst Langeweile. «Etliche Partien wurden bei der letzten WM zu früh remisiert. Dafür gibt es keine Entschuldigung», findet der Weltranglistenerste. Und es hört sich wie eine Drohung in Richtung Titelverteidiger Viswanathan Anand an, wenn Carlsen dem «Zeit-Magazin» sagt: «Man sollte in jedem Spiel das Letzte geben, das ist man sich und allen Schach-Fans schuldig.»

Blitzschach – Carlsen rattert eine Partie mit nur einer Minute Bedenkzeit herunter:

Derlei vermissten die Anhänger des königlichen Spiels von dem auf dem Thron sitzenden Inder seit Jahren. Zahnlosigkeit wird dem netten «Tiger von Madras» mittlerweile vorgehalten. Auf Weltranglistenplatz 8 rutschte er seit der Geburt seines Sohnes Akhil ab.

Vor drei Jahren schlug Anand noch als Nummer eins den direkt hinter ihm platzierten Carlsen. Doch jetzt liegen Welten zwischen den beiden. «Carlsen vom Dach» rangiert auch meilenweit vor dem Rest der Konkurrenz und stellte mit 2872 Elo-Ratingpunkten einen neuen Rekord auf.

Es lockt zwar eine Millionen-Börse, aber es geht um eine Ära

«In kaum einem WM-Match der vergangenen Dekaden stand der Titelverteidiger so mit dem Rücken zur Wand wie diesmal», analysiert der Brite Nigel Short, der 1993 im WM-Finale Carlsens Kurzzeit-Trainer Garri Kasparow unterlag. Das norwegische Ass macht ebenso wenig Hehl aus seiner Favoritenstellung – schliesslich rechne er damit, «jedes Turnier zu gewinnen. Meine Chancen sind auch diesmal sehr gut».

Bis auf die indischen Grossmeister-Kollegen sieht keiner den Weltmeister auf Augenhöhe, was selbst Anand so beurteilt. In Chennai, dem vormaligen Madras, will der 43-Jährige aber noch einmal sein Bestes geben, auch wenn er sagt: «Der Druck in meiner Heimatstadt ist hoch».

In dem Weltmeisterschaftsduell sind die fast zwei Millionen Euro Preisgeld, die die Provinzregierung für den ersten WM-Heimkampf ihres Nationalhelden spendierte, eher Nebensache. Carlsen verdient auch ohne die sechsstellige Dollar-Antrittsgage und ohne die 60 Prozent des Preisfonds für den Sieger jährlich rund eine Million Euro.

Anand muss im sportlich ansonsten ziemlich erfolglosen Indien auch nicht darben. Er will nach sechs Jahren als Weltmeister vor allem eine neue Ära verhindern, Carlsen eine neue einläuten.

«The Indian Express» sieht mit einem Wortspiel jedoch schon die Endzeit für den Brahmanen nahen: «Endgame?» titelte das Blatt anspielend auf die Schlussphase einer Schachpartie. Der letzte Sieg des Weltmeisters über den Herausforderer liegt mehr als zwei Jahre zurück. Die Zeit spielt gegen ihn.

Carlsens jugendliche Energie und der Erfolgshunger

«Ich halte mich mit 37 schon für ziemlich alt, und Vishy ist mit 43 noch viel älter als ich», sagt Ex-Weltmeister Wladimir Kramnik, der Carlsen beim Kandidatenturnier knapp den Vortritt lassen musste. Schach sei zwar «nicht wie Fussball oder andere Sportarten, aber das Alter wirkt sich aus, wenn der Gegner deutlich jünger ist», erläutert der Russe und glaubt deshalb: «Carlsen hat viel mehr Energie und Motivation, weil er noch nicht Weltmeister war. Das sind seine grössten Trümpfe.»

Garri Kasparow trifft den 13-jährigen Magnus Carlsen:

Kramnik gewann vor allem den Eindruck, dass sein Dauerrivale «eingeschüchtert» sei und wie früher gegen Kasparow regelrecht «Angst» vor dem Weltranglistenersten habe. «Vishy kann nur gewinnen, wenn er absolut relaxed ans Brett geht.»

Psycho-Spielchen müssen trotz martialischer Aussagen beide Seiten kaum fürchten. Gar «herzlichen Umgang» pflege man abseits des Bretts, berichtet Anand und scherzt mit Blick auf die früheren politischen West-Ost-Konflikte im Schach, die Medien müssten eben jetzt anderes aufbauschen, weil «Norwegen und Indien keine Atomraketen aufeinander gerichtet haben».

Am ehesten bricht noch Carlsen selbst eine Lanze für den routinierteren Gegner: «Anand wird sich in einer besseren Verfassung als zuletzt befinden. Er geht nicht einfach zu Boden», mahnt der halb so alte Herausforderer und erwartet einen in der Eröffnungsphase mit zahlreichen Computer-Varianten gut gewappneten Titelverteidiger.

«Solange am Brett bis er zusammenbricht»

Das ehemalige Wunderkind Carlsen, das bereits mit 13 Jahren Grossmeister wurde, habe «einen ganz eigenen Zugang» zum Schach, sagte Anand fast bewundernd. Dem «Mozart des Schachs» genügt eine ausgeglichene Eröffnungs-Position, wenn der Computer-Horizont auftaucht. Der austrainierte Tennisspieler, Hobbyfussballer und -kletterer vertraut auf seine bessere Kondition, die ihn abhebt von den nicht mit Waschbrettbäuchen ausgestatteten Rivalen.

«Anand muss die Konzentration aufrecht erhalten, sonst wird er bestraft. Ich will ihn möglichst lange am Brett beschäftigen», kündigt der Nachwuchsstar an und schiebt mit einem seltenen Lächeln nach: «Lange genug, damit er einfach zusammenbricht». Auf den «Tiger von Madras» lauert eine norwegische Würgeschlange.

Die Elo-Zahl

Die Elo gibt seit 1970 die Spielstärke von Schachspielern an. Der Ungar Arpad Elo entwarf dieses mathematische System, um die Leistungen der Akteure in Zahlen zu giessen. Magnus Carlsen führt mit 2870 Elo die Weltrangliste an. Auf Rang zwei folgt der Armenier Lewon Aronjan mit 2801 Elo. Weltmeister Viswanathan Anand steht mit 2775 nur auf Position acht.

Rund 80 Elo Differenz bedeuten einen Leistungsunterschied von etwa zehn Prozent. Das bedeutet, dass Carlsen den Weltmeister mit 6,5:4,5 schlagen muss, will er keine Elo-Punkte verlieren. Bei einem höheren Sieg nimmt der Norweger Anand Elo ab, bei einem knapperen Ergebnis legt die Elo-Zahl des Inders auf Kosten des Herausforderers zu.

Um Grossmeister des Schach-Weltbandes FIDE zu werden, muss der Anwärter bei drei Turnieren besonders überzeugen und mindestens einmal 2500 Elo erreichen. Ein Internationaler Meister benötigt 2400 Punkte, ein FIDE-Meister 2300 Elo, um den Titel zu bekommen.

Die Elo-Inflation hat zu einer Flut an Titelträgern geführt. Die schwächeren Spieler, die oft zu hoch einstiegen in das System, gaben ihre Elo-Punkte nach oben an die Spitze ab. Die 2780 Elo von Bobby Fischer aus dem Jahre 1972 gelten daher bis heute als das Nonplusultra. Fischer musste 19 Siege in Folge gegen Weltklasse-Grossmeister erringen, um die astronomische Zahl zu erreichen – damals gab es nur fünf Grossmeister über 2600 Elo.

Heute haben die ersten 100 der Weltrangliste alle über 2650 Elo und 49 über 2700. Der beste Schweizer, Vadim Milov von Vizemeister SG Riehen, weist aktuell 2618 Elo auf und ist damit die Nummer 172 der Aktiven. Yannick Pelletier (SG Zürich) steht mit 2575 Elo auf Position 302 der Weltrangliste.

Die Nationalen Wertungszahlen in vielen Ländern sind der Elo ähnlich. Sie erfassen aber auch wie in der Schweiz Anfänger und schwächere Vereinsspieler. Früher rückte man erst mit 2200 Elo in die Weltrangliste der FIDE auf. Diese Grenze wurde inzwischen nach unten abgesenkt.

Das Elo-Ratingsystem wurde von anderen Sportarten adaptiert und führte zum Beispiel im deutschen Tischtennis binnen drei Jahren zu einem regelrechten Statistik- und Zahlen-Hype um die Spielstärke.

 

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