Die Handballer drängen zurück ins Rampenlicht

Ein sich anbahnender Zuschauerrekord, eine seltene TV-Live-Übertragung und ein Medieninteresse wie seit Jahren nicht mehr – das EM-Qualifikationsspiel der Schweizer Handballer von diesem Samstag gegen Deutschland im Hallenstadion Zürich hat einen kleinen Hype entfacht.

Michael Suter, neuer Trainer der Schweizer A - Handball - Nationalmannschaft an einer Medienkonferenz in Glattfelden (ZH) am Mittwoch, 2. Maerz 2016. (KEYSTONE/Walter Bieri)

(Bild: Keystone/WALTER BIERI)

Ein sich anbahnender Zuschauerrekord, eine seltene TV-Live-Übertragung und ein Medieninteresse wie seit Jahren nicht mehr – das EM-Qualifikationsspiel der Schweizer Handballer von diesem Samstag gegen Deutschland im Hallenstadion Zürich hat einen kleinen Hype entfacht.

Mit der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG hat der Schweizer Handballverband dieser Tage den Vertrag für das Übertragungsrecht der Heimspiele für die nächsten vier Jahre verlängert. Davon macht das Schweizer Fernsehen SRF an diesem Samstag Gebrauch und sendet das EM-Qualifikationsspiel zwischen der Schweiz und Europameister Deutschland direkt (17.40 Uhr, SRF2).

Das ist etwas Aussergewöhnliches, denn letztmals gab es sechzig Handball-Live-Minuten auf dem staatlichen Sender 2010 beim WM-Playoff gegen Dänemark. Aber das ist nur ein Indiz für die wiedererwachte Begeisterung.

Da ist zum Beispiel die erhoffte Kulisse im Zürcher Hallenstadion. «Wir wollen den Allzeit-Handball-Zuschauerrekord brechen», haben sich die Organisatoren des Klassikers mit den nördlichen Nachbarn nach der Auslosung der EM-Qualifikation auf die Fahnen geschrieben. Und dieses Unterfangen scheint zu gelingen. Die 9000 Zuschauer, die am 28. Februar 1986 in Basel der Partie gegen Deutschland beiwohnten, dürften übertroffen werden.

Zum Allzeitrekord fehlt nur eine Winzigkeit

Am Freitagmorgen fehlten keine 300 mehr zur alten Bestmarke. Der Auftritt vom Mittwoch, bei dem die junge Schweizer Equipe den Olympia-Viertelfinalisten Slowenien auswärts während mehr als einer Halbzeit die Stirn bot, sorgte noch einmal für einen Schub im Vorverkauf.

Quelle: handball.ch | Alle Länderspiele der Schweizer Nationalmannschaft
Die Top 10 der bestbesuchten Handball-Länderspiele

Datum

Ort und Gegner

Zuschauer

28.2.1986 in Basel gegen Deutschland 9000
  5.12.1964 in Zürich gegen Deutschland 8400
28.1.1960 in Basel gegen Jugoslawien 7500
  2.11.2014 in Basel gegen Frankreich 6700
26.9.1975 in Basel gegen Deutschland 6000
  7.1.1961 in Basel gegen Österreich 5500
  2.3.1986 in Basel gegen DDR 4850
  6.3.1986 in St. Gallen gegen Ungarn 4714
14.1.1966 in Basel gegen Deutschland 4500
  1.2.1956 in Basel gegen Deutschland 4500

Das Interesse an der Nationalmannschaft zeigt sich auch am Medienaufkommen. 80 Akkreditierungsanfragen sind eingegangen. Ähnliches habe man noch nie erlebt, heisst es beim Verband. Das hat massgeblich mit den jüngsten Auftritten des Nationalteams zu tun. Nach Jahren der Stagnation bildeten die beachtlichen Resultate in Testspielen sowie der EM-Qualifikationsstart mehr als einen Hoffnungsschimmer.

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Suter – vom Nachwuchscoach zum Langzeitstrategen

Plötzlich strahlt die Landesauswahl etwas aus, was den Vorgängerformationen fehlte und dazu geführt hat, dass die Schweiz elf Weltmeisterschaften verpasst hat und mit Ausnahme der Heim-EM 2006 auch an den letzten Europameisterschaften gefehlt hat. Dahinter stehen ein Umdenken, ein Umdisponieren und eine personelle Wunschverpflichtung.

Michael Suter heisst der Mann, dem zugetraut wird, den Schweizer Handball wieder salonfähig zu machen. Der 40-Jährige, selber 75-facher Internationaler, stellt den Anspruch an sich, «den Anschluss an die erweiterte Weltspitze wieder zu schaffen – binnen einiger Jahre».

Der Radikalschnitt in der Auswahl

Dazu hat der Zürcher einen Radikalschnitt vollzogen. Mit Ausnahme der beiden international reputierten Andy Schmid (33 Jahre) und Manuel Liniger (35) sowie drei Spielern zwischen 25 und 30 (Michal Svajlen, Lukas Deschwanden, Roman Sidorowicsz) baut er auf Talente, die ihren Leistungszenit noch nicht erreicht haben. Talente, die bereit sind, dem Handball erste Priorität einzuräumen.

02.11.2016; Velenje; Hanball EM Qualifikation 2018 - Slowenien - Schweiz; Luka Maros (SUI) (Ziga Zupan/Expa/freshfocus)

Einer der Hoffnungsträger: Der 22-jährige Luka Maros von den Kadetten Schaffhausen, hier im Auftaktspiel der EM-Qualifikation am Mittwoch in Slowenien. (Bild: Ziga Zupan/freshfocus)

«Mit Amateursport wird es heutzutage schwierig bis unmöglich», sagt Suter. Er hat darum Leute um sich geschart, die sich konsequent auf den Handball ausrichten, die beispielsweise ihr Studium in acht statt in vier Jahren bewältigen wollen, die 20 Prozent arbeiten statt 80.

Besondere Chance gegen übermächtigen Gegner

Angelaufen ist das Unterfangen «Rückkehr an die Weltspitze» gut. «Meine Spieler sind hungrig, sie wollen weiterkommen und etwas erreichen», sagt Suter. Dass die Entwicklung nicht von einem auf den andern Tag gelingen wird, sind sich er und seine Vorgesetzten im Verband klar. Suter, der zuvor verschiedene Schweizer Nachwuchsteams zu erstaunlichen Erfolgen geführt hat und neben seiner Tätigkeit als Nationalcoach die Handball Academy von Kadetten Schaffhausen leitet, sagt: «Wir benötigen Zeit, was aber nicht heissen soll, wir strebten nicht in jedem Spiel nach dem Optimum.»

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Das gilt auch für die Partie gegen Deutschland, den aktuellen Europameister und Olympiadritten. Von einem Sieg spricht niemand, auch Daueroptimist Suter nicht. «Wir wollen uns auf uns selber konzentrieren, unser eigenes Limit erreichen», sagt er. Und lernen. An der Aufgabe wachsen, sich weiterentwickeln soll die Equipe – «um eines Tages eine Überraschung zu schaffen und uns auch gegen Grosse durchzusetzen», wie es Suter ausdrückt.

Aufbruchstimmung nutzen

Auf die Zukunft und das Entwicklungspotenzial der aktuellen Formation allein will Suter allerdings auch vorerst nicht bauen. Der Ehrgeiz, zu gewinnen, besteht immer. Aber die Priorität liegt auf anderem: «Es geht darum, dass eine Entwicklung sicht- und fühlbar wird», sagt er.

Und dass der Klassiker gegen Deutschland im Hallenstadion vor einer Allzeit-Rekordkulisse ausgetragen werden dürfte, dass der Medienrummel gewaltig ist, sieht Suter mit Genugtuung: «Es ist ein richtiger Hype am Entstehen, und da im Mittelpunkt zu stehen, ist eine Riesenchance. Sie wird Emotionen hinterlassen, die Spieler abhärten und weiterbringen.»

Länderspiel Nummer 997

Die EM-Qualifikation gegen Titelverteidiger Deutschland in Zürich ist das 997. Länderspiel in der Geschichte der Schweizer Nationalmannschaft (386 Siege – 522 Niederlagen – 88 Remis). Nur gegen Frankreich (69) hat die Schweiz seit 1949 mehr Länderspiele ausgetragen als gegen die deutsche Auswahl. Die Bilanz gegen den nördlichen Nachbarn ist allerdings weitaus schlechter (6-6-56) als gegen den amtierenden Weltmeister (24-9-36). (cok)

» Die Länderspiel-Statistik der Schweiz

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