Die Lust des Tormanns am Elfmeter

Beim Cupfinal gegen den FC Luzern am Mittwoch in Bern (20.30 Uhr, SF2) kann es zum Äussersten kommen: zum Elfmeterschiessen. Und mittendrin wäre einer, dem das kein grosses Kopfzerbrechen macht.

Yann Sommers erster gehaltener Elfer in der Liga: Am 25. April 2010, damals als Leihspieler im GC-Trikot und ausgerechnet gegen Marco Streller. (Bild: Keystone/WALTER BIERI)

Beim Cupfinal gegen den FC Luzern am Mittwoch in Bern (20.30 Uhr, SF2) kann es zum Äussersten kommen: zum Elfmeterschiessen. Und mittendrin wäre einer, dem das kein grosses Kopfzerbrechen macht.

Der Elfmeter, das unergründliche Wesen. Die Entscheidung vom ominösen Punkt übt eine magische Anziehungskraft auf Wissenschaftler, Statistiker und andere Erbsenzähler aus. Und am Ende gewinnen die Deutschen. War jedenfalls in Penaltyschiessen oft so, und wird von Professor Daniel Memmert vom Institut für Kognitions- und Sportspielforschung in Köln darauf zurückgeführt, dass der Deutsche erstens pflichtbewusst ist und zweitens flinker schiesst, im Schnitt 0,3 Sekunden schneller als andere.

Was neugierige Aussenstehende bis in die feinsten Ziselierungen auseinandernehmen, interessiert die Protagonisten selbst weniger. «Ich habe mich nie speziell mit Elfmetern beschäftigt», sagt Yann Sommer. Der Torhüter hat seine erste Saison als Nummer 1 des FC Basel hinter sich und die grossen Fussstapfen ausgefüllt, die der nicht mehr weiterbeschäftigte Publikumsliebling Franco Costanzo hinterlassen hatte.

Vom Argentinier ist schon keine Rede mehr. Von Sommers Ausnahmetalenten zwischen den Pfosten und den Linien seines Sechzehnmeters schon. Mit acht Jahren kam er nach Basel, spielte erst beim FC Concordia, ab der U16 dann beim FCB. ­Neben seiner stupenden Torhütertechnik, seinen Reflexen, seiner Strafraumbeherrschung mit der vergleichsweise kurzen Körperlänge von 1,83 Metern und seiner Coolness im Eins-gegen-Eins besticht der 23-Jährige durch Beidfüssigkeit und seine fussballerische Qualität. FCB-Trainer Heiko Vogel schwärmt von ihm: «Ich habe den Luxus, in Yann Sommer einen der tollsten Torhüter zu haben, was das Mitspielen anbelangt.»

Vogel lässt keine Elfmeter trainieren

Von Elfmetern ist da keine Rede. Dabei hat Sommer diese Saison von sechs Penaltys einen pariert (gegen Matias Vietkieviez, damals noch Servette), und zwei wurden neben das Tor geschossen. Vor dem Cuphalbfinal in Winterthur betonte der FCB-Trainer: «Ich lasse aus Prinzip keine Elfmeter trainieren. Das werden wir nie machen, selbst wenn es der Champions-League-Final wäre. Weil ich glaube, dass es nullkommanull Sinn macht. Ich kann die Stresssituation eines Elfmeterschiessens mit Nichts im Training simulieren. Und ich glaube nicht, dass wir in dieser Hinsicht unser Gewissen beruhigen müssen.» Sommer sieht das ähnlich: «Trainieren bringt nicht viel. Jeder schiesst anders.»

Das sehen Elfmeterkundler natürlich differenzierter. Wohl keine andere Situation in diesem einfachen und doch komplexen Spiel lässt sich so in seine Einzelteile zerlegen. Ignacio Palacios-Huerta etwa hat herausgefunden, dass die Mannschaft im Vorteil ist, die bei einem Elfmeterschiessen anfangen darf. «Im Durchschnitt stehen deren Chancen 60 zu 40.»

Der Ökonom an der London School of Economics hat dazu nicht weniger als 9000 Elfmeter analysiert und kommt zum Schluss, dass der Schütze des zweiten Teams meistens nur ausgleichen kann, und leitet daraus einen psychologischen Nachteil ab. «In jeder Runde trifft dagegen die beginnende Mannschaft durchschnittlich zwischen drei und sieben Prozent mehr. Nach fünf resultiert das in 20 Prozent Vorteil», hat Palacios-Huerta der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» vorgerechnet, «die Torhüter halten etwa gleich viel, aber die Schützen des zweiten Teams schiessen öfter daneben.»

Auch wenn der Theoretiker findet, «der billigste Weg für die Clubs zu zusätzlichen Punkten führt über die Einstellung eines Statistikers», so steht seine These doch auf wackligen Füssen, denn wer etwa beim Elfmeterschiessen beginnt, entscheidet der Schiedsrichter per Münzwurf.

Sommers Psychospiel

Ganz unvorbereitet geht natürlich auch Yann Sommer nicht in ein Spiel. Von Nnamdi Aghanya, seit Oktober 2010 Videoanalyst, bekommt er vorher schon mitgeteilt, welche der üblichen Elfmeterschützen des Gegners welche Ecke benutzen. Dazu benötigt Yann Sommer auch keinen Zettel, den er in die Stulpen steckt, so wie jene berühmte Notiz von Jens Lehmann beim WM-Viertelfinal der Deutschen 2010 gegen Argentinien. Sommer: «Ich kann mir das merken.»

Bringt aber auch nicht viel, wenn, wie am vergangenen Sonntag in Zürich, Oliver Buff antritt, ein Spieler, den niemand auf der Rechnung hatte. Dann kommt eher zum Tragen, was Sommer «Psychospielchen» nennt. Ein Berufsgeheimnis, das er aus naheliegenden Gründen nicht präziser ausführen will. Buff verschoss, ebenso wie sein Teamkollege Amine Chermiti beim Spiel an selber Stelle in der Vorrunde.

Damals stritten sich die Zürcher, wer einen Penalty gegen den FCB treten darf. Sommer reagierte mit lässiger Miene, die die Lust des Tormanns am Elfmeter signalisierte, und mit einer Handbewegung (siehe Foto), die dem Gegenüber wohl so viel bedeuten sollte wie: Komm nur. Die Strategie war erfolgreich, denn auch Chermiti setzte den Elfmeter in die Wolken. «Als Torhüter», sagt Sommer, «kann man nur gewinnen.»

Die Theorie vom schweren Schuh

Nun kann man das Duell des Tormanns mit dem Elfmeterschiessen auf reichlich Glück oder Spekulation reduzieren. Aus dem Reich der aberwitzigen Erhebungen stammt zum Beispiel die nüchterne Berechnung, dass ein Fussballtor die Fläche von 18 Quadratmetern hat und ein Torwart von knapp zwei Metern Grösse und einer Armspannweite von 2,50 Metern demnach fünf Quadratmeter seines Gehäuses abdecken kann.

Wissenschaftler machen daraus eine 25:75-Prozent-Chance. Ein Schuss aus elf Metern mit rund 100 Stundenkilometern fliegt in 0,4 Sekunden auf das Tor zu. 0,2 Sekunden beträgt die Reaktionszeit, woraus Metin Tolan schliesst, dass der Keeper in den verbleibenden 0,2 Sekunden nicht zu einem in die Ecke gezielten Schuss hechten kann: «So schnell sind die Muskeln nicht.»

Über eine weitere Theorie des Physikprofessors an der Technischen Universität Dortmund wird Heiko Vogel wohl nur schmunzeln können: Trügen die Elfmeterschützen doppelt so schwere Schuhe, könnte der Ball um zwei bis drei Prozent mehr beschleunigt werden. Der Basler Trainer wird es vor dem Cup-Final halten wie immer: «Was wir machen müssen: Auf alle Eventualitäten vorbereitet sein – dass ein Spiel länger als 90 Minuten dauern kann, auch länger als 120 Minuten –, und man darf nicht überrascht sein, wenn es Elfmeterschiessen gibt.»

Wie er seine Elfmeterschützen aussucht, verrät Vogel natürlich auch nicht, nur so viel: «Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Alex Frei, wenn er noch auf dem Platz wäre, einen schiessen würde.» Und mit diesem Satz ist sich Vogel noch nicht einmal bewusst, welche Narben der Schweizer Fussballhistorie er da berührt. «Ich werde fünf zusammenbekommen.»

Neben dem zuverlässigen Frei (3 Elfer verwandelt) sind in dieser Saison Marco Streller (verschoss und traf einmal), Xherdan Shaqiri (traf) und Fabian Frei (verschoss) vom Punkt angetreten. Ausserdem ist Benjamin Huggel als nervenstarker Schütze bekannt.

Die Methode von Sommers Vater

Und der FCB-Schlussmann? Könnte sich Rat holen aus der Torhüter-Familie Sommer, von der Vater wie Onkel einst für Küsnacht im Tor standen. «Wenn der Schütze zum Punkt läuft, visiert er meistens die Ecke an, in die er schiessen will», erzählt Vater Da­niel Sommer, «darauf habe ich mich immer ­verlassen und immer wieder mal einen gehalten.»

Braucht es nächsten Mittwoch im Cupfinal Basel–Luzern tatsächlich ein Penaltyschiessen, weiss der Vater um die Nervenstärke seines Sohnes: «Das wirft ihn nicht aus der Bahn.» Yann Sommer gibt sich ganz pragmatisch: «Ich hoffe, dass es gar nicht erst so weit kommt.»

Quellen

Eine reiche Datensammlung über Torhüter, zum Beispiel über Yann Sommer, auf transfermarkt.de

Weiterer Link zur Elfmeterkunde:

Warum zielen Elfmeter-Schützen fast nie in die Mitte?

 

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 11.05.12

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