Einem Pitbull vergeht der Spass

Edgar Davids verbringt seinen Vorruhestand in der fünften englischen Liga beim Barnet FC im Norden Londons. Nach dem fünften Platzverweis im 38. Spiel klagt er wie eh und je und kokettiert mit dem Karriereende.

Bildnummer: 15070123 Datum: 19.11.2013 Copyright: imago/i Images Edgar Davids attends The Fourth Annual London Global Gift Gala at the ME Hotel. London, United Kingdom. Tuesday, 19th November 2013. Picture by Chris Joseph / i-Images ChrisxJosephx/xi-Im (Bild: Imago)

Edgar Davids verbringt seinen Vorruhestand in der fünften englischen Liga beim Barnet FC im Norden Londons. Nach dem fünften Platzverweis im 38. Spiel klagt er wie eh und je und kokettiert mit dem Karriereende.

Rosarot ist die Fussballwelt noch nie gewesen, die Edgar Davids seit einer Augen-Operation ab 1999 durch die markante Brille wahrnimmt. Sondern giftig-orangerot wie sein Spiel, das er beinahe überall zwischen den Strafräumen, am liebsten aber halblinks vorträgt. Es zeigte stets hohe Qualität und jene «passie», wie der Niederländer sagt, die man auch hinter den Deichen nicht alle Tage zu sehen bekommt. Weshalb der 1,69 Meter grosse Mittelfeld-Derwisch bei Ajax und Juventus, Inter und den Spurs von Tottenham unter den Fans deutlich beliebter war als bei seinen derbe verschlissenen Gegenspielern.

Der 74-fache Nationalspieler von Oranje tanzte und ackerte am liebsten auf der Grenze des Erlaubten, die er hin und wieder überschritt. Aber nun, zehn Wochen vor seinem 41. Geburtstag, soll offenbar Schluss damit sein. Weil ihn auch in der fünften englischen Liga, wo er als Spielertrainer des Barnet FC fungiert, nur wenige Schiedsrichter wirklich verstehen.

38 Einsätzew, fünf Platzverweise

Die anderen verweisen ihn einfach des Spielfelds. So wie kürzlich in Salisbury, wo der eckige Edgar den dritten roten Karton dieser Spielzeit präsentiert bekam – und den fünften Platzverweis in 38 Einsätzen für Barnet. Natürlich wieder zu Unrecht, was sonst, denn die Entscheidung war «lächerlich» (Davids).

Über die Jahre sei er wohl eine Art Zielscheibe für die Unparteiischen geworden, klagte Davids wie eh und je nach dem 1:2 seiner ´Bees´, einem Club aus dem Londoner Norden. Deshalb ist für ihn nun eine Grenze erreicht.

«Ich denke nicht, dass ich noch einmal spielen werde», kündigte er mit sauerer Miene an, denn «sie nehmen mir den Spass.» Ausserdem werde es umso schwerer, die gesetzten Aufgaben als Spielertrainer zu erfüllen, «wenn eine Menge Entscheidungen gegen dich gefällt werden». Es geht ja «auf Kosten meiner Spielfreude und meiner Mannschaft».

Meinungsfreudiger Kämpfer

Edgar Steven Davids fühlt sich eben schlecht behandelt, wo immer er geht und steht – ob es nun gerade wirklich so ist oder eher nicht. Das WM-Turnier 1998 in Frankreich war für den gebürtigen Surinamesen bereits zu Ende, als er dem Bondscoach Guus Hiddink öffentlich vorwarf, die hellen den dunkleren Spielern im Kader vorzuziehen. Er vermutete gar, dass der Erfolgscoach «seinen Kopf im Hintern einiger Spieler» habe, damit diese für ihn das Turnier gewinnen. Voraussehbares Resultat: Statt nominiert zu werden, durfte Davids umgehend abreisen.

Und noch auf jede grosse Zeit des meinungsfreudigen Virtuosen, etwa bei Ajax und Juventus, folgten seltsam kurze Intermezzi – wie das bei Milan, bei Barca (als Leihgabe) sowie später, 2010, beim damaligen Zweitligisten Crystal Palace. Nicht zu reden vom Angebot von Leicester City, wo der robuste Enddreissiger nach ersten, verheissungsvollen Gesprächen einfach in der Versenkung verschwand und sich nie mehr meldete: Nicht gerade die feine, britische Art.

Titel, Übergriffe und Steroide

Fast immer waren andere Schuld, wenn man den Ausnahmekicker dazu hört. Ähnlich wie bei den zahlreichen Platzverweisen, die ihm über alle Stationen hinweg getreulich begleiteten. Sodass der extrem kampf- und schussstarke Profi vielen mehr durch seine Übergriffe und Beschwerden im Gedächtnis geblieben ist als für die imposante Sammlung von Titeln: Je drei Meisterschaften mit Ajax und Juve, vier Pokalsiege in Italien und drei in den Niederlanden etc. Nicht ganz nebenbei spielt er nach drei EM-Endrunden auf dem grünen Rasen (bis 2004) auch noch in der niederländischen Beachsoccer-Auswahl – aus Lust und Laune.

Ein Fussballer mit Leib und Seele, genialer Linksfuss und ja, ab und zu auch jener «Pitbull», wie sie ihn in Turin gerufen haben: Das ist Edgar Davids vor allem anderen. Und so sollte er den Aficionados dieses Spiels auch im Gedächtnis bleiben – trotz der anabolen Steroide, die ihm 2001 einmal nachgewiesen wurden; trotz des Patzers beim Penalty-Schiessen im 96er-Finale der Champions League zwischen Ajax und den Siegern von Juventus; und trotz dieser ungerechten, vielleicht gar letzten Spielsperre seiner Laufbahn in Salisbury, erlitten auf Sohle 5 in der English Conference.

Listiger Winkelzug oder Zeit zum Aufhören?

Oder sollte die zum Fenster hinaus gemachte Ankündigung vom Ende der aktiven Karriere nur Koketterie gewesen sein? Ein listiger Winkelzug, um bei den englischen Schieds- und Linienrichter künftig Beisshemmung zu provozieren? Bald hat Davids das Alter erreicht, in dem auch Muhammad Ali den berühmten Kampf zu viel absolvierte. So gesehen, wäre der sofortige Verzicht auf weitere aktive Einmischung nur vernünftig. Genau deshalb aber sind Zweifel angebracht: Wann hätte Davids je das gemacht, was für ihn das Beste oder Leichteste gewesen wäre?

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