Faustrecht zum Fest des Friedens

Das Profiboxen kennt in der Altjahreswoche keine Pause: Von Bern bis Moskau steht eine ganze Reihe von Veranstaltungen auf dem Programm. In der Bundesstadt steigt der Pratteler Arnold «The Cobra» Gjergjaj in den Ring.

20. Kampf als ungeschlagener Profi: Arnold «the Cobra» Gjergjaj (rechts) boxt am Stephanstag beim Boxing Day im Berner Kursaal. (Bild: Marcel König/maksworld)

Das Profiboxen kennt in der Altjahreswoche keine Pause: Von Bern bis Moskau steht eine ganze Reihe von Veranstaltungen auf dem Programm. In der Bundesstadt steigt der Prattler Arnold «The Cobra» Gjergjaj in den Ring.

Es soll das Fest des Friedens sein, aber jeder Polizist und Sanitäter weiss, dass die Anzahl der privaten Scharmützel über die Weihnachtstage eher zunimmt. Warum also sollten ausgerechnet im Berufsboxen, wo es zumindest Regeln für die Auseinandersetzung gibt, die Fäuste ruhen? Ein Blick auf www.boxrec.com, dem unabhängigen Gedächtnis des globalen Sports, ein Klick auf «Schedule»: Schon erweist sich, dass die noble Kunst des Faustfechtens auch in der Altjahres in Europa zelebriert wird.

Boxing Day in Bern

Der Kampf von Arnold Gjergjaj vom Boxlub Basel gegen den Weissrussen Yuri Bihoutseu ist für 17.30 Uhr angesetzt. Die besten Plätze im Berner Kursaal machen 230 Franken.
Zeitplan und Links zu den Tickets.

Gleich an zehn verschiedenen Stätten steigen vom 25. bis zum 30. Dezember kleinere und mittelgrosse Galas – vom Boxclub im flandrischen Izegem über den Ballsaal des Hotel Domus Romana in Rom bis zum Moskauer Sportpalast Quant.

Es sind in diesen Tagen kaum renommierte WM-Titel, die dabei zur Debatte stehen. Denn der Global Boxing Council, der etwa am Donnerstag im luxemburgischen Dudelange die Gürtel im Welter- und Halbmittelgewicht auslobt, ist recht genau das Gegenteil eines renommierten Dachverbands.

Und von den Athleten, die in der slowakischen Kleinstadt Sturovo durch die Ringseile schlüpfen, wird man jenseits der Landesgrenzen sicher nie etwas hören. Doch im Turiner PalaRuffini wird am 28. immerhin um den italienischen Titel im Supermittelgewicht gekämpft, während sich am 30. in Moskau mit Oleg Maskaev sogar ein angerosteter Ex-Weltmeister im Schwergewicht dem Publikum präsentiert.

Formüberprüfung für die Kobra

Nicht zuletzt gibt es auch noch den Baselbieter Arnold Gjergjaj alias «The Cobra», der sich am 26. Dezember im Berner Kursaal weiter in die internationale Elite fäusteln will. Das ungeschlagene Schwergewicht aus Pratteln (19 Siege, davon 13 vorzeitig) verfügt über genug Technik und Punch, um in absehbarer Zeit um die Titel zu boxen, von denen seine Ecke schon länger laut träumt.

Zum Termin in Bern wird dem Schützling des Boxclub Basel allerdings kein tonnenschwerer Braten aufgetischt: Der 26-jährige Weissrusse Juri Bihoutsev (6 Siege, 2 Niederlagen, 1 Remis) kann ihm zum Ende eines erfolgreichen Geschäftsjahres (vier vorzeitige Siege in knapp sieben Runden) allenfalls zur Formüberprüfung dienen.

Schweizer Boxtradition am Stephanstag

Die Vorstellung der Nummer 106 in der unabhängigen Weltrangliste rundet einen Abend ab, der in der Schweiz eine eigenartige Tradition aufweist. Es war der 26. Dezember 1971, als Muhammad Ali im Zürcher Hallenstadion bei einem Vergleich ohne Titel den norddeutschen Jürgen Blin in weniger als sieben Durchgängen verschliss – ein voraussehbarer Triumph für den von Joe Frazier entthronten Grössten aller Zeiten, ein herber Verlust für die Veranstalter.

Und es war der 26. Dezember 1973, als Fritz Chervet mit einem K.o.-Sieg über Fernando Atzorni (7.Runde) an gleicher Stelle Europameister im Fliegengewicht wurde – Höhepunkt einer denkwürdigen Karriere, an die danach allenfalls Mauro Martelli (EM im Weltergewicht, 1988) und mit Abstrichen Cruisergewichtler Stefan Anghern heranreichen konnten.

Der flinke Fritzli boxte insgesamt fünf Mal am Stephanstag, zuletzt bei seinem 70. und letzten Kampf 1976. Weil sich dieser Termin vor allem in Bern, wo der unermüdliche Trainer, Manager und Impresario Charly Bühler die Fäden zog, als so genannter «Boxing Day» eingebürgert hatte: Handfestes Spektakel für den kernigen Schweizer, der bis dahin meist genug hatte von all den Festlichkeiten im Schosse der Familie.

Zurück im stimmungsvollen Berner Kursaal

Und wo wäre die Atmosphäre annähernd so stimmig wie im altehrwürdigen Kursaal am Casino-Komplex, der nach einjähriger Pause und frischer Renovierung endlich wieder zur Verfügung steht? Jedenfalls nicht in der Wankdorf Arena, die letztes Jahr eine ungewohnte Kulisse für die Boxgala abgab.

So gesehen schliesst sich ein Kreis, wenn zum Mittwoch Alain Chervet, nationaler Junioren- und Amateurmeister sowie Neffe Fritzlis, dort sein Debut als Profi im Leichtgewicht gibt. Im Mittelpunkt stehen allerdings die Vergleiche von Aniya Seki, der in Bern trainierten Japanerin, die ihren WM-Gürtel im Superfliegengewicht (Version WIBF) gegen die Ukrainerin Oksana Romanova verteidigt.

Gallina sollte Gjergjaj bald mehr zumuten

Und eben von Arnold Gjergjaj, der nach etlichen Sparringsrunden im renommierten Sauerland-Stall in Berlin (unter anderem mit Kubrat Pulev, Europameister) seine Fortschritte als Profi demonstrieren will. Selten hat in den letzten Dekaden ein Schwerer aus der Schweiz so viel Potenzial angedeutet wie der dreifache Amateurmeister, der sich auch noch eloquent und gut vermarktbar präsentiert.

Noch ein, zwei Kämpfe, noch ein, zwei Siege – dann sollte auch Gjergjajs Coach Angelo Gallina seinem ehrgeizigen Schüler eine neue Qualität von Gegnerschaft zumuten. Die Prattler «Kobra» kann inzwischen ja schwerere Brocken als den unbesungenen Weissrussen Bihoutsev schlucken, sind sich versierte Beobachter einig. Ausserdem kommt der Tag, wo sich ein erklärter Hoffnungsträger im Ring an einem ebenbürtigen Kontrahenten beweisen muss – nicht nur zur Weihnachtszeit sowie überall zwischen Moskau und Turin.

Bilder von Arnold Gjergjajs 16. Profikampf im April 2012 in der Pfaffenholz-Turnhalle in Basel:

Konversation

  1. Ich kann dem Boxsport nicht viel abgewinnen. Aber die, die in den Ring steigen, tun es vermutlich grösstenteils wohlüberlegt. Und sie bestehen nicht darauf, dass sich der Rest der Welt nach ihnen umschaut oder gar ausrichtet und sie behaupten wohl auch nicht, dass die Welt ihretwegen friedlicher wird, auch wenn ihr Sport vermutlich durchaus dazu beiträgt, dass einige junge Männer ihr Aggressionspotential besser in den Griff kriegen.

    Das ist doch ein ganz angenehmer Kontrast zu Gemeinschaften, deren höchste Vertreter sich für nichts weniger als den Weltfrieden zuständig fühlen, die aber in ihren frohen Botschaften andere herabsetzen, sei es, weil sie zufällig jemanden ihres eigenen Geschlechts lieben oder weil sie ganz gut ohne imaginäre Freunde auskommen.

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