Heile russische Fussballwelt

Heute wird im Moskauer Luschniki-Stadion die 21. Fussball-Weltmeisterschaft angepfiffen. Das Turnier gibt Präsident Putin viel Halt, auch wenn sportlich für andere weit mehr zu holen sein wird.

Zwei Tage vor Beginn der Fussball-WM war das Zentrum von Moskau schon am frühen Morgen gesperrt. Viele Hundert Polizisten und Soldaten patrouillierten auf dem Areal um den Roten Platz, der nur durch Eingangsschleusen zu betreten war. Minütlich wurden neue Absperrungen hochgezogen, ein kafkaeskes Labyrinth der Hochsicherheit. Grund dafür: Der «Tag Russlands» stand auf dem Programm, an dem sich die Souveränitätserklärung nach dem Ende der Sowjetunion jährt.

Auch in den nächsten viereinhalb Wochen wird ausserhalb des Spielfelds nur passieren, was passieren darf. Die Welt soll einen imposanten Eindruck von russischer Grösse bekommen – das ist das Turnierziel von Präsident Wladimir Putin. Jedes nennenswerte Zucken der Opposition wäre angesichts der Machtdemonstration des Apparats eine Überraschung. In der internationalen Meinung scheint es, als habe Putin das Schlimmste überstanden.

Auf dem Höhepunkt der Spannungen um die Giftattacke auf Ex-Spion Sergej Skripal brachten eifrige Stimmen noch einen Boykott ins Spiel. Syrien, Cyberkrieg, die Ukraine – Russlands Akte schien übervoll. Aber davon ist jetzt nur noch wenig zu hören. Ab Donnerstag, 17 Uhr, rollt ja der Ball.

Das Bedürfnis nach Ablenkung

Gegen den Fussball ist keine Wahl, kein Verstand und kein Herz zu gewinnen. Nicht in Russland, wo man der erstmaligen Ausrichtung einer WM mit natürlichem Stolz entgegenblickt und Sympathisanten der unterdrückten Opposition das Turnier auch aus diesem Grund für den falschen Kampagnenmoment halten. Und nicht im Rest der Welt. Handelskonflikte, Rechtspopulisten, Wirtschafts- und Migrationskrisen – auch die in Frieden lebenden Nationen haben ihre Probleme und Herausforderungen.

Ein latentes Gefühl von Anspannung und Überforderung hält den Planeten im Griff. Das steigert noch das Bedürfnis nach Ablenkung, mehr denn je braucht es Betäubung. Für ein paar Wochen kann das globale Lieblingsspiel alle Leidenschaften vereinen.

Der Fussball ist nur ein Abziehbild der realen Welt und wahrscheinlich darf man ihn auch nicht überfordern.

In einer idealen Welt könnte der Fussball aus dieser Popularität das moralische Kapital schlagen, die Dinge zu verbessern. In der realen Welt ist er auch nur ein Abziehbild der Verhältnisse, und wahrscheinlich darf man ihn auch nicht überfordern. Wie beim Kongress des Weltverbandes am Mittwoch deutlich wurde, hat er genug mit sich selbst zu tun, auch wenn Präsident Gianni Infantino die Zukunft rosarot malt. Die Wahl der Dreier-Bewerbung USA-Kanada-Mexiko für die WM 2026 verspricht der Fifa jedenfalls einen grossen Batzen Geld.

Best Buddys: Vladimir Putin zu Gast beim Fifa-Kongress Gianni Infantino (links).

Derweil sammelten sich bei den Karussells in der Nähe des Roten Platzes die ersten Fans, insbesondere aus Lateinamerika. Vergnügungsparks der alten Schule gehören zu den unübersehbaren Faibles eines Landes, das sich natürlich kennenzulernen lohnt. Eine WM ist ja auch eine Begegnungschance für beide Seiten, zumal in einer immer isolierteren Nation wie Russland. Im Prinzip gleicht der Konflikt jeder Sportgrossveranstaltung in politisch schwieriger Umgebung einer touristischen Reise in einen Schurkenstaat: Überwiegen die Vorteile – der Austausch und die Annäherung – oder doch eher die Nachteile, der Prestigegewinn und die Devisen für die falsche Seite?

Für Russland und seinen sportbegeisterten Präsidenten bedeutet die WM das Ende eines Sportzyklus, der mit Olympia 2014 in Sotschi begann. Zurschaustellung von Macht, punktueller Ausbau von Infrastruktur und sportlicher Ruhm – das war im Wesentlichen der Dreiklang der russischen Ambitionen. Das mit dem Ruhm wird diesmal allerdings schwierig, die Aussichten der eigenen Nationalelf gelten als desaströs.

Dem russischen Team hilft vermutlich nicht einmal Doping

Spontan befragte Passanten machen bei dem Thema allesamt dieselbe abwinkende Handbewegung. Nach der enttäuschenden EM 2016 – Vorrunden-Aus mit einem Punkt – hat Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow die Mannschaft erneuert.

Kann einem jetzt schon ein bisschen leid tun: Stanislav Tscherschessow, dessen russischen Nationalteam so gut wie gar nichts zugetraut wird.

Doch nachdem sie beim Confed-Cup voriges Jahr trotz Vorrunden-Aus zumindest brauchbare Ansätze zeigte, konnte sie sich bei den letzten Testspielen nicht einmal gegen Teams durchsetzen, die wie Österreich (0:1) und die Türkei (1:1) das Turnier verpassten. Der Unternehmung kaum zuträglich ist ausserdem, dass zwei Innenverteidiger und Torjäger Kokorin mit schweren Verletzungen ausfallen.

Russlands fussballerische Schwäche nimmt bislang auch dem Thema Doping die Spitze, das dieses Sportquadriennium oft dominiert hat. Sollten die Kicker in das staatliche Betrugsprogramm integriert gewesen sein, dann könnte dies – Ironie der Geschichte – von Beschwichtigern sogar als Beleg für ihre These gesehen werden, dass Doping im Fussball nichts bringt. Denn nicht mal in körperlicher Hinsicht gehörte Russland zuletzt zur Spitze.

Vor diesem Hintergrund war die Auslosung noch der grösste Mutmacher. Uruguay dürfte in Gruppe A zu stark sein, aber wenn es gut läuft, könnte bis zur Begegnung mit den Südamerikanern am dritten Gruppenspieltag das Achtelfinale – einzig realistisches Ziel – erreicht sein. Einen dankbareren Auftaktgegner als Saudi-Arabien hätte es jedenfalls kaum geben können: Die Golfkicker sind seit 1994 ohne Sieg bei einer WM.

Ägypten am zweiten Spieltag mit dem rekonvaleszenten Mohamed Salah flösst auch keine grosse Furcht ein. Sportlich jedenfalls. Die Quartierwahl im tschetschenischen Grosny samt PR-Fotos mit dem Menschenrechtsverletzer Ramsan Kadyrow führt hingegen direkt ins Gruselkabinett.

Es geht um die grossen Figuren des Spiels – Messi, Ronaldo, Griezmann, Neymar.

Auf der anderen Seite geht es dieser Tage mehr denn je um die grossen Figuren des Spiels. Die Frage, ob Jahrhundertkicker Lionel Messi seine Karriere mit dem WM-Titel krönen kann, gibt dem Turnier einen Touch von Grandezza. Dauerrivale Cristiano Ronaldo verfolgt kein geringeres Ziel, derweil Antoine Griezmann die Spekulationen um einen nächsten 100-Millionen-Transfer (von Atlético Madrid nach Barcelona) noch nicht beenden will. Und dann gibt es noch Neymar: der Herausforderer, der ebenfalls mit Veränderung flirtet und der, so sehen es die Buchmacher, das stärkste Team auf seiner Seite hat.

Neymar soll die Wunden der Brasilianer heilen helfen.

Nur vier Jahre nach dem 1:7-Debakel von Belo Horizonte gegen Deutschland hat sich Rekordweltmeister Brasilien im Expresstempo regeneriert und seinen angestammten Platz als natürlicher Favorit aller Klassen wieder inne. Unter Trainer Tite spielt der Schweizer Auftaktgegner zwar selten hinreissend, aber doch so verlässlich überzeugend wie sonst kein anderer Kandidat. Auch in der unmittelbaren Vorbereitung gab man sich bei Siegen gegen Kroatien und Österreich keine Blösse.

Den Weltmeister umweht ein Hauch von Dekadenz

Derweil scheint Deutschland ein Hauch von Dekadenz zu umwehen, auch wenn die einfache Vorrundengruppe mit Mexiko, Schweden und Südkorea ein Vorrunden-Aus als unmöglich erscheinen lässt. So wenig Begeisterung weckt die Mannschaft, zu grossen Teilen basierend auf den Veteranen von 2014, dass sich die deutschen Medien weiterhin fast ausschliesslich mit den umstrittenen Fotos von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan beschäftigen.

Welche Auswirkungen das Erdbeben in Spanien auf die Rolle der Seléccion im Kreis der meistgenannten Titelfavoriten hat, ist ebenso ungewiss. Einen Tag vor Turnierstart seinen Trainer zu feuern, hat seine eigene Note. Dass Julen Lopetegui hinter dem Rücken des Verbandes seinen nächsten Job bei Real Madrid vereinbarte, ebenfalls.

Quasi über Nacht zum spanischen Nationaltrainer befördert: Fernando Hierro.

Nicht ganz so dramatisch lief es bei Argentinien, das nach drei Trainerwechseln während der Qualifikation noch unfertig daherkommt und bei der Polemik um sein abgesagtes Spiel in Jerusalem auch noch die letzte Testgelegenheit verpasste.

Gespannt sein darf man auf das hochtalentierte Frankreich und den ewigen Geheimtipp Belgien, der unter dem spanischen Trainer Roberto Martínez ungenierter denn je seine Offensivqualitäten zeigen will. Relativ still ist es um Europameister Portugal – was nicht zum Nachteil dieser enorm wettbewerbsstarken Mannschaft sein muss. Uruguay und England komplettieren die erweiterte Spitze eines Turniers, auf das man – Russland hin oder her – dereinst womöglich regelrecht nostalgisch zurückblicken wird.

Stilistische Grundsatzduelle wird es kaum geben – es ist ein handelsüblicher Fussball zu erwarten.

Nicht unbedingt, weil es spielerische Neuerungen gebracht hätte – das macht mittlerweile die Champions League. Bei der WM ist vielmehr der handelsübliche Fussball der Zeit zu erwarten, der mit möglichst barbarischem Pressing daherkommt. Die Meister der einzelnen Disziplinen werden sich unterscheiden – Frankreich bei Athletik und Tempo, Spanien oder Deutschland bei der Ballzirkulation, Argentinien, Portugal oder Brasilien bei der individuellen Klasse –, aber stilistische Grundsatzduelle wird es kaum geben.

Beim hochkarätigsten Spiel der Gruppenphase gleich am Freitagabend etwa ist zwar tendenziell mit einem dominanzbemühten Spanien und einem konternden Portugal zu rechnen. Aber auch mit Spielphasen, in denen sich die Verhältnisse umkehren. So wird es oft sein – wer die Partien am besten liest, die Erfordernisse jedes Moments erkennt und die Variabilität hat, sie zu bespielen, dürfte die besten Titelchancen haben.

Die drohende Verwässerung der WM

Das Gefühl einer untergehenden WM-Welt aber hat mit dem Championat an sich zu tun, womöglich schon 2022 wird mit 48 Mannschaften gespielt werden. Einen entsprechenden Antrag des südamerikanischen Kontinentalverbandes hat Fifa-Präsident Gianni Infantino zwar von der Tagesordnung des Moskauer Kongresses gestrichen, aber nur, weil er ihn zuerst mit Ausrichter Katar besprechen will. Spätestens 2026 wird es dann definitiv so sein.

Wer seine Gehirnleistung testen will, kann ja schon einmal versuchen, den Spielplan mit 16 Dreiergruppen auswendig zu lernen. So verwässert, wie sich sein Gedächtnis bald anfühlen wird, dürfte dann auch das Turnier daherkommen.

Vor dem Fernseher ist es egal, wo gespielt wird

2018 im riesigen Russland, 2022 im Mini-Katar, wo man mit der U-Bahn von einem Spiel zum nächsten fahren kann, und 2026 dann womöglich über den ganzen nordamerikanischen Kontinent verteilt – das fühlt sich beliebig an und unterstreicht, dass die Fifa für ihr Premiumprodukt keine weitere Idee hat als maximale Erlöse. Ihr Glück: der Fussball wird so geliebt, dass ihm bisher noch jeder Unsinn verziehen wird.

Vor dem Fernseher macht es ja sowieso keinen Unterschied, wo gespielt wird. Insofern wird der Videobeweis – eine in der Tat einschneidende Neuerung – in den kommenden Wochen mehr kommentiert werden als die Menschenrechtslage in Jekaterinenburg und Rostov-am-Don; da muss sich niemand Illusionen machen.

In Moskau war das Wetter zuletzt regnerisch trüb, die WM-Stimmung überschaubar. Aber vor einem Turnierstart stochern Prognosen in dieser Hinsicht automatisch im Nebel. Auch beim als beispielgebend verstandenen Sommermärchen 2006 in Deutschland deutete vor dem Beginn längst nicht alles auf den folgenden Rausch hin. Im ewig mysteriösen Russland muss das erst recht so sein.

Der Spielplan der WM 2018

https://tageswoche.ch/form/interview/wm-experte-benjamin-huggel-im-sport-bin-ich-ein-patriot/

https://tageswoche.ch/sport/im-wolfsburg-des-ostens-hier-wohnen-die-schweizer-waehrend-der-wm/

https://tageswoche.ch/sport/mit-der-wm-verdient-der-fcb-knapp-eine-halbe-million-oder-noch-mehr/

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