Heusler und Co. geben den FCB-Mitgliedern 100 Prozent Entscheidungsgewalt zurück

In der sportlich und wirtschaftlich erfolgreichsten Phase seiner Clubgeschichte überrascht Präsident Bernhard Heusler die Mitglieder bei der 122. Generalversammlung. Die Aktionäre der Holding AG geben dem Verein quasi die Entscheidungsgewalt über die künftige Ausrichtung zurück. Was das wert ist, muss sich noch weisen.

122. Generalversammlung FC Basel, 18. Juni 2016

(Bild: Christoph Kieslich)

In der sportlich und wirtschaftlich erfolgreichsten Phase seiner Clubgeschichte überrascht Präsident Bernhard Heusler die Mitglieder bei der 122. Generalversammlung. Die Aktionäre der Holding AG geben dem Verein quasi die Entscheidungsgewalt über die künftige Ausrichtung zurück. Was das wert ist, muss sich noch weisen.

Es scheint, und das ist dieser Tage ja durchaus bemerkenswert, die Sonne in den St. Jakob-Park, wo am Samstagvormittag 1329 Mitglieder zur ersten Open-Air-Generalversammlung zusammengekommen sind. Es ist die grösste Veranstaltung dieser Art, an die man sich in der Geschichte des FCB erinnern mag, ein durchaus gelungener Wurf und ein Tag, an dem der FCB sich aufs Neue seiner aktuellen Stärke vergewissern kann.

Der 19. Meistertitel strahlt noch frisch, der siebte in Folge, der die sportliche wie wirtschaftliche Überlegenheit in der Schweiz weiter zementiert hat. Der Umsatz lag 2015 wieder über 90 Millionen Franken, das Eigenkapital samt stillen Reserven im Spielerkader hat Dimensionen angenommen, die vor wenigen Jahren noch für nicht möglich erachtet worden wären, und die nächste Champions-League-Saison und der mit ihr einhergehende Geldsegen steht bevor.

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Der FC Basel und die Sinnfrage

Es müsste also alles in Minne sein, der Himmel – wenn schon nicht wolkenlos – so doch voller Geigen hängen, und dennoch gibt es dieses Fussball-Basel sehr eigene «Erfolg-ist-nicht-alles-im-Leben»-Gefühl. Im öffentlichen Raum manifestierte es sich zuletzt vor fast 30’000 Zuschauern beim Heimspiel am 7. Februar gegen den FC Luzern. In der Muttenzerkurve prangten meterlange Transparente, auf denen die Transfer- und Marketingpolitik infrage sowie die generelle Frage gestellt wurde: «Wo wollen wir hin?»

FCB, Fans, Transparent, Wo wollen wir hin, 7.2.2016, FC Basel - FC Luzern

«Wo wollen wir hin?» – die Botschaft der FCB-Fans in der Muttenzerkurve an die Führung des FC Basel beim Heimspiel am 7. Februar 2016 gegen Luzern. (Bild: Andreas Aeschlimann)

Das sind gemessen an den Sorgen anderer Fussballclubs, gerade hierzulande, Luxusprobleme, mit denen sich der munter prosperierende FC Basel beschäftigt. So hat es auch Bernhard Heusler in seinem schriftlichen Jahresbericht an die Mitglieder benannt.

Aber so umsichtig und straff und so erfolgreich und eloquent Heusler den FCB seit 2009 operativ und seit 2012 als Präsident führt, so feine Antennen hat er für die Grosswetterlage. Er spürt die Strömungen in und um den Club herum, die «atmosphärischen Schattierungen», wie er es nennt. Die schwelende Diskussion, die aus der unangefochtenen Dominanz in der Schweizer Liga zusätzlich Nahrung erhält und deren Ende nicht abzusehen ist. Dieser Diskussion will er sich zusammen mit seinem Führungsteam nicht entziehen.

Die Besitzverhältnisse hat Heusler bereits verändert

Dieses Führungsteam umfasst im Kern fünf Personen, die in einer eigentlich nicht zeitgemässen Personalunion sowohl den Vorstand des Vereins bilden als auch den Verwaltungsrat der FC Basel AG, in der der Profibetrieb seit 2006 ausgelagert ist. Obendrein sind diese fünf Männer Verwaltungsräte der übergeordneten FC Basel Holding AG.

Bis vor Kurzem war Bernhard Heusler der Mehrheitsaktionär dieser Holding. Seine Vorgängerin Gigi Oeri hatte ihm 2012 ihre Anteile zu einem unbekannten Preis überlassen. Per 31. Dezember 2015 reichte Heusler Aktienpakete weiter.

Sportdirektor Georg Heitz, seit seiner Installation beim FCB vor sieben Jahren sieben Mal Meister geworden, hält nun 25 Prozent, Vizepräsident Adrian Knup 10 Prozent, und jeweils 5 Prozent liegen bei den Verwaltungsräten Stephan Werthmüller (Finanzen) und René Kamm (Marketing). Auch was diese Pakete gekostet haben, ist nicht bekannt. Sie wurden zum sogenannten Steuerwert übertragen. Von seinen ursprünglich 89,2 Prozent, die er 2012 von Ex-Präsidentin Gigi Oeri übernommen hatte, hält Heusler noch 44,2 Prozent.

Der Präsident wird mit stehendem Applaus wiedergewählt

Die Besitz- und Machtverhältnisse beim FC Basel sind also klar und übersichtlich. Heusler, Heitz, Knup, Werthmüller und Kamm vertreten in der FC Basel AG 75 Prozent, der Ursprungsverein FC Basel und dessen Mitglieder 25 Prozent. So wurde das Konstrukt gebaut, als 2006 der Profibetrieb auf Geheiss der Swiss Football League aus dem Verein in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert wurde.



122. Generalversammlung FC Basel, 18. Juni 2016

Aussergewöhnliches Ambiente: 1329 Mitglieder kamen zur 122. Generalversammlung des FC Basel in den St.-Jakob-Park, der ersten unter freiem Himmel. (Bild: Christoph Kieslich)

Am Samstag nun wird Bernhard Heusler ein weiteres Mal von den Mitgliedern als Präsident des FCB bestätigt. Mit einer Mehrheit der 927 Stimmberechtigten, deren Auszählung sich erübrigt, weil die Wahl mit anhaltendem, stehenden Applaus für den Mann an der Spitze gefeiert wird.

Die alternativlose Strategie

Kurz darauf ist die Reaktion der Mitglieder noch einmal ähnlich euphorisch. Unter dem schlichten Traktandum «Zukunft des FC Basel» spricht Heusler einerseits von dem Stolz darüber, was aufgebaut worden sei in den zurückliegenden Jahren. Spricht er davon, dass es «manchmal ein Spagat ist, zwischen Kommerz und der Pflege des Clubs, seiner Geschichte, des Einzelnen und des Spiels, ohne dass man sofort an Erfolg und Geld denkt».

«Ich erlebe es immer wieder, dass man sich fragt, ob es die richtige Strategie ist, die wir vertreten», erklärt Heusler vor den Mitgliedern und bekräftigt dann, ziemlich alternativlos: «Es ist die einzige Strategie, die wir als Clubleitung glaubwürdig vertreten können. Wir haben aber auch realisiert, dass es in dieser Phase des Erfolgs Platz haben muss für Diskussionen und Überlegungen, wohin der Weg des FC Basel geht.»

75 Prozent der Stimmgewalt gehen an den Verein zurück

Den Schluss, den Heusler und Co. daraus ziehen, ist ein Weitreichender: Sie legen die Stimmgewalt ihrer 75 Prozent Anteile an der FC Basel 1893 AG zurück in die Hand der Mitglieder des Vereins. Also dorthin, wo diese Stimmgewalt einst, vor der Ausgliederung 2006, gelegen hatte.

«Wir werden Ihre Stimme nicht als 25 Prozent gewichten, so wie es an einer Aktionärsversammlung wäre, sondern als 100 Prozent», rief Heusler der Generalversammlung in der Gellertkurve zu. Fast ging im Applaus sein Zusatz unter: «Dieser Entscheid gilt, solange wir hier tätig sind.» Es ist ein mündliches Bekenntnis, das an dieser Generalversammlung keine statuarischen Folgen hat.

«Wir setzen dieses Zeichen, ohne zu meinen, alle glücklich machen zu können», sagt Heusler. De facto bedeutet es auch, dass die jetzigen Hauptaktionäre ihre Anteile nicht an irgendwelche, möglicherweise unwillkommenen Investoren verkaufen können, ohne dass der Verein seine Zustimmung gibt.



18.06.2016; Basel; Fussball - FC Basel - Generalversammlung; Bernhard Heusler Praesident (Basel) (Urs Lindt/freshfocus)

Der Präsident mit dem Meisterpokal, dem Symbol der Basler Dominanz: Bernhard Heusler bei der Generalversammlung im St.-Jakob-Park. (Bild: Urs Lindt/freshfocus)

Wie das Prozedere der neuen Mitbestimmung der Mitglieder aussehen soll, muss noch ausformuliert werden. Konkret wollte Heusler noch nicht werden. Ihm schwebt aber ein Gremium vor, in dem unbeeinflusst von der jetzigen Clubleitung und unabhängig vom operativen Tagesgeschäft Zukunfts- und Strategiefragen erörtert und der Vereinsversammlung zur Abstimmung vorgebracht werden können.

Die Holdingsaktionäre beugen sich der Vereinsversammlung

Nach der 122. Generalversammlung verdeutlicht Heusler noch einmal die Absicht des ungewöhnlichen Schrittes: «Bei der entscheidenden Frage, wie der FCB in Zukunft geführt werden soll, bei der strategischen Ausrichtung des Vereins, werden wir die 75 Prozent genau so ausführen, wie der Verein es mit seinen 25 Prozent uns vorgibt. Der Verein bekommt damit faktisch ein 100-prozentiges Stimmrecht in dieser einzelnen Frage. Wir als Holdingaktionäre stimmen so ab, wie die Vereinsversammlung das beschlossen hat.»

Damit, unterstreicht Heusler, wolle man der Meinungsvielfalt gerecht werden. «Wir nehmen uns sicherlich die absolute Handlungsfreiheit weg, aber wir geben die Entscheidungsmacht dahin ab, wo ich von meinem ganzen Demokratieverständnis überzeugt bin, dass es am Schluss eine vernünftige Lösung gibt.»

Heusler gibt den Mitgliedern also vorderhand mehr Mitbestimmungsrecht, nimmt sie aber gleichzeitig in die Pflicht. Er sagt: «Wir nehmen die Vereinsmitglieder auch mit, um, wenn es dann reif ist, den schwierigen Entscheid zu treffen, wie es weitergehen soll.»

Mehr als eine basisdemokratische Scheinübung?

Was daraus erwächst, wird von den kritischen Geistern im FCB und seinem Umfeld abhängen. Und letztlich auch davon, welche Zugeständnisse die aktuelle Clubführung tatsächlich zu machen bereit ist. Oder ob es eine basisdemokratische Scheinübung bleibt.

«Es muss Raum haben für Kritik, Platz für Leute, die nicht zufrieden sind damit, wie es läuft. Auch wenn man angesichts der Tabelle keinen Grund hat, sich zu beklagen», sagt Heusler vor der Versammlung, er stellt aber auch klar: «Wir stehen dafür, wie der FC Basel jetzt geführt wird.»

In seinem 13-seitigen Rechenschaftsbericht an die Mitglieder, der einer Grundsatzerklärung gleicht, hat Heusler sehr differenziert die Lage des FC Basel beschrieben. Auch die Konsequenzen der Vorwärtsstrategie der vergangenen Jahre, die «rasende Entwicklung» der Einnahmen «in ungeahnter Höhe» wie allerdings auch der Kosten, die der Apparat FCB verschlingt. «Auch beim FC Basel ist in seiner komfortablen Lage nichts ein Selbstläufer», schreibt Heusler.

Was der Präsident aber auch klipp und klar festhält an die Adresse jener, die an der Ausrichtung des FCB zweifeln: «Wir von der Clubleitung werden nicht von unserer Transferpolitik abweichen.» Und: «Basisdemokratisch lässt sich ein Fussballclub nirgendwo auf der Welt führen.»

Das Rückzugsszenario für Heusler und seine Mitstreiter

Es scheint also so, als ob die Führung des FC Basel den Mitgliedern zwar die Möglichkeit einräumt, den grossen Stecker zu ziehen. In das, was Heusler und seine Mitstreiter aufgebaut haben, wollen sie sich aber nicht wirklich reinreden lassen, solange sie in der Verantwortung stehen. Folglich würde eine Abkehr von der jetzigen Strategie also den Rückzug der jetzigen Crew bedeuten.

Das ist etwas, was sich zwar noch nicht ankündigt, aber irgendwann kommen wird. Man wolle ja beim FCB nicht pensioniert werden, sagt Heusler dazu. Und das Szenario sieht er so: «Es ist kein Geheimnis, dass diese Clubleitung höchstwahrscheinlich mehr oder weniger gleichzeitig zurücktreten wird. Also ist es auch unsere Verantwortung, das rechtzeitig und professionell anzukündigen und nicht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vom Podium zu verschwinden.»

Bis dahin, empfiehlt Heusler, sollten es die Leute noch auskosten. «Wir wissen, wie aussergewöhnlich es ist, dass wir aus dem kleinen Basel mit dem kleinen FCB mit den grossen Clubs immer wieder in der Champions League wetteifern können. Geniessen wir jeden einzelnen Match, jedes internationale Spiel und geniessen wir vor allem den nationalen Wettbewerb. Die Meisterschaft ist letztlich der Markt, wo wir bestehen müssen.»

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