«Im Lenin-Mausoleum packte mich plötzlich einer am Arm»

Peter Ramseier war dabei, als der FC Basel 1970 erstmals ein Europacup-Spiel gewonnen hat. Der Verteidiger erinnert sich an den damaligen Gegner Spartak Moskau, an einen Spaziergang auf dem Moskauer Friedhof und an eine Super-8-Kamera, mit der er Orte festhielt, die er ohne den Fussball nie gesehen hätte.

Peter Ramseier und der Meisterpokal.

Peter Ramseier war dabei, als der FC Basel 1970 erstmals ein Europacup-Spiel gewonnen hat. Der Verteidiger erinnert sich an den damaligen Gegner Spartak Moskau, an einen Spaziergang auf dem Moskauer Friedhof und an eine Super-8-Kamera, mit der er Orte festhielt, die er ohne den Fussball nie gesehen hätte.

Peter Ramseier, Sie waren dabei, als der FC Basel gegen Spartak Moskau am 30. September 1970 mit 2:1 erstmals ein Europacupspiel gewonnen hat. Was sind Ihre Erinnerungen an diese Partie?
Im ersten Moment kommt mir das Tor von Urs Siegenthaler in den Sinn. Er wollte wahrscheinlich flanken, doch der Ball rutschte ihm über den Rist und somit bezwang er den Torhüter, der aus seinem Tor gekommen war. Er sagte natürlich, dass er genau gesehen habe, wo der Torhüter stand – es hat viele Sprüche gegeben nach diesem Spiel, denn Siegenthaler wusste selbst natürlich auch, dass er viel Glück gehabt hatte.

Kurz nach diesem Treffer folgte das 2:0 durch Walter Balmer. Wussten Sie zu diesem Zeitpunkt, dass das Spiel für Sie positiv ausgehen und Sie damit eine Runde weiterkommen könnten? 
Ich kann mich an das zweite Tor nicht mehr genau erinnern. Aber es sah plötzlich gut aus für uns, nachdem wir beim 2:3 im Hinspiel in Moskau ja fast unter die Räder gekommen waren. Wir hatten auswärts bis eine Viertelstunde vor Schluss «kein Brot», wie man so schön sagt. Im Rückspiel haben wir dann viel besser gespielt.

Beim 2:1 in Basel sind Sie und Eduardo Manzoni in der Halbzeit ausgewechselt worden, Spielertrainer Helmut Benthaus brachte sich selbst ins Spiel. Hatte das taktische Gründe?
Das kann ich nicht mehr genau sagen, Benthaus kam oft in der Pause ins Spiel. Ich kann mich erinnern, dass er mir und Manzoni vor dem Spiel gesagt hatte, wir sollen in der ersten Halbzeit laufen wie verrückt. Und das haben wir getan. Ich hatte ja den Übernahmen «Waffenläufer», was davon kam, dass ich dauernd das Spielfeld hoch und runter gelaufen bin.

Wer hat Ihnen den Übernamen «Waffenläufer» gegeben?
Das weiss ich nicht mehr. Vielleicht die Presse, jedenfalls stand das plötzlich irgendwo. Vielleicht im «Blick». Im Militär entstand der Übername jedenfalls nicht, ich habe nie einen Waffenlauf absolviert, das war nicht meine Art.

An was können Sie sich aus dem Spiel gegen Moskau sonst noch erinnern?
Es ist mir alles nicht mehr so präsent. Ich kann mich eher an Spiele wie das 4:0 gegen den FC Zürich Ende der Meisterschaft 1972 erinnern, das uns den Titel einbrachte.


Bericht des SRF zum 4:0-Sieg des FC Basel gegen den FC Zürich am 12. Juni 1972.

Waren nationale Meisterschaften damals wichtiger für Sie als die internationalen Wettbewerbe?
Nicht unbedingt. Es war international damals anders als heute, weil nur die Landesmeister in diesen Wettbewerben vertreten waren. Die Anzahl Mannschaften war also deutlich geringer als heute in der Champions League. Damals gab es nicht drei oder vier Mannschaften aus den grossen Meisterschaften. Mit weniger Teams konnte man auch das Pech haben, früh auf einen Grossen zu treffen, was uns ein paar Mal passiert ist.

Kannten Sie damals die Moskauer Mannschaft?
Nein, die kannten wir nicht so gut.

Konnten Sie sich verwirklichen mit dem Fussball?
Ich durfte eine schöne Karriere machen. Aber wenn Sie von Verwirklichen sprechen, muss ich doch sagen, dass damals manch einer von uns gerne Vollprofi gewesen wäre. Vom Niveau her hätte man schon ins Ausland wechseln können, aber auch in den anderen Ligen durfte nur ein Ausländer eingesetzt werden. Karl Odermatt oder Köbi Kuhn beispielsweise hätten in jeder Topmannschaft spielen können, aber die ausländischen Vereine entschieden sich damals eben, Spieler mit noch grösseren Namen zu verpflichten.

Wie haben Sie zu Ihrer Zeit die Medien wahrgenommen?
Die Belastung damals war geringer als heute. Bei uns kam doch niemand ins Training, heutzutage aber ist jeden Tag irgendwo ein Gesundheitsbericht über einen Spieler in der Zeitung. Damals konnte einer verletzt sein und am Samstag wieder spielen, davon hat dann einfach niemand gewusst. Wir waren weniger stark eingeschränkt.

Führten Sie ein unbedrängtes Leben damals in der Stadt Basel?
Wir wurden zwar schon erkannt, aber der Kontakt war fast näher mit den Leuten. Denn heute muss jeder aufpassen, was er sagt, weil in jeder Ecke einer mit dem Handy stehen und es festhalten könnte oder ein Foto in den dümmsten Momenten machen würde. Das war für uns sicherlich einfacher.

Gibt es auch Elemente des Lebens eines Fussballers von heute, die Sie gerne zu Ihrer Zeit gehabt hätten?
Was wir alle gerne gehabt hätten, ist Erholungszeit. Wir arbeiteten in unseren Jobs, gingen um 18 Uhr ins Training und kamen um 21 Uhr nach Hause. Dann hatte man eine kurze Nacht und war immer müde. Auch ist die Pflege heute sicherlich besser. Wir hatten einen einzigen Masseur, da konnte man nicht einfach kommen und sagen: Du, ich hätte gerade eine Massage nötig. Der hatte nicht Zeit für alle.

Wenn Sie nach einem Spiel wieder im Büro waren, mussten Sie da jeweils zuerst eine halbe Stunde berichten?
Es gab immer wieder Leute, die vorbeigekommen sind. Aber es ging eigentlich noch gut, denn damals war es selbstverständlich, dass man nebenher noch arbeitet.

Sie hatten keine Sonderstellung im Büro?
Nein, eigentlich nicht. Aber es war schon so, die Leute sind mit ihren Fragen gekommen. Oder mit Kommentaren darüber, wie toll wir gespielt haben, aber auch mit Kritik, wenn wir wieder einen Mist produziert haben. Von Auswärtsspielen musste ich viel berichten, denn die kamen ja nicht im Fernsehen. Aber es war damals auch in der Arbeit anders: Es gab geregelte Arbeitszeiten mit geplanten Kaffeepausen, da gab es auch nicht immer Zeit, um über Fussball zu reden. Heute sind die Leute freier.

Wie war die Erwartungshaltung der Bevölkerung damals?
Wir hatten mit Helmut Benthaus einen Trainer, der sehr erfolgsorientiert war. Er sagte immer, wir müssen gewinnen, vor allem bei Heimspielen. Damit das Publikum zufrieden ist.

Sie sind heute Abend beim Rückspiel des FC Basel gegen Maccabi Tel Aviv. Was ist Ihre Erwartung und Ihr Resultat-Tipp?
Ich hoffe, mit den anderen Ehemaligen einen schönen Abend zu erleben und tippe auf ein 3:1 für den FCB.

Die Karriere des Verteidigers Peter Ramseier, geboren am 29. November 1944

FC Basel: 1966-1978
6 Meistertitel: 1967, 1969, 1970, 1972 und 1977
2 Cupsiege: 1967 und 1975, sowie drei Finalniederlagen gegen den FC Zürich
Vor seiner Zeit beim FC Basel spielte Ramseier bei Cantonal Neuchâtel, nach seiner Aktivkarriere kurze Zeit in der 2. Liga bei Concordia Basel. Später übernahm er für mehrere Jahre den Posten des Coachs beim FC Basel, was damals das Organisieren von Reisen, Trainingslagern etc. beinhaltete und somit mit der Funktion eines Teammanagers verglichen werden kann.

Nationalmannschaft: 1968-1973
Debüt gegen 17. April 1968 in Basel gegen Deutschland (0:0)
Letztes Spiel am 22. Juni 1973 in Bern gegen Schottland (1:0)
Zu den Höhepunkten in Ramseiers Nationalmannschaftskarriere gehört das 1:1 in der EM-Qualifikation gegen England im Wembley vor über 90’000 Zuschauern.

Alle Spiele, alle Torschützen, alle Erfolge: der FC Basel im Europacup

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