Kann die grüne Karte wirklich einen beinharten Cupfight zähmen?

Am Samstag beginnt die erste Schweizer Cup-Saison, in der ein Spieler nicht nur die gelbe, nicht nur die rote, sondern auch die grüne Karte erhalten kann. Aber nur, wenn er sich auffällig anständig verhält.

Ein Gag oder eine gute Sache? Die sogenannte Green Card soll Fairplay fördern und Unfälle verhindern. (Bild: Nils Fisch)

Stellen Sie sich vor: Maihitze, 26’500 Fans im Stade de Genève, Basel gegen Sion im Cupfinal, Saisonklimax. Der Meister liegt nach einem Tor von Matias Delgado in Führung, als Traoré in der 62. Minute nachdoppelt. Doch anstatt den Treffer zu geben, entscheidet Schiedsrichter Klossner auf Freistoss. Entlastungsfreistoss statt 2:0 für den FCB.

Der Sieg geht später dramatisch an Sion. Aber nach dem Spiel erhält Traoré eine grüne Karte für Fairplay. Er hatte den Ball in der 62. Minute aus Versehen widerrechtlich mit der Hand berührt und das Schiedsrichter Klossner so mitgeteilt.

Unvorstellbar?

Genau solche Szenen soll es nach Vorstellung des Schweizerischen Fussballverbands (SFV) und einer Unfallversicherung öfters geben. Möglich macht dies die «Green Card», die im Cup seit dem Final 2017 das Reglement ergänzt und jeweils nach Spielende für besonders faire Aktionen verliehen wird.

So weit die Theorie. Noch ist die virtuelle «Hall of Fairplay» allerdings leer, Traoré hatte den Ball natürlich regelkonform ins Netz spediert und Basel ist Cupsieger.

Ein Gag?

Mit Fairplay gewinnt man keine Finals, sagen die einen. Grüne Karte? Ein Marketinggag, sagen die andern. Mal durch die Mitte gedacht: Was ist vom neuen Fairplay-Anreiz auf Schweizer Fussballplätzen zu halten?

Urs Fischer zur Green Card vor dem Cupfinal 2017:

Erst einmal darf festgehalten werden: Mit Fairplay gab es schon vor der Green Card etwas zu gewinnen. Das Amateurteam mit der fairsten Saisonleistung erhält dank der Suva Fair Play Trophy seit der Saison 15/16 einen fixen Startplatz in der ersten Runde des Schweizer Cups.

So etwa die wackeren Kicker des FC Union-Sportive Montfaucon (5. Liga), die am ersten Cup-Wochenende, ausgerüstet mit Rastas und wilden Bärten, immerhin gegen Neuchâtel Xamax aus der Challenge League antreten dürfen. Die Frauen vom FC Däniken-Grenzenbach (3. Liga) treffen sogar auf die Erstligistinnen vom FC Lugano.

So sehen Fairplay-Helden aus: Der FC Union-Sportive Montfaucon beim Gruppenbild.

«Das ist genial, wir hätten uns nichts Besseres erträumen können», sagt Montfaucon-Präsident Chaignat vor dem Spiel. In der Tat dürfte die Affiche den beiden Vereinen ein hübsches Dorffest bescheren.

Jetzt kommt als zusätzlicher Fairplay-Anreiz also die grüne Karte dazu, wobei dieser Anreiz höchstens in Anführungszeichen zu lesen ist. Denn die mit der Karte verbundene «Belohnung» kommt nicht etwa dem fairen Spieler oder seinem Club zugute, sondern dem firmeneigenen Finanzkreislauf: Pro Green Card überweist die namenstiftende Versicherung Suva 500 Franken an die Behindertenfachstelle der Schweiz PluSport, die wiederum mit den Rehabilitationskliniken der Suva zusammenarbeitet.

Eine Hoffnung?

Der Leiter des Schiedsrichterdepartements Patrick Graf glaubt trotzdem, dass eine Lobkultur faires Verhalten auf dem Platz fördert und es in der Folge zu weniger Unfällen komme. Bei 45’000 Verletzungen, die sich laut Suva auf Schweizer Fussballplätzen jährlich ereignen, wäre das natürlich eine schöne Sache.

Randnotiz: Nur jede dritte Verletzung, also 15’000 jährlich, wird durch ein Foul verursacht. Da stellt sich unvermeidlich die Frage: Wie ereignen sich eigentlich die anderen 30’000 Verletzungen?

Weiter im Text: Die Durchschnittspartie Hinterpfupf gegen Stollendorf, in der die meisten Verletzungen passieren dürften, werden auch weiterhin ohne Schiedsrichter und damit auch ohne Green Card über die Bühne gehen. Wie unerschütterlich ist Patrick Grafs Glaube an deren präventive Kraft also wirklich? Graf sagt:

«Für uns Schiedsrichter ist das jetzt auch erst einmal Neuland, wir müssen sehen, wie häufig sich das durchsetzt. Natürlich hoffe ich, dass die Karte etwas nützt. Ich halte es ausserdem für richtig, dass es da keine Sonderanreize, etwa finanzieller Art, für die Spieler gibt. In erster Linie ist das natürlich ein Zeichen für den
Sport.»

Keine Regel

Die grüne Karte wird weiterhin nicht auf dem Platz verliehen, sondern lediglich nach dem Spiel im Schiedsrichterrapport vermerkt. Ein offizieller Leitfaden, der den Einsatz der Karte vorschreibt: Fehlanzeige. Orientieren können sich die Unparteiischen an den bislang vier Vorschlägen, die User der Suva-Website bei der Versicherung eingereicht haben:

  1. Der Schiedsrichter ahndet ein vermeintliches Foul und pfeift Penalty. Der Begünstigte macht den Schiedsrichter auf den eigens verschuldeten Lauffehler aufmerksam und lässt den Penalty-Entscheid korrigieren. Das ist für mich einer grünen Karte würdig. (J.C., Horw)
  2. Ein Spieler erzielt einen Treffer per Handspiel und macht den Schiedsrichter darauf aufmerksam. (A.J., Luzern)
  3. Wenn ein Spieler bei einer Auswechslung trotz der Führung seiner eigener Mannschaft nicht vom Platz spaziert, sondern fair geht/rennt. (D.C., Wetzikon)
  4. Ein Spieler verhindert Spielverzögerungen (z.B. vorgetäuschte Krämpfe) des eigenen Teams. (D.M., Attiswil)

Keine Frage, das sind gut gemeinte Vorschläge. Doch können sie dem Realitätscheck im Schweizer Cup standhalten?

Eher nicht. Denn der Cup lebt vom Ungleichgewicht der Verhältnisse, nicht umsonst redet man stets vom Cupfight. Wenn die Grossen zu Gast sind bei den Kleinen, dann wird auf den Provinzplätzen der Schweiz gekratzt und um jeden Ball gerungen, dass es eine Freude ist. Das muss kein Votum gegen Fairplay sein. Aber fürs Handshake ist auch nach dem Spiel noch Zeit.

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