Martin Hansen: «Siege sind die einzige Medizin, die hilft»

Solange Jonas Omlin nicht wieder einsatzfähig ist, hütet Martin Hansen das Tor des FC Basel. Der 28-jährige Däne erzählt aus einem bewegten Fussballerleben, von seiner Juniorenzeit in Liverpool, wo er in einen speziellen Kosmos des Geschäfts blickte. Über seine ersten Wochen in Basel sagt er: «Es muss besser werden.»  

Martin Hansen, wie ist das mit einer so grossen Familie, wenn man als Fussballprofi oft unterwegs ist und wie Sie auch noch dauernd den Klub wechselt?

Wir haben drei Kinder, die sechs, fünf und ein Jahr alt sind, und wie Sie sich vorstellen können, ist zu Hause immer ganz schön viel los. Mein älterer Sohn und meine Tochter sind jetzt in einem Alter, wo es erste Beziehungen gibt, Freunde in der Schule und im Kindergarten. Und dann musst du sie von jetzt auf nachher wieder herausreissen. Auf der anderen Seite sprechen sie mittlerweile vier Sprachen – Dänisch, Englisch, Deutsch und Niederländisch. Sie nehmen das sehr leicht an. Und so gesehen ist dieses Leben für sie auch ein Geschenk – sie werden überall durchkommen.

Warum ist aus Ihnen ein Wandervogel geworden?

Manchmal ist es so, dass man nach guten Leistungen weiterzieht. Das war in Holland bei ADO Den Haag der Fall. Anschliessend bin ich in die Bundesliga gegangen, hab mir in Ingolstadt den Platz im Tor erkämpft, bin abgestiegen, und dann kam in den letzten Tagen des Transfer-Fensters Heerenveen wie aus dem Nichts auf mich zu. Ich wollte in einer guten Liga bei einem guten Klub spielen, weil ich damals ziemlich nahe an der A-Nationalmannschaft dran war. Deshalb habe ich das gemacht.

Auf Kosten der Familie?

Der erste Leihvertrag in Heerenveen ging über sechs Monate und ich habe die Familie in Deutschland gelassen, weil ich sie nicht schon wieder rausreissen wollte. Ich habe sie viereinhalb Monate nicht gesehen, nur über Facetime. Sie waren traurig, sie haben mich vermisst – und umgekehrt war es genauso. Aber dieses Opfer musste ich bringen, um meine Chance auf die Nationalmannschaft zu wahren. Als ich zurückkam, habe ich gesagt, das mache ich nie wieder, weil ich nicht ohne meine Familie leben kann.

Dieses Versprechen hat nicht lange gehalten.

Kurz vor Ende der Winterpause verletzte sich Heerenveens Keeper und sie riefen erneut an und sagten: Martin, wir brauchen dich. Ich liess mir zwei Tage Bedenkzeit geben und meine Frau meinte zu mir: Du weisst, was für dich richtig ist. Also bin ich noch einmal für dreieinhalb Monate zurückgekehrt. Und meine Familie blieb wieder in Deutschland. Aber jetzt bin ich hier in Basel.

Mit Ihrer Familie?

Ja. Wir haben in Liestal eine schöne Wohnung gefunden, es gibt viel Natur drumherum, das schätzen wir sehr.

Warum wurde es der FC Basel?

Ich werde oft gefragt, warum ich in die Schweiz gegangen bin. Ich habe eigentlich immer bei Klubs gespielt, bei denen es ums Überleben ging, ein ständiger Kampf. Ich habe überhaupt nichts gegen Kämpfen, aber mit dem FC Basel will ich um etwas anderes kämpfen: um Siege. Das ist der Hauptgrund, warum ich in Basel bin – ich will hier etwas gewinnen. Wenn Martin Hansen mit seiner Karriere fertig ist, dann will er eine Trophäe haben.

Sie sind vom FC Basel als klar definierte Nummer 2 hinter Jonas Omlin vorgestellt worden. Damit waren Sie einverstanden?

Ich bin vier Tage vor dem ersten Saisonspiel gekommen und habe meine Rolle im Team gekannt. Der FC Basel ist ein grosser Klub, der um die Meisterschaft und die Champions League spielt, und manchmal musst du im Fussball akzeptieren, dass die Dinge nicht nur nach deinem Wunsch laufen und auch mal einen Schritt zurück machen. Ich brachte Erfahrung aus vielen Spielen mit, bin als Nummer 2 gestartet und habe versucht, im Training zu demonstrieren, was ich kann, und zu zeigen: Ich bin da, wenn man mich braucht.

Plötzlich waren Sie nach der schwerwiegenden Muskelverletzung von Jonas Omlin die Nummer 1.

Das ist sehr schade für Jonas. Für mich war er ohne Zweifel der beste Spieler zu Saisonbeginn. Nun bin ich derjenige, auf den gezählt wird. Ich arbeite an mir und weiss, dass es besser werden muss.

Sie sind nicht zufrieden mit sich selbst?

Das ist doch klar, oder? Ein Klub wie der FCB sollte immer an der Spitze stehen, aber wir kassieren zu viele Gegentore, auch abgesehen von den sieben gegen die Young Boys. Wir erzielen auch nicht genug Tore. Dann ist es eine einfache Rechnung. Wir erfüllen die Erwartungen noch nicht.

Und der Torhüter Martin Hansen hat noch keine Big Saves vorzuweisen, keine Paraden bei unhaltbar scheinenden Bällen, um einen Sieg oder einen Punkt festzuhalten.

Das ist exakt so. Mein Job ist es, Bälle zu halten. Fertig. Aus. Ende. Auch die, bei denen man nicht vom Keeper erwartet, dass er sie hält. Das muss besser werden, genauso wie andere Dinge auch. Besser verteidigen, mehr Tore schiessen.

«Man muss den Ball auch mal aus dem Stadion raushauen.»

Warum bekommt der FCB zu viele Gegentore?

Das ist schwierig zu sagen. Wir sind nicht gut genug beim Verteidigen von Standards von der Seite. Ich hätte ein paar dieser Bälle halten müssen, gegen den FC Zürich zum Beispiel, und ich hätte es auch besser machen können beim Anschlusstreffer in Lugano. Also übernehme ich meinen Teil der Verantwortung für die Resultate, und die Jungs wissen das. Es geht einfach darum, mit allen zulässigen Mitteln den Ball zu verteidigen. Da muss man es auch hinnehmen, den Ball mit voller Wucht mal mitten ins Gesicht zu bekommen oder in den Unterleib. Das ist, was wir zu tun haben.

Und Sie finden, das bringt die Mannschaft, jeder einzelne Spieler im Moment nicht ausreichend auf den Platz?

Nicht genügend, nicht zu hundert Prozent. Und darüber sind wir uns einig innerhalb des Teams. Man muss den Ball auch mal aus dem Stadion raushauen.

Der Torhüter als Torjäger: Martin Hansen erzielt für ADO Den Haag im August 2015 den aufsehenerregenden 2:2-Ausgleich gegen Eindhoven:

Welche Rolle spielt dabei, dass die Abwehrformation häufig verändert werden musste aufgrund von Verletzungen und Sperren?

Noch mal: Es ist eine Frage der Mentalität. Und jeder im Team ist gut genug, um aufgestellt zu werden. Der FCB war es immer gewohnt, alle drei Tage zu spielen, und ich bin mir sicher, dass es dementsprechend oft Wechsel in der Startelf gab.

Aber wahrscheinlich weniger häufig in der letzten Reihe. Da hat ein Trainer doch gerne Automatismen und vier Jungs, die eingespielt sind.

Logisch ist es einfacher, wenn du immer dieselben vier Kollegen vor dir hast, das vereinfacht die Kommunikation, das Verschieben. Aber ich suche nicht gerne nach Ausreden. Wir, jeder von uns, müssen unser Spiel wieder auf ein höheres Niveau heben. Und in unserer Lage ist die einzige Medizin, die hilft: Spiele gewinnen.

Wie ist die Atmosphäre in der Garderobe nach einem Spiel wie in Bern oder auch in Lugano? Wenn der Trainer monierte, dass es nicht reicht, hinterher in der Kabine laut zu werden, und er auch auf dem Platz mehr Giftigkeit einfordert?

Da stimme ich dem Trainer zu. Auf der anderen Seite muss es stets laut sein auf dem Platz. Man muss zeigen, dass man gewinnen will, die Körpersprache muss stimmen. Aber für mich ist es auch okay, wenn es nach einem verlorenen Spiel in der Kabine laut wird. Das zeigt die Enttäuschung und Frustration über das, was gerade passiert ist. Und jeder reagiert unterschiedlich. Die einen wollen allein sein oder darüber reden, andere schmeissen eine Trinkflasche oder wollen die Tür eintreten.

«Gegen die Young Boys hatte ich Tränen in den Augen, weil ich zum ersten Mal in meiner Karriere so erniedrigt wurde.»

Was sind Sie für ein Typ? Eher der Türtreter oder einer, der reden will?

Das hängt von meiner Leistung ab. In Lugano war ich sehr frustriert, weil ich in einem entscheidenden Moment des Spiels den Ball nicht gehalten habe…

…ein Tor aus Abseitsposition des Gegners.

Das ist egal, den Ball kann ich trotzdem halten. Ich habe eine oder auch zwei Flaschen durch die Garderobe geschleudert, weil ich enttäuscht darüber war, dass ich zum gegebenen Zeitpunkt nicht liefern konnte.

Hatten Sie vor dem Spiel gegen die Young Boys je sieben Gegentore kassiert?

Nein! Ich hatte Tränen in den Augen, weil ich zum ersten Mal in meiner Karriere so erniedrigt wurde. Ich war so wütend und enttäuscht, dass ich hätte heulen können. Wir alle sind schwer im – wie sagt man auf Deutsch? – im Stolz verletzt worden.

Sie sprechen also ganz gut Deutsch.

Ein bisschen. Ich hatte es drei Jahre in der Schule, dazu kommt das Jahr in Ingolstadt. Ich verstehe alles, aber sprechen – na ja.

Und wie kommen Sie mit dem Schweizerdeutsch zurecht?

Als ich nach Basel kam, dachte ich: Wow, was sprechen die hier? Der Dialekt ist verrückt, allerdings ist das im Süden von Dänemark ähnlich. Da sage ich auch nur: Viel Glück beim Versuch, die Leute zu verstehen. In Basel komme ich aber in der Zwischenzeit langsam zurecht.

Ihr Englisch-Akzent verrät, dass Sie sechs Jahre in Liverpool verbracht haben. Wie kam es dazu?

Ich bin in Roskilde aufgewachsen, und mein Vater hatte immer etwas mit Fussball zu tun. Er war selbst Goalie, hat als Semiprofi gespielt und betreibt eine Torwartschule. Also hat er mich dazu angetrieben, auch ins Tor zu stehen. Ich bin mit knapp sechzehn zum Liverpool FC gekommen, erst eineinhalb Jahre in der Academy, dann zweieinhalb Jahre bei der Reserve. Die letzten beiden Jahre habe ich mit der ersten Mannschaft trainiert, erst unter Rafael Benitez, dann bei Roy Hodgson und schliesslich unter Kenny Dalglish.

Der 20-jährige Martin Hansen als Ersatzkeeper beim Premier-League-Spiel des Liverpool FC in bei Fulham im Mai 2011.

Was hat gefehlt zum Debüt in der ersten Mannschaft, zu einem Premier-League-Einsatz?

Ich war nahe dran, aber nicht nahe genug. Achtmal habe ich auf der Bank gesessen. Weil ich zu den Homegrown Players, also zu den Eigengewächsen zählte, war ich bei der Europa und Champions League dabei, zwar nur auf der Tribüne, aber da, falls etwas passiert wäre.

Und das Fazit dieser Zeit?

Ich war allein, draussen in der grossen Welt, mit den ersten Haaren auf der Brust und ich möchte diese Zeit gegen nichts eintauschen. Sie hat aus mir gemacht, was ich heute bin.

Wie war es beim Liverpool FC, einem der prominentesten Klubs auf diesem Globus?

Es ist eine eigenartige Welt. Die Jungs um dich herum spielen alle auf einem sehr hohen Level, sie verdienen eine Menge Geld und du siehst viele Dinge, die du sonst nicht siehst.

In welcher Hinsicht?

In jeglicher. Ich will da nicht in die Details gehen. Man erlebt jedenfalls Sachen, die einen jungen Menschen beeinträchtigen können. Aber wenn du mental stark genug bist, um die Dinge trennen zu können und zu erkennen, warum du bei diesem Klub bist und was du zu tun hast, dann ist es nicht schlecht für dich, diese Seite auch kennenzulernen.

Was beeinträchtigt einen jungen Profi in dieser Welt?

Speziell in England gibt es in der Umkleidekabine ein gewisses Gebaren. Da kommst du nicht im Jogginganzug, sondern trägst Klamotten irgendwelcher Edelmarken. Und als junger Kerl willst du es den Profis gleichtun – auch wenn du nicht dasselbe verdienst wie sie. Du willst nicht das schwache Glied in der Gruppe sein. Verstehen Sie, was ich meine?

Das heisst, man gerät als Junger also in Gefahr, mehr Geld auszugeben als man hat?

Oder man fährt ein Auto, das man sich eigentlich nicht leisten kann. Weil du auf einer Stufe mit den grossen Spielern sein willst – aber du bist es nicht. Auf der anderen Seite begegnest du auf diesem Niveau vielen Siegertypen. Sonst wären die ja nicht dort, wo sie sind. Wenn Steven Gerrard in die Garderobe kommt, spürst du das Charisma dieses Menschen. Und wenn er sagt: «Leute, hört mal zu», dann hört jeder zu. Ich fand die Begegnung mit ihm, diese Leadership und diese Aura grossartig. Es war mit die beste Erfahrung in Liverpool.

Waren Sie nur beeindruckt oder haben Sie auch etwas gelernt?

Auf diesem Niveau tun die Spieler alles Erdenkliche und mehr, um am Samstag in der Startelf zu stehen. Sie gehen in jedem Training und in jedem Spiel an Grenzen. Und wenn das Spiel nicht gewonnen wurde, haben sie in der Kabine mit Flaschen um sich geworfen, sie haben sich angeschrien. Das habe ich alles erlebt und das ist für mich das höchste Leistungsniveau im Fussball. Das bewundere ich.

«Wenn wir anfangen zu gewinnen, wird es völlig anders sein in der Garderobe, im Stadion, das wird das ganze Umfeld, die Fans, die Stadt verändern.»

Würden Sie gerne noch einmal bei einem Klub vom Format des Liverpool FC spielen?

Man hat immer den kleinen Traum in sich, für so einen namhaften Klub zu spielen. Aber jetzt bin ich stolz, ein Teil des FC Basel zu sein, und ich hoffe, dass ich noch eine Weile bleiben kann.

Stolz, auch wenn Ziele wie die Champions und Europa League verpasst wurden?

Das war eine grosse Enttäuschung, das kann man auch nicht mehr ändern, aber wir wollen es in der Super League so gut wie möglich machen und wir haben noch den Cup. Ich bin sicher, dass es nächste Saison wieder internationale Spiele in Basel geben wird. Es liegt jetzt an den älteren Spielern, voranzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehöre ich auch, egal ob als Nummer 1 oder 2.

Der Cup als letztes Ziel?

Das sage ich nicht. Ein Blick auf die Tabelle reicht, die lügt nicht. Aber so lange die Meisterschaft nicht komplett ausser Reichweite ist, werde ich nicht aufgeben. Das mag komisch klingen, wenn das jemand Schwarz auf Weiss liest, aber dieser Glaube muss so lange da sein, wie es mathematisch möglich ist. Und der Cup ist eine Chance, sich direkt für die Europa League zu qualifizieren. Im Hier und Jetzt sage ich: Es geht darum, Spiele zu gewinnen und die Mannschaft in der Liga wieder so hoch wie möglich zu bringen. Und wenn wir anfangen zu gewinnen, wird es völlig anders sein in der Garderobe, im Stadion, das wird das ganze Umfeld, die Fans, die Stadt verändern.

Sie sind in Ihrer Karriere nie für längere Zeit aufgrund von Verletzungen ausgefallen…

Ich klopfe auf Holz! Bisher bin ich verschont geblieben. Ausser, dass ich alle zehn Finger schon mal gebrochen hatte.

Haben Sie deshalb kleine Tattoos auf allen Fingern?

Die haben keine besondere Bedeutung. Ich bin ein spontaner Typ. Das Smiley ist ein Hausgemachtes, nicht die beste Qualität.

Und die Sache mit der Nationalmannschaft?

Ich war mal in der Vorauswahl, es lief eigentlich in die richtige Richtung. Und dann – tja, auch die Nationalmannschaft ist eine eigene Welt. Ich dachte mal, ich sei ziemlich nahe dran, und seither habe ich nichts mehr gehört. Nun ja, so kann ich mich jetzt voll auf den FC Basel konzentrieren und versuchen, meinen Job so gut wie möglich zu machen. Und wenn mir das gelingt, kommen andere Dinge von alleine.

Nach der Länderspielpause geht es für den FC Basel weiter mit dem Heimspiel in der Super League gegen Xamax Neuchâtel am Sonntag, 21. Oktober, 16 Uhr.

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