Mit beiden Armen zum Erfolg

Ein Unfall zwang Tobias Fankhauser im Alter von 14 Jahren in den Rollstuhl. Heute gehört er zu den erfolgreichsten Para-Sportlern der Schweiz.

Der Schweizer Tobias Fankhauser, rechts, faehrt am Individuellen Maenner H1 Strassenrennen an den Paralympics London 2012 in London, Grossbritannien, aufgenommen am Freitag, 7. September, 2012. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

(Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Ein Unfall zwang Tobias Fankhauser im Alter von 14 Jahren in den Rollstuhl. Heute gehört er zu den erfolgreichsten Para-Sportlern der Schweiz.

Tobias Fankhauser ist noch etwas «jetlagged», auch wenn man ihm das nicht ansieht. Vor knapp einer Woche ist er von der Para-Cycling-Weltmeisterschaft aus den USA heimgekehrt – mit zwei Bronzemedaillen im Gepäck. Zwei dritte Plätze im Strassenrennen und in der Team-Staffel. «Dass es so gut laufen würde, habe ich nicht erwartet», sagt Fankhauser. Und steuert seinen Rollstuhl zurück in die Wohnung.

Rückblende. Im September 2003 ist Tobias Fankhauser 14 Jahre alt, mit seiner Klasse unternimmt er einen Ausflug nach Brienz. Die Jugendlichen sind mit den Fahrrädern unterwegs, als ihnen in einer Kurve ein Reisecar entgegenkommt. Fankhauser versucht zu bremsen, rutscht aus und schlittert unter den Reisecar. Er verletzt sich dabei an der Hals- und Brustwirbelsäule und an der Hand. Fankhauser ist seit diesem Tag von der Brust an abwärts gelähmt.

Nach der Erst-Reha im Spital kommt Fankhauser ins Paraplegiker-Zentrum Nottwil. Dort werden sportliche Übungen ins Aufbauprogramm eingebunden und Fankhauser erreicht an der Pingpongplatte bald ein gutes Niveau.

Aber so richtig begeistert ist er vom Handbike, das ihm sein Trainer Paul Odermatt eines Tages hinstellt. Mit diesem handbetriebenen Liegevelo auf drei Rädern treibt Fankhauser seinen Rehabilitationsprozess voran, acht Monate nach seinem Unfall fährt er sein erstes Rennen.

Teilzeitstudent und Vollzeitsportler

Heute ist Fankhauser 25 Jahre alt, zusammen mit seinen Eltern wohnt er in Hölstein im Oberbaselbiet. Wenn er nicht gerade auf dem Rad liegt und trainiert, studiert er in Brugg Betriebsökonomie, denn: «In der Wirtschaft sind die Chancen auf einen Job gut», sagt er pragmatisch. Die FHNW kam ihm bei der Studienplanung entgegen. Er studiert dort Teilzeit, um sich hauptsächlich seinem Sport widmen zu können.

Und das tut er mit Erfolg. 15 Stunden Training investiert der Hölsteiner jede Woche in seine Karriere. Wenn im Winter die Strassen zu glatt werden, spannt er sein Rennrad zu Hause auf den Hometrainer, um in Form zu bleiben. Seine Saison umfasst rund 15 Rennen, dabei kommen neben den nationalen Trials die internationalen Rennen im Weltcup dazu.

Als absolutes Highlight seiner Karriere bezeichnet er die Paralympics 2012 in London. «Was dort abging, war unglaublich. So viele Zuschauer habe ich zuvor noch nie an einem Rennen erlebt, die Unterstützung war fantastisch.»

Fankhauser fuhr in London ein entfesseltes Rennen. Auf einer steilen Strecke erreichte er Platz zwei und damit eine Silbermedaille für die paralympische Delegation der Schweiz. Bundesrat Alain Berset überreichte Fankhauser die olympische Auszeichnung in London, noch heute ist dem Hölsteiner die Freude über diesen Erfolg anzusehen.

Aber Fankhauser hat auch die Schattenseiten seines Sportlerdaseins erlebt. Denn verglichen mit normalen Sportlern stehen Athleten mit Handicap trotz Grossanlässen wie den Paralympics nur selten im Scheinwerferlicht. «In den Medien stossen Para-Sportarten auf wenig Resonanz, meine Leistungen werden höchstens im absoluten Erfolgsfall wahrgenommen», sagt Fankhauser.

«Meine Leistungen werden höchstens im absoluten Erfolgsfall wahrgenommen.»

Handicapierte Sportler wie der Deutsche Markus Rehm, der im Juli mit einer Karbonprothese Deutscher Meister im Weitsprung wurde, müssen sich oftmals für ihren Erfolg rechtfertigen.

Fankhauser verfolgt solche Diskussionen mit gemischten Gefühlen. Ihm wäre es lieber, die Leistungen dieser Sportler stünden im Fokus und nicht die leidigen Debatten über Vor- und Nachteile einer Behinderung im Sport. «In den Medien kommt aber oftmals Mitleid oder sogar Rührung zum Ausdruck, das würdigt die Leistung jedes Behindertensportlers herab», sagt Fankhauser.

Die Olympischen Spiele 2016 als grosses Ziel

Der Hölsteiner pflegt ein freundschaftliches Verhältnis zu vielen seiner Teamkollegen und Konkurrenten, bei den meisten kennt er die Ursache für ihr Handicap. Trotzdem wird selten über das persönliche Schicksal gesprochen. «Jeder von uns kommt im Alltag gut zurecht, wir unterhalten uns lieber über die Form und Taktik.»

Fankhauser gehört mittlerweile zu den erfolgreichsten Para-Sportlern der Schweiz und ist trotzdem wenig bekannt. Beklagen mag er sich darüber aber nicht, denn sein Wille sich zu verbessern ist nicht an Bewertungen von aussen gekoppelt.

Er weiss, was er bisher erreicht hat und wohin er noch möchte. Nämlich nach Rio de Janeiro, wo die Olympischen Spiele 2016 stattfinden. Schon bevor er seinen Unfall hatte, sammelte Fankhauser Bilder und Zeitungsschnipsel zur Olympiade. «Dieses bunte Gemisch aller Disziplinen und Athleten gefällt mir, an den olympischen Spielen werden die verrücktesten Geschichten geschrieben.»

Der Vorbereitung für die Fortsetzung seiner persönlichen olympischen Geschichte steht eigentlich nichts mehr im Weg. Allerdings muss sich Fankhauser noch etwas gedulden: Die Rücksendung seines Rennrads aus den USA hat sich wegen eines logistischen Fehlers verzögert.

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Wer die Handbike Action und Tobias Fankhauser einmal live erleben möchte: In Nottwil findet nächstes Jahr vom 28. Juli bis 2. August 2015 die Para-Cycling Weltmeisterschaft statt.

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