«Pass mal auf, Vogel!»

Noch gilt Heiko Vogel beim FC Basel offiziell als Interimstrainer. Noch hat sich der Club nicht entschieden, den Deutschen mit Jahrgang 1975 offiziell zum definitiven Nachfolger Thorsten Finks zu ernennen. Doch das dürfte spätestens im Winter geschehen. Eine Annäherung an den Mann, der sich beim FCB zum neuen Cheftrainer mausert.

Pfälzer Frohnatur: Heiko Vogel, Interimstrainer des FC Basel auf bestem Weg zum Chefsessel. (Bild: Keystone/ROBERT GHEMENT)

Noch gilt Heiko Vogel beim FC Basel offiziell als Interimstrainer. Eine Annäherung an den Mann, der sich beim FC Basel zum neuen Cheftrainer mausert.

Bei einer kalten Platte und mit ausgiebig Wodka wurde Abschied genommen. In der Nacht, bevor Thorsten Fink in Richtung Hamburg entschwand, kam alles noch einmal auf einen Tisch in der «Bodega zum Strauss». Die Verpflichtung eines im Sommer 2009 noch namenlosen Trainers, die schwierigen ersten Wochen, der Schlüsselsieg in Bellinzona dank eines Elfmeters in der Nachspielzeit, das Erweckungserlebnis vier Tage später gegen die AS Roma, der Cupsieg, die Meisterschaft in der Finalissima, die Champions League, die zweite Meisterschaft. Basel schwärmte, die Fussball-Schweiz staunte. Der FCB hatte mit Thorsten Fink das grosse Los gezogen und dieser seinen oft zitierten «Sechser im Lotto» gewonnen.

Es wurde früh in der Beiz am Barfüs­serplatz, wo FCB-Vizepräsident Bernhard Heusler und Sportkoordinator Georg Heitz mit ihrem scheidenden Cheftrainer die Gläser klingen liessen. Bei aller Enttäuschung darüber, dass Thorsten Fink dem Werben des Hamburger SV erlegen war: Man ging im Guten auseinander. Die Trennung von einem Trainer in einer Phase des sportlichen Hochs ist eine seltene Ausnahme in diesem Geschäft. Im Fall von Fink war der Absprung früher oder später programmiert. Irritierend bleibt lediglich, dass er im gestreckten Galopp erfolgte, mitten in der Vorrunde, mitten in einer Champions-League-Kampagne.

Kühler Kopf in der Clubführung

Doch während die rotblaue Seele blutete und Basel zwischen Empörung und Verständnis hin und her gerissen war, behielt man in der Clubführung einen kühlen Kopf. Mit dem Übergang von Christian Gross zu Thorsten Fink hatte sich der kleine Zirkel der Leute, die alle­samt noch nie einen neuen Trainer hatten suchen müssen, bereits emanzipiert. Sie waren aus dem Schatten des Langzeittrainers getreten.

Zwar hätte Thorsten Fink die Vorrunde durchaus gerne in Basel zu Ende gebracht, wäre der HSV bereit gewesen, auf seinen Wunschkandidaten bis Weihnachten zu warten. Aber das wollte der FC Basel nicht: entweder oder. Und sie hatten eine weitere Überraschung parat; quasi einen Trumpf im Ärmel: Sie boten Heiko Vogel die Cheftrainerrolle ad interim an.Was am 13. Oktober voller Überzeugung als Zwischenlösung präsentiert wurde, entpuppt sich nur drei Wochen später als nächster Glücksfall. Einen (Pflicht-)Sieg im Cup und drei imponierende Siege in der Meisterschaft hat die Mannschaft unter Vogel eingefahren. Der FCB hat die Tabellenführung in der Super League erobert, und Heiko Vogel, dem beförderten Co-Trainer, wird viel Sympathie entgegen gebracht.

Ungewöhnlich war es, mit welcher Empathie er vergangenen Samstag nach dem 4:1 gegen die Grasshoppers vom Publikum gefeiert wurde. Sein rotblonder Schopf leuchtete im Flutlicht des St.-Jakob-Parks, als er säbelbeinigen Schrittes auf die Muttenzer Kurve zuging und seinen Namen aus vielen tausend Kehlen hörte. Ein Gänsehaut-Moment, wie er bekennt. Die Fans mögen ihn.

«Er hat alles, was ein moderner Trainer braucht»

Vogel erinnert sich daran, wie er im Spätsommer 2009 zusammen mit Thorsten Fink im Saal 12 eingeladen war, dem Treffpunkt des harten Kerns der FCB-Fans in der Breite. Das neue Trainergespann war noch keine drei Monate im Amt, der Paradigmenwechsel noch im Gang, der Saisonstart harzig. «Wir dachten eigentlich, wir bekommen auf den Latz.» Das Gegenteil war der Fall. Die Trainer erklärten ihre Philosophie, und einer, der im Saal 12 dabei war, erinnert sich, dass die Fans einem an den Lippen klebten: Heiko Vogel. «Sie haben gemerkt, dass er einen wichtigen Part in diesem Gespann hat.» Auch dieser Vogel lebt den Fussball mit jeder Ader, er ist schlagfertig, humorvoll und selbstironisch. Und er kommt deshalb gut an, weil er das «Ich-bin-überzeugt-von-mir» eines Thorsten Fink nicht wie eine Monstranz vor sich herträgt.

Noch ist es eine zarte Pflanze, die sich im Spätherbst 2011 behaupten will. «Er hat alles, was ein moderner Trainer braucht», sagt Bernhard Heusler über Heiko Vogel, und vor dem Anpfiff des Champions-League-Spiels in Lissabon lautet die Einschätzung des designierten FCB-Präsidenten: «Wir sind überzeugt von seiner Arbeit. Er bringt das, was wir erwarten. Und das ist viel.»

Den nahtlosen Übergang ermöglicht eine funktionierende Mannschaft, die Thorsten Fink in Basel hinterlassen hat. Eine Mannschaft, die auf seiner Idee von modernem Offensivfussball basiert. Dabei hat Fink von den Strukturen des FC Basel profitiert, von kurzen Entscheidungswegen, von einem Umfeld, das ihm jede Unterstützung bot, von einer Pipeline, die Talent um Talent in das Profikader spült. Und nicht zuletzt von der Symbiose mit seinem Co-Trainer Heiko Vogel.

Einer, der weiss, wie Basel tickt

Während in der Branche die Konzepttrainer en vogue sind, baut der FC Basel am Modell eines Konzeptvereins. Da braucht es nicht einen grossen, renommierten Trainernamen, sondern einen, der diese innere Struktur begreift und die sich bietenden Möglichkeiten zu nutzen weiss. Und schliesslich auch einen, der spürt, wie Basel und der FCB ticken.

Heiko Vogels Gespür für Fussball passt zu diesen Anforderungen. Der in Bad Dürkheim gebürtige Pfälzer bezeichnet es als «grosse Ehre», dass ihm der FCB diese Chance bietet. «Die ganze Führungsetage zeichnet sich dadurch aus, dass es ganz klare Vorstellungen gibt, was die Repräsentation des Vereins anbelangt und die Attraktivität des Spiels der Mannschaft. Da gibt es keine Ängste oder Bedenken – ganz im Gegenteil. Das ist alles sehr fundiert.»

Sein eigener Hintergrund ist eine aktive Karriere, die in Edenkoben bis in die dritthöchste deutsche Liga führte, er hat Sportwissenschaften in München studiert, beim FC Bayern München zehn Jahre lang von der U10 an Juniorenteams trainiert und 2005 in Köln mit dem Kommilitonen Thorsten Fink das Fussballlehrerdiplom erworben mit Abschlussnote 1,7.

Unmittelbare Verantwortung

Jetzt lernt er Cheftrainer. Gross verändert hat sich seine Fussballwelt in den vergangenen drei Wochen nicht. «Weil ich mich selbst ja auch nicht verändere», sagt Vogel. Als «wunderbar» empfindet er es, nun selbst in der unmittelbaren Verantwortung zu stehen, «selbst Dinge bewegen zu können, zu beeinflussen, seine eigenen Ideen einzubringen». Und: «Du hast keine Schulter mehr, an die du dich anlehnen kannst oder willst. Du stehst selbst an der Front und triffst Entscheidungen – das ist extrem spannend.»

Die tägliche Arbeit ist im Augenblick auf nur noch zwei Schultern verteilt: auf seinen und denen von Marco Walker, der nun in die Rolle Vogels als erster Assistent geschlüpft ist. Einer, mit dem sich Vogel blind versteht. «Ich werde es mir nicht nehmen lassen, beim Fünf gegen Zwei mitzumachen. Das könnte ich stundenlang spielen», sagt Vogel, «aber bei den grösseren Spielformen im Training muss ich schon mehr in die Rolle des Beo­bachters schlüpfen.

Nur vorsichtig hat der Cheftrainer Vogel an den Stellschrauben der Mannschaft gedreht. «Thorsten Fink hat Basel ja nicht verlassen, weil er erfolglos war, sondern weil er mit dieser Mannschaft und mit diesem Fussball Erfolg hatte. Das ist ja das Schöne an der Lage beim FC Basel.» Feinjustierungen hat Vogel bei der Posi­tionierung im Spielaufbau und im Mittelfeld vorgenommen. Beides hat der Mannschaft ganz offenbar zu etwas mehr defensiver Stabilität verholfen. «Aber ich wäre ja doof, wenn ich grossartig etwas ändern würde.»

Nicht nur mit jedem Sieg sammelt Vogel Argumente, sondern auch mit seiner Art und Weise. Wenn der bald 36-Jährige über sich redet, dann berichtet er von seiner bayrischen Wahlheimat Warngau, die für ihn «Energiequelle» ist, von Werten wie Respekt und Ehrlichkeit, und von «Toleranz, die unabdingbar ist, wenn man mit sieben Milliarden Menschen auf diesem Erdball zusammenlebt». Er erzählt von seiner Lebensgefährtin Barbara Vitz­thum («meine Sonne»), die er während seiner Zeit in München kennengelernt hat. «Sie ist diejenige, die mir den Spiegel vorhält und sich nicht zu schade ist zu sagen: Pass mal auf, Vogel! Sie ist gnadenlos ehrlich und sagt mir auch die Sachen, die ich nicht gerne hören will.» Ihr Sohn Michael Vitzthum spielte damals in der Jugend des FC Bayern. Heute versucht er sich als Profi beim Drittligisten SpVgg Unterhaching.

Konstante Laune

Der Stiefvater steht derweil in Basel auf dem Prüfstand. In einem Job, den er als privilegiert bezeichnet. «Deshalb ist meine Laune immer konstant und meistens sehr, sehr gut.» Wenn etwas neben der fussballerischen Auffassung abgefärbt hat von Thorsten Fink auf Heiko Vogel, dann ist es das positive Naturell. Das Einzige, was ihm abgeht, ist die Aura des ehemaligen Bundesliga-Profis, des Champions-League-Winners. Aber das sind Attribute, die heute im Trainerbusiness nicht mehr die ausschlaggebenden sind.

Und so verdichtet sich mehr und mehr, dass der FC Basel bei seiner Trainerevaluation bereits an einem entscheidenden Punkt angelangt ist, weit vor dem eigentlichen Stichtag im Dezember, wenn die letzte Runde des Jahres gespielt ist. Er hat mit Heiko Vogel den neuen Cheftrainer in den eigenen Reihen gefunden. Murat Yakin wird eines anderen schönen Tages am Rheinknie wieder zum Thema werden. Tag für Tag gehen Bewerbungen beim FC Basel ein, rund fünfzig, so Sportkoordinator Georg Heitz, sind es mittlerweile, «aber mit jedem Sieg werden es weniger». Heiko Vogel geniesst Rückhalt bei den FCB-Profis und in der Clubführung. «Und es ist uns nicht verborgen geblieben», sagt Heitz, «dass er nicht nur in der Mannschaft, sondern auch beim Publikum gut ankommt.»

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