Petkovic verspricht: Die richtigen Männer gibt es im Oktober

So ernüchternd die Niederlage gegen England ist, so normal erscheint sie am Tag danach. Die Schweizer Nationalmannschaft täte wahrscheinlich gut daran, ihrem latenten Hang zu ein bisschen Selbstüberschätzung zu begegnen.

Abgang aus Basel: Vladimir Petkovic mit Yann Sommer, seiner neuen Nummer 1 im Schweizer Nationalmannschaftstor. (Bild: Keystone/ENNIO LEANZA)

So ernüchternd die Niederlage gegen England ist, so normal erscheint sie am Tag danach. Die Schweizer Nationalmannschaft täte wahrscheinlich gut daran, ihrem latenten Hang zu ein bisschen Selbstüberschätzung zu begegnen.

«Es ist kein Drama, ein Spiel zu verlieren», sagt Vladimir Petkovic nach seiner misslungenen Premiere als Schweizer Nationaltrainer. Und um das zu unterstreichen, betont der 51-Jährige am Morgen danach im Swissôtel am Messeplatz, er habe «sehr gut geschlafen», zupft mit den Zeigefingern an seinen Augenrändern und meint verschmitzt: «Ich habe ein Lifting gemacht.»

An Humor und ein wenig Selbstironie fehlt es dem Nachfolger von Ottmar Hitzfeld nicht. Bloss an einem kleinen Erfolgserlebnis in seinem Startspiel, eines, das nicht ausserhalb jeder Vorstellungskraft gelegen hatte gegen ein englisches Team, das sich in Ungewissheit befindet. «Wir hätten ein Unentschieden verdient gehabt», sagt Petkovic, und führte dann in ruhigem Ton doch einige Faktoren ins Feld, warum es dafür nicht gereicht hat zum Start in die EM-Qualifikation.



Er kann auch lachen: Vladimir Petkovic, ansonsten gerne ein sehr ernsthaft dreinblickender Fussballtrainer.

Er kann auch lachen: Vladimir Petkovic, ansonsten gerne ein sehr ernsthaft dreinblickender Fussballtrainer, vor dem Anpfiff in Basel. (Bild: Imago)

Es sind vor allem die eigenen Unzulänglichkeiten, von denen sich das Team beirren liess. «Mit dem ersten Fehler ist Unsicherheit ins Spiel gekommen», hat Petkovic beobachtet, die Mannschaft habe sich zurückgezogen, eine «normale Reaktion», wie er sagt, doch sei ihr so das Spiel phasenweise entglitten. Diese Fehler, von denen einer, Gökhan Inlers Ballverlust im Zentrum, zum ersten Gegentor führte, hätten «etwas ausgelöst im Kopf».

England erfindet sich gerade neu

Dagegen wirkte die nach den Rücktritten von Steven Gerrard, Frank Lampard und John Terry verjüngte englische Auswahl kraftvoll und beflügelt: Sie erfinden sich gerade neu, mit einer Mittelfeldraute und Raheem Sterling als Kopf. Ein 19-jähriger in Diensten des FC Liverpool und nun Träger grosser englischer Hoffnungen. Schon wird der Sieg in Basel – die erste Schweizer Heimniederlage nach neun Spielen und einem 1:3 vor vier Jahren gegen ebendieses England – als Initialzündung gewertet, «um das WM-Trauma auszutreiben» («Guardian»).

Kann eigemntlich schon das Quartier für die Euro 2016 in Frankreich suchen: Roy Hodgson, Englands Nationaltrainer.

Kann eigentlich schon das Quartier für die Euro 2016 in Frankreich suchen: Roy Hodgson, Englands Nationaltrainer. (Bild: Keystone/PETER KLAUNZER)

Eigentlich kann sich England mit diesen drei Auswärtspunkten aus dem nominell schwierigsten Auswärtsspiel bereits nach einem Quartier in Frankreich für die Euro 2016 umschauen. Sich nicht zu qualifizieren, dazu bräuchte es nun schon ein Ereignis vom «Ausmass einer Kernschmelze» (noch einmal der «Guardian»).

Der Hang zur Selbstüberschätzung

Sich von Widrigkeiten beeinflussen zu lassen, einem aufsässigen Gegner, der es offensichtlich auf Konter abgesehen hatte, einem englischen Team, das bei aller Kritik an ihm immer noch genügend Argumente besitzt, zeugt davon, dass diese talentierte Schweizer Auswahl nach wie vor in einem Prozess steckt. Vielleicht ist ihr Problem, dass sie latent ein bisschen überschätzt wird – und deshalb dazu neigt, sich selbst ein bisschen zu überschätzen.

Testspiel: Mo, 17. November, in Breslau gegen Polen
Die Gruppe E in der Übersicht
Die nächsten Schweizer EM-Qualifikationsspiele
Do, 9. Oktober, in Maribor Slowenien–Schweiz
Di, 14. Oktober, in Serravalle San Marino–Schweiz
Sa, 15. November, in St. Gallen Schweiz–Litauen

Auch das ist ein Ausdruck von Reifegrad, und diesen voranzubringen, dafür ist nun die Hand des Trainers gefragt. Platz 9 im Fifa-Ranking jedenfalls, das benennt selbst der zur Demut fähige «Guardian» als «kleinen Fehler im System» der Weltrangliste. Je weniger davon künftig die Rede ist, desto grösser wird womöglich die Wahrscheinlichkeit, dereinst wirklich mal einen Grossen des Weltfussballs in einem Wettbewerbsspiel zu Fall zu bringen. Und bis dahin Slowenien, San Marino, Estland und Litauen aus dem Qualifikationsweg zu räumen.

Petkovic und die fehlende Bindung zum Team

Eine erste Woche hat Petkovic mit dem Team, mit den 23 von ihm nominierten Spielern verbracht, von denen er in Basel lediglich 13 einsetzte und auf eine dritte Einwechslung während der Partie verzichtete. Eine Woche lang stand er nun im Fokus der Berichterstattung, hat viel über sich selbst lesen können und sich bloss darüber gewundert, «dass nicht jemand geschrieben hat, um welche Uhrzeit ich zur Welt gekommen bin». Der Trainer ist sich bewusst, dass in diesen ersten sieben Tagen noch keine perfekte Symbiose mit dem Team entstehen konnte: «Es fehlt noch die Verbindung auf das Feld», räumt er ein.

Wie die kleine Systemretouche vom 4-2-3-1 zum 4-3-3 genannt wird, ist dem Nationaltrainer egal. «Es geht darum, dass die Spieler aktiv sind. Alles andere ist Interpretation.» Bevor es am 9. Oktober in Maribor gegen das ebenfalls mit einer Niederlage gestartete Slowenien weitergeht, wird es ein paar Aspekte zu überdenken geben: Die Innenverteidigung von Bergen/Djourou scheint nicht der Weisheit letzter Schluss, ebenso wie das Trio Inler/Behrami/Xhaka im Mittelfeld. Aus diesem Bereich braucht es mehr kreative Elemente – oder einen zentraler positionierten Shaqiri. Doch davon will Petkovic nichts wissen: «Er hat bei uns keine fixe Rolle wie bei den Bayern.»

Hausaufgaben für die «richtigen Männer»

Den Spielern wird er nun eine «kleine, softe Analyse» hinterherschicken. Das macht der Trainer online, mit individuellen Videosequenzen, mit denen sich jeder einzelne Spieler auseinandersetzen soll. Der ehemalige Sozialarbeiter Petkovic nennt das «eine Hausaufgabe».

Petkovic selbst wird die nächste Woche in Russland bei einem Trainerkongress der Fifa verbringen und sich dann dem ersten Doppelspieltag Anfang Oktober widmen. Dass er im Vorfeld von «richtigen Männern» gesprochen hatte, die er in der Nationalmannschaft sehen wolle, empfand er hier und da polemisch wiedergegeben. Er sagt nun trotzig: «Ich nehme das auf meine Schultern. Und wir werden im Oktober unser Gesicht zeigen.» Heisst: richtige Männer.

«Eine Niederlage ist kein Drama» – Vladimir Petkovic nach seinem missglückten Startspiel als Schweizer Nationaltrainer

«Eine Niederlage ist kein Drama» – Vladimir Petkovic nach seinem missglückten Startspiel als Schweizer Nationaltrainer (Bild: Keystone/LAURENT GILLIERON)

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