Schweizer Tag in Roland Garros

Roger Federer ohne Mühe, Stanislas Wawrinka ohne Satzverlust und Stefanie Vögele ohne Nervenflattern: Es war ein Schweizer Tag in Roland Garros.

Roger Federer hatte mit Julien Benneteau keine Mühe. Gemeinsam mit Stanislas Wawrinka und Stephanie Vögele ist Federer nun eine Runde weiter. (Bild: Keystone)

Roger Federer ohne Mühe, Stanislas Wawrinka ohne Satzverlust und Stefanie Vögele ohne Nervenflattern: Es war ein Schweizer Tag in Roland Garros.

Es sah so aus, als wären sie im Gleichschritt voranmarschiert an diesem regenfreien Freitag in Paris – Roger Federer und Stanislas Wawrinka, die Schweizer Nummer 1 und die Schweizer Nummer 2. Doch während Federer auf dem Court Central mit einem souveränen, stark herausgespielten 6:3, 6:4, 7:5-Sieg über Julien Benneteau (Frankreich) bereits seinen Platz im Achtelfinale der Internationalen Französischen Meisterschaften erstritt, rückte der im Regenchaos an der Seine arg gebeutelte Wawrinka gerade mal in die dritte Runde vor – dank eines 6:2, 7:6, 6:4-Erfolgs in der Hängepartie gegen den Argentinier Horacio Zeballos.

Schon heute muss «Stan, the Man» wieder auf einen der roten Plätze von Roland Garros schreiten, dann gefordert von einem der Aufsteiger der letzten Monate, vom schillernden Polen Jerzy Janowicz. Der nächste Gegner Federers am Sonntag ist der Franzose Gilles Simon, den Federer jüngst in Rom kurz und schmerzlos in zwei Sätzen abgefertigt hatte.

Federer, das Glückskind

Federer ist von den Irrungen und Wirrungen bei diesem herbstlichen Frühlings-Major wie ein Glückskind verschont geblieben und fand an seinem spielfreien Donnerstag sogar Zeit, mit seiner Frau Mirka und den Zwillingstöchtern zum ersten Mal überhaupt auf den Eiffelturm heraufzufahren. «Beeindruckend schön» fand der Maestro den Blick aufs unendlich scheinende Paris, da störten bei diesem ganz besonderen Unterhaltungsprogramm nicht mal Wind und Regen und empfindliche Kühle.

Tiefenentspannt wirkte der Meisterspieler anderntags auch auf dem Hauptplatz, allerdings auch, weil ihm früh klar wurde, dass die Partie gegen Benneteau kaum eine echte Nerven- und Bewährungsprobe werden würde. «Ein wirklicher Test war das nicht», sagte Federer später, «ich war mir innerlich eigentlich immer sicher, dass ich das Ding nach Hause bringen würde.»

Gegen einen verletzten Gegner

Daran änderte auch der leichte Fehlstart nichts, denn Federer kassierte gleich in seinem ersten Aufschlagspiel ein Break, geriet dann sogar 0:2 ins Hintertreffen. Aber der am Oberschenkel verletzte Franzose, zuweilen schon ein Angstgegner von Federer, hatte der kontrollierten Aggressivität des 17-maligen Grand Slam-Champions wenig entgegenzusetzen – ein ums andere Mal konnte Benneteau die Bälle vor Schmerzen gar nicht auslaufen. «Unter normalen Umständen wäre das eine ganz andere Herausforderung gewesen», erkannte Federer hinterher offen, «ich bin mir aber sicher, dass es am Sonntag nun viel schwerer wird. Das ist ja auch normal im Achtelfinale eines Grand Slam-Wettbewerbs.» Federer kann dann auch seinen 900. Sieg im Wanderzirkus landen, ein Kunststück, das vor ihm bisher nur Jimmy Connors (1247 Siege), Ivan lendl (1071) und Guillermo Vilas (924) geschafft haben.

Eine Runde dahinter

Stanislas Wawrinka hatte seine Extraschicht am Freitag zwar eine knappe halbe Stunde vor Federers Matchball-Moment erledigt, aber der 28-jährige Romand hat sein drittes Turnierspiel an diesem Samstag erst noch vor sich. «Ich wäre natürlich lieber am Donnerstag fertig geworden, um im Rhythmus zu bleiben, aber im strömenden Regen ging es halt nicht weiter», sagte Wawrinka.

Gegen Zeballos musste er gleich nach dem Neustart einige bange Minuten überstehen – drei Punktverluste beim 3:3 im dritten Satz führten sofort zu drei Breakbällen und der fatalen Perspektive, in einen längeren Abnützungskampf gezogen zu werden. Doch der Weltranglisten-Zehnte zeigte mentale Härte, glich von 0:40 auf Einstand aus, wehrte noch einen weiteren Breakball ab, ehe er zur 4:3-Führung kam. Damit war Zeballos ein geschlagener Mann, schon vor dem Matchball, den Wawrinka kurze Zeit später zum 6:4 verwandelte. «Ich bin sehr zufrieden mit dem Spiel. Besonders, wie gut ich mich in den entscheidenden Momenten verhalten habe», sagte Wawrinka, «das gibt schon Rückenwind.» Gebrauchen kann der 28-jährige den psychischen Schub auch, denn Janowicz ist in der dritten Hauptrunde jetzt ein äusserst schwer zu spielender Rivale. Der Pole hatte zuletzt auch beim Masters in Rom mit Siegen über die französischen Spieler Tsonga und Gasquet überzeugt, bevor er im Halbfinale an Federer scheiterte. «Das wird ein richtig harter Fight. Er ist ein guter Mann», sagte Wawrinka.

 

«Ich bin wirklich stolz auf mich»

(Bild: Keystone)

 Es war nicht nur ein Zwei-Tages-Spiel zwischen Regenchaos am Donnerstag und spätem Sonnenschein am Freitag. Es war vor allem eine sportliche Achterbahnfahrt durch alle Höhen und Tiefen, ein verrücktes Match, in dem Stefanie Vögele am Ende von 148 hochdramatischen Minuten zum ersten Mal in ihrer Karriere die dritte Runde eines Grand Slams erreicht hatte. 7:6 (8:6), 3:6, 8:6 gegen die Estin Kaia Kanepi – so lautete, festgehalten auf der Anzeigetafel des Court 3 im Stadion Roland Garros, das nackte und nüchterne Resultat eines Tennis-Thrillers der besonderen Art. Eines Krimis mit Happy-End für die Schweizer Nummer 2, die in jedem Fall nervlich wie eine Spitzenkraft des Wanderzirkus auftrumpfte. «Ich habe mir immer gesagt: Weitermachen, an Dich glauben», sagte Vögele hinterher, nach dem wild hin und her wogenden Marathon im roten Sand, «ich bin jetzt wirklich stolz auf mich.»

Eine grosse Verschnaufpause gibt es nun nicht für die tüchtige Aargauerin, die bereits an diesem Samstag gegen die Russin Maria Kirilenko anzutreten hat – als Aussenseiterin nicht ohne Siegchancen. Beide bisherigen Duelle gegen die Weltranglisten-Zwölfte verlor Vögele knapp in drei Sätzen, 2008 in Estoril auf Sand und 2010 in Wimbledon. Mitnehmen kann die 23-jährige in jedem Fall die Gewissheit, kämpferisch und mental auf der Höhe des Grand Slam-Geschehens zu sein. Gegen die formstarke Kanepi, die unterm Eiffelturm mit der Empfehlung eines Turniersiegs in Brüssel aufgelaufen war, holte die Schweizerin im dritten Satz sogar ein 0:3- und 1:4-Defizit auf. Später steckte sie auch den unglücklichen Spielverlust zum 6:6 weg, zwischenzeitlich hatte sie da nur noch zwei Punkte vom Gesamtsieg entfernt gelegen. Aufgeschoben war nicht aufgehoben: In der 57. Minute des dritten Satzes durfte die unermüdliche und unverdrossene Blondine dann doch über den Triumph jubeln – und ganz nebenbei über den netten Preisgeldscheck von 60’000 Euro. Ans Geld denken mag Vögele aber partout nicht: «Ich freue mich ja schon, wenn ich im Kasino 50 Franken gewinne.»

 

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