Stocker und der FCB: «Wie ein Zeichen von oben»

Der Stallgeruch im Joggeli wird wieder stärker. Marco Streller erklärt, wie die Stocker-Rückkehr mit dem Steffen-Transfer zusammenhängt und wie es ist, als Sportchef einen ehemaligen Teamkollegen zu verpflichten.

Heimwärts: Marco Streller und Valentin Stocker – hier im Februar 2014 in der Europa League gegen Maccabi Tel Aviv (3:0) – schreiben das Kapitel der Rückkehrer beim FC Basel fort.

Auf eines wollte Marco Streller am Ende eines turbulenten Mittwochs hingewiesen haben: Noch zu Wochenbeginn, nach dem Trainingsstart, habe er nichts davon gewusst, dass Renato Steffen zum VfL Wolfsburg wechseln will. Am Montag hatte Streller vor einer grossen Schar von Journalisten im St.-Jakob-Park noch erzählt, dass er in dem Job, den er noch nicht lange ausübt, gelernt habe, «dass sehr viel geredet und sehr viel spekuliert wird, und schlussendlich ist gar nichts da».

48 Stunden später war Streller in seiner Rolle als Sportdirektor des FC Basel um eine weitere kleine Lektion reicher.

Als die Wolfsburger unvermittelt mit der konkreten Anfrage für Steffen um die Ecke kamen, war man beim FC Basel schnell der Ansicht, dass man Reisende nicht aufhalten soll. Damit der FCB Steffen so kurzfristig ziehen liess, musste allerdings die naheliegende Anschlusslösung umsetzbar sein: Die Heimholung von Valentin Stocker, die quasi vom Tag an, als er 2014 Basel verliess, ein Thema war, das im Halbjahres-Rhythmus aktualisiert wurde und zuletzt an Dringlichkeit gewonnen hatte. Die Anschlusslösung lag quasi wie auf dem Silbertablett serviert bereit.

Über den Preis für Steffen lässt sich streiten. Um die drei Millionen Franken soll er Wolfsburg wert gewesen sein. Das klingt nach eher wenig angesichts der inflationären Entwicklung der Transferbeträge. Aber Wolfsburg ist nicht England, Steffen 26 Jahre alt und aktuell kein Nationalspieler, und bei allem Engagement, das er im Trikot des FCB an den Tag gelegt hat, haben die drei Tore seit Saisonstart seinen Marktwert nicht gross nach oben verschoben.

Strellers Haltung lautete: «Ich gebe Steffen nur, wenn ich Stocker haben kann.»

Am Dienstag war für Streller klar: «Ich gebe Steffen nur, wenn ich Stocker haben kann.» Die Verhandlungen mit Hertha BSC waren dann so unkompliziert, dass Streller mit leuchtenden Augen berichtet: «Es war wie ein Zeichen von oben.» Ablösefrei ist Stocker obendrein.

Plötzlich sieht das Kader des FC Basel ganz anders aus als noch kurz vor Weihnachten. Mit der Rückkehr von Fabian Frei und Valentin Stocker und nicht zu vergessen Samuele Campo wird der Stallgeruch beim Schweizer Meister deutlich wahrnehmbarer. Er verstärkt das identifikationsstiftende, rotblaue Element, das die neue Klubführung ein bisschen wie eine Monstranz vor sich herträgt.

Der Thurgauer Frei, der ab dem 15. Lebensjahr die Juniorenausbildung beim FCB durchlief, und Stocker, der als 16-Jähriger vom SC Kriens kam – sie verkörpern sowohl den Ausbildungsgedanken als auch das Basler Siegergen. Mit ihnen – und dazu dem ewigen Taulant Xhaka – könnte ein Gerüst entstehen, das den FC Basel weit in die Zukunft tragen kann. «Das ist die Idee, beide sind im besten Alter», sagt Streller, «und ihre Stellung in der Hierarchie der jetzigen Mannschaft wird sich ergeben.»

Zwei, die sich gut verstehen: Valentin Stocker und Marco Streller.

Dass Streller begeistert ist, kann man nachvollziehen. Er hat mit Stocker, der im April 29 wird, und dem gerade  29-jährig gewordenen Frei noch zusammen gespielt und gemeinsam auf dem Casinobalkon Triumphe gefeiert. Er weiss wohl am besten einzuschätzen, was der FCB von den beiden sowohl fussballerisch als auch von der Persönlichkeit her bekommt.

Die guten und die schmerzhaften Erfahrungen

Beide Spieler haben in der Bundesliga ihren Rucksack mit guten und schmerzhaften Erfahrungen gefüllt. Frei hat sich gleich zu Beginn seiner Mainzer Zeit nach der ersten längeren Verletzungs-Zwangspause zurückkämpfen müssen und hatte immer wieder Phasen, in denen er nicht Startspieler war.

Stocker kam in Berlin nach einem gelungenen Start nie mehr auf die Einsatzminuten seiner ersten Saison, als er mit zwölf Skorerpunkten (3 Tore/9 Vorlagen) half, den Abstieg zu verhindern. Mit dem Trainerwechsel von Jos Luhukay zu Pal Dardei litt sein Standing, eine Meniskusoperation tat  im Verlauf der aktuellen Saison ihr Übriges dazu, dass Stocker auf lediglich 49 Minuten in drei Bundesliga-Kurzeinsätzen kam.

Zwei, die dank ihren mit Erfahrung gefüllten Rucksäcken künftig den Karren beim FCB ziehen sollen: Valentin Stocker (links) und Fabian Frei, hier 2014 bei einem Nationalmannschafts-Zusammenzug in Feusisberg.

Stockers Satz, er habe in der deutschen Hauptstadt «trotzdem eine schöne Zeit» gehabt, ist vielsagend und es verwundert nicht, dass er nach der Vertragsunterschrift in Basel mit seinem typischen Stocker-Lächeln im Gesicht von einer «unglaublichen Befreiung» spricht: «Ich komme sehr gerne heim. Und ich komme, um wieder Freude am Fussball zu haben.»

Wenn das einer verstehen kann, dann Streller. Der kehrte 2007 zwar als deutscher Meister aus Stuttgart zurück, war dabei aber Ergänzungsspieler. Rückblickend sagt er: «Die ganz grosse Genugtuung ist das nicht gewesen. Aber als ich daheim war in Basel, ist mir das Herz aufgegangen.»

«Valentin Stocker macht im entscheidenden Moment den Unterschied.»

Marco Streller

Den Strategen Fabian Frei betitelt der Sportchef mit Attributen wie «Kontinuität», «Klasse» und «Bescheidenheit». Und er vergleicht ihn mit Benjamin Huggel, auch der ein Rückkehrer zu Beginn des aktuellen goldenen Basler Fussball-Zeitalters.

In Valentin Stocker erkennt Streller – damals nebst Alex Frei der dritte Heimkehrer – sich selbst ein wenig. Auch wenn er ihn als emotionaler wahrnimmt, volatiler auch in den Gemütsstimmungen. Und er erinnert sich: «Valentin Stocker macht in entscheidenden Momenten den Unterschied.»

Der Captain und der Traum aller Schwiegermütter: Marco Streller (rechts) und Valentin Stocker im Januar 2013 im Winter-Trainingslager in Marbella.

Für diesen Befund gibt es etliche Beispiele: Die Finalissima 2008 gegen YB, die Champions-League-Qualifikation im selben Jahr gegen Guimarães, die Finalissima 2010 in Bern, das 1:0 im Achtelfinal der Champions League gegen Bayern München im Februar 2012 oder das auf dem Weg in den Europa-League-Halbfinal oft besungene 2:2 bei Tottenham – allesamt Spiele mit Stocker-Toren.

Stocker, der auf dem linken Flügel ein giftiger, auch polarisierender Irrwisch sein konnte und neben dem Spielfeld ein Sonnyboy mit allen Attributen eines Schwiegermuttertraums, hat sich wie wenige Spieler in der rotblauen Seele der Fans verankert. Oder, wie es Streller etwas pathetisch ausdrückt: «Vali ist eine Legende.»

https://tageswoche.ch/sport/alle-maechtig-gut-aufgestellt-beim-fcb/

Bei allen sechs Meistertiteln, die Stocker mit dem FCB zwischen 2008 und 2014 holte, war Streller (insgesamt acht Meisterschaften) dabei. Und weil der Sportdirektor dadurch ein Stück weit befangen war, schildert Streller den internen Abwägungsprozess: «Wir sind so emotionslos wie möglich an die Sache herangegangen.» Um dann mit «tiefster Überzeugung» zum Schluss zu kommen: «Wir wollen Frei und wir wollen Stocker.»

Akanji und die wirtschaftliche Schmerzgrenze

Ob es bis Ende Monat weitere Transfers geben wird, ist die nächste Frage. Der Vorsatz, den der FC Basel, so Streller, gefasst hat, lautet: «Wenn, dann geben wir nur einen Leistungsträger ab.» Mohamed Elyounoussi wird mit einer ganzen Reihe von Klubs aus dem unteren Tabellenfeld der Premier League in Verbindung gebracht, doch «im Moment ist da gar nichts», so Streller.

Das kann sich jedoch schlagartig ändern (siehe oben), zumal man englischen Klubs nachsagt, gerne auf den letzten Drücker zu agieren. Somit bleibt der 31. Januar das magische Datum, auch im Fall von Manuel Akanji. Das Interesse von Borussia Dortmund ist sattsam bekannt, und auch, dass der FCB für sein Verteidigerjuwel einen hohen Preis aufruft.

Da ist eine «wirtschaftliche Schmerzgrenze», wie es Streller nennt, eingezogen worden, und es werden Beträge bis 30 Millionen Franken herumgereicht. Klar scheint, dass der FCB in diesem «Sonderfall» (Streller) nicht bereit ist, Zugeständnisse zu machen, wie er es bei Renato Steffens Wechsel gemacht hat.

«Ich gehöre nach Basel» – Fabian Frei über seine Rückkehr

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