Was bleibt den Russen von der Fussball-WM?

Fifa-Präsident Gianni Infantino lobt die WM in Russland als die «beste aller Zeiten» und auch die Medien sind voll des Lobes. Doch mit dem Schlusspfiff im Finalspiel dürften auch die Freiheiten vorbei sein, die die russische Gesellschaft in den vier Wochen genossen hat.

Buntes Treiben auf den Strassen Russlands, hier vor dem Hermitage Museum in St. Petersburg: Doch bald findet die süsse Freiheit wieder ein Ende. 

Alexej Nawalny hat in den vergangenen Jahren einiges erdulden müssen. Eigentlich sitzt Russlands bekanntester Oppositionspolitiker entweder im Gefängnis oder wird auf Demonstrationen wahlweise von Polizisten oder Ultra-Konservativen attackiert.

Nach einer weiteren 30-tägigen Haftstrafe beschrieb der 42-Jährige seine Knastbedingungen im Rahmen der Fussball-WM so: «Das Essen ist deutlich besser geworden. Es gab sogar einen Kellner aus der Polizeischule und zum Nachtisch Tiramisu! Doch das Stärkste: In jeder Zelle hängt ein riesiger Bildschirm, damit die Häftlinge Fussball schauen können. Ich ahne jetzt natürlich Euren Wunsch, hier rein zu kommen. Aber beeilt Euch! Die Anzahl der Plätze ist begrenzt und nach der WM verwandelt sich diese goldene Kutsche wieder in einen verfaulten Kürbis.»

Dieses letzte Bild spiegelt so ungefähr das wider, was Fussballfans aus der ganzen Welt in den vergangenen Wochen zwischen Moskau und Jekaterinburg erlebt haben. Eine glänzend organisierte Fussball-Weltmeisterschaft, wunderschöne Stadien, freundliche Gastgeber und eine äusserst zurückhaltend auftretende Polizei. Eine goldene Kutsche eben.

«Nichts wird von der Stimmung bleiben. Sie werden alles auseinandernehmen und zertrampeln. So sind die Leute hier.»

Gianni Infantino bezeichnete die WM als «beste aller Zeiten» und unisono ist in der internationalen Presse davon zu lesen, dass das bisher vermittelte Russland-Bild revidiert werden müsse. Aber da ist ja noch die Sache mit dem verfaulten Kürbis.

Diese in vielerlei Hinsicht rekordträchtige WM hat Russland verwandelt, das steht ausser Frage. Doch was wird davon übrig bleiben, wenn die Heerscharen von Fussballfans mit ihren Sombreros und Perücken das Land wieder verlassen haben? Werden das Leben dann freier, die Polizei hilfsbereiter, die Frauen gleichberechtigter sein? Wird sich gar politisch etwas ändern und Putin doch noch zu einem «lupenreinen» Demokraten?

Oder wird die Geschichte in drei Monaten vergessen sein und eine junge Russin Recht behalten, die sagte: «Nichts wird von der schönen und positiven Stimmung bleiben. Sie werden alles auseinandernehmen, es zertrampeln und zerstören. So sind die Leute hier.»

Ungewohnte Volksnähe: Russische Polizisten schauen sich mit Pasanten den Viertelfinal zwischen Russland und dem späteren WM-Finalisten Kroatien an.

Russland hat sich in den vergangenen vier Wochen wirklich von seiner besten Seite gezeigt. Die Austragungsstädte hatten sich herausgeputzt, alles war noch auf den letzten Drücker fertig geworden. Fast zwölf Milliarden Euro hat das gekostet, 220’000 neue Arbeitsplätze sind entstanden.

Wie immer in Russland wurde eine Grossveranstaltung genutzt, um dem Land einen Modernisierungsschub zu verpassen und es mit einem Schlag für die Zukunft fit zu machen. Dann sind eine Million Ausländer durch das Land getingelt und haben selbst Städte wie Saransk oder Wolgograd in eine Dauerparty-Zone verwandelt.

Eine Flut von Fotos in den sozialen Medien hat dem lange unterbelichteten Land ein völlig neues Image gegeben. Die Russen selbst haben das alles mit einem Staunen wahrgenommen, wohl auch ein bisschen über sich selbst.

In der populären und eher regimekritischen «Gazeta» hiess es dazu:

«Wir haben gesehen, wie der Zauber des Fussballs, die Anstrengungen der Menschen, die ehrlich und gut, immer an der Grenze ihres Möglichen, ihre Arbeit machten, in einem Augenblick das ganze Land zu verwandeln vermocht haben.»

In Bezug auf den stets auch ein wenig bewunderten «Westen» könne Russland nun aus diesem Spiegel heraustreten, in dem immer alles so aussieht, «wie bei ihnen» und man könne in Russland anfangen zu leben «wie bei uns». «Wir haben dieser Tage alle erlebt, was für ein gewaltiges Doping der Fussball sein kann.» Nun sei die Hoffnung gross, dass nach dem Turnier sich auch die Infrastruktur, der Dienstleistungssektor und der Charakter der Sicherheitskräfte verbessern könnte.

Das Tragen von extravaganter Kleidung ist plötzlich normal

Es ist vor allem der massenhafte Kontakt zwischen Russen und dem Rest der Welt, der nach Jahren der Propaganda von allen Seiten weitreichende Folgen haben könnte. So schrieb beispielsweise der Wirtschaftsexperte Igor Nikolajew in einem Blog-Eintrag für das unabhängige Radio Echo Moskau:

«Wir sollen glauben, dass diese Leute Vertreter von Ländern sind, die Russland schaden wollen? Unsinn. Und dann stellt sich tatsächlich die Frage: Warum sollten wir uns dann in dieser ‹Festung› einsperren, die tatsächlich von niemandem belagert wird?»

Und Journalist Andreij Perzew stellte im wirtschaftsliberalen «Kommersant» über die Atmosphäre der Freiheit und Entspannung während der WM fest:

«Das freundliche Auftreten der Polizei und der Behörden vermitteln das Bild von einem anderen Russland. Es scheint nun völlig normal, dass die Polizei gestrandeten Menschen hilft, anstatt sie zu inhaftieren. Auch das Tragen von extravaganter Kleidung scheint jetzt gerade genauso normal, wie dass es nicht überall Zäune und Absperrungen gibt. Die Begeisterung der Russen für diese neu gewonnene Nachsicht ist das deutlichste Zeugnis, dass wir wirklich nicht genug Freiheit haben.»

Dokumentarfilmerin Julia Melamed jubilierte in ihrer Kolumne in der regierungskritischen Gazeta:

«Lieber Gott, wir sind ein Teil der Welt! Diese Weltmeisterschaft zeigt: Wir sind gesund, jeder liebt uns, wir lieben alle.» Und: «Diese Erfahrung der Freude und Einheit, des Gefühls, Teil von Europa zu sein, wird nicht einfach weggehen. Sie wird bleiben und Veränderungen verursachen. Vielleicht sogar revolutionäre Veränderungen. Revolutionen passieren nicht auf den Strassen, sie passieren in unseren Köpfen.»

Diesen Optimismus teilen in Russland allerdings längst nicht alle. Vor allem Analytiker des politischen Systems glauben, dass das positive und weltoffene Image rund um die WM nur eine begrenzte Wirkung auf die politischen Verhältnisse in Russland haben kann. Die Welt der Politik und die Welt des Fussballs sind voneinander getrennt.

Und Russlands internationale Marginalisierung wird nicht durch eine Fussball-WM definiert, sondern durch die Annexion der Krim, durch den Krieg in der Südostukraine, durch Einmischung in die US-Wahlen. Und diese Dinge werden sich auch nach der WM nicht in Luft aufgelöst haben.

Die Erfahrung der russischen Polizei mit den ausländischen Besuchern könnte Gold wert sein.

Für die Russen selbst werden einige Freiheiten, die sie jetzt noch geniessen können, mit dem Schlusspfiff des Endspiels vorbei sein. Beim Besteigen von Strassenlaternen, Trinken von Alkohol oder dem halbnacktem Tanzen in der Öffentlichkeit drohen dann wieder Ordnungskräfte mit übertriebener Rustikalität einzuschreiten.

Die russische Polizei hat während des Turniers lediglich ihr Verhalten an die Scharen von Ausländern angepasst, die mit den lokalen Gesetzen nicht vertraut sind. Wenn man versucht hätte, streng alle russischen Gesetze durchzusetzen, hätte das ausgesehen wie in einem Polizeistaat. Und genau das sollte ja vermieden werden.

Allerdings könnten die Erfahrungen der letzten Wochen auch an den Polizisten selbst nicht spurlos vorbeigegangen sein. So glaubt zum Beispiel der politische Analytiker Baunow vom Moskauer Carnegie-Zentrum, «dass die Erfahrung der russischen Polizei mit einer glücklichen, anarchischen Menge, die jedoch nicht gewalttätig oder bedrohlich ist, einigen Offizieren etwas über die Kontrolle von Menschenmengen vermitteln und ein neues Vertrauen zwischen Massen von Bürgern und der Polizei schaffen könnte.»

Der Glaube an wunderbare Erinnerungen

Goldene Kutsche oder verfaulter Kürbis – welchem dieser Bilder Russland durch die Fussball-WM näher gekommen ist, das wird sich erst in ein paar Monaten zeigen. Bis dahin bleibt die Hoffnung auf eine nachhaltige Wirkung des russischen «Sommermärchens».

«Vielleicht wird die Freundlichkeit bleiben», sagt eine junge Russin auf dem roten Platz. «Alle sind hier in den letzten Wochen so positiv gewesen. Gute Dinge kann man nicht so schnell vergessen. Wir werden uns sicher lange an diese wunderbaren Wochen zurückerinnern.»

https://tageswoche.ch/form/portraet/gianni-infantino-muss-nur-noch-kurz-die-welt-retten/

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