Von akademischen Höhen ins pralle Leben – eine Geschichte über Fernweh, Fussball und Porto

Eigentlich wollte Georg Bucher sich 1985 nur ein paar schöne Tage unter der Sonne des Südens machen. Dann ist er hängen geblieben in Portugal. Für die TagesWoche beschreibt der Journalist und profunde Kenner der iberischen Fussballszene in einer kleinen Serie Porto und seinen Fussballclub. Als Einstimmung auf das Champions-League-Spiel in Basel.

Eigentlich wollte Georg Bucher sich 1985 nur ein paar schöne Tage unter der Sonne des Südens machen. Dann ist er hängen geblieben in Portugal. Für die TagesWoche beschreibt der Journalist und profunde Kenner der iberischen Fussballszene in einer kleinen Serie Porto und seinen Fussballclub. Als Einstimmung auf das Champions-League-Spiel in Basel.

Das ist kein Wunder. So klang es auf Englisch im Flugzeug der portugiesischen Kompagnie TAP. Das Lied begleitete mich im Oktober 1985 von Luxemburg nach Faro. Eine paradoxe Einstimmung auf das Land der tausend Wunder. Stockfisch und Rotwein an Bord liessen die Vorfreude steigen. Kurzweil unter der Sonne statt Regen und Kälte in Mitteleuropa war angesagt. Sechs Monate später sollte es zurückgehen.

Doch schon nach Weihnachten beschloss ich, das Ticket verfallen zu lassen. Gedanken an Theologie, an Kirche und Universität, die meinen Alltag geprägt hatten, waren verblasst. Hermann Hesses «Kunst des Müssiggangs» diente als Inspirationsquelle. Die spürbare arabische Vergangenheit der Algarve übte ihren Reiz aus.

Bald wurde das Adorno-Buch «Minima Moralia» zur Seite gelegt, es passte nicht zur neuen Leichtigkeit des Seins. Fast täglich geschahen Wunder, auch blaue. Um halbwegs auf dem Boden zu bleiben (oder nicht zu versumpfen?), gab ich einer Wirtin Sprachunterricht und half befreundeten Fischern dabei, Touristen die Meeresgrotten zeigen zu können. Alles war auf den Tourismus ausgerichtet, bis der Winterschlaf einsetzte, den es inzwischen nicht mehr gibt.

Mich zog es nach Lissabon, in eine andere Welt. Die Metropole dämpfte den Hedonismus schnell, weiter ging es in die Universitätsstadt Coimbra. Spannender als die Akademie auf den Höhen war allerdings das pralle Leben in der Unterstadt. Kontakte zu Angolanern weckten Neugier, die portugiesische Geschichte in den afrikanischen Kolonien zu studieren.

Wie Porto zum journalistischen Ausgangspunkt wurde

Unterdessen entdeckte ich ein altes Steckenpferd wieder, den Journalismus. Texte über Tourismus und Kultur fanden Abnehmer, 1989 begann die Mitarbeit in der NZZ-Sportredaktion mit einem Text über Carlos Queiroz, den Schmieden der goldenen Fussballer-Generation in Portugal. Figo, Rui Costa, Joao Pinto und Fernando Couto waren Protagonisten.

In Begleitung eines NZZ-Redaktors sah ich sie später im Qualifikationsspiel gegen die Schweizer A-Nationalmannschaft in Porto. Die Stadt gefiel mir auf Anhieb. Als auch Berichte über den spanischen Fussball gewünscht waren, verlagerte sich der Lebensschwerpunkt nach Norden. Reisen ins Nachbarland vertieften die Kenntnisse. Hinzu kam Brasilien. Vor der WM 1998 standen Rio de Janeiro und das Trainingszentrum der brasilianischen Nationalmannschaft in Teresopolis auf dem Programm – ein unvergesslicher Trip.

Porto aber blieb künftig der Ausgangspunkt. Daran konnte meine Schwäche für Benfica Lissabon nichts ändern. Ihr zugrunde liegt eine Bewunderung des 2014 verstorbenen Eusebio da Silva Ferreira. Die Meinung, der «schwarze Panther» sei ein Naturtalent gewesen, insofern Lionel Messi vergleichbar, während Cristiano Ronaldo den Status als Weltstar vor allem harter Arbeit und weniger seinem Talent verdanke, empfinden manche Portugiesen als Provokation.

Eine gebeutelte Stadt und ihre Reize

Gerade in Porto. Die frühere Industriestadt mit ihrer Arbeitskultur wurde von der Globalisierung hart getroffen und verzeichnet eine hohe Erwerbslosigkeit. Hoffnungen ruhen auf dem Tourismus. Dank Billigflügen ist die Gästezahl in den vergangen Jahren ständig gestiegen. Fachzeitschriften empfehlen einen Besuch in Porto und erteilen der Stadt und ihrem Umfeld bessere Noten als der klassischen Ferienregion Algarve.

Attraktiv ist die Vielfalt des Angebots in Porto. Abseits der Ribeira-Zone, die zum Weltkulturerbe gehört, isst man gut und preiswert, vor allem oberhalb der Clerigos-Kirche im alten Universitätsviertel, dessen Häuser skandinavisches Flair verströmen.

Schnell geht es mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder günstigen Taxis zu den Stränden. Richtung Matosinhos, wo der weltbekannte Architekt Alvaro Siza Vieira ein Schwimmbad in Felsen zeichnete. Richtung Süden zwischen Porto und Espinho lockt die Fischersiedlung Aguda mit einem weitläufigen und sauberen, kaum frequentierten Strand. In der Hafenstadt Matosinhos gibt es einen grossen Fischmarkt und teils urige, teils edle Restaurants. Dort spielt im Stadion des Meeres der Zweitligaclub Leixoes, der schon bessere Tage gesehen hat.

Der März, die Mandelblüte und das Duell im Dragao

Im Februar, manchmal erst im März, ist die Mandelblüte ein touristisches Highlight der Region. Deshalb werden auf der Strecke nach Pinhao und Regua entlang des Douro Sonderzüge eingesetzt. Der Fluss trennt Porto von der kaum kleineren Stadt Vila Nova de Gaia, die zahlreiche Portwein-Kellereien vorweisen kann. Im Distrikt liegt auch das Trainingszentrum des FC Porto, der Olival.

Vor der Heim-EM 2004 wurde in Portos östlichem Quartier Campanha das Estadio do Dragao nach dem Entwurf eines Lissabonner Architekten errichtet. Die Arena verdankt ihren Namen dem Clubsymbol, einem Drachen, und ist mit der Metro verbunden. Im Dragao wird am 10. März die Entscheidung fallen, wer in die Viertelfinals der Champions League einzieht – der FC Porto oder der FC Basel.

Lesen Sie morgen: Der FCP – Fast eine Synthese zwischen Stadt und Club

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Wie es zur Serie kam: Ein Beitrag im Mittendrin-Blog

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