Von Frank und Fritzli bis Arnold Gjergjaj – Schweizer Glanzpunkte im Profiboxen

Die Galerie der Schweizer, die um internationale Titel boxten, ist eher überschaubar. Aber voll denkwürdiger Namen und Geschichten.

Der ehemalige Europameister im Fliegengewicht Fritz Chervet (links) gewinnt 1974 in Genf bei seinem Comeback, in einem hart geführten Kampf, gegen den Spanier Mariano Garcia über zehn Runden nach Punkten.

(Bild: Keystone/Str)

Die Galerie der Schweizer, die um internationale Titel boxten, ist eher überschaubar. Aber voll denkwürdiger Namen und Geschichten.

Frank Erne durfte sich 1896 als erster Schweizer Box-Weltmeister nennen.

Frank Erne durfte sich 1896 als erster Schweizer Box-Weltmeister nennen.

Der erste Schweizer Abdruck, der in der Boxwelt Eindruck hinterliess, ist immerhin knapp 120 Jahre alt. Frank Erne startete am 27. November 1896 unter amerikanischer Flagge, als er im Broadway Athletic Club in Manhattan mit George Dixon den amtierenden Champion im Federgewicht forderte.

Anfang 1875 in Döttingen, Kanton Aargau, als Erwin Erne geboren, war er mit seinen Eltern als Kind nach Buffalo im US-Staat New York ausgewandert. Dort wurde er mit 17 Jahren Profi, zu einer Zeit, als das Preisboxen an der Ostküste offiziell noch verboten war. Und dann diese Chance, kurz nach Erlass der «Horton Law», das Boxkämpfe in New York unter bestimmten Voraussetzungen wieder legalisierte: Der erste Titelkampf eines gebürtiger Schweizers. 

Das war alles andere als ein Spaziergang. Erne trat gegen George Dixon an, den erklärten Liebling von Promoter Tom O’Rourke, seinerzeit der allmächtige Impresario des populären Athletic Club. Aber genau hier, an der heutigen Ecke 8th Street und Broadway, wurde dem überlegen boxenden Herausforderer Gerechtigkeit zuteil. Nach 20 fulminanten Runden erkannte man ihm den Punktsieg über den dunkelhäutigen Kanadier zu, der «Little Chocolate» genannt wurde.

Mit seiner flinken Rechten brachte es Frank Erne ziemlich weit.

Mit seiner flinken Rechten brachte es Frank Erne ziemlich weit.

So durfte sich Erne vier Monate lang Weltmeister im wenig beachteten Limit nennen, bis Dixon am 24. März 1897 an gleicher Stelle erfolgreich Revanche nahm: Nach 25 Runden hatte er den verlorenen WM-Titel ebenso unstrittig durch ein Punkturteil zurückerobert.

Der tapfere Mr. Erne war für seine agile Führhand bekannt, er setzte den Jab aktiver und strategischer ein als das Gros seiner Konkurrenten. Das half ihm, auch in höheren Gewichtsklassen ganz oben mitzumischen. Am 3. Juli 1899 eroberte er in Buffalo mit einem Punktsieg (20 Runden) über George «Kid» Lavigne den Titel im Leichtgewicht. Er verteidigte den Gürtel zweimal erfolgreich und verlor ihn am 12. Mai 1902 in Fort Erie, Kanada, durch K.o. in Runde 1 an den legendären Joe Gans.

Neun Monate zuvor, im September 1901, war er an gleicher Stelle in Runde 9 vorzeitig an Jim «Rube» Ferns gescheitert, am Weltmeister im Weltergewicht. Als Erne 1908 mit 33 Jahren vom aktiven Sport zurücktrat, hatte er insgesamt 53 Kämpfe absolviert und dabei sieben Mal um den höchsten Titel geboxt – bis heute Schweizer Rekord.

Schweizer und Titelehren – eine Seltenheit

Danach hagelte es nicht gerade eidgenössische Anwärter um grosse Titel. Wenn überhaupt, passierte eher in den niedrigeren Gewichtsklassen Denkwürdiges. 1935 etwa konnte der Genfer Maurice Dubois Europameister im Bantamgewicht werden und drei Jahre später, im Februar 1938, in seiner Heimatstadt so etwas wie einen WM-Kampf im Federgewicht austragen. Sein Vergleich mit dem Franzosen Maurice Holtzer (Remis nach 15 Runden) wurde jedoch nur von der global wenig beachteten IBU (International Boxing Union) anerkannt. In den meisten Rekordbüchern wird der Termin als EM-Kampf festgehalten.



In seiner Heimatstadt Genf konnte Maurice Dubois (rechts) 1935 den Italiener Gino Cattaneo nach Punkten bezwingen.

In seiner Heimatstadt Genf konnte Maurice Dubois (rechts) 1935 den Italiener Gino Cattaneo nach Punkten bezwingen. (Bild: hotsdesign.ch)

Jahrzehnte später kam dann der grosse Moment für den kleinen Fritz Chervet. Zweimal forderte die «Berner Fliege» zwischen Mai 1973 (in Bangkok) und April 1974 (in Zürich) den thailändischen WBA-Champion Chartchai Chinoi. In der ersten Auflage musste Chervet mit einem Cut an der Augenbraue nach vier Runden passen. In der zweiten forderte er den Weltmeister im Zürcher Hallenstadion über volle 15 Runden in grandioser Manier; der Punktsieg für Chinoi war nicht einstimmig.



Der ehemalige Europameister im Fliegengewicht Fritz Chervet (links) gewinnt 1974 in Genf bei seinem Comeback, in einem hart geführten Kampf, gegen den Spanier Mariano Garcia über zehn Runden nach Punkten.

Der ehemalige Europameister im Fliegengewicht Fritz Chervet (links) gewinnt 1974 in Genf bei seinem Comeback in einem hart geführten Kampf gegen den Spanier Mariano Garcia über zehn Runden nach Punkten. (Bild: Keystone/Str)

Bis heute ist davon ein persönlicher Nimbus geblieben: So nah wie «Fritzli», heisst es, sei seither kein Schweizer mehr an die höchste Weihe im Profiboxen heran gekommen.

Das hiesse allerdings, Mauro Martelli zu vergessen. Der technisch so versierte Weltergewichtler aus Lausanne ging zum 14. Oktober 1988 in seiner Heimatstadt über die volle Distanz, bevor er dem jamaikanischen IBF-Champion Simon Brown nach Punkten unterlag – ein Urteil, das im Patinoire de Malley mit Pfiffen quittiert wurde. Ein Jahr darauf stand Martelli hingegen keine zwei Runden gegen WBA-Weltmeister Mark Breland, den US-amerikanischen Olympiasieger von Los Angeles 1984.

Und dann war da noch Enrico Scacchia, der von 1981 bis 1991 zwischen vier Gewichtsklassen und zwei Nationen rochierte: Unterlegener im EM-Kampf im Halbmittelgewicht gegen Said Skouma (1985) sowie im EM-Kampf im Halbschwergewicht gegen Alex Blanchard (1987), dafür später noch italienischer Meister im Supermittelgewicht.



Enrico Scacchia (links) im EM-Kampf im Supermittelgewicht gegen Said Skhouma, 30 November 1985 in Genf. 

Enrico Scacchia (links) im EM-Kampf im Supermittelgewicht gegen Said Skhouma, 30 November 1985 in Genf.  (Bild: Keystone/Jean-Guy Python)

Dagegen taten sich die Schwergewichtigen traditionell schwer. Man muss schon das 1979 eingeführte Cruisergewicht hinzunehmen, um einen Schweizer Aspekt auf internationaler Ebene auszumachen. Dann ist vor allem von Stefan Angehrn die Rede, dem eigenwilligen Selbstvermarkter aus Schaffhausen, der 1996 (Hannover) bzw. 1997 (Zürich) dem Berliner Ralf Rocchigiani in zwei Anläufen auf den WM-Titel der WBO unterlag. Vor allem im ersten Duell zeigte sich Angehrn boxerisch ebenbürtig; wenn überhaupt, mangelte es allenfalls am nötigen Punch.



Zürich, 26. April 1997: Stefan Angehrn nach verlorenem Fight gegen Ralf Rocchigiani aus Deutschland.

Zürich, 26. April 1997: Stefan Angehrn nach verlorenem Fight gegen Ralf Rocchigiani aus Deutschland. (Bild: Keystone/Jürg Müller)

Ausserdem ist Nuri Seferi aus Burgdorf zu nennen, wie Arnold Gjergjaj Schweizer mit albanischen Eltern. Im Juni 2010 brachte er es nach mehreren Anläufen immerhin zum WBO-Europameister, indem er in Wien den unbezwungenen Sandro Siproshvili auspunktete. Auf vier erfolgreiche Titelverteidigungen folgte Anfang 2015 die Punktniederlage gegen Krsysztof Glowacki.

Die Schweiz höchstens beliebt als Austragungsort

In der Königsklasse dagegen war die Schweiz bis dato höchstens Ort des Geschehens. So wie zum Boxing Day an Weihnachten 1971 in Zürich, als Muhammad Ali in sieben einseitigen Runden den Hamburger Jürgen Blin zerstörte. Oder wenn Wladimir (2012) und Vitali Klitschko (2009) in Bern ihre Überlegenheit gegen US-Profis demonstrierten.

Dann trat der russische Box-Gigant Nikolai Valuev in Basel gegen Jameel McCline an (2007), ein Kampf der mit Verletzungsabbruch in der zweiten Runde ebenso zur Farce wurde wie Valuevs Auftritt ein Jahr später in Zürich gegen die alternde Legende Evander Holyfield.

Mit dem Duell am Samstag zwischen Ex-Weltmeister David Haye und Arnold Gjergjaj dagegen könnten sich die Verhältnisse umkehren: Falls der ungeschlagene Aussenseiter aus Pratteln in der Londoner O2-Arena für eine Sensation sorgen kann, wird seine Heimat umgehend zum Hot Spot im Schwergewicht – und ein Schweizer wäre darin ein wichtiger Akteur.

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