«Wie viel ­Bernhard Russi erträgt es?»

Am Wochenende startet in Sölden der Skiweltcup. Zeit für ein Gespräch mit Bernhard Russi, der der Nation seit 1978 am Fernsehen die Ski-Welt erklärt.

«Das Sich-selbst-Erkennen ist zeimlich heikel.» Bernhard Russi, Schweizer Skilegende, TV-Kommentator, Pistenbauer und Werbefigur. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Am Wochenende startet in Sölden der Skiweltcup. Zeit für ein Gespräch mit Bernhard Russi, der der Nation seit 1978 am Fernsehen die Ski-Welt erklärt.

Zehn Sekunden braucht er. Höchstens. Dann hat Bernhard Russi alle im Sack. Nach Basel gekommen ist der 64-Jährige, um im Schaulager dem Sportmuseum Schweiz zum einjährigen Geburtstag zu gratulieren. Und er weiss, wie er Menschen für sich einnimmt. Ex-FCB-Spieler Benjamin Huggel, auch als Gast anwesend, lädt er gleich zum Skifahren nach Andermatt ein: «Magst du Tiefschnee?»

Bernhard Russi

Einer der weltbesten Abfahrer seiner Zeit und Werbepionier in seiner Sportart – das verbindet man mit dem am 20. August 1948 in Andermatt geborenen Skirennfahrer. Gold in der Olympia-Abfahrt von Sapporo 1972 und zwei WM-Titel krönen sein Pal­ma­rès, dazu kamen zehn Weltcupsiege.Der gelernte Bauzeichner beendete 1978 nach einem 14. Platz in der WM-Abfahrt von Garmisch-Partenkirchen seine sportliche Karriere, um als TV-Kommentator, als Pistenbauer auf allen Hügeln dieser Skiwelt und als Werbe-Figur bis zum heutigen Tag gefragt zu bleiben. Das alles macht Russi zu einer der prominentesten Persönlichkeiten der Schweiz.
www.bernhardrussi.ch

Für die restlichen Gäste reiht er witzig, jovial, immer selbstironisch eine Anekdote an die andere. Wie er 1972 am Morgen der olympischen Abfahrt vor Nervosität die Zahnbürste nicht halten konnte. Wie er als Skirennfahrer einst von alt Bundesrat Adolf Ogi in dessen Funktion als Skitrainer zum Training auf einem Bahnhofplatz verknurrt wurde. Und wie er 1979 einen Jaguar hätte erhalten sollen, um im Gegenzug für die Marke «British Leyland» Werbung zu machen, schliesslich aber in einem Su­baru nach Hause fuhr.

Seit 1976 ist er eine Werbefigur, seit 1978 Kommentator des Schweizer Fernsehens. Zu einem grossen Teil lebt Bernhard Russi seit seinem Rücktritt 1978 davon, Bernhard Russi zu sein. Dazu gehört auch professionelle Medienarbeit. Und so setzt sich Bernhard Russi nach fast zwei Stunden auf dem Podium noch in einen Nebenraum des Sportmuseums, um endlich mal zu erklären, was das sein soll: aggressiver Schnee.

Bernhard Russi, wir sind im Sportmuseum. Kommt Ihnen zwischen all diesen Erinnerungsstücken der Gedanke: Früher war es halt einfach besser?

Nein, nie. Alle Sportarten, die ich eng verfolge, Ski, Tennis, Golf, Fussball, begeistern mich je länger, desto mehr. Ich finde, es ist gut, wenn man Tradition richtig einschätzt. Man soll nicht verniedlichen, aber auch nicht überschätzen. Man soll ästimieren, wie ein Kübler und ein Koblet Velo gefahren sind. Und was heute passiert als etwas Eigenes akzeptieren.

Trotzdem klingt es einfach viel spannender, wenn man Ihnen und Ihren Anekdoten zuhört, als wenn ein heutiger Sportler erzählt. Liegt das schlicht daran, dass Ihre Karriere dreissig Jahre zurückliegt – und Sie darum frei erzählen können?

Genau. Ich bin mir sicher, dass in dreissig Jahren ein heutiger Sportler hier sitzen und Geschichten erzählen kann – und wir werden wieder staunen. Ich glaube auch, dass heute weniger rausgeht als früher … Wobei, halt, nein, das stimmt nicht. Heute geht mehr raus als früher. Damals konnte man ruhig einmal über die Schnur schlagen, da waren auch die Journalisten involviert und man hatte gemeinsam eine Fete. Da hatte keiner ein Handy dabei, keiner einen Fotoapparat oder ein Tonbandgerät.

Das hat sich heute massiv geändert. Sportler sind ständig unter Beobachtung.

Die Medien heute sind vielfältiger, der Konkurrenzkampf ist da. Und ausserdem ist der Sport immer mehr zum Boulevard-Thema geworden. Wobei ich Boulevard nicht negativ meine – für mich ist Boulevard das, was am Stammtisch das Gesprächsthema ist. Ich finde es auch gut, dass es so ist. Aber das bedeutet, dass Spitzensportler, die auf der Bühne stehen, auch über einiges hinweg-sehen müssen, was berichtet wird.

Das heisst, Sie und Ihre Konkurrenten waren früher nicht die wilderen Hunde?

Es mochte einfach mehr leiden. Was sich auch geändert hat ist die Qualität der Trainings. Heute kann man etwas in zwei Stunden machen, wofür man früher zehn Stunden hätte trainieren müssen.

Sind die Fahrer von heute deswegen so schnell geworden, dass man die Pisten entschärfen muss? Zum Beispiel das Ziel-S in Wengen?

Schneller wurde der Skirennsport ja nur in den langsamen Passagen, in den engen Kurven. Das ist materialbedingt. Schon wir sind am Lauberhorn 140 Stundenkilometer gefahren. Die Spitzengeschwindigkeit ist auch kein Kriterium. Die Entwicklung macht, dass es immer einfacher wird: Die Pisten werden besser, es gibt weniger Schläge, weniger äussere Einflüsse, die bremsen. Darum werden Sicherheitsvorkehrungen und Pistensetzung immer wichtiger.

Sehen Sie irgendwo den nächsten Bernhard Russi am Olymp aufsteigen?

Ich glaube, einen nächsten Bernhard Russi braucht es nicht. Es gibt genug Individualisten. Es braucht wieder einen individuellen Typen, der seinen Weg geht. Das ist ganz wichtig in der heutigen Zeit, auch vom Medialen her gesehen. An der Spitze muss jeder den Mut haben, sich selber zu sein und sich nicht ständig mit anderen zu vergleichen. Und solche Typen haben wir. Wir haben einen Carlo Janka, der weit unter seinem Können geschlagen wurde in den letzten zwei Jahren. Der wird wieder dort anknüpfen, wo er vorher war, da bin ich mir sicher. Wir haben einen Beat Feuz, bei dem vieles von der Gesundheit abhängt. Aber dem gebe ich eine ganz grosse Zukunft, wenn er den Schnauf hat, das jetzt durchzustehen. Und dann gibt es eine ganze Armada an guten, talentierten Fahrern, bei denen man einfach nicht weiss, ob und wann sie explodieren.

Aber es reicht eben nicht, einfach schnell zu sein. Es braucht Charakter, es braucht Ausstrahlung, um die Menschen zu faszinieren.

Ich glaube, jeder Mensch hat die Chance, Ausstrahlung nach aussen zu transportieren. Schauen Sie, wie Ingemar Stenmark das gemacht hat: dadurch, dass er nichts gesagt hat. Das Wichtigste ist wirklich Authentizität, dass jeder sich selber bleibt. Und nicht anfängt, sich zu verändern, nur weil plötzlich der Medienrummel beginnt. Sich anzupassen, das ist das Allerschlimmste.

Aber wo ist der Glamour-Faktor hin, den Sie mitgebracht haben? Ich meine, Sie standen bei einem Bond-Film vor der Kamera …

… aber das war doch bloss eine kleine Szene, die dann auch noch in die Hose gegangen ist. Ich bin danach drei Monate lang im Spital gelegen. Da habe ich mich nicht als Schauspieler gefühlt, sondern als Stuntman.

Aber das sind halt die Geschichten, die einem in den Sinn kommen, wenn man den Namen Bernhard Russi hört. Erkennen Sie sich immer wieder in all den Anekdoten?

Dieses Sich-selbst-Erkennen ist ziemlich heikel. Man ist ja sich selbst, zum Beispiel unter Freunden oder im Familienkreis. Und dann kommt auf einmal die Öffentlichkeit dazu. Dann sieht und hört man sich plötzlich selbst von aussen. Das gibt fast ein Gefühl einer gespaltenen Persönlichkeit. Obwohl man dazu steht, was man da gesagt oder getan hat. Aber es ist trotzdem ein Spagat, den man macht. Und man muss fähig sein, die zwei Dinge auseinanderzuhalten.

«Warum soll ich für Waschmittel Werbung machen, wenn ich selbst nicht wasche?»

Können Sie sich noch daran erinnern, wonach der Apollo-Drink geschmeckt hat?

Selbstverständlich. Der Appollo war das Konkurrenzprodukt zu Rivella. Diese Aktion hat Sinn gemacht über sechs oder sieben Jahre. Und irgendwann läuft das aus und etwas Neues kommt.

Der Apollo-Drink ist untergegangen. Sie als Marke aber sind geblieben.

Ich hatte nie den Gedanken, dass ich eine Marke «Bernhard Russi» aufbauen möchte. Das ist durch eine gewisse Erziehung entstanden, die lautete: sich selber bleiben, auf dem Boden bleiben, nie vergessen, wo die eigenen Wurzeln sind. Bei all den Dingen, für die ich mich entschieden habe, habe ich mich zuerst gefragt, ob das für mich natürlich ist, ob das zu mir passt. Warum soll ich für Waschmittel Werbung machen, wenn ich selbst nicht wasche? Solche Dinge wurden angeboten. Und dann musst du einfach nein sagen. Sonst ist die Glaubwürdigkeit dahin. Zweitens ist es wichtig, die Dichte abzuschätzen. Wie viel Bernhard Russi erträgt es? Und wenn es zu viel wird, musst du halt etwas auslaufen lassen, ehe du etwas Neues beginnst.

Waren Ihnen diese Dinge von Anfang an klar?

In dem Moment, in dem ich mich für diesen Weg entschieden habe, habe ich gesagt: Ich will nicht in erster Linie Geld damit verdienen, sondern Türen öffnen. Und ich will es so gut wie möglich machen. Also habe ich die weltbeste Firma engagiert. Damals war das McCormack. Die haben mich auf Herz und Nieren geprüft. Sie wollten wissen, wofür ich stehe. Sie haben mich in einer mehrtägigen Anhörung komplett auseinandergenommen und alles aufgeschrieben, was ich gesagt habe. Das war unser Leitfaden. Immer, wenn wir an einen Punkt kamen, an dem wir unsicher waren, haben sie dieses Buch hervorgenommen und haben gesagt: Nein, damals hast du das gesagt, dabei bleiben wir. Jetzt verzichten wir halt auf diese sechsstellige Zahl.

Sind Sie nie dumm angegangen worden wegen Ihrer Werbeverträge? Sie waren ja einer der ersten Profis im Skirennsport.

Das gab es, vor allem von Sportjournalisten, die nicht verstanden haben, dass ich als Schweizer Skirennfahrer plötzlich mit dem Schriftzug Apollo auf meiner Jacke daherkomme.

Das heisst, Sie sind auf Ablehnung gestossen?

Ich würde sagen, das war einfach fremd. Dann haben ein paar konservative Journalisten gefragt: Hat er das nötig? Wo soll das enden? Werden wir alle zu Plakatsäulen? Weil es bis anhin niemand gemacht hat, ist es logisch, dass es nicht alle gern gesehen haben.

Sie waren also ein Werbepionier.

Für den Schweizer Skisport? Sicher. Vielleicht sogar über die Grenzen hinaus. Im Velorennsport, im Automobilrennsport, da gab es das. Aber sonst eigentlich nirgends.

Seit Ihrem Weltmeistertitel 1970 stehen Sie in der Öffentlichkeit. Was treibt Sie an – ist es die Lust nach Anerkennung?

Jeder, der sich auf eine Bühne stellt, will Anerkennung. Spitzensportler mehr als andere, darum sind sie bereit, einen Schritt weiter zu gehen. Ein Skirennfahrer ist bereit, sein Leben zu riskieren. Ja, ich habe gerne Anerkennung.

Wenn alle Skifahrer nach dieser Anerkennung streben, wie soll da ein Nationalteam als Mannschaft funktio­nieren?

Ein Team funktioniert dann, wenn es nicht gut läuft. Ein Jahr lang ohne Podestplatz – das gibt Kitt. Dann beginnen alle zu hoffen, dass irgendeiner endlich auf das Podest kommt. Aber spätestens, wenn mich einer vom Podest wirft und ich Vierter werde, dann ist mir das gar nicht mehr recht. Dann macht man gute Miene zum bösen Spiel.

Wirklich?

Mein bester Freund im Skirennsport, Walter Tresch, hat mir meinen ersten Weltcupsieg weggeschnappt. Wegen sechs Hundertstelsekunden! Alle haben gesagt: Super, Schweizer Doppelsieg! Aber mir hat das überhaupt nicht gefallen, und ich habe ihm das auch gesagt.

Gibt es denn die perfekte Mischung für ein Skiteam, so dass es sich selbst immer wieder zu Höchstleistungen antreibt?

Ich weiss nicht, ob man eine perfekte Mischung hervorzaubern kann. Aber der Trainer kann schon daran arbeiten. Karl Frehsner zum Beispiel war kein Skitrainer. Der kann niemandem erklären, wie man Ski fährt. Aber er war der beste Coach, den ich je gesehen habe. Er wusste genau, was er Pirmin Zurbriggen zu sagen hatte und was Peter Müller. Und er hat nicht beiden dasselbe gesagt.

Lieben Sie Berge?

Sie sind mein Lebenselixier.

«Ich sehe viel grössere Verbrechen als den Bau einer Skipiste.»

Macht es Ihnen also weh, wenn Sie als Pistenbauer einen Berg ändern, einen Wald roden oder einen Felsen sprengen?

Eigentlich nicht. Ein Wald ist für mich etwas, das sich bewegt. Hin und wieder stehe ich vor einer riesigen Eiche und denke: Heilandstern, das sind 200, 300 Jahre. Dann habe ich die Tendenz, dass ich ihr aus dem Weg gehe. Wobei ich gelernt habe, dass das falsch ist, dass ich eher die jungen Bäume stehen lassen müsste. Und dann sehe ich viel grössere Verbrechen als eine Skipiste.

Zum Beispiel?

Ach – diese Verbrechen sind ja nötig. Die ganzen Industriegebiete zum Beispiel, das ist auch nichts, was heimelig ist. Aber da bin ich Realist. Wenn man heute in der Schweiz noch total neue Skigebiete erschliessen will, bin ich eher der, der sagt: Komm, lass uns erst die bestehenden nachhaltig ausbauen.

Sie haben auch in Sotschi gebaut, wo die Olympischen Spiele 2014 stattfinden. Das Gebiet liegt in einem Nationalpark.

Ja, aber es sind 0,1 Promille des Parks, die beansprucht werden. Man muss auch immer die Relationen sehen. Und diese 0,1 Promille geben so und so vielen Menschen die Möglichkeit, sich in diesem Park zu bewegen. Und zudem werden in der Nähe dieses Nationalparks vielleicht 5000 Arbeitsplätze geschaffen, so dass die Menschen von dort nicht in die Stadt ziehen müssen.

War es anders, in Russland zu bauen? Ist man freier?

Im Gegenteil. Russland war das komplizierteste Land, wo es am schwierigsten war, an Bewilligungen zu kommen. Es waren viele Hürden da: Erst einmal eine sprachliche. Dann eine Wissenshürde, ich musste immer erklären, warum etwas so gemacht werden soll, wie es gemacht werden musste. Und dann hat man über Umweltschutz gesprochen und wusste gar nicht, was es eigentlich ist. Also haben sie einfach alles verboten.

Und wer wird diese Saison Gesamtweltcupsieger bei den Männern?

Ich glaube, dass Marcel Hirscher nicht mehr gewinnen wird. Der hat den Sieg jetzt, da wird er sich wohl auf die Weltmeisterschaften konzentrieren und 2014 auf die Olympischen Spiele. Ob Beat Feuz noch einmal so nahe am Sieg sein wird wie letztes Jahr, wage ich zu bezweifeln. Auch wenn ich es ihm wahnsinnig gönnen würde. Und dann kommen halt immer dieselben: Aksel Lund Svindal, Benjamin Raich, Ivica Kostelic. Ich lasse extra die Schweizer draussen, um den Druck wegzunehmen.

Zum Schluss eine absolute Laienfrage: Was ist eigentlich dieser vielzitierte «aggressive Schnee»?

Den gibt es eigentlich gar nicht. Wenn das Material zu wenig gut ist für den Schnee, dann sagt man, der Schnee sei aggressiv. Schnee kann die Kanten verbrennen. Aber man könnte auch sagen, dass die Kante zu wenig hart war. Schnee kann wie Schleifpapier wirken. Dann brennt es die Kanten aus und der Ski ist extrem schwierig zu fahren.

Das heisst, in den Kurven …

… ja, ja. Man spricht zwar nie dar­über, aber das war dann in den meisten Fällen ein Fehlgriff der Industrie. Je ­schmaler die Kante, umso schneller der Ski. Aber je schmaler die Kante, umso weniger mag es leiden in Bezug auf Wärmeentwicklung. Jetzt fahren sie einen Ski, der nur noch ein halbes Millimeterchen Kante hat … Das ist ein riesiges Risiko. Aber wenn er einen Millimeter Kante hat oder zwei, dann ist der Ski nicht mehr so schnell.

Müssten Sie da als TV-Experte nicht viel mehr über das Material sprechen, das ja offensichtlich einen riesigen Einfluss hat?

Das ist zu kompliziert. Wenn man sich da mal verbissen hat, kommt man nicht mehr raus. Ich finde es positiver, wenn man mehr über den Fahrer spricht als über das Material. Obwohl das Material hin und wieder viel wichtiger war als der Fahrer.

Die Carving-Skier haben das Skifahren revolutioniert. Wo sehen Sie Entwicklungspotenzial?

Bei den Skischuhen. Seit dreissig Jahren ist der Skischuh ein harter Bock, ein Schraubstock und nicht mehr. Dabei ist er doch das Bindeglied zwischen Mensch und Ski.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 26.10.12

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