Wird es doch noch was aus der Tournee und Simon Ammann?

Die Vierschanzentournee fehlt ihm noch im an Erfolgen reichen Palmarès: Jetzt gewinnt Simon Ammann das Auftaktspringen in Oberstdorf und der 32-Jährige Toggenburger darf von der Vollendung seiner grossen Karriere träumen.

Switzerland's Simon Ammann celebrates after winning the first jumping of the 62nd four-hills ski jumping tournament in Oberstdorf, southern Germany, December 29, 2013. Ammann won ahead of Norway's Anders Bardal and Austria's Thomas Diethart. The prestigio (Bild: Reuters/KAI PFAFFENBACH)

Die Vierschanzentournee fehlt ihm noch im an Erfolgen reichen Palmarès: Jetzt gewinnt Simon Ammann das Auftaktspringen in Oberstdorf und der 32-Jährige Toggenburger darf von der Vollendung seiner grossen Karriere träumen.

Das Jubeln sollte Simon Ammann vorsichtshalber noch ein wenig perfektionieren. Sicher ist sicher. Man weiss ja nie, was in den nächsten Tagen zwischen Garmisch und Bischofshofen an Emotionen und Jubelgesten noch alles auf ihn zukommt. Im Auslauf der Schattenbergschanze von Oberstdorf liess der 32-Jährige jedenfalls so ausgelassen die Siegerfäuste sprechen, dass er nach der geglückten Landung beinahe noch die Haltung und das Gleichgewicht verloren hätte.

» Simon Ammanns Sprung zum Sieg in Oberstdorf

Aber wer kann es Simon Amman auch schon verdenken,. dass er in solch einer Ausnahmesituation die Fassung verliert. Ein Auftaktsieg bei seiner grossen Hassliebe, der Vierschanzentournee, ist selbst für einen routinierten Winnertypen wie ihn etwas Besonderes. Überhaupt wenn man weiss, wie oft der Adler in seiner Karriere mit der Tournee ein Hühnchen zu rupfen hatte. «Die Tournee mag mich nicht», pflegte Ammann in den vergangenen Jahren gerne zu sagen, nachdem er den letzten grossen Erfolg, der ihm in seiner Trophäensammlung noch fehlt, partout nie landen konnte.

Aus reiner Höflichkeit

Auch vor der 62. Auflage des Schanzen-Klassikers war der Name Ammann meist nur aus reiner Höflichkeit und aus Respekt vor dem vierfachen Olympiasieger in den Favoritenlisten aufgetaucht. Am Schanzentisch sprach man vom polnischen Weltcupleader Kamil Stoch, der in Oberstdorf als 13. prompt einen Absturz fabrizierte. Oder vom österreichischen Titelverteidiger Gregor Schlierenzauer, der beim Auftakt als Neunter aber erstmals seit acht Tourneespringen nicht auf das Siegespodest sprang.

62. Vierschanzentournee

Garmisch-Partenkirchen
Di, 31.12., 14.00 h: Qualifikation
Mi, 1.1., 14.00 h: 1. Durchgang

Innsbruck
Fr. 3.1., 14.00 h: Qualifikation
Sa, 4.1., 14.00 h: 1. Durchgang

Bischofshofen
So, 5.1., 16.30 h: Qualifikation
Mo, 6.1., 16.00 h: 1. Durchgang

Ergebnisse und Klassement

Aber Simon Ammann? Der stand nicht hoch im Kurs. Vor allem weil der 32-Jährige zuletzt auch seine Heimspringen in Engelberg verpatzt hatte (Ränge 17 und 11). «Daran musste ich kauen», sagt Ammann, «ich habe aber seit Engelberg extrem viel gearbeitet.»

Bereits im Training und in der Qualifikation hatte Ammann erste Duftmarken gesetzt. Im Wettkampf verblüffte der Routinier dann nicht nur mit lupenreinen Flügen, er bewies auch – wieder einmal – Köpfchen und machte seinem Ruf als perfekter Stratege alle Ehre. Nach seiner Halbzeitführung (139 Meter) machte sich Simon Ammann im Finale die neue Gate-Regel der FIS zu Nutze und liess vor seinem Sprung freiwillig den Anlauf um eine Luke verkürzen.

Der Schachzug Ammanns

Ein geschickter Schachzug: Denn weniger Anlauf bedeutet einerseits wertvolle Zusatzpunkte, andererseits minimierte der 32-Jährige mit diesem Manöver auch das Risiko eines extrem weiten Fluges und einer gefährlichen Landung. Ammann steht seit jeher mit der Telemark-Landung auf Kriegsfuss, erst im Dezember war er zwei Mal in Lillehammer gestürzt.

Am Ende sollte Ammann ein solider und vor allem sicherer Sprung auf 133 Meter zum ersten Weltcupsieg seit fast drei Jahren (März 2011 in Lahti) reichen. Der norwegische Routinier Anders Bardal und der österreichische Überraschungsmann Thomas Diethart, ex aequo mit dem Slowenen Peter Prevc, landeten auf den Plätzen. «Das war ein unglaublich emotionaler Tag für mich», erzählte der Sieger strahlend, «ich war extrem fokussiert.»

Nicht nur das. Simon Ammann war sogar richtig aufgedreht. Vielleicht weil er spürte, dass ihm wieder Flügel wachsen können? Möglicherweise auch weil er zum letzten Mal zu einer Vierschanzentournee abhebt? «Ich bin unter Strom gestanden. Aber der Tag hat so lange gedauert. Ich hatte mein ganzes Adrenalin schon zu Mittag verbraucht.»

Die Herausforderung heisst: Durchhalten

Um seinen Traum vom Tourneesieg zu verwirklichen wird Simon Ammann nun aber nicht nur eine Portion Adrenalin brauchen. Er benötigt in den nächsten Tagen auch viel Energie. Die Tournee bedeutet nicht nur vier Wettkämpfe in acht Tagen, auf die Springer warten auch der Reisestress und das grosse Medieninteresse. In der Vergangenheit hatte der 32-Jährige öfter einmal Probleme, die Form bis zum Tourneefinale aufrecht zu erhalten.

«Das ist eine Herausforderung, der ich mich stellen muss», weiss Ammann, der mit vier Zählern Vorsprung auf Bardal ins neue Jahr rutscht. Dabei grinst er schelmisch wie in seinen besten Tagen, als würde er etwas im Schilde führen. Offenbar hat er sich auf seine alten Tage mit seiner Hassliebe Tournee noch einmal angefreundet. «Ich weiss, was ich zu tun habe», sagt Simon Ammann, «ausserdem habe ich ja eigentlich nichts zu verlieren.»

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