Abbruchstimmung im Barfiland

Das Basler Onlineportal «barfi.ch» feiert seinen zweiten Geburtstag. Es könnte eine Abschiedsparty werden: Partner wurden bislang keine gefunden, ein Verkaufsversuch scheiterte. Selbst die Laufschrift am Barfüsserplatz wurde abgegeben.

Tiefdruckperiode: Das Basler Onlineportal «barfi.ch» kämpft um seine Existenz. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Kutteln, Kalbskopf, eiskaltes Dosenbier zum Spezialpreis. Wer zur Laufschrift hoch über dem Barfüsserplatz guckt, erhält Vorschläge fürs Mittagessen, News gibts dort keine serviert. Das Reklameband spielt keine Nachrichten mehr aus dem Barfiland, es berichtet dafür en détail von der Speisekarte des Grossgastronomen Josef Schüpfer.

Warum «barfi.ch» seine Laufschrift an den Wirtepräsidenten abgegeben hat und zu welchem Preis, will Christian Heeb, Financier und Gründer von Barfi, nicht verraten. Ebenso wenig beantwortet Heeb alle weiteren Fragen zu seinem Onlineportal. Nicht der richtige Zeitpunkt, sagt Heeb. Es würden Gespräche und Verhandlungen laufen.

Doch Klärungsbedarf besteht: In den kommenden Tagen feiert «barfi.ch» seinen zweiten Geburtstag – ob ein weiterer dazukommt, ist fraglich.

Lauter Erfolgsmeldungen

Rund zwei Millionen Franken, wird geschätzt, steckt Heeb jährlich in sein Medium. Jetzt muss er sich entscheiden, ob er nochmals für ein Jahr nachschiessen will. Grosse Lust darauf scheint der Mann, der seine Millionen mit dem Verkauf von Radio Basilisk an den Zürcher Medienkonzern Tamedia gemacht hat, nicht zu haben.

Seit Monaten streut Heeb vermeintliche Erfolgsmeldungen, um sein Projekt attraktiv erscheinen zu lassen: die Nummer eins in der Region bei den Facebook-Likes, starker Zuwachs bei den Leserzahlen, nur knapp von der Gewinnzone entfernt. Nachvollziehen lassen sich nur die Facebook-Zahlen, weder lässt das Medium seine Leserzahlen verifizieren, noch legt es Geschäftszahlen vor.

Im April kündigte Heeb unter dem Titel «Die wohl erfolgreichste verlagsunabhängige lokale Plattform der Schweiz» den Aufbau eines Franchise-Systems an. Man sei nun offen für Partner und Franchise-Nehmer in der ganzen Schweiz, hiess es einladend.

In Aarau abgeblitzt

Doch Partner wurden bislang keine gefunden, einen vagen Interessenten soll es nach Informationen der TagesWoche in Zug geben. Dass es vom Ankerpunkt Barfüsserplatz aus zu einem für die Werbeindustrie interessanten Konglomerat von Onlineportalen in der ganzen Schweiz kommt, ist kaum vorstellbar. Das Barfiland steckt in seinen natürlichen Grenzen fest.

Heeb soll seine Fühler bei der Suche nach einem Partner mittlerweile auch ins Ausland ausgestreckt haben. Gleichzeitig wird er bei Schweizer Verlagen vorstellig. Als der Branchendienst «Medienwoche» unlängst auf der Redaktion zu Besuch war, prahlte Heeb mit einem ganzen Stapel sogenannter Non Disclosure Agreements, geheimen Absichtserklärungen. Darunter soll sich auch eine mit Peter Wanner, Verleger der «Aargauer Zeitung», befinden.

Tatsächlich hegte Heeb lange Hoffnungen, sein defizitäres Onlineportal Wanner anzudienen. Die Medienstelle der «Aargauer Zeitung» bestätigt auf Anfrage «lose Gespräche» mit dem früheren Radiomacher. Sie verliefen nach Informationen der TagesWoche kurz und schmerzhaft. Die Vorstellungen über den Verkaufspreis von «barfi.ch» sollen sehr weit auseinandergelegen haben. Die «Aargauer Zeitung» teilt mit, es sei nie über einen Kaufpreis verhandelt worden. Die Option Aarau scheint also vom Tisch – ob es andere gibt, weiss nur Heeb.

Ruf ramponiert

Von der ehemaligen Führungscrew ist nur er übrig geblieben. Wetterguru Jörg Kachelmann, der zur allgemeinen Überraschung als Mitgründer dabei war, ist schon länger weg. Nun soll sich auch der Basler Medienprofessor Klaus Neumann-Braun zurückgezogen haben. Der Professor, ebenfalls Barfi-Pionier, hat seinen Ruf bei diesem Unterfangen ordentlich ramponiert. So verstieg er sich angesichts der hohen Akzeptanz auf Facebook zur Behauptung, Barfi sei «eines der erfolgreichsten Medien-Startups überhaupt».

Tatsächlich hat Barfi einige Dinge richtig gut hinbekommen und dazu zählt die aktive und relativ grosse Community auf Facebook. In Erfolg – bare Münze – liess sich das nie ummünzen. Echte Anzeigekunden, also solche die Geld überweisen für die Werbeanzeige, hatte das Portal zuletzt kaum noch.

Kalbskopf und Kutteln

Soll Christian Heeb, der unverwüstliche Basler Medienmacher, also nochmals einzahlen oder nicht? Soll er einen Schlussstrich ziehen oder wieder von der ganz grossen Erfolgsgeschichte erzählen, um Teufel komm raus einen Investor zu finden?

Wie auch immer sich Heeb entscheidet, die Leser werden es nicht von der Leuchtschrift erfahren. Dabei ist das Band Namensgeber des Mediums, es hat eine Menge Geld gekostet und wurde bei der Gründung von Barfi vor zwei Jahren als Kernstück des Projekts angekündigt.

Auf der Website von Barfi läuft oben immer noch eine stilisierte Laufschrift durch mit eigenen Nachrichten. Das echte Band, jenes über dem Juwelierladen Seiler auf dem Barfüsserplatz, erzählt von Kalbsköpfen und Kutteln.

Konversation

  1. Totgeglaubte Leben länger! Ich habe das Barfi-App abonniert und bin deshalb in Echtzeit bestens informiert was in Basel abgeht. Pioniere können ein Lied davon singen wie schwer es ist etwas Neues aufzubauen. Hier sch… die Tauben wohl etwas von den Dächern.

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  2. Die Laufschrift von barfi.ch hat mich von Anfang an enttäuscht. Anstatt der historischen Anzeigetafel mit Glühbirnchen wurde irgend was neumodisches mit Farbdisplays montiert. Ich habe mich noch gewundert, wie der Denkmalschutz das zulassen konnte.

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  3. Der „Erfolg“ bei Facebook lässt sich dadurch erklären, da barfi.ch keine eigene Kommentarfunktion hat und für Kommentare auf Facebook verweist. Würden dies auch andere Medien tun, wäre barfi.ch nur noch unter „ferner liefen“. Man kann alles künstlich am Leben erhalten, sofern genug Geld vorhanden. Siehe Stücki oder Markthalle. Die Aufzählung ist nicht abschliessend.

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    1. Das war vermutlich der Kardinalfehler. So hatte Facebook die Werbeeinnahmen statt Barfi.ch selbst. Und nun ist Heeb auch noch stolz auf diesen Schildbürgerstreich.

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