Bis vor 100 Jahren war das grenzüberschreitende Tram Normalität

Am Samstag wird mit viel Pomp die nach Saint-Louis verlängerte Dreier-Tramlinie eingeweiht. Was heute trotz Millionen-Debatte als partnerschaftliche Pioniertat angepriesen wird, war bis vor 100 Jahren eine Selbstverständlichkeit im Basler Streckenplan.

Tram Nummer 25 beim Grenzübertritt nach Huningue um 1960. (Bild: Sammlung D. Madörin)

Nein, um die umstrittene Millionenzahlung soll es hier für einmal nicht gehen, sondern um Geschichte.

Im Mai 1895 nahm die erste elektrifizierte Tramlinie Basels ihren Betrieb auf. Befahren wurde die Strecke vom Bahnhof SBB zum Badischen Bahnhof, der damals noch am Riehenring beim heutigen Messeplatz lag.

Fünf Jahre später fuhren bereits die ersten Trams der Linie 5 beim damals noch marginal überbauten Industriegebiet im nördlichen St. Johann über die Grenze ins Elsass. Das Elsass war damals noch deutsches Reichsgebiet. Wenige Jahre später wurde die Strecke bis in die Nähe des Bahnhofs von Sankt Ludwig (heute Saint-Louis) verlängert.

Letzter Halt: Erster Weltkrieg

1910 folgte wenige Hundert Meter östlich davon bereits die zweite grenzüberschreitende Linie. Die Linie 15 (später die Linien 6, 9, 5, 7 und 25)  führte auf dem Gebiet des heutigen Novartis-Campus über die Landesgrenze durch weite unbebaute Gebiete bis zum Bahnhof von Hüningen.

Eine geplante Verlängerung der Linie bis nach Neudorf (Village-Neuf) wurde wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs nicht mehr realisiert. Damit konnte auch die Idee nicht mehr verwirklicht werden, dem Tramzug einen Güterwagen für den Warentransport der Gemüsemarktfahrerinnen aus Neudorf anzuhängen.

1914 wollte man die Tramlinie 6 über die Landesgrenze bei Riehen nach Lörrach verlängern. Die Gleise reichten bereits ein Stückchen über die Grenze.  Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs machte aber auch diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung. Im Jahr 1919 fuhren die Trams dann bis nach Lörrach.

Die beiden 1940 zwischenzeitlich ungenutzten Grenzübergänge an der Elsässer- und Hüningerstrasse.

Auch in Kleinhüningen, auf der Strecke des heute grenzüberschreitenden Achters, plante man offenbar schon früh eine Linie über die Grenze bis nach Weil am Rhein. Bereits 1897 fuhren die Trams bis ins Zentrum der damals noch eigenständigen Gemeinde Kleinhüningen (später wurde die Endhaltestelle südlich der Wiese zurückversetzt).
In den 1930er-Jahren wurden die Gleise durch die Kleinhüninger Anlage in Richtung Landesgrenze weitergezogen. Es blieb aber bei Stummelgleisen ohne Fortsetzung, die in den 1960er-Jahren wieder abgebrochen wurden. Viele Jahre später holte man die Idee der Verlängerung der Strecke nach: Im Dezember 2014 fuhr der erste Achter über die Grenze nach Weil am Rhein.

Als die Grenzen praktisch noch keine waren

Der Tramverkehr über die Landesgrenzen war also vor 100 Jahren eine Selbstverständlichkeit. Das lag sicherlich daran, dass man in der Region vor dem Ersten Weltkrieg die Landesgrenzen zum Deutschen Reich kaum wahrgenommen hatte. Damals war die heutige Dreiländerregion noch selbstverständlich eine grenzüberschreitende Stadt.

Dies änderte sich mit den Weltkriegen. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, wurden die beiden Linien ins Elsass unterbrochen, doch nur für kurze Zeit. 1915 fuhren auf dem Gemeindegebiet von St. Ludwig wieder Tramzüge, allerdings nicht mehr über die Grenze auf Schweizer Gebiet (und umgekehrt). Nach dem Krieg wurde die Linie wieder durchgängig befahren. Die Fahrt war aber nicht mehr so unkompliziert wie zu den Anfangszeiten. Die Passagiere mussten an der Grenze aussteigen und die Zollschranken zu Fuss passieren.

Mit dem Aufkommen des privaten Motorfahrzeugverkehrs wurden die grenzübergreifenden Trams durch Busse ersetzt.

Der Zweite Weltkrieg führte zu einem längeren Unterbruch der grenzüberschreitenden Linien. Dieser dauerte von 1939 bis 1947. Die Tramzüge nach Lörrach, Saint-Louis und Huningue, die jetzt wieder zu Frankreich gehörten, nahmen ihre Betriebe wieder auf. Aber die Grenze wurde jetzt als solche wahrgenommen. Eine direkte Durchfahrt war nicht mehr möglich.

Immerhin gab es die Verbindungen aber noch, bis Anfang der 1960er-Jahre das neue, individualisierte Motorfahrzeugdenken auch den grenzüberschreitenden öffentlichen Verkehr ergriff. Die Tramlinien wurden gekappt und durch Busse ersetzt.

Früher war halt doch alles einfacher

Die grenzüberschreitenden Tramlinien verschwanden und werden jetzt wieder erweckt. Alles ist in der Planung und Verwirklichung aber sehr viel langwieriger und komplizierter geworden. Vor über 100 Jahren dauerte die Zeitspanne von der Festlegung einer neuen grenzüberschreitenden Linie über den politischen Beschluss bis zur Eröffnung wenige Monate. Heute dauert es fünf Jahre, wie das Beispiel der Tramlinie 3 nach Saint-Louis zeigt.

Aber warum der Dreier? Um 1900 fuhr das Tram auf der Strecke der heutigen Linie 11 von der Elsässerstrasse über die Grenze direkt in die Stadt Saint-Louis. Für die Elsässer ist das heute ein Tabu. Eine Verlängerung der Linie 11 würde das Zentrum von Saint-Louis zerstören und vor allem Parkplätze vernichten, sagte ein Chefbeamter vom Saint-Louis 2009 in einem Interview mit der «Basler Zeitung».

Also fährt der neue Dreier neu durch die Pampa, an den heutigen Ballungszentren vorbei bis zum ausgestorbenen urbanen Hinterhof beim Bahnhof Saint-Louis.

Streckenplan des neuen Dreiers durch die Pampa bis zum Bahnhof Saint-Louis.
https://tageswoche.ch/stadtleben/entlang-der-neuen-3er-strecke-gibts-eigentlich-saint-louis/

Am Samstag, 9, Dezember, wird die neue grenzüberschreitende Tramlinie 3 eingeweiht, mit einem Volksfest und Gratisfahrten.

Konversation

  1. Viele Anwohner fragen sich, warum die Strecke so geführt wird und sehen keinen Nutzen. Ich freu mich, dass ich das Tram beinahe vor der Haustüre habe! Wertsteigerung meines Hauses! Endlich ein ÖV zum Bahnhof Saint-Louis und nach Basel in meiner Nähe. Aber da die Fahrt in Frankreich nicht in der FCB Jahreskarte imbegriffen ist, werde ich weiterhin das Auto benutzen und auf Basler Boden parkieren (gratis!).

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    1. Ziemlich asozial, ihre Einstellung. Aber trösten sie sich, diese Attitüde grassiert in den Speckgürtelgemeinden rund um die Stadt auch. Da gibt es auch Leute, die sich bitterlich darüber beklagen, dass sie ihren SUV nicht auf dem Marktplatz abstellen können.

      Ein gewichtiger Grund für die merkwürdige Streckenführung ist bei Lokalkönigen im Elsass zu suchen. Die zwei Begründungen, von denen ich weiss, sind:
      – Der Ortskern von St.Louis würde verschandelt (tägliche Blechschlangen morgends und abends sind natürlich Folklorebeiträge des Verschönerungsvereins und nicht mit Tramgleisen vergleichbar)
      – es wären Parkplätze verloren gegangen. Na ja, da fällt mir wirklich nichts mehr ein.
      Wenn sich nun viele Anwohner verwundert die Augen reiben ob der Streckenführung, fragen sie am besten in der Mairie nach.

      Statt sich zu freuen, dass sie nun nicht mehr einen Parkplatz in der Basler Innenstadt suchen müssen, sondern dieses bequem in St.Louis ins Parkhaus stellen können und dann für weniger als eine Stange Bier mit dem Tram ins Zentrum (oder ins Joggeli) kommen, nölen sie lieber rum.

      Mobilität kostet. Immer. Die Frage ist nur, wer dafür bezahlen soll, der Verursacher oder die Allgemeinheit.

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    2. Ab Burgfelderhof ist die Fahrt mit dem FCB-Ticket gratis. Also die paar € für die Fahrt an die Grenze, werden sie sich wohl noch leisten können?!

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    3. Ich bin zwar kein Anwohner, aber ich bin der deutschen und französischen Sprache mächtig und ich kann dazu noch lesen. Die Streckenführung wurde nun aber seit Jahren in allen Medien lang und breit geschlagen. Das selbe gilt zur Finanzierung. Gut, dass es das Tram 3 zum Gare de Saint-Louis gibt. Gut, dass es das Tram 8 nach Weil Bahnhof gibt. Gut, dass die Linie 8 in ein paar Jahren bis zum Läublinpark verlängert wird. Gut, dass wir an einem integrierten Verkehrs- und Tarifverbund für Gross-Basel arbeiten.

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