Georges ist weg – ein Quartier trauert um die gute Seele des Dreirosenparks


Am Donnerstagmorgen wurde ein Obdachloser Opfer einer Gewalttat. Jetzt trauert das ganze Quartier um den Mann, der Georges hiess. Keiner kannte ihn wirklich, aber alle hatten ihn ins Herz geschlossen.

Warum ist Georges nicht mehr da? Eine Mutter trauert mit ihrem Kind am Gedenkort bei der Dreirosenbrücke.

Wer war Georges?

Mittagszeit im Dreirosenpark. Aus dem nahen Schulhaus strömen die Schüler, sie marschieren geradewegs über das Basketballfeld im kleinen Park, zur Brücke hin und einer Sitzbank, neben der eine Gedenkstätte hergerichtet wurde. Feiner Regen kriecht unmerklich in die Kleider. In der Mitte des kleinen Altars steht eine Bierbüchse mit einer aufgesteckten Weihnachtsblume. Kerzen brennen, Kinderzeichnungen sind ausgelegt.

Die Schulkinder stehen jetzt in einer grossen Gruppe um den Trauerort. Ein kleines Mädchen schlägt vor: «Komm wir singen ein Weihnachtslied.» Jemand entgegnet: «Wir sollten einfach still sein.»

Am Donnerstagmorgen wurde Georges unter der Dreirosenbrücke, auf Höhe des Basketballfelds tot aufgefunden. Gegen 10 Uhr morgens ging eine Passantin zu ihm hin, sah, dass etwas nicht stimme, alarmierte sofort die Polizei. Er lag schon eine Weile dort, vermutet die Staatsanwaltschaft, fiel aber niemandem auf. Wieso auch: Georges war immer dort, 15 Jahre lang, jeden Tag.

«Georges ist nicht durchs System gefallen, er wollte so leben.»

Dana Poeschel, Betreiberin Dreirosenbuvette

Eine Mutter tritt mit ihrer Tochter an die Gedenkstätte. Sie stellt eine Vase mit einer roten Rose auf, ihre junge Tochter legt eine Zeichnung hin. Neben der Zeichnung sind Fragen notiert: «Wurum isch dr Georges gstorbe?» – «Wurum hesch du das gmacht, bösi Person?» – «Dr Georges isch immer ganz e Liebe gsi!» – «Wurum, wurum, wurum hesch du das gmacht, bösi, bösi Person?» – «Wie heissisch du?».

Einen Tag nach der Todesmeldung, nach der Untersuchung des Leichnams durch die Rechtsmedizin, folgt eine zweite Mitteilung: Der 60-jährige Schweizer wurde Opfer eines Gewaltdelikts, vermutlich in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Die Staatsanwaltschaft hat eine Sonderkommission eingerichtet und bittet um sachdienliche Hinweise. Ermittelt wird in alle Richtungen und vielleicht wird am Ende dieser Untersuchung nicht nur der Täter gefasst, sondern auch der Mensch namens Georges, den alle kannten, aber von dem niemand mehr wusste als ein paar Versatzstücke.

Selbstverständlich kannte Dana Poeschel ihn. Sie betreibt die nahe Dreirosenbuvette, an der die Leute im Sommer ihr Bier trinken. Georges, erzählt sie, war schon da, als die Buvette 2006 eröffnete. Er übernachtete ganz in der Nähe und kam auch immer wieder vorbei, um einen Kaffee zu trinken. «Er war gewollt obdachlos», glaubt Poeschel aus den knappen Gesprächen mit ihm erfahren zu haben. «Er ist nicht durchs System gefallen, er wollte so leben, ohne Meldeadresse, ohne jemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Er verstand das als Freiheit.»

Bald nach Eröffnung der Buvette und der Aufwertung des Rheinufers zog Georges um. Es war ihm zu turbulent geworden am Fluss. Georges richtete sich seinen neuen Schlafplatz am Rande der Dreirosenbrücke ein, gleich neben der Freitzeithalle, wohin Eltern ihre Kinder zum Muckiturnen bringen. Poeschels Begegnungen mit Georges wurden seltener. «Er war immer öfter gerne für sich alleine», sagt sie.

«Er war ein stolzer Typ, der sich sein Schicksal selber ausgesucht hat.»

Johnny Schaller, Anwohner

Ins Leben von Johnny Schaller tritt Georges, als Schaller noch ein Teenager ist. «Ich habe ihn am Rhein kennengelernt, er sass dort mit den Jungen, trank Bier mit ihnen.» Er habe gerne gequatscht, sei aber reserviert gewesen, wenn es um seine eigene Geschichte ging. Dann verlor sich der Kontakt.

Mittlerweile hat Schaller ein Kind, wohnt im Quartier und besucht regelmässig den Spielplatz auf der Dreirosenanlage. Er erkannte den Mann wieder, den er in seiner Jugend am Rheinufer traf. Die neue Beziehung entwickelte sich langsam, erst nach einiger Zeit grüssten sie sich. «Er hat den Kindern gewunken – Georges liebte Kinder», sagt Schaller. Georges sass die meiste Zeit auf der Bank neben der Brücke, trank Büchsenbier, blätterte im «20 Minuten», drehte sich hin und wieder eine Zigarette.

«Er war kein Opfer», glaubt auch Johnny Schaller. «Er war ein stolzer Typ, der sich sein Schicksal selber ausgesucht hat.» Fragte man ihn, weshalb er denn keine Sozialhilfe beziehe, antwortete er: Weil er auf keine angewiesen sei. Er nahm auch sonst keine Hilfe in Anspruch.

Georges mochte Kinder und die Kinder mochten ihn: Abschiedsbrief an der Gedenkstätte.

Michel Steiner, Gassenarbeiter bei der Obdachlosenhilfe «Schwarzer Peter», sagt, er habe beruflich nie mit ihm zu tun gehabt. «Er war Teil des Parks und hatte auch eine gute Ausrüstung – um ihn haben wir uns keine Sorgen gemacht», sagt Steiner. Quartierbewohner gaben ihm Medikamente, wenn er krank war (die er fast immer ablehnte), sie brachten ihm Essen oder auch mal Bier (das er ablehnte, wenn es nicht seine Marke war).

Georges war die gute Seele des Parkes. Er war respektiert, sagt der Anwohner Johnny Schaller: «Wenn er auf seine Bank wollte, machten all die jungen Gangsters anstandslos Platz, die dort rumhingen.»

Doch vor rund zwei Jahren änderte sich etwas im Leben von Georges. Neue Figuren betraten sein Wohnzimmer, Drogendealer, die die dunklen Nischen der Anlage nutzten um ihren Geschäften nachzugehen. Georges war aufgebracht, erzählt Schaller. Im «Beobachter» taucht er in einer Reportage über die Kleinbasler Dreirosenanlage auf. Er habe stets den Quartierpolizisten verständigt, wenn er einen Dealer sah, heisst es dort. «Es war sein Gebiet, es war sein Park», sagt Schaller.

Georges war so lange da, dass sich die Leute irgendwann nicht mehr fragten, was er vorher getan hat.

Zu seinem Vorleben gibt es bloss Gerüchte: Projektleiter im Tiefbau sei er gewesen, ein Unternehmen habe er geführt, bis ihm alles zu viel wurde. Georges war so lange da, dass sich die Leute irgendwann nicht mehr fragten, was er vorher getan hat.

An der kleinen Gedenkstätte kommen am Freitagmittag immer mehr Menschen zusammen, die von seinem Tod erfahren haben. Eine Zeichnung fällt besonders auf. Ein Kind äussert dort in krakeliger Schrift den Wunsch, dass Georges jetzt an einem guten Ort ist. Es ist ein frommer Wunsch. Man weiss nicht viel über Georges, aber eines weiss man: Dass es keinen besseren Ort für ihn gab als die Dreirosenanlage.

https://tageswoche.ch/gesellschaft/getoeteter-georges-polizei-verhaftet-21-jaehrigen/

Konversation

  1. Danke für diesen guten Beitrag. Auch ich als Quartierbewohner sah diesen Mann über viele Jahre hinweg immer wieder. An seinem Standplatz, im Quartierladen, auf dem Trottoir. Er hatte stets eine vom Wetter geprägte Farbe im Gesicht und viel nie, wirklich gar nie negativ auf – in keiner Weise! Im Gegenteil. Sein existieren und sein Lebensstiel vermittelte eine gewisse Sicherheit. Stets gut für die Witterung gekleidet und mit gutem Schuhwerk meisterte dieser Mann die Jahreszeiten. Ich habe das stets bewundert. Doch wie im Beitrag beschrieben veränderte sich sein „Domizil“ in den letzten, ca. 2 Jahren sehr zum Negativen. Sachbeschädigungen und Vandalismus, primär mit linksradikalem Fingerabdruck, ebneten den Weg für die Strassenkriminalität. Wo ungehindert gesprayt und Gemeingut zerstört werden kann, haben Kriminelle einfach weniger zu befürchten! Insbesondere der Drogenhandel konnte sich in den letzten Monaten hemmungslos verbreiten. Und, wer durch den Park lief wurde mit penetrierendem Blick fixiert. Meist ein Blick aus Augen gewisser, „Mitglieder ethnischer Minderheiten“. Ja, in einzelnen Fällen wurde einem auf kürzeste Distanz nachgelaufen. So sind diese Einschüchterungsversuche im 3-Rosenpark… Es wird einem unmissverständlich signalisiert im eigenen Land, in der eigenen Stadt und im eigenen Quartier der Fremde zu sein. Einer, der hier nichts mehr verloren hat. Nun, ich kann mir gut denken, das Opfer lies sich nicht beeindrucken und seine Ermordung stellt eine vorläufige, absolute Eskalation einer Situation dar, die schon seit längerem vor sich hin gärt. Es ist sicher mehr als nur eine reine Spekulation anzunehmen, dass sich dieser ermordete Mann mit gewissen „marktbeherrschenden Personen“ angelegt hat. Wurde so zu einem störenden Faktor. Er sah ja quasi alles vor sich und kannte die Gesichter wohl auch bestens. Doch üben wir uns mal in Reflexion… Die negative Entwicklung wurde von den Quartierbewohner inkl. mir hingenommen! Nun rufen selbstgedruckte, an diversen Wänden aufgeklebte Plakate dazu auf, aufeinander im Quartier aufzupassen… Wäre das nicht traurig, dann eigentlich lächerlich. Wir müssen das Problem im Quartier doch von der Wurzel her angehen! Wir alle tragen ein gewisse Mitschuld am Tod dieser Person denn wir vom Quartier sind es, welche die Drogendealer zulassen anstelle diese zu vergraulen! Wir sind es, welche es zulassen dass linksradikale Kräfte unser Quartier zu eine Ghetto machen wollen. Wir sind wie die 3 Affen… Augen zu, Ohren zu, Mund zu. Das muss aufhören! Wo bleibt die Zivilcourage und die Bereitschaft Selbstverantwortung zu übernehmen? Für die eigene Sicherheit, für die Sicherheit im Quartier? Es wäre unrealistisch von der Polizei zu erwarten immer und überall Schutz und Sicherheit zu gewährleisten! Insbesondere dann, wenn im Quartier noch Slogans gesprayt sind, welche sich gegen die Zivile Polizei richtet.

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    1. wer mir auf dem wolf immer eine busse verteilen kann am samstag nacht hat scheinbar anderes zu tun als das dreirosenquartier sicher zu halten…

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  2. Ich liebe, nein, nicht Jysk, sondern Kriminalgeschichten. So traurig diese Geschichten auch ist, bin ich gespannt wer diesen wehrlosen alten Mann umgebracht hat. War es ein Trittbrettfahrer, win Nachahmer? Wurden doch in jüngster Vergangenheit Obdachlose zu Tode geprügelt oder mit Benzin übergossen und angezündet. Ein Fall für XY oder gar für den im Ruhestand stehenden EX-Kriminalkomissär und BaZ-Starkolumnisten M.M.?
    EIN SCHÖNES WEIHNACHTSFEST EUCH ALLEN ???.

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  3. Schön, die Geschichte einer örtlichen Situation in unserer Stadt, in der Menschen sich begegnen, leben, aber auch plötzlich sterben, und trauern. Ich erlebe Ähnliches bei uns an der Sattelgasse. Man kennt sich, aber auch gar nicht. Bei so einem Delikt hört aber die Romantik auf. War es es echt wegen dem Drogenhandel, den er ungern mitbekommen hätte?

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    1. Tragische Geschichte, musste das wirklich sein? Bin schockiert. Ich finde, man sollte längst in Basel eine Gedenktafel für alle Ermordeten errichten. Ein sog. „Walk of Shame“. Nur wenn wir uns erinnern, werden wir das Heute wieder schätzen lernen und Tendenzen bekämpfen. Ich finde auch gut, dass die Presse dem Opfer einen Namen und Gesicht gegeben hat. Eigentlich müsste man das Leben des Opfers verfilmen.

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  4. Eine «spannend rührende» Geschichte. Wenn Herr Beck noch ein wenig daran schraubt, könnte sie beinahe «Der kleine Lord» Status erreichen.
    Selbst gewählte Obdachlosigkeit? Ich kannte keinen, egal was er mir erzählte, der aus wirklich freien Stücken obdachlos war, aber ich kannte Georges nicht, auch nicht zu der Zeit, als ich selber draussen schlief und obdachlos war. Kein Wunder ich hatte das lange hinter mir, als seine Obdachlosigkeit «selbst wählte»
    Aber selbst gewählte Obdachlosigkeit klingt doch irgendwie geheimnisvoll, verschroben oder gar eher verwegen. Der Marlboro Man, ja genau, vielleicht war Georges ja der letzte noch überlebende Marlboro Man, der noch nicht an einer Lungenkrankheit verstorben war.
    Vielleicht war er aber nur einer, der irgendwann meinte, die Erwartungen nicht mehr erfüllen zu können und sich dadurch Luft verschaffe, in dem er seine Erwartungen an die Gesellschaft und seine Ansprüche sehr stark reduzierte.
    Wie auch immer, ob der Not gehorchend, aus falschem Stolz, oder selbst gewählt, seinen Abgang hat er sich wohl kaum selbst gewählt. Und verdient hat er ihn wohl auch ebenso wenig!
    Das man dem Toten in der Dreirosenanlage, der Opfer eines Gewaltdelikts wurde, auch einen Namen und somit seine Würde gibt, finde ich gut, dass man ihm aber zur vorweihnachtlichen verklärten Geschichte macht, ist nach meiner Auffassung, pietätlos.
    Damit meine ich aber nicht die, die ihn kannten und ihm gedenken.

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    1. Diese Kommentare sind mir zu einsilbig, alsob man sich schon Jahrhunderte kennt und nur gewisse Wörter genügen, und wir Leser?

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    2. In einem Punkt hat arnold aber recht: Dem Opfer wird ein Name und Gesicht gegeben. Und das ist das Revolutionäre am dieser Geschichte. Sonst sind es immer die Täter, welche die volle Aufmerksamkeit erhalten. Das war und ist ja ein Kritikpunkt der Aufarbeitung der Ereignisse vom Berlin 2016.

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