Leser wollen Carlo Canonica zu einem Dach über dem Kopf verhelfen

Die Geschichte von Carlo Canonica bewegt unsere Leserschaft. So sehr, dass einige ihre Hilfe anbieten. Darüber freuen wir uns mit Carlo Canonica.

Angebote von sozial bewussten Lesern freuen Carlo Canonica. Er hofft aber auf mehr als eine Übergangslösung.

Mit 64 verliert Carlo Canonica urplötzlich seine Wohnung, wo er fast drei Jahrzehnte lebte. Er wehrt sich und verliert. Zuletzt begleitet ihn die Polizei aus seiner Bleibe. Seither lebt er auf der Strasse. Oder wie jetzt, da es kalt ist, in günstigen Hotelzimmern. So die Kurzfassung seiner Geschichte.

https://tageswoche.ch/form/portraet/mit-64-auf-der-strasse-ich-haette-nie-gedacht-dass-mir-das-passieren-koennte/

Sein Schicksal bewegt Herzen. In den Posteingang der Redaktion flattern einige Mails von Lesern, die sich nach den Kontaktdaten von Carlo Canonica erkundigen. Sie möchten helfen. Andere fragen über Social Media nach, geben gutgemeinte Tipps oder wünschen ihm Kraft und Ausdauer. Auch die prominente Schrifstellerin Sibylle Berg richtet sich an ihre über 70’000 Follower:

Eine Wohnung für Canonica?

Ein Leser schreibt per Email: «Wir waren sehr berührt über seine Wohnsituation. Beim Lesen reihte sich ein Gedanke an den anderen bis wir uns entschlossen, Hilfe anzubieten.» In den Sommermonaten sei die eigene Wohnung leer. Für diese Zeit könne Canonica als Untermieter einziehen. «Für die übrigen Monate könnten wir uns gar eine WG-Lösung vorstellen», schreibt uns dieser Leser weiter. Dafür bräuchte es allerdings ein sehr gutes Einvernehmen.

Auch ein Immobilienverwalter hat sich bei der TagesWoche gemeldet. «Ich bedaure den armen Tropf», schreibt dieser. Und: «Möglicherweise kann ich ihm eine kleine Einzimmerwohnung anbieten.» Sicher sei das aber noch nicht.

Am Telefon erzählt der Verwalter dann, er habe schon Erfahrungen mit Mietern von der Strasse gemacht, «sowohl schlechte als auch gute». Und auch wenn er in der Vergangenheit schon übers Ohr gehauen worden sei, findet er: «Es ist halt immer ein Experiment, ob es mit einem Mieter aus solchen Verhältnissen funktioniert.» Er versuche das Risiko vorher so gut es geht einzugrenzen.

Bereitschaft zum Risiko, das kommt Michel Steiner, Co-Leiter der Hilfsinstitution Schwarzer Peter, grundsätzlich immer gelegen. «Wir würden es sehr begrüssen, wenn die Basler hier etwas wagemutiger wären», sagt er. Dass sich Leute zu so einem Schritt durchringen können, sei selten und alles andere als selbstverständlich.

«Viele Obdachlose sind ganz gewöhnliche Menschen, die in eine Armutsspirale geraten sind.»

Gerade eine kurzfristige Übergangslösung sei wichtig. Das gilt selbstverständlich nicht nur für Carlo Canonica, sondern auch für Obdachlose, deren Gesicht man nicht aus der Zeitung kennt. Heute sind fast 400 Menschen beim Schwarzen Peter als obdachlos gemeldet. Aussicht auf eine bezahlbare Bleibe hätten diese bestenfalls mittelfristig.

Gewiss, das Problem von zu wenig günstigem Wohnraum kann mit den Angeboten, die jetzt aus der Leserschaft kommen, nicht gelöst werden. Trotzdem seien sie natürlich Gold wert, findet Steiner.

Auch ihm ist klar, dass eine solche Untermiete ein gewisses Risiko birgt. Auf der anderen Seite müsse man wissen: «Viele Obdachlose sind nicht etwa Sonderlinge, sondern ganz gewöhnliche Menschen, die in eine Armutsspirale geraten sind.» Als Working-Poors zum Beispiel. «Das ist das Tragische an der Situation. Solche Leute wären dankbare Untermieter.»

Wer wirklich Hilfe leisten möchte, dem rät Steiner, sich gut zu überlegen, wie genau er Wohnraum anbieten will. «Eine Wohngemeinschaft kann schnell überfordern.» Einfacher sei es, wenn alle genügend Freiraum hätten. Also eher eine Mansarde mit Lavabo oder eine kleine separate Wohnung als geteilte vier Wände.

Canonica hofft auf mehr

Carlo Canonica freut sich jedenfalls über jedes Angebot. Mittlerweile habe er zwar selbst Aussicht auf eine Wohnung, doch sei alles derzeit noch mehr als nur vage. Er warte auf einen Rückruf. Hilfsangebote kommen ihm also sehr gelegen.

Nachdem er 27 Jahren auf knapp 30 Quadratmetern gewohnt hatte, hofft er, irgendwann wieder eine etwas komfortablere Wohnung beziehen zu dürfen. «Am liebsten hätte ich 55 Quadratmeter Wohnfläche mit einem Balkon an ruhiger Lage.» Er wasche sich seine langen Haare ausserdem lieber in einer Badewanne als in einer Duschkabine. Das gehe für ihn einfacher.

Doch Träume hin oder her: Ab Mitte Januar beginnt in Basel die Messesaison. Dann schlagen die Preise der Hotels auf. Womit ein Zimmer zu teuer wird für Carlo Canonicas IV-Budget.

Momentan bemühe er sich bei den Behörden aber noch mehr darum, dass er ein neues U-Abo finanziert bekommt. Denn ohne U-Abo geht das Drämmlifahren zu sehr ins Geld. Und bei längeren Fusswegen machen ihm seine Beine zu schaffen. Zu Fuss könnte er keine Wohnungen besichtigen, sagt Canonica.

 Wer Wohnsitzlosen ein Obdach bieten möchte, darf sich beim Verein für Gassenarbeit Schwarzer Peter melden: team@schwarzerpeter.ch. Bei rechtlichen Fragen gibt der Mieterverband Auskunft.

Konversation

  1. Vor allem sollen endlich die unseligen Gemeinschaftsunterkünfte verschwinden. Man sieht es doch in Jugendherbergen. Lärm und Gestank! Die seelisch Angeschlagenen brauchen Ruhe, nicht in einem Quartier mit Emissionen.

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