Mit dem letzten Kapitel kommt die Wehmut

Eine Institution mit 70-jähriger Geschichte ist seit dem vergangenen Wochenende selbst Geschichte: Ein letzter Besuch im Antiquariat Koechlin am Spalenberg.

Das Antiquariat Dr. H. Koechlin am Spalenberg 34 hat seine Türe am 30. Juni zum letzten Mal geschlossen.

Bücherfreunde kennen sie, die leise Wehmut, die einen beim Lesen überkommen kann. Auf den letzten Seiten, kurz vor dem letzten Abschnitt, bevor nur noch das leere Blatt, das zugeklappte Buch zurückbleibt, kündigt sie sich an. Es ist die Wehmut der Wortlosigkeit, die Trauer des Endes, das Nichts am Rand einer Welt.

Am Wochenende ging die Geschichte eines besonderen Basler Bücherantiquariats zu Ende. Vom Basler Anarchisten und Verleger Heiner Koechlin (1918 bis 1996) im Jahr 1949 gegründet, seit 1960 am Spalenberg 34 domiziliert, war das Antiquariat Dr. Heiner Koechlin eine Institution mit Ausstrahlung weit über die Stadt hinaus. Wer Philosophie, Literatur, Kunst und Geschichte liebt – gedruckt und hauptsächlich aus dem 20. Jahrhundert –, der wurde auf den 30 Quadratmetern bis zur Decke damit umarmt. Jedes Buch handverlesen.

Gut sortiert auf engstem Raum: Gerade mal 30 Quadratmeter umfasste das Antiquariat Koechlin.

1995 übernahmen Heiner Koechlins langjährige Mitarbeiterinnen Margrit Peter und Helga Lutz das Geschäft. Ab 2005 und bis zu ihrem Tod im vergangenen Jahr führte Margrit Peter es alleine weiter. Seither hielt ihr Lebenspartner Christian Bühler das Geschäft mit Peters Tochter Renata Osterwalder am Leben. Sie suchten Nachfolger. Vergeblich.

Erinnerungen

«Es rentiert nicht mehr», sagt Christian Bühler. Die Umsätze seien in den vergangenen Jahren regelrecht eingebrochen, der Markt für antiquarische Bücher habe sich einerseits ins Internet verlagert, andererseits gebe es immer weniger Käufer. 

Bühlers Blick wandert zu den letzten Kunden. Zwei Männer und zwei Frauen stapeln Bücher auf ein Tischchen. Der Räumungsausverkauf verleitet noch einmal zur Jagd auf Trouvaillen. Jedes Buch zum halben Preis. «Wenn immer so viele Leute gekommen wären wie jetzt, hätten wir nicht schliessen müssen», sagt Bühler.

Ein letztes Mal Stöbern bei Koechlin.

Über Gefühle möchten Bühler und Osterwalder nicht sprechen. «Wie es mir nun geht, wo das trotz allem zu Ende geht? Nein, das habe ich durch, da schweige ich lieber», sagt Bühler.

«Die Läden, das Internet: Es ist nicht mehr dasselbe», sagt Renata Osterwalder. Sie erinnert sich an vergangene Zeiten: «In den 70er-Jahren war das hier wie ein Salon. Politik, Diskussionen. Es war immer etwas los», erzählt sie. Aber heute? «Es liest ja kaum mehr jemand. Es ist eine andere Welt.»

Hoffnung bis zuletzt

Über zehn Parteien haben sich ernsthaft für eine Weiterführung des Geschäfts interessiert. Noch bis vor wenigen Tagen waren noch zwei im Rennen. Deshalb sei auch der Ausverkauf so kurzfristig angesetzt worden, erklärt Christian Bühler.

Kasse und Büro: In der Agenda gibt es keine Einträge mehr.

Bis zuletzt hatte man gehofft, jemand würde das Geschäft übernehmen. Vergeblich. «Die sprangen dann letzlich alle ab, als sie die Umsatzzahlen sahen», sagt Bühler. Mit Unterstützung – etwa in Form der AHV-Rente von Margrit Peter – sei es knapp gegangen. Aber das Geschäft, das während Jahrzehnten eine Familie und mehrere Angestellte ernährt hatte, biete schlicht keine Existenzgrundlage mehr.

Auch beim Ausverkauf gingen nicht alle Bücher weg. Im Juli werden die Regale geleert.

Franziska Schürch und Isabel Koellreuter, die Autorinnen der Biografie von Heiner Koechlin, haben an der Abdankung im November 2017 mit diesen Worten an die  langjährige Geschäftsführerin Margrit Peter erinnert:

Ein kurzer Schwatz am Spalenberg in Margrits Antiquariat – das hat unser Erleben der Innenstadt stark geprägt und schön gemacht –, das hat diese Innenstadt zu etwas «Eigenem» werden lassen. Der Laden mit Margrit, das war für uns ein Teil des Zuhause-Seins hier in Basel. Margrit fehlt uns.

Und jetzt verschwindet auch die Stätte ihres Wirkens. Die Türen sind zu. Bald sind auch die Regale leer: Im Juli wird geräumt. Der Mietvertrag läuft per Ende Monat aus.

Ein letztes Buch zum Abschied.

Konversation

  1. Ich war in den 90ern einige Male dort, aber es war schon damals ein eher verstaubtes, auch einigermassen abstossendes Antiquariat – außer man war an anarchistischer Literatur interessiert. Es ist schön, dass es noch so lange durchgehalten hat, und es ist schade, dass es nicht mehr existiert. Aber eben: Tempora mutantur, et nos mutamur in illis.

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  2. So wandelt sich die Kultur, der Lesende rangiert zunehmend am Rande der Gesellschaft, auf den besten Plätzen haben noch „Apfel-Läden“ und andere Boutiques eine Chance.
    … gut, da in der Peripherie, weit draussen hat man dann auch endlich seine Ruhe, die man heute in der Stadt nicht mehr findet.

    Zum Lesen brauchts Ruhe und Musse.

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