Sie dürfen doch nicht ein bisschen bleiben

An der Elsässerstrasse im St. Johann wurden vier Häuser besetzt. Nach kurzer Zeit war die angebliche Besetzung schon wieder vorbei.

Leerstand behoben: Diese drei Häuser hinter dem Voltaplatz sind bis auf Weiteres besetzt.

Erfolge für die Basler Hausbesetzer-Szene sind rar geworden. Die letzten Besetzungen waren jeweils so schnell beendet, wie sie begonnen hatten. Die Polizei räumt kompromisslos, wenn der Eigentümer diesen Wunsch äussert. So geschehen erst vor Wochenfrist im Gellert, wobei dort die Besetzer schon weit vor der Polizei-Intervention die Häuser wieder verlassen hatten.

Auch am Montag nach der Verkündigung der Besetzung der Elsässerstrasse 128, 130 und 132 war die Polizei vor Ort. Sie führte intensive Personenkontrollen rund um den Häuserblock durch. Wie schon bei der Besetzung im Gellert bleibt unklar, ob die gestern eingeläutete Hausbesetzung aus mehr bestand als dem Aufhängen von Transparenten.

Die vier Wohnhäuser stehen nach einer Massenkündigung seit Ende Mai leer. Über die Pläne der Besitzerin, einer Immobiliengesellschaft namens Areion in Frenkendorf, ist nichts Weiteres bekannt. Eine Baueingabe ist bis heute jedenfalls nicht erfolgt. Die Liegenschaft befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Novartis Campus.

Diesen Leerstand, erklären Vertreterinnen des Besetzerkollektivs, wolle man mit Leben füllen. Ins Detail gehen sie nicht. Sie sagen, das Ziel sei, freies, gemeinsames Wohnen zu ermöglichen, aber auch für kulturelle Projekte böten die Häuser Platz.

In einem Communiqué schreiben sie:

«Wir sind eine Gruppe von Menschen, die den Drang hat, selbstbestimmt zu wohnen und zu leben. Vorstellungen von Lebensformen, die nicht in das gängige Wohnschema passen, sollen in dieser Stadt ihren Platz finden! Wir wollen einen Ort schaffen, der befreit ist von Leistungsdruck. In ihm soll das Teilen und nicht der Besitz im Zentrum stehen. Wir brauchen Zeit, um den Raum entstehen zu lassen, ohne irgendwelche Erwartungen erfüllen zu müssen.»

Ob sich dieses Ziel verwirklichen lässt, bleibt ungewiss. Immerhin gelang es dem Kollektiv, mit den Eigentümern ins Gespräch zu kommen. Eine Seltenheit in Basel, wo der Dialog oft alleine zwischen Polizei und Eigentümern besteht. Die Besitzerin sicherte gemäss Auskunft der Aktivisten nun zu, die Besetzung eine Woche lang zu dulden. Was danach geschieht, ist völlig offen.


Update

Ein Vertreter der Eigentümerschaft erklärt auf Anfrage, er habe nie eine Zusage an die Besetzer gemacht. Handwerker hätten auf einem Rundgang festgestellt, dass gar keine Personen im Haus waren. Am Mittwochmorgen liess der Besitzer sämtliche Eingänge versperren.

An die Stelle der schönen, aber angejahrten Wohnhäuser soll ein Neubau mit 26 Wohnungen kommen. Eine Sanierung wäre zu teuer ausgefallen, weshalb die Altbauten im August abgerissen werden sollen, erklärt der Sprecher der Eigentümer. Der künftige Mietzins soll zwischen 1450 und 2250 Franken monatlich betragen, gebaut werden Wohnungen mit 2,5 Zimmer bis 4,5 Zimmer. Im Frühjahr 2020 sollen die Wohnungen bezugsbereit sein.

Waren wirklich schon drinnen: Blick in die versperrte Hofzufahrt.

Konversation

  1. Ob es klug ist sich von einer Besetzerszene einspannen zu lassen, um als Propaganda-Plattform zu dienen, scheint mir fraglich. Renato Beck macht sich mit seinen Schnellschüssen unglaubwürdig. Es wäre zu wünschen, dass Vorabklärungen bei der Eigentümerschaft einer Liegenschaft Teil der journalistischen Recherche sind. Das nachgelieferte Update hätte man mit einem Telefonanruf bereits vor dem Erscheinen des Beitrags einholen können.

    Jetzt nach der gewonnen Abstimmung geht es doch auch darum Projekte und Ideen für die Umsetzung zu diskutieren. Noch ist Vieles unklar. Offene Fragen: Wie kann in Basel-Stadt günstiger Wohnraum erhalten, oder neu geschaffen werden?

    In Anbetracht der zahlreichen neuen Arealentwicklungen scheint mir die Frage nach der Realisierung von günstigem Wohnraum vordringlich. In welchem Preisspektrum reden wir von günstigem Wohnraum? Welche Voraussetzungen braucht es, um günstigen Wohnraum zu erstellen? Was heisst dies in Bezug auf Baurechtszinsen? Gibt es dafür einen Marktpreis? Welche Wohnqualitäten sind zu erwarten, wenn wir von günstigem Wohnraum reden? Heisst günstig auch billig? Und meint billig, dass die Wohnqualität schlecht sein muss? Welche Rahmenbedingung braucht es, damit Investoren hier ein interessantes Geschäft wittern? Können (und wollen) Architekten überhaupt günstigen Wohnraum kreieren? Von welchen Baukosten pro m3 reden wir, wenn wir günstig bauen wollen/müssen? Braucht es dafür spezifische Anreize? Einen expliziten Architekturwettbewerb für günstigen Wohnraum? Muss die Stadt hier proaktiv Wohnmodelle zur Diskussion stellen, welche günstigen Wohnraum auch im Bereich Neubauten einfordern?

    Der Zeitpunkt ist günstig: Jetzt sollten Investoren zu Worte kommen und sich mit. intelligenten Lösungen der Diskussion stellen. Architekten und Planungsteams, welche mit cleveren Lösungen aufwarten. Lukas Ott sollte federführend diese Diskussion ankurbeln. Die Tawo sich von der Propagandaplattform für BesetzerInnen abwenden und Hand bieten für eine seriöse und sachliche Diskussion. Wir wollen/müssen neue Wohnmodelle diskutieren, welche zielorientiert neuen, günstigen Wohnraum für Viele generieren.

    Danke Empfehlen (2 ) Antworten
    1. Gute Fragen, find ich ! Und zu den Medien: Jedem Tierchen sein Pläsierchen, aber eigentlich etwas enttäuschend, wie die TaWo die Chancen nicht erkennt, die sich mit dem Besitzerwechsel der BaZ auftut und weiter auf die Gattung Sponti Leibesblatt macht.

      Danke Empfehlen (1 ) Antworten
    2. Den Vorwurf „Propagandaplattform“ finde ich doch etwas übertrieben (Selbst wenn er zuträfe: mangelnde Finanz- und Schlagkraft der Gegenpropaganda wäre bestimmt nicht zu befürchten). Man kann der TagesWoche sicher nicht vorwerfen, der jeweils anderen Seite die Darlegung ihrer Sichtweise zu verweigern. Und gab es nicht kürzlich ein grosses Interview hier mit Lukas Ott? ArchitektInnen (z.B. Barbara Buser) kommen auch immer wieder zu Wort. Die Sicht privater Investoren, die „ein interessantes Geschäft wittern“ kann man sich in etwa selbst zusammenreimen: wenn ein vom Kanton garantierter fetter Return on Investment winkt, sind sie bestimmt Feuer und Flamme für den Bau günstiger Wohnungen. Andernfalls halt eher weniger. Natürlich lasse ich mich gerne von einem Unternehmer mit Herz und Sinn für’s Ungewöhnliche eines Besseren belehren. Die TaWo würde ihm bestimmt eine Plattform bieten.

      Danke Empfehlen (1 ) Antworten

Nächster Artikel