6,5 Hektaren Land für eine soziale Landwirtschaft

In Nuglar-St. Pantaleon erprobt der Verein Nuglar-Gärten ein neues Landwirtschaftskonzept: Die Kundinnen und Kunden tragen das Risiko mit – dafür haben sie Mitspracherecht und erhalten einen Teil der Ernte.

Dominique Oser wollte schon als Kind Landwirtin werden. In Nuglar-St. Pantaleon erprobt sie ihre Zukunftsvision. (Bild: Daniela Gschweng)

In Nuglar-St. Pantaleon erprobt der Verein Nuglar-Gärten ein neues Landwirtschaftskonzept: Die Kundinnen und Kunden tragen das Risiko mit – dafür haben sie Mitspracherecht und erhalten einen Teil der Ernte.

«Also, da oben sind die Erdbeeren, und die Obstbäume gehören auch dazu.» Dominique Oser beschreibt mit dem Arm einen grossen Bogen über die winterliche Obstwiese. «Und hier vorne bauen wir gerade Kompost auf.»

Die Landwirtin steht auf einer Parzelle in der Dorfmitte von Nuglar, gleich hinter der Raiffeisenbank. Viel zu sehen gibt es hier für unkundige Augen nicht.

Für Oser schon. Sie ist Pächterin von 6,5 Hektaren Land, der Fläche von etwa sechs Fussballfeldern, und Angestellte beim Verein Nuglar-Gärten. Neben dem Kompost, von dem bisher nur ein paar Holzverschalungen zu sehen sind, sieht sie ein Zucchinibeet wachsen, ein paar Schritte weiter einen Kräutergarten entstehen und sie überlegt sich, Spargel und Rhabarber zu pflanzen.

Wir widmen der Landwirtschaft einen Schwerpunkt. Im entsprechenden Dossier finden Sie weitere Artikel zum Thema.

Das Erdbeerbeet ist von Gras überwachsen und kaum zu erkennen. «Die Erbeeren müssen wir am Wochenende jäten», sagt Oser, während sie über die sumpfige Wiese stapft. «Wir» sind die derzeit 30 Vereinsmitglieder. Wie die anderen Parzellen der Nuglar-Gärten wird auch diese gemeinschaftlich bewirtschaftet.

Prinzip des geteilten Risikos

Das landwirtschaftliche Projekt befindet sich seit zwei Jahren im Aufbau. «Dieses Jahr können wir richtig loslegen», sagt die Fachfrau für biologisch-dynamische Landwirtschaft und zeigt auf Beerensträucher, von denen man derzeit nur die knöchelhohen Setzlinge sieht, die sich kaum vom Untergrund abheben. Diese stammen von Pro Specie Rara, einer Stiftung, die sich für den Erhalt seltener Sorten einsetzt.

Die Vereinsmitglieder entscheiden gemeinsam, was angebaut wird. Die Nuglar-Gärten wirtschaften nach dem Prinzip der gemeinschaftlich getragenen Landwirtschaft: Die Konsumenten beteiligen sich an den Pacht- und Bewirtschaftungskosten und erhalten im Gegenzug ein Mitwirkungsrecht und einen Teil der Ernte. Der Kunde bezahlt für ein Gesamtunternehmen und nicht mehr für einzelne Lebensmittel. Kosten und Risiken werden geteilt.

Für 2015 bietet der im vergangenen Jahr gegründete Verein erstmals ein Ernte-Abo an. Abholen können sich Abonnenten ihren Teil an der Ernte dann einmal wöchentlich im Depot in Basel oder direkt in Nuglar.

Bis dahin ist noch viel zu tun. Der Verein wirtschaftet nach biologisch-dynamischen Richtlinien und orientiert sich an den nachhaltigen Prinzipien der sogenannten Permakultur oder «dauerhaften Landwirtschaft». Die Nuglar-Gärten achten auf grösstmögliche Artenvielfalt, kurze Transportwege und effiziente Energienutzung. Dazu gehört auch, dass der zur Verfügung stehende Raum intensiv genutzt wird und nur wenige Arbeiten mit Maschinen erledigt werden.

Einen Mitwirkungszwang gibt es nicht

An Helfern mangelt es Oser nicht. Sie teilt sich zusammen mit ihrem Kollegen Joel Graff eine Vollzeitstelle und ist an drei Tagen pro Woche auf dem Feld. Wer möchte, kann anrufen und bei der Arbeit mithelfen. Dazu kommen gemeinschaftliche Wochenendaktionen, in denen die Fachfrau für biologisch-dynamische Landwirtschaft ihr Wissen weitergibt.

Eine der Obstwiesen des Vereins Nuglar-Gärten im Februar. Viel zu sehen gibt es dort für unkundige Augen nicht. Für Dominique Oser schon.

Eine der Obstwiesen des Vereins Nuglar-Gärten im Februar. Viel zu sehen gibt es dort für unkundige Augen nicht. Für Dominique Oser schon. (Bild: Daniela Gschweng)

In den Vereinsstatuten ist festgehalten, dass sich jedes Mitglied im Rahmen seiner Möglichkeiten einsetzen soll. «Einen Zwang gibt es nicht», erklärt Oser. «Es ist unser Wunsch, dass sich alle einbringen und sich engagieren. Ob man sich aufs Feld stellt, ein Fest organisiert oder einen Kuchen bäckt, bleibt jedem selbst überlassen.»

Zwischendurch erzählt sie weiter von den Plänen für das Jahr. Quinoa wird der Verein anbauen und, als Alternative zu Soja, die eiweissreichen Süsslupinen. «Mit Senf und Kräutern wollen wir noch experimentieren.»

Mehr als ein Kindheitstraum

Neben ihrer Arbeit beim Verein Nuglar-Gärten leitet Oser den Gemeinschaftsgarten Landhof in Basel. Landwirtin zu werden, war für die 30-Jährige ein Kindheitstraum. «Form und Art des Traumes haben sich mit den Jahren geändert», sagt sie, «aber er ist noch immer da.» Lange suchte sie nach einem Hof oder einem grösseren Stück Land, was sich als schwierig herausstellte. Bis sie von einer Erbengemeinschaft die insgesamt 6,5 Hektaren Land in Nuglar pachten konnte.

Die gemeinschaftliche Nutzung von landwirtschaftlichen Ressourcen und die Prinzipien der Permakultur sind für Dominique Oser ein gesellschaftliches Zukunftsmodell, nicht nur ein Experiment. Eine Anschubfinanzierung für 2013 und 2014 bekam das Projekt Nuglar-Gärten vom Sustainable Development at Universities Program und der Uni Basel. 2015 wird der Verein Nuglar-Gärten mit 50’000 Franken von der Gesundheitsförderung Schweiz unterstützt.

Ein Teil der Vereinsmitglieder stammt aus Basel und den umliegenden Gemeinden, ein anderer aus Nuglar-St. Pantaleon, wo es heute nur noch einen Vollerwerbsbauern gibt. Die Kirschbäume, auf die man in der Gegend lange setzte, bringen nicht mehr viel ein. Schon deshalb wird das Projekt Nuglar-Gärten wohl mit Neugier und Interesse verfolgt.

Landwirtschaft mit innovativen Methoden

«Natürlich gibt es auch Anwohner, die sich wundern und sich wohl denken, was wir da Komisches machen», sagt die Junglandwirtin. Inzwischen steht sie auf einer anderen Parzelle am Ende des Dorfes. Das dort frisch angelegte Hügelbeet mit einem Kraterbeet in der Mitte sieht in seiner kreisförmigen Anordnung ein wenig esoterisch aus. «Das ist ein Aufbau, wie man ihn aus Gegenden mit Lavaboden kennt», erläutert Oser. Ein Ring aus Baumschnitt dient als Windschutz, im geschützten Inneren kann Gemüse wachsen.

Mutet etwas esoterisch an: Das vom Verein Nuglar-Gärten angelegte Hügelbeet mit einem Krater in der Mitte.

Mutet etwas esoterisch an: Das vom Verein Nuglar-Gärten angelegte Hügelbeet mit einem Krater in der Mitte. (Bild: Daniela Gschweng)

Mit 6,5 Hektaren könne man schon eine ganze Anzahl Menschen versorgen. «Mit Gemüse auf jeden Fall», sagt Oser, «da rechnet man über den Daumen einen Hektar für 100 Personen.» Die Kooperative Ortoloco in Zürich, die ähnlich organisiert ist wie der Verein Nuglar-Gärten, versorgte im letzten Jahr mit 1,4 Hektar Land 220 Haushalte.

Ziel der Nuglar-Gärten ist eine Vereinsgrösse von 160 Mitgliedern, dann wäre das Projekt selbsttragend. Mit weiterem Wachstum will sich der Vorstand aber Zeit lassen, ausprobieren, was wo am besten gedeiht, und die Bodenfruchtbarkeit verbessern.

Auf die Frage, ob das Modell der Nuglar-Gärten auch auf eine grössere Bevölkerungsgruppe übertragbar sei, antwortet Dominique Oser: «Ja, ich denke schon.»

Konversation

  1. Kleine böse Frage: Wieso haben die Bauern da früher nix als Wiese wachsen lassen?
    Ist da unter der Erdkrume vor allem sandiger Boden, gemischt mit grösseren Steinen, also wenig fruchtbar?
    Dann könnte Schafzucht gut sein. Die bedüngen ihren Boden gleich selber.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
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