Leyla und Benan suchen seit Jahren eine Lehrstelle. Doch weil sie Musliminnen sind und Kopftuch tragen, will kein Arbeitgeber sie anstellen. 


Leyla* hat alles richtig gemacht: Sie hat die Kaufmännische Vorbereitungsschule KVS mit einem Notendurchschnitt von 5,5 abgeschlossen. Auch den Multicheck hat sie gemacht. Dieser Test analysiert, ob eine Jugendliche die Voraussetzungen für einen bestimmten Beruf mitbringt. Das Resultat: Leyla ist für den Beruf einer Kaufmännischen Angestellten überdurchschnittlich geeignet.

Daraufhin hat Leyla eine Bewerbung geschrieben und noch eine – und  dabei, wie man das soll, Bezug auf die jeweilige Firmenphilosophie genommen. Dennoch erhielt Leyla Absage um Absage. Sie suchte nach Gründen und kam zum Schluss: «Es muss am Kopftuch liegen.» Leyla ist Muslimin. Sie ist in der Türkei geboren und kam mit zwölf Jahren in die Schweiz.

Wir sitzen im Innenhof des Lernhaus CO13 im Kleinbasel. Das CO13 ist ein Bildungsprogramm, das junge Erwachsene dabei unterstützt, einen Schulabschluss zu erreichen oder eine Lehrstelle zu finden. Leyla hat sich hier im Oktober 2016 angemeldet, nachdem sie ein Jahr lang vergeblich Bewerbungen geschrieben hatte. Jetzt, neun Monate später, ist Leyla immer noch hier. Ihr dunkles Haar hat sie mit einem weissen Kopftuch bedeckt, ihre Arme sind unter langen Ärmeln verborgen. Leylas Deutsch ist fliessend. Sie sagt: «Alle sagen mir ab.»

Türkinnen mit Kopftuch werden dreimal seltener zum Vorstellungsgespräch eingeladen als Türkinnen ohne Kopftuch.

Dieselbe Erfahrung macht Benan*. Die 24-jährige Türkin ist in der Schweiz aufgewachsen. Sie möchte Kinderbetreuerin werden und sucht bereits seit dem Jahr 2012 eine Lehrstelle. Auch sie bekommt Hilfe von CO13 und hat gute Zeugnisse. «Aber alle sagen mir ab.»

Das ist unüblich. Nach einem halben Jahr hätten die Teilnehmer des Lernprogramms normalerweise eine Lehrstelle, erklärt Ines Birkenhagen von CO13. Insbesondere mit Qualifikationen, wie sie Leyla und Benan mitbringen. Die beiden sind die ersten Frauen mit Kopftuch, die von CO13 betreut werden – eine Herausforderung für das Lernprogramm. Auch Männer und Frauen mit einem «-ic» im Namen haben es schwer. «Aber so etwas wie bei Leyla und Benan habe ich noch nie erlebt», sagt Birkenhagen.

Die österreichische Ökonomin Doris Weichselbaumer hat zum Thema Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt geforscht. Mittels Experiment fand sie heraus: Türkinnen mit Kopftuch werden in Deutschland dreimal seltener zum Vorstellungsgespräch eingeladen als Türkinnen ohne Kopftuch – und zwar mit der genau gleichen Bewerbung. Frauen mit deutschem Namen werden – bei genau gleichen Unterlagen – viereinhalbmal häufiger eingeladen. Weichselbaumer kritisiert: «Der Westen diskutiert heiss darüber, ob muslimische Frauen in ihrer Kultur diskriminiert werden. Aber niemand redet darüber, wie muslimische Frauen in der westlichen Kultur behandelt werden.»

Rechtlich nicht zulässig

Leyla wollte Gewissheit. Sie rief bei den Firmen an. Die einen antworteten ausweichend, riefen nicht zurück oder legten einfach auf. Aber es gab auch solche, die Leyla Antworten gaben: darunter eine internationale Grossbank mit Sitz in Zürich, ein Ausbildungsprogramm von Basler Kleinunternehmen, eine Basler Bank und eine Bekleidungskette für junge Frauen. Sie alle sagten laut Leyla: «Es liegt am Kopftuch.»

Rechtlich ist das nicht zulässig. Zwar erklärte das Bundesgericht im Fall einer Genfer Lehrerin ein Kopftuchverbot für rechtens. Doch die Schule ist öffentlich und untersteht dem Zivilrecht. Leyla aber hatte sich bei privaten Betrieben beworben, diese unterstehen dem Privatrecht.

Dort ist ein Verbot nur aus sachlichen Gründen wie zum Beispiel Hygiene oder Sicherheit zulässig, wie Kurt Pärli, Professor für Soziales Privatrecht an der Universität Basel, sagt. «Wird eine Frau wegen des Kopftuches nicht angestellt, obwohl sie fachlich am besten qualifiziert ist und es keine anderen sachlichen Gründe gibt, stellt eine Nichtanstellung eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte dar.»

Kommen noch Schweizer Kunden, wenn eine Frau mit Kopftuch hinter der Kasse steht?

Viele Firmen argumentieren mit ihrer Kundschaft. So erklärte die Inhaberin eines kleinen Basler Geschäfts gegenüber Leyla: «Ich weiss nicht, ob die Schweizer noch kommen, wenn eine Frau mit Kopftuch hinter der Kasse steht.» Eine Kita, bei der sich Benan bewarb, hatte dieselbe Befürchtung: «Schweizer Eltern bringen ihre Kinder bestimmt nicht mehr zu uns.»

Ob dieses Argument vor Gericht akzeptiert würde, ist umstritten. «Es hängt davon ab, ob man allfällige Kundenwünsche als sachlichen Grund für ein Kopftuchverbot sieht oder nicht», sagt Rechtsprofessor Pärli. Es müsse zwischen den wirtschaftlichen Interessen der Arbeitgeberin und den Persönlichkeitsinteressen der Arbeitnehmerin abgewogen werden. Sicher ist: «Keine sachlichen Gründe für ein Kopftuchverbot sind persönliche Vorlieben der Arbeitgeberin selbst.»

Auch die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus hat sich mit dem Thema auseinandergesetzt. Für die Präsidentin Martine Brunschwig Graf ist klar: «Man kann das Kopftuch nicht einfach verbieten, weil die Kunden nicht begeistert sind.» Laut Brunschwig Graf gibt es Fälle, in denen Frauen mit Kopftuch diskriminiert werden, allerdings möchte sie nicht generalisieren. «Nicht jede Frau mit Kopftuch hat Probleme, eine Stelle zu finden.» Es gäbe je länger, je mehr Arbeitgeber, die offen seien.

Keine Beweise für Diskriminierung

Doch auch wenn eine Diskriminierung vorliegt, ist es schwierig, sich zu wehren. Leyla und Benan erwogen, juristisch gegen die Firmen vorzugehen, die ihnen wegen des Kopftuchs eine Anstellung verweigerten. Doch ihnen fehlen die Beweise.

Das ist auch der Grund, dass die TagesWoche die meisten Firmen nicht namentlich nennt – es steht Aussage gegen Aussage. Wir haben die Unternehmen, bei denen Leyla und Benan unerwünscht waren, konfrontiert. Die meisten bestritten, dass sie eine Frau nur wegen ihres Kopftuches nicht anstellen würden.

https://tageswoche.ch/+VYide

Einzig die Bank Credit Suisse bestätigt, dass sie keine religiösen Tenues bei Mitarbeitenden akzeptiert, die mit Kunden zu tun haben. Das gilt nicht nur für das Kopftuch, sondern auch für andere Kopfbedeckungen. Der Pressesprecher sieht darin keinen Widerspruch zum offiziellen Credo der Credit Suisse, Frauen und Minderheiten zu fördern.

«Die Mitarbeitenden treten während der Arbeitszeiten als Funktionsinhaber und nicht als Privatpersonen auf. Aus diesem Grunde gilt die Regel, dass bei Positionen mit direktem Kundenkontakt eine neutrale, konfessionslose Bekleidung ohne Kopfbedeckung jeglicher Art getragen werden muss.»

Bei Mitarbeiterinnen, die keinen Kontakt zu Kunden haben, gelte diese Regelung nicht.

Befehl von Allah – oder doch nicht?

Benan legte ihr Kopftuch für die Praktikumsstelle in einer Kita ab. Doch sie fühlte sich nicht wohl. «Es ist Teil meines Glaubens, ein Kopftuch zu tragen.» Im Koran gibt es mehrere Textstellen, welche die Verhüllung thematisieren. Gemäss Gläubigen geht sie auf Weisungen des Propheten Mohammed zurück.

Eine der Geschichten geht, salopp erzählt, so: Eine von Mohammeds Frauen wurde auf der Strasse von Männern belästigt. Eines Tages verhüllte sie Körper und Gesicht und wurde auf einmal respektiert und als Mensch behandelt. Da schickte Allah Mohammed die Nachricht, alle seine Frauen sollten sich verhüllen, um sich zu schützen und nicht als sexuelle Objekte behandelt, sondern als Personen respektiert zu werden.

Das entspricht allerdings keinem expliziten Befehl, und Korangelehrte sind sich nicht einig, wie der Vers auszulegen ist. Auch Sohail Mirza, Präsident der Basler Muslimkommission, betont: «Keine Frau sollte zum Kopftuch gezwungen werden.» Ob eine Frau sich dazu entscheide, sei eine Sache zwischen ihr und Gott.

Viele Schweizer sehen das Kopftuch als Zeichen der Unterdrückung. Doch Benan fühlt sich unterdrückt, wenn sie das Tuch nicht tragen darf.

Gemäss Bundesamt für Statistik sind fünf Prozent der Schweizer Bevölkerung muslimischen Glaubens, das sind 346’208 Personen ab 15 Jahren. In Basel sind es 13’900 Menschen. Nur ein Bruchteil der Musliminnen trägt Kopftuch. Leyla und Benan betonen: «Wir tun es freiwillig.» Als Mädchen trugen sie ihr Haar offen, irgendwann entschieden sie sich für das Kopftuch. Benans Schwester dagegen trägt ihr Haar auch als Erwachsene noch offen. «Das ist kein Problem, niemand in unserer Familie kritisiert sie deswegen.»

Viele Schweizerinnen und Schweizer gehen vom Gegenteil aus. Sie denken, Musliminnen würden von ihren Vätern, Brüdern oder Ehemännern zum Kopftuch gezwungen. Sie sehen es als Zeichen der Unterdrückung – und beschimpfen Benan und Leyla auf der Strasse oder im Tram. «Dabei unterdrücken Schweizer uns, wenn sie uns sagen, dass wir das Kopftuch nicht tragen dürfen», sagt Benan. Sie kann die Vorurteile nicht verstehen: «Das Kopftuch schadet mir weder körperlich noch seelisch.»

Die Vorurteile dagegen schon: Sie verhindern, dass Leyla und Benan eine Lehrstelle finden. Sie müssen deshalb von der Sozialhilfe leben. «Das ist doch paradox», sagt Leyla. Viele Schweizer werfen Migranten vor, sie würden vom Sozialstaat profitieren und sich zu wenig integrieren. «Aber wenn wir uns integrieren wollen, legen sie uns Steine in den Weg.»

Kopftuch gleich Terroristin

Woher kommen die Vorurteile? Andreas Tunger hat Antworten. Er ist Christ, Religionswissenschaftler und forscht an der Universität Luzern über islamische Kulturen in Westeuropa. Tunger sieht mehrere Gründe dafür, dass die Bevölkerung beim Thema «Kopftuch» rot sieht.

Erstens: «Viele verstehen die Gründe der Kopftuchträgerinnen nicht und haben auch keine Lust, sich damit auseinanderzusetzen.» Da ist es einfacher, das vielschichtige Phänomen «aus Prinzip» abzulehnen.

Zweitens: Es gibt die Ansicht, Kopftuch und Extremismus gehörten irgendwie zusammen. Das hat auch die TagesWoche-Recherche gezeigt. Eine Kleinunternehmerin sagte am Telefon: «Ich würde nie eine Frau mit Kopftuch einstellen. Die meisten Kopftuchträgerinnen sind Terroristinnen, das weiss man ja.» Für diesen Zusammenhang gibt es keinerlei Belege und er ist absurd: Wäre jede Frau mit Kopftuch eine Terroristin, hätten wir in Basel schon einige Bombenanschläge erlebt.

Menschen beanspruchen Macht und nehmen dafür ein religiöses Symbol, um ihre Botschaft zu transportieren.

Tunger macht die Medien für die Vorurteile mitverantwortlich. «Die Medienlogik bevorzugt negative Themen wie Terrorismus oder Missstände. Wenn dann der Islam eine Rolle spielt, greifen die Redaktionen allzu rasch zum Foto einer verschleierten Frau, egal ob es sachlich passt oder nicht. Kein Wunder, dass die Leserinnen und Leser Schleier und Bomben zusammendenken.»

Andererseits gibt es laut Tunger tatsächlich genügend muslimische Wortführer, die den Islam, und besonders gerne das Kopftuch, für politische Zwecke instrumentalisieren. «Viele Islamisten propagieren ein traditionalistisches Frauenbild, dem selbst unpolitische konservative Gläubige aktiv nichts entgegensetzen.»

Es  gibt aber auch muslimische Frauenrechtlerinnen, die argumentieren, das Kopftuch sei ein Symbol der weiblichen Befreiung. Es ist eine Frage der Politik: Menschen beanspruchen Macht und nehmen dafür ein religiöses Symbol, um ihre Botschaft zu transportieren.

Mal verboten, mal vorgeschrieben

Dass es beim Kopftuch oft mehr um Macht als um Religion geht, zeigt beispielsweise der Iran. Seit den 1920er-Jahren kämpfen dort verschiedene politische Strömungen um die Macht. Je nachdem, wer das Land regierte, wurde das Kopftuch abwechselnd verboten oder vorgeschrieben. 

Als Micheline Calmy-Rey 2008 als Aussenministerin den Iran besuchte, trug sie beim Treffen mit Präsident Ahmadinejad ein Kopftuch, was eine lange Mediendebatte nach sich zog. Calmy-Rey stellte sich dabei auf den Standpunkt, nur weil sie ein Kopftuch trage, werde sie noch lange nicht zur unterdrückten Frau.

Schweizer Politiker benutzen die verschleierte Frau als Symbol für ihre Politik. So machte die SVP mit dem Bild einer verhüllten Muslimin Stimmung gegen die erleichterte Einbürgerung von Personen der dritten Ausländergeneration.

Unter alldem leiden die Frauen. Je nach politischer Botschaft diejenigen, die ein Kopftuch tragen wollen, einmal diejenigen, die keines tragen wollen.

Der Papst hat das Kopftuch wahrscheinlich nicht bestellt. Die Trumps trugen es trotzdem.

Häufig geht es aber beim Kopftuchstreit tatsächlich um die Religion. So sagt Wissenschaftler Tunger: «Hinter den Vorurteilen steckt oft die persönliche Unsicherheit in Sachen Religion.» Die Kirche verliert in der Schweiz an Bedeutung. Vielen Menschen sind die klaren religiösen Verhältnisse ihrer Kindheit abhanden gekommen. Das Kopftuch oder auch das muslimische Ritualgebet symbolisiert für sie diese vermeintliche Klarheit. Doch statt dies anzuerkennen, lehnen sie ab, wonach sie sich womöglich sehnen. Sie verwandeln das Unbehagen gegenüber religiösen Situationen in Ablehnung des «fremden» Glaubens.

Dabei hat das Kopftuch auch in der Schweiz Tradition. Bis vor hundert Jahren bedeckten Christinnen hierzulande ihr Haar. Nonnen in gewissen Orden tragen noch heute Schleier oder Haube, ebenso wie einige Frauen bei der Hochzeit oder beim Kirchenbesuch auf dem Land. Eine Christin galt lange nur als ehrbar, wenn sie ihren Kopf bedeckte, wie Hilke Jabbarian in ihrem Buch «Der Schleier in der Religions- und Kulturgeschichte» schreibt.

Paulus schrieb an die Korinther: «Jede Frau, die mit unverhülltem Haupt betet, schändet ihr Haupt.»

Als wichtigste Bibelstelle gilt der Korintherbrief des Apostels Paulus, er soll ihn um 55 nach Christus geschrieben haben. Junge Frauen hatten sich der Tradition widersetzt und ihr Kopftuch abgelegt, worauf Paulus sie ermahnte. Sein Argument: Die Frau ist dem Mann Untertan.

«Jede Frau, die mit unverhülltem Haupt betet […], schändet ihr Haupt. […] Denn ein Mann braucht sich zwar nicht das Haupt zu verhüllen, weil er ein Bild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist ein Abglanz [des] Mannes. Denn nicht stammt [der] Mann aus [der] Frau, sondern [die] Frau aus [dem] Mann. Denn [der] Mann wurde auch nicht um der Frau willen geschaffen, sondern [die] Frau um des Mannes willen. Daher soll die Frau eine Macht auf dem Haupt haben […].»

Mit Kopftuch zum Papst

Christen streiten sich, wie das zu verstehen sei. Es gibt heute noch Frauen, die ihr Haar bedecken, wenn sie eine Audienz beim Papst im Vatikan haben – so wie zuletzt Melania und Ivanka Trump. Das bedeutet nicht, dass alle Christinnen unterdrückt werden. Es kommt immer darauf an, wie man den Glauben interpretiert. Und eben: Wie man das macht, ist in der Schweiz je länger, je mehr Privatsache.

Ist es unanständig, eine Muslimin zu fragen, warum sie das Kopftuch nicht einfach ablegt?

Und gerade das macht es so schwierig, über den Glauben zu reden. Das geht auch mir so, wie ich bei dieser Recherche merkte. Wenn ich mit Musliminnen sprach, fürchtete ich manchmal, zu weit zu gehen. Also fragte ich: Ist es unanständig, eine Muslimin zu fragen, warum sie das Kopftuch nicht einfach ablegt? «Nein, ist es nicht», fanden die Frauen. Und erklärten mir ihren Glauben.

«Man weiss nie, wie die Leute reagieren»

Der direkte Kontakt ist oft der beste: Was man kennt, fürchtet man weniger. Das zeigt auch das Beispiel eines kleinen Basler Betriebs. Eine der Mitarbeitenden dort trägt seit einiger Zeit ein Kopftuch. Die Chefin war am Anfang skeptisch, «wegen der Schweizer Kunden und auch wegen des Terrorismus». Dennoch gab sie ihrer Angestellten grünes Licht: «Ich kenne sie ja, und weiss, dass sie ein guter Mensch und eine gute Mitarbeiterin ist.»

Die TagesWoche hat den Betrieb besucht und wollte die ganze Geschichte erzählen. Doch kurz vor Veröffentlichung machte die Muslimin einen Rückzieher. Sie fühle sich unwohl, in der Öffentlichkeit zu stehen. Sie werde jetzt schon wegen ihres Kopftuchs beschimpft. «Man weiss nie, wie die Leute reagieren.»

Junge Musliminnen, das zeigt diese Recherche, überlegen sich meistens lange, ob sie das Kopftuch tragen wollen – gerade wegen der absehbaren Nachteile.

Für Benan und Leyla geht die Suche nach einer Lehrstelle weiter. Immerhin, es gibt klitzekleine gute Neuigkeiten. Leyla hat ein Praktikum in einer Schule gefunden, Benan hilft vorübergehend in einer Kita aus. Nebenbei schreiben sie weiterhin Bewerbungen. Und versuchen, alles richtig zu machen. Damit irgendwann ein Arbeitgeber die Qualitäten unter dem Kopftuch erkennt.

* Namen geändert

Dossier Jobkiller Kopftuch

Gute Noten reichen nicht. Wenn eine verhüllte Muslimin eine Lehrstelle sucht, sehen Arbeitgeber nur das Tuch.

Alles zum Thema (4)

Konversation

  1. Ich finde, dass religöse Symbole Privatsache sind und nicht in die Öffentlichkeit gehören. Wir leben in einer Demokratie und nicht in einem Gottesstaat und die Zeiten, als die Kirche unser Leben regierte, sind Gott sei Dank vorbei. Und das soll auch so bleibt. Obwohl noch nicht konsequent umgesetzt, schätze ich unsere Gesetze zur Gleichstellung von Frau und Mann; diese sind uns übrigens nicht einfach so in den Schoss gefallen. Das Kopftuch ist für mich ein Zeichen von Rückschrittt und als Frau möchte nicht mehr in „alte Zeiten“ zurückkatapultiert werden. Akezeptiere ich dieses religiöse Symbol, muss ich konsequenterweise auch akzeptieren, wenn mir ein muslimischer Mann nicht die Hand geben will, den das gehört ja auch zu seiner Religion. Wo sind denn nun die Grenzen? Wer bestimmt dieses? Schauen Sie sich doch die Ländern an, in denen die Frauen Kopftuch tragen? Welches davon ist wirtschaftlich erfolgreich (Ölstaaten ausgenommen)? Wem die Religion wichtiger ist als die landesüblichen Sitten und Bräuche, hat sich über die Konsequenzen nicht zu beklagen. Insofern bedaure ich dies zwei jungen Frauen nicht.

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  2. „Es muss am Kopftuch liegen“ oder an der Tatsache, dass sie in ihrem eigenen Kopf nicht begreift, dass das Kopftuch in ihrem Gastland Schweiz (wie auch übrigens in Atatürks Türkischer Republik) keinen Stellenwert im öffentlichen Leben hat, ja, sogar als anstossend empfunden wird. Es ist mehr als offentsichtlich, dass es sich hier um zwei intelligente junge Frauen handelt. Umso mehr wundert es, dass sie nicht fähig sind über ihren eigenen Schatten zu springen.

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  3. Man fragt sich dann schon, was geht hier ab? Haben alle wirklich aufgepasst in der Geschichte? Oder sich zumindest nachträglich damit befasst, weshalb Türkei Gründer Atatürk damals ein Kopftuchverbot ausgesprochen hatte? Es ging darum, das Land in die Moderne zu führen, ökonomisch wie gesellschaftlich. Vor allem aber wollte man damals den Frauen den Weg öffnen zur Bildung, Basisbildung aber vor allem zur Universität. Sind sich alle Frauen dessen bewusst, die hier nun aus feministischer Warte von hier aus (ohne wohl die Türkei je besucht zu haben..) in die Bresche werfen für alte, religiös motivierte Sichtweisen? Ja, wir sind im 21. Jahrhundert angekommen! Die Zeit geht vorwärts, nicht rückwärts. Ich habe gerade gestern private alte Portraits gesehen, mit Frauen aus der Türkei im Jahre 1928. Modern gestylt, ganz nahe an der Modernität, wahrscheinlich mehr, als wir es damals waren in der Schweiz. Sollen die Grundwerte der Trennung von Staat und Religion, wie es damals Atatürk durchgesetzt hat, nun nicht mehr gelten? Hat die Verfasserin des Tages Woche Beitrags Einblick in die Milieus der türkischen Leute? Kann ich mir nicht denken nach dem Lesen ihrer Zeilen. Kommt alles ziemlich hemdsärmelig daher, das ist mir zu wenig differenziert und in der Tiefe behandelt. Chance verpasst.

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  4. Wie wäre es mit etwas mehr Toleranz? Niemand von uns wird durch Kopftuch tragende Frauen bedroht. Solange die Religion friedlich demonstriert wird, so wie dies Christen, Juden, Buddhisten tun – warum gestehen wir dies nicht auch den Muslimen zu?

    In der Schweiz wird das Thema bewusst von den Rechten bewirtschaftet und zudem mit den terroristischen Anschlägen aufgemischt.

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  5. Als Firmeninhaber wäre ich bei der Einstellung einer Kopftuch tragenden Frau genau so zurückhaltend wie bei einem Mann der nur mit einer Baseballmütze rumläuft und z.Bsp. Goldketten trägt.
    Allerdings gibt es ja durchaus auch Berufe wo man keinen Kundenkontakt hat.

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  6. Mir persönlich sind Frauen mit Kopftüchern bei der Arbeit sympathischer als Frauen mit Nacken-, Rücken, Arm- oder Ganzkörpertattoos (und die sind ja alle mittlerweile, im Gegensatz zu noch vor ein paar Jahren, gesellschaftlich akzeptiert).

    Was mir komplett unsympathisch ist, sind weisse, mitteleuropäische Männer, die die Deutungshoheit von Frauenbekleidung für sich beanspruchen.

    Und abgesehen davon spielt es keine Rolle, ob Frau auf dem SUV einen blauen Fisch spazieren führt, oder ob Frau ein Kopftuch trägt.

    Religion ist Privatsache.

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    1. Ah ja. Du verlangst, dass sich Frauen verhüllen, damit du dann ihre Tätowierungen nicht siehst. Ob eine Muslimin solche trägt, kannst du dann auch nicht wissen. Religiöses Kopftuchtragen ist für dich besser als Tätowierungen zeigen. Dein letzter Satz ist ist lächerlich mit deinen anderen Argumenten.

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  7. Vielleicht sollten wir bei der beantwortung der Frage auch berücksichtigen, worauf wir verzichten, falls wir Frauen mit Kopftuch ausschliessen: Auf Mitarbeiterinnen, die vielleicht ja viel Begabung und Engagement mitbringen würden.

    Und vielleicht sollten wir uns auch überlegen, was wir mit dieser Ablehnung eigentlich den jungen Frauen (und uns) sagen, nämlich:
    Es interessiert uns nicht, was ihr im Kopf habt, sondern nur, was ihr darum wickelt.
    Es ist egal, wie intelligent, begabt, leistungsbereit ihr seid, so lange ihr euch nicht anpasst an unsere Kleidernormen, an die wir uns schliesslich auch anpassen müssen. Wir tragen auch unbequeme Businessanzüge, wo kämen wir denn da hin, wenn jeder sich einfach so kleiden würde, wie er sich wohlfühlt und dadurch als Individuum sichtbarer wird.
    Wir lehnen religiöse Kleidervorschriften ab, halten diejenigen unserer Arbeitgeber aber strikte ein, denn schliesslich sind sie es, die uns unser tägliches Brot geben – Amen.
    Wir empfinden das Kopftuch als Unterdrückung und können euch deshalb nicht erlauben, es freiwillig zu tragen.

    Natürlich können wir das alles so sehen und sagen.
    Es entspricht allerdings nicht dem, was ich mir persönlich von unserer Gesellschaft und einem vernünftigen Zusammenleben vorstelle oder wünsche.

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    1. Das ist eine typisch hilflos «schweizerische» Argumentation: «Ressourcenverschleiss» als politisches Argument.

      Hier geht es um etwas einfaches: Respekt (und zwar beidseitig). Ist der gegeben (und zwar beidseitig), dann steht «Konvention» nicht mehr im Raum.

      Allerdings sollten wir hier in diesem Land uns fragen, ob wir den Begriff «Respekt» überhaupt noch verstehen (und warum wir «Fundamentalismus» und Religionszugehörigkeit nicht mehr auseinanderhalten können)?

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  8. Weil man bei uns das Kopftuch mit Religion gleichsetzt ( das machen natürlich auch die Trägerinnen) stösst es auf Ablehnung.
    Wäre das Tragen von Kopftüchern aus einer Modeströmung entstanden, wäre das kein Problem und würde mit Freuden akzeptiert (Das ist halt jetzt Mode)

    Wenn ich zur CS gehe, dann will ich im Normalfall eine bankspezifische Leistung beanspruchen. Ehrlich gesagt ist es mir völlig Schnuppe ob mein Gegenüber ein Kopftuch oder was auch immer trägt. Ich will eine befriedigende Antwort/Lösung meines Anliegens.
    Ich glaube kaum, dass eine Dame ohne Kopftuch mir eine bessere Leistung bietet, einfach weil sie weil sie ihre Haare offen trägt.

    Leider wird es dazu keine befriedigende Lösung geben, ausser die Damen akzeptieren des Arbeigebers Anforderungen, denen sich auch andere Bewerberinnen unterwerfen (müssen). Der Knigge hat bei uns leider noch nicht ausgediehnt.

    Aber aufhören sollten wir mit unseren Ausreden, wir meinen es nur gut mit Ihnen, wir befreien sie aus ihrer Knechtschaft.
    Vielleicht sollten wir das zuerst mal bei uns tun (Stichworte: Behinderte, Invalide, Geringverdienende, etc.)

    Ja Religion soll Privatsache sein, aber gewisse Umgangsformen, die wir davon gelernt haben wie Toleranz, Verständnis, Nächstenliebe, Grosszügigkeit etc. dürften sogar im täglichen Leben angewendet werden oder ist das auch Privatsache?

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    1. Das möchte ich jetzt genauer wissen. Wie sollten wir „Behinderte und Invalide“ aus ihrer Knechtschaft befreien?

      Kopftuch aus praktischen Gründen kann ich verstehen. Nicht aber aus religiösen Gründen und eins drinnen bei der Arbeit zu tragen wäre wohl dasselbe wie ein Baseball-Cap… ist das eine respektvolle Umgangsform?

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  9. Wenn ich auf Arbeitsuche gehe, kleide ich mich entsprechend. Und ich trage auch in diesen heissen Sommertagen lange Hosen, wenn ich zur Arbeit gehe, weil das so von mir erwartet wird. Das ist für mich völlig in Ordnung.
    Würde ich im Iron Maiden T-Shirt zur Arbeit gehen, würde ich auch bald zum Sozialamt müssen. Dieses ist aber für Härtefälle gedacht und nicht für Leute, die sich trotz vorhandenen Fähigkeiten weigern, sich den Gepflogenheiten des Arbeitsmarktes anzupassen. Im beschriebenen Fall erschweren sich die beiden Damen ganz bewusst den Zugang zum Arbeitsmarkt. Die Sozialhilfe wurde nicht für solche Leute geschaffen.
    Wer sein Seelenheil vom Tragen bestimmter Stoffstücke abhängig macht, bedarf meiner Meinung nach professionelle Hilfe.

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  10. Ich finde schon den Titel des Artikels falsch: wo ist hier der Zwang? Die genannten Damen sagen, dass sie das Kopftuch freiwillig tragen. Gut so, das sollen sie selbstverständlich dürfen. Ist mit Zwang gemeint, dass sie Schwierigkeiten haben, als Kopftuchträgerinnen Arbeit zu finden? Niemand zwingt sie dazu, das Kopftuch zu tragen. Es ist die Zurschaustellung religiöser Symbole, die von den potentiellen Arbeitgebern nicht gewünscht ist und das finde ich durchaus verständlich. Das gilt allerdings meiner Meinung nach auch für andere Religionssymbole, v.a. wenn sie so offensichtlich, ja geradezu demonstrativ sind. Einen Mann mit einem Riesenkruzifix auf der Brust würde ich – wäre ich denn Arbeitgeber – auch nicht anstellen. Solchen Symbolen haftet immer etwas Missionarisches an, das gehört einfach nicht in die Arbeitswelt, jedenfalls nicht in unserer säkularen Gesellschaft.

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  11. Das Kopftuch ist heute das Erkennungszeichen der Islamistinnen/Salafistinnen und als solches kein religiöses, sondern ein politisches Symbol. Natürlich tragen es die Islamistinnen freiwillig, denn sie wollen sich damit als „ehrbare Frau“ von den „Schlampen“ abgrenzen. Die Frage ist, ob man als Arbeitgeber es dulden will, dass extremistische Ideologien auf diese Weise am Arbeitsplatz artikuliert werden.

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    1. Solche Kommentare sind heutzutage das Erkennungszeichen der Neo-Nazis/-Faschisten und als solche inhaltsleer und reine politische Propaganda. Natürlich machen es die Nazis freiwillig, denn sie wollen sich als „ehrbaren Arier“ von den „Volksverrätern“ abgrenzen. Die Frage ist, ob man als Zeitung es dulden will, dass extremistische Ideologien auf diese Weise in Kommentarspalten artikuliert werden.

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  12. Die Jobsuche der beiden jungen Frauen spiegelt eine Realität in unserer Gesellschaft ab: Wer sich ausserhalb anerkannter Normen und Geisteshaltungen bewegt, erfährt gewisse Beeinträchtigungen im Alltag. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich der Normbruch im Verhalten oder nur in der Kleidung widerspiegelt. Behinderten Menschen gegenüber wäre und ist dies diskriminierend, weil sie die Ausgangslage nicht verändern können. Im vorliegenden Fall ist die Ausgrenzung selbst verschuldet. Auch Gothicfans oder früher die Langhaarigen stehen oder standen im Gegensatz zu den üblichen „Kleidungsgepflogenheiten“ und nehmen und nahmen dafür gewisse Reaktionen in Kauf. Diese Bereitschaft geht den jungen Musliminnen ab. Sie legen sich bei der Integration selber Steine in den Weg, geben aber den Schweizern die Schuld, indem sie klagen: „…wenn wir uns integrieren wollen, legen sie uns Steine in den Weg.“ Wer in einer säkularen Gesellschaft mit einem umstrittenen religiösen Symbol spazieren geht, muss auch bereit sein, die Folgen zu tragen. Ansonsten zeigt sich, dass er geistig noch nicht ganz in unserer Welt angekommen ist.

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    1. Der Beitrag der TaWo ist nur kritisch auf eine Seite – von daher enttäuschend. Da hätte man mehr draus machen können/müssen. Religion soll jeder leben, wie es ihr beliebt, aber muss es deshalb nach aussen getragen sein? Zumal mit Symbolen, welche in der Öffentlichkeit eine veraltete konservative Sichtweise manifestiert. Unsere Aufgabe als Gemeinschaft müsste sein, die sekulären (Trennung von Religion und Politik) Migranten zu unterstützen, für idealere Chancen in der Gesellschaft hier. Da liegt noch manches Potenzial brach. Nicht zuletzt entwickelt sich dann in einer Art Gruppenstrafe ein Bild/Eine Ablehnung zu Ausländern, hervorgerufen durch die konservativen religiösen Kräfte, welche der Situation kaum förderlich ist.

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    2. @ Luka Takoa und L.Gerig: Absolut top Kommentare die Sie beide geschrieben haben! Treffender könnte es man nicht formulieren.

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  13. Es geht nicht um die Frage, ob ein Frau ein Kopftuch freiwillig trägt oder nicht, sondern darum, warum für Fundamentalisten das Zurschaustellen ihrer Religion so wichtig ist: weil sie meinen, dass sie ein Recht haben, permanent ihre religiöse Mission ausüben zu dürfen und zu müssen. Ich finde, dass die Credit Suisse korrekt argumentiert.
    Seltsam mutet mich jedoch an, dass die Tageswoche unter der Rubrik „Diskriminierung“ aktuell vor allem die Kopftuchträgerinnen zum Opfer stilisiert, während weltweit Millionen von Frauen heute täglich unter diesem fürchterlichen patriarchalischen Diktat leiden. Oder wie sollen sich Frauen fühlen, denen – von 47 islamischen Ländern unterschriebenen „Menschenrechten“ – die Gleichberechtigung aberkannt wird, die von Religionspolizei verfolgt werden oder denen bei Vergewaltigung nicht Schutz sondern zusätzliche Bestrafung droht?

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    1. Danke für Ihren Beitrag, Herr Takoa. Meiner Meinung nach stilisiere ich niemand zu irgendetwas. Ich finde, statt über abstrakte religiöse Konzepte zu reden, sollte man die Frauen selber bestimmen lassen. Und sie selber sagen lassen, was sie denken und glauben und wie sie leben. Klar, in den Schriften des Islam und des Christentums gibt es patriarchale Züge. Und klar, es gibt Glaubensführer im Islam wie im Christentum, welche diese patriarchalen Glaubenssätze noch so gerne als Grund nehmen, um in der Realität Frauen zu unterdrücken. Aber es gibt eben auch Frauen, die sich frei fürs Kopftuch entscheiden, und mit dem Kopftuch ein emanzipiertes Leben führen. So wie die Frauen, mit denen ich für diese Recherche geredet habe. Wenn man nun behauptet, diese Frauen seien unterdrückt, hört man ihnen nicht zu und nimmt man sie nicht ernst, sondern stilisiert sie zu unmündigen Opfern. Weil man eben auch über ihren Kopf hinweg entscheidet und über sie spricht, statt mit ihnen.

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  14. Ich würde es unter dem „Prinzip Normalität“ zusammenfassen: Es ist günstig, wenn in der Öffentlichkeit ein allgemeines Klischee gilt, das man aus meiner Sicht auch fordern kann. Dieses Klischee verlangt des öfteren zwar ein Doppelleben, eben das öffentliche und das private, aber in meinem Privatleben habe ich dafür meine Freiheiten. Dieses Klischee der Öffentlichkeit dient zum ersten einmal dem Schutz von dem, der sich nicht gut wehren kann oder in der Minderheit ist. Von dem anderen wird so erwartet, dass er nicht offensichtlich seine Xenophobie, Schwulenhass oder ähnliche spezielle Vorlieben in die Öffentlichkeit trägt, sondern für sich behält. Im Militär wird gerne demosntriert, dafür gibt es den schönen Begriff „Dissuasion“: Man will abschrecken, einem potentiellen Feind zeigen, dass man wehrhaft ist. Damit hat sich das dann aber auch, denn wenn zwei sich entsprechend verhalten, kann es leicht zum offenen Konflikt kommen, einem Krieg.
    Hier im Westen wird auch Religion als Privatsache angesehen, worüber ich froh bin. So bin weder ich, noch jemand anderes mir in irgendeiner Art schuldig, zu sagen, warum ich an das und das andere nicht glaube. Auch den Staat halte ich primär für eine sozialtechnische Einrichtung, die das Zusammenleben (und noch weitere Dinge) organisieren soll, die die Lebensqualität höher machen als bei den Neandertalern oder in Kriegsgebieten.

    Toleranz gegenüber dem Andersartigen? Ja, wenn es nicht anders geht. Der Riesen-SUV vor der Migros in der Fussängerzone gehört aber nicht dazu. Behinderte müssen ein Partizipationsrecht haben, selbst wenn damals beim Bau eines Hauses unter Heimatschutz daran nicht gedacht wurde. Das gilt auch für die öffentlichen Verkehrsmittel, wo sie auch ein Recht auf Unterstützung haben, um sich in der Öfentlichkeit überhaupt bewegen zu können.
    Die Gesellschaft toleriert auch ein paar „exotischen Blümchen“ ihre Eigenheiten, dafür werden sie aber auch entsprechend klassiert, bzw. man geht vielleicht persönlich auf Abstand (zum Beispiel jemandem gegenüber mit Alkoholfahne).

    Kopftuch? Es fällt aus der Normalität heraus hier und demonstriert daher etwas Privates, was aus meiner Sicht auch dorthin gehört. Dies entspricht einem gegenseitigen Schutz, weil es sonst in irgendeiner Art eskalieren könnte. Man denke nur an die Alternativ-Uniform eines Neonazis. Auch der löst in seinem sozialen Umfeld eine Reaktion aus.
    (Die Polizei hingegen soll sichtbar sein, da sie ein Teil der offiziellen gewalt ist, die die Bürger an den Staat delegiert haben. Sonst müsste jeder selber mit der Knarre im Sack herumlaufen. Das kann man so verhindern.)

    Ein nicht ganz einfaches Thema.

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  15. Würde ich auch nicht einstellen – aber das liegt nicht daran, dass sie Moslems sind mir geht es mit jeder Religion genau gleich – ich finde es abstossend, wenn Leute gegen aussen zeigen, welcher Religion sie angehören. Religionen soll jeder ausleben wie er, will aber das privat und zuhause und die Welt wäre ein weit friedlicherer Platz! Es hat einfach etwas mit der Bereitschaft zu tun sich anzupassen – und wer das nicht will, der muss eben damit leben, dass er nicht überall mit offenen Armen empfangen wird und das beruht auf Gegenseitigkeit.

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  16. Ich finde die beschriebene Analyse durchaus sinnvoll die das Unbehagen anspricht, dass man(n) ablehnt wonach man sich insgeheim sehnt, wie beispielsweise Halt im eigenen Glauben zu finden. Der zudem „taxierende“ Blick des weissen Mannes, versteht es auch nicht ein differenziertes Bild zwischen Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Fremdwahrnehmung hinzubekommen. Die Vorsilben können hier auch getrost in anderer Reihenfolge zugeordnet werden. Ich wünsche den Beiden jungen Frauen viel Kraft und Erfolg in Ihren weiteren Bemühungen, auch wenn wir nicht alle derselben Ansicht sind, so belebt und bereichert Ihre Persönlichkeit unser Stadtbild und Gemeinschaft sehr. Und an die Adresse von Herrn Hauptmann Schick möchte Ich etwas mehr gelebte Zurückhaltung empfehlen, zudem kein anderer Verein wie das Militär, sich tagtäglich im „Verchleiderli’s spielen“ übt um die vorwiegend Ihrer Fantasie entsprungenen Bedrohungsszenarien weiter mit viel Pathos und Vierfruchtfarbenschminke, martialisch zu untermalen. Was ist dagegen schon der schwarze Lidstrich und verhüllte Haupt einer jungen Muslima.

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  17. Langer Text, kurzer Sinn: Zieht doch einfach das Kopftuch nur noch privat an.
    Denn Religion ist in der Schweiz Privatsache. Sowieso: Leute die allen ungefragt ihre Religion, sexuelle Orientierung, Musikgeschmack, politische Einstellung, etc. in Form von Verkleidung mitteilen müssen, sind in meinen Augen nie richtig erwachsen geworden. Wer das ganze Jahr Fasnacht macht, verpasst das wirkliche Leben.

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