Zimmerwald statt Marignano!

Die Schweiz rühmt sich ihrer Neutralität, was allein schon mit ihrem Waffenhandel nicht zusammenpasst. Daher sollte die Schweiz nächstes Jahr nicht die Schlacht von Marignano feiern, den mythischen Ursprung der Neutralität, sondern die Friedenskonferenz von Zimmerwald.

Darstellung der Schlacht von Marignano durch Urs Graf, 1521.

Die Schweiz rühmt sich ihrer Neutralität, was allein schon mit ihrem Waffenhandel nicht zusammenpasst. Daher sollte die Schweiz nächstes Jahr nicht die Schlacht von Marignano feiern, den mythischen Ursprung der Neutralität, sondern die Friedenskonferenz von Zimmerwald.

Im September 2015 begeht die offizielle Schweiz den 500. Jahrestag der Schlacht von Marignano. Deren nationalistisch-militärischen Symbolik soll eine humanistisch-zivile Alternative entgegengestellt werden. Dafür eignet sich der 100. Jahrestag der internationalen Antikriegs-Konferenz von Zimmerwald, die im September 1915 stattfand.

Marignano wird dargestellt als Ende eidgenössischer Grossmachtpolitik und Beginn der Neutralität. Allerdings dürfte die kurz darauf folgende Glaubensspaltung entscheidender zur Kühlung des aussenpolitischen Übermuts beigetragen haben als die verheerende Niederlage vom 14. September 1515. Und die Verknüpfung von Neutralität und Marignano wurde erst 176 Jahre später erfunden.

Mit der Schlacht von Marignano im Jahr 1515 wird der Mythos der Schweizer Neutralität verbunden. Bevor nächstes Jahr die Feierlichkeiten beginnen, will der Verein Kunst und Politik mit einer Textsammlung renommierter Autoren stören. Das Motto: «Hurra, verloren!» Wir veröffentlichen eine Auswahl. Eine Übersicht findet sich hier.

Eine der wichtigsten Folgen von Marignano war, dass «den französischen Werbern der Zugang zu Europas bedeutendstem Menschenmarkt geöffnet wurde». Dies schrieb der Historiker Jean Jacquart in seiner Biographie über den siegreichen König Franz I.. Fortan führte die Eidgenossenschaft – abgesehen von der bernischen Besetzung der Waadt – keine eigenen Kriege mehr ennet der eigenen Grenzen. Aber sie fütterte jene mit Söldnern. Gemäss dem Zürcher Pfarrer und Statistiker Heinrich Waser, der ein entschiedener Gegner der Reisläuferei gewesen ist und 1780 als Aufklärer hingerichtet wurde, haben bis zu seiner Zeit 1,1 Millionen Schweizer Söldner Frankreichs Monarchie gedient. Nur ein Drittel von ihnen ist unversehrt zurückgekehrt. Mit dem Pensionenwesen ist eine kleine Minderheit von Kriegsunternehmern sehr reich geworden.

Universalismus statt Nationalismus!

Damit wären wir beim Ersten Weltkrieg. Dieser wurde aus der Eidgenossenschaft mit Waffen gefüttert. 1917 hat der Bundesrat festgehalten, dass «ein grosser Teil der schweizerischen Maschinenindustrie zur eigentlichen Kriegsindustrie» geworden sei. Gegen das Massenmorden, das auch hiesige Profiteure sehr reich machte, organisierte der Sozialistenführer Robert Grimm Zusammenkünfte der europäischen Kriegsgegner in Zimmerwald und ein Jahr später in Kiental. Friedenskonferenzen wie die vom 6. bis 9. September 1915 entsprechen dem universalistischen Gehalt, den die Neutralität auch haben kann.

Gemäss der selbst von Linken unterzeichneten Interpellation eines Tessiner CVP-Nationalrats soll «die Erinnerung an Marignano zum wachen militärischen Sinn im Land beitragen». In diesem Sinne wird die Schlacht mit einem Wettschiessen im Tessin, einer militärhistorischen Ausstellung im Landesmuseum und anderen Militaria «gebührend» gefeiert werden. Antworten wir auf Militarismus mit Pazifismus, auf Nationalismus mit Universalismus, auf Marignano mit Zimmerwald!

Jo Lang (1954), der auch schon für die TagesWoche geschrieben hat (siehe «verwandte Artikel»), wuchs im Aargau auf und studierte an der Uni Zürich Geschichte, Philosophie und Germanistik. 1982 bis 2004 war er Mitglied zuerst des Zuger Stadt-, dann des Kantonsparlaments, von 2003 bis 2011 gehörte er dem Nationalrat an. Der freischaffende Historiker ist Vizepräsident der Grünen Schweiz und GSoA-Vorstand.

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