«Ich habe Kinder traumatisiert»: So war das Podium zum Dauerdruck an Basler Schulen

Die umstrittenen Lernberichte dominierten die Podiums-Diskussion der TagesWoche. Volksschulleiter Dieter Baur stellte Anpassungen in Aussicht.

Wer zu wenig Punkte macht, ist ein «Schwächling»: Mutter Brigitta Gerber zeigt, wie ihr Sohn in einem Primarschüler-Test beurteilt wurde. (Bild: Aklexander Preobrajenski)

Das «Theater im Teufelhof» war gestossen voll. Das Thema brannte aber auch unter den Nägeln der anwesenden Eltern, Lehrerinnen und Lehrern: «Kinder unter Dauerdruck». Am allermeisten beschäftigten dabei die Lernberichte, wie sie im Basler Schulsystem seit 2013 bereits ab dem Kindergarten zur Anwendung kommen.

Unter Fachleuten sind die Berichte derart umstritten, dass Lehrerinnen und Lehrer am Gotthelfschulhaus sie gar eigenmächtig aus dem Alltag strichen beziehungsweise nur noch auf Wunsch der Eltern ausstellten. Der «Versuch» hatte nicht nur in der TagesWoche für Schlagzeilen gesorgt.

Absurde Beurteilungen mit Folgen

Brigitta Gerber, Mutter und Elterndelegierte an der Petersschule, kritisierte die Handhabung mit dem jeweils sieben Seiten starken Lernbericht, das zum Beispiel ein sechsjähriges Kind danach beurteilt, ob es sich «realistische Ziele» setzen könne. Absurd, befand auch das Publikum, das im Laufe des Abends immer wieder mitfühlend ächzte oder verzweifelt auflachte, wenn weitere solche Beurteilungen aus dem Lernbericht zitiert wurden.

Und derer gab es einige. Noch absurder werde es, so eine Lehrerin aus dem Publikum, wenn nicht konkretisierbare «Kompetenzen» auch noch auf einer Skala bewertet werden müssen. Beispiel: «Kann offen auf andere zugehen» – «Ja, wie nahe denn?», fragte die Lehrerin aus dem Publikum lakonisch.

Einig waren sich die kritischen Stimmen darin, dass die Lernberichte den womöglich einst gedachten Zweck nicht erfüllen, nämlich als Gesprächsgrundlage Orientierung zu stiften, wo ein Kind in seiner Entwicklung steht. Die Berichte seien infolge der darin zu fällenden Beurteilungen über erreichte und nicht erreichte Kompetenzen defizitorientiert – zumal daraus auch mit Eltern und Kind individuelle Lernziele vereinbart werden. Wie bei einem Mitarbeitergespräch, sagten mehrere Kritiker.

Das Papier, das die Eltern vor dem Gespräch erhalten, habe einen sehr ernsthaften Charakter – und «das macht etwas mit einem», wie die ehemalige Grossrätin Gerber auf dem Podium als Mutter unter viel Zustimmung sagte.

Gebannt am Zuhören (von links nach rechts): Kinderpsychiater Alain di Gallo, Mutter Brigitta Gerber, Moderator Jeremias Schulthess, Volksschulleiter Dieter Baur und Lehrerin Gaby Hintermann.

Da war er spürbar, der Druck. Oder die Angst auch, ein Kind könnte in einer Leistungsgesellschaft scheitern, die sich immer schneller verändere und wo «einfache» Berufe bald nur noch von Robotern ausgeübt werden.

«Ich habe Kinder durch den Lernbericht traumatisiert», sagte eine andere Lehrerin aus dem Publikum. Sie fand problematisch, dass man während Wochen ein Kind motiviert und lobt, wenn es in einem Bereich Fortschritte mache, die dann für den Lernbericht doch nicht ausreichen, um ein «erreicht» eintragen zu können. «So ein Kind fühlt sich dann doch belogen!»

Anpassungen vorgesehen

Dieter Baur, Leiter Volksschulen beim Erziehungsdepartement, verteidigte auf dem Podium die Lernberichte, so gut es eben ging, zum Teil mit Unterstützung von Gaby Hintermann, Lehrerin und Präsidentin Kantonale Schulkonferenz, und dem Kinderpsychiater Alain di Gallo von der UPK. Hintermann relativierte, bei den Lernberichten sei nicht alles in eine falsche Richtung gedacht worden – aber es sei etwas nicht im Lot.

Baur erinnerte daran, dass die heutigen Lernberichte unter Einbezug und mehrheitlicher Zustimmung der Lehrerschaft ins Leben gerufen wurden. Auch sei der Lernbericht kein Bestandteil des Zeugnisses, sondern eine Gesprächsgrundlage. Verbesserungen am Lernbericht seien aber durchaus angebracht, in einer dazu zuständigen Arbeitsgruppe würde auch daran gearbeitet, bloss wolle man «keine Schnellschüsse» machen.

Das wiederum stiess bei Gerber auf wenig Verständnis. Warum mehrere Generationen durch die umstrittene Praxis durchquälen? Diskutiert wurde in diesem Kontext auch die Hierarchie im Schulbetrieb, die es überhaupt erst ermöglicht, dass pädagogisch fragwürdige Methoden von völlig ungewissem Nutzen vorgegeben würden.

Feedback ja, aber wie?

Weitgehend unbestritten war, dass es an der Schule nun mal eine Beurteilung brauche und ein gewisser Druck nicht per se schlecht sei, solange er nicht übergross sei. Gemäss Gallo vergleichen sich Kinder sowieso mit anderen, sie würden dabei auch gut einzuschätzen, was sie selbst gut, und was andere vielleicht besser können. Kindern Feedback geben, das fand niemand falsch. Gestritten wurde und wird auch noch nach diesem Abend über das Wie.

Beurteilungen seien eben eine schwierige und heikle Sache, weswegen Eltern auch immer ergänzend eine Erklärung benötigen, sagte etwa Hintermann. Gallo bekräftigte, dass der Lernbericht etwas sein müsse, was zwischen den Erwachsenen besprochen und anschliessend dem Kind angemessen erklärt wird. Da seien die Lehrer ebenso in der Verantwortung wie die Eltern.

Am Ende der Diskussion war er aber überrascht, wie emotional und energieraubend die bestehenden Lernberichte offenbar für alle Beteiligten sind, während doch besser Energie darauf verwendet würde, Lernfreude bei Kindern zu fördern, indem man sie lobt.

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Alles zum Thema (9)

Konversation

  1. Kinder, vor allem jüngere, brauchen Sicherheit und Anerkennung. Dann lernen sie und entwickeln ihr Potential besser und nachhaltiger als unter Druck und durch Lernberichte. Diesbezüglich beeindrucken mich die Haltung von André Stern und Gerald Hüter.

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  2. Mich macht das total sauer. Aber das ist der allumfassende zeitgenössische neoliberale Brain-Kapitalismus, der sich nach aussen hin versucht als „guter, gerechter, sensibler, empathischer“ Kapitalismus darzustellen (das beginnt bereits bei der Sprache). Ein reines knallhartes Konkurrenzsystem, in welchem durch epistemische/epistemologische Täuschung Konkurrenz zum Universalprinzip verklärt wird und Konkurrenz dabei gleichzeitig, da wir ja im Zeitalter der „Wertegemeinschaft“ leben, weichgezeichnet wird. Eine reine Übergriffskultur, die in der Kombination zwischen Allheitsanspruch und Neurozeitalter versucht, nicht nur den Körper zu beherrschen wie in früheren Kapitalismen, sondern die Psyche. Denn wer die Psychen beherrscht, beherrscht auch die Körper, und ist dabei fein raus, weil Psyche unsichtbarer ist und die Machtstrukturen im Unsichtbaren verschwinden. Die Diffusion zwischen Innerlichkeit und Aussen ist dabei Programm.

    Aus diesem Grund erstaunt es mich gar nicht, dass sich in so einem Programm Bewertungskriterien wie „Kann offen auf andere zugehen“ finden. Total unkonkret hat derjenige in der Machtposition deswegen auch zahlreiche Handlungsoptionen hinsichtlich Konkretisierung als Handlung, aber sich dabei unter dem Aspekt von Macht immer wieder hinter der Fassade des Unkonkreten verstecken kann. Und was soll ein 5-Jähriger denn mit dem vollumfänglich leeren und sinnfreien Satz „kann offen auf andere zugehen“ denn bitteschön anfangen. Das sind ganz offensichtlich Übergriffe auf die Innerlichkeit sowohl der Kinder wie auch der Eltern. Das darf nicht sein. Und im Übrigen werden dabei umgekehrt oder strukturell komplementierend „Verluste“ primär nicht sozialisiert, sondern individualisiert.

    Es erstaunt mich auch nicht, dass auf dem Podium zwei Mustertechnokraten und ein Technokratenbiologist aus der UPK sitzen und dabei dort die verständnisvollen Paternalisten und Maternalisten mimen.

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  3. Was mich persönlich nach dieser spannenden Veranstaltung schwer bedrückt ist, dass die Bedenken/das Besorgnis der Lehrpersonen, welche unsere Spezialisten sind in diesem Belangen, nicht ausreichen um schnellere Veränderungen in der Praxis zu bewirken.
    Äusserungen von Lehrpersonen im Vorfeld und an dieser Veranstaltung zu dem Bewertungssystem wie es im Moment durchgeführt wird, sind meiner Meinung nach allarmierend.
    Für viele Kinder wird eine Veränderung oder Anpassung wohl zu spät kommen…

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  4. Merci für die hochinformative Veranstaltung! Es ist der TagesWoche hoch anzurechnen, dass sie diese Diskussion eröffnet hat und weiterführt.
    Informativ: Dank an Brigitte Gerber für ihren konkreten Beispiele, welche die Absurdität dessen, was da an den Schulen abgeht, anschaulich machten.
    Ich bin erschrocken über die Haltung des Leiters der Volksschulen BS, Herrn Baur. Erstens hat er seinen unsäglichen, aber eben trotzdem ausgesprochenen Vergleich der Schülerinnen und Schüler mit LeistungssportlerInnen, welche den Leistungsdruck auch nötig hätten, wiederholt. Er outete sich (leider unterstützt vom Psychiatrieprofessor de Gallo) als Sozialdarwinist allerältester Schule. Wie kann man nur argumentieren, „die“ Kinder würden „immer“ den Wettkampf suchen, z.B. beim Hüpfen, also müsse man das in der Schule auch tun. Als hätte Pädagogik und Schule nicht auch Werte zu vermitteln, die sich nicht auf Wettbewerb und Kampf und Streben nach dem eigenen Vorteil beschränken.
    Als verlogen empfand ich die Haltung: Die Bewertungsbögen (welche durch konkrete Beispiele als absurd entlarvt wurden) werden ja überarbeitet, also brauche ich sie nicht inhaltlich zu verteidigen, aber ich setze per Amtsgewalt durch, dass alle Lehrpersonen diese Bewertungsbögen, die ich nicht inhaltlich verteidigen kann, anwenden müssen, auch wenn sie noch so viele pädagogische Argumente dagegen haben.
    Enttäuscht war ich darüber, wie wenig sich die Vertreterin der Lehrerinnen und Lehrer wehrte, sie wagte kaum eine klare Aussage.
    In vielen Aussagen wurde so getan, als sei das Problem nur die Bewertung der „Allerjüngsten“, als sei die Leistungsmesserei kein Problem mehr in den oberen Primarschulklassen und in der Sekundar.
    Dabei hat Herr Baur in aller Klarheit den Widerspruch genannt: Fördern ist nicht möglich, wenn man summativ bewertet, denn das führt bei schlechter bewerteten Schülerinnen und Schülern zur Abwertung und zur Demotivation. Eine Selektionsschule muss und will Selektion betreiben, d.h. sie will denjenigen, die nicht zur „Elite“ gehören sollen, mithilfe schlechter Bewertungen früh genug beibringen, dass sie keinerlei Ansprüche zu stellen haben. Schön, dass das Herrn Baur bewusst ist – aber offenbar ist er in seiner Stellung innerhalb der Bildungsbürokratie nicht mehr imstande, daraus anständige Schlüsse zu ziehen.

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