«Das Kind ist doch keine Knetmasse» – Remo Largo zum Basler Schulsystem

Der Kinderarzt und Bestseller-Autor Remo Largo über den Leistungsdruck, der bereits im Kindergarten beginnt.

«Ich halte gar nichts von Beurteilungen.» Remo Largo ist gar kein Fan der grassierender Tests und Checklisten. (Bild: Michael Raaflaub)

In Basel-Stadt erhalten Kindergarten-Kinder Lernberichte mit Beurteilungen nach Fachbereichen. Die Lehrpersonen bewerten Kriterien wie: «– verfügt über einen differenzierten Wortschatz», oder: «– kann kulturelle und religiöse Grunderfahrungen erleben, reflektieren und mit gestalten». Was halten Sie davon, Herr Largo?

Das macht mich nicht nur sprachlos, sondern auch traurig. Dahinter steckt ein Leistungsdenken, das leider nun auch den Kindergarten erfasst hat. Es setzt die Eltern und Kinder gewaltig unter Druck, was offenbar beabsichtigt ist. Wir alle, nicht nur die Verantwortlichen im Bildungssystem, müssen uns wirklich fragen: Was haben wir für ein Menschenbild? Was ist die Aufgabe des Bildungssystems? Das Kind ist doch keine Knetmasse, die wir nach unserem Gutdünken formen können. Eine sehr wichtige Frage wäre beispielsweise: Bekommt ein Kind die notwendige Geborgenheit und Zuwendung? Denn nur dann kann es gut lernen. Viele Fragen sollten wir nicht an die Kinder, sondern an uns Erwachsene stellen!

Die Kinder füllen mit den Kindergarten-Lehrpersonen auch eine Selbsteinschätzung aus – mit Kategorien wie «Ich kann singen» oder «Ich verstehe, was andere sagen». Was macht das mit den Kindern?

Die Kinder müssen sich mit den anderen Kindern vergleichen. Das fördert das Leistungsdenken unter den Kindern, beeinträchtigt ihr Selbstwertgefühl und macht sie einsam. «Ich verstehe, was andere sagen»: Diese Fragen nehme ich in meine Kartei unsinniger Pädagogik auf. Worum es beispielsweise wirklich geht: Haben wir Erwachsenen die Umgebung des Kindes so gestaltet, dass es die notwendigen entwicklungsspezifischen Erfahrungen machen kann? Wiederum sollten wir nicht das Kind, sondern uns selbst hinterfragen! Wenn das der Fall ist, wird sich das Kind aus sich heraus entwickeln. Das macht es nämlich seit mehr als 200’000 Jahren.

Vor 200’000 Jahren mussten Menschen auch eher Beeren pflücken und Tiere jagen. Heute stellt die Gesellschaft ganz andere Anforderungen. Muss man Kinder nicht auf den späteren Leistungsdruck vorbereiten?

Wir gehen davon aus, dass Kinder jede Anforderung bewältigen können. Sie sollen nur kräftig auswendig lernen, dann werden sie schon klüger. Das stimmt so nicht. Nur – möglichst selbstbestimmte – Erfahrungen tragen zum nachhaltigen Lernen bei. Und: Jedes Kind will sein Begabungspotenzial realisieren. Was aber kein Kind kann, ist sein Potenzial übersteigen. Zwingen wir es dazu, wird es demotiviert und fällt schlimmstenfalls in ein Burnout. Ja, Burnout gibt es neuerdings auch bei Kindern. Kinder, die buchstäblich stillstehen.

«Ich wünsche mir autonome Schulen, die wie die Volksschule subventioniert werden.»

Welche Art der Beurteilung wäre aus Ihrer Sicht denn kindgerecht und ab wann sollte man diese einführen?

Ich halte gar nichts von Beurteilungen. Johne Hatties Metaanalyse von Tausenden Studien, an denen 230 Millionen Kinder teilnahmen, hat gezeigt: Prüfungsnoten bringen nichts. Eine kindgerechte Pädagogik holt die Kinder dort ab, wo sie entwicklungsmässig stehen. In der ersten Klasse variiert der Entwicklungsstand der Kinder zwischen 5,5 und 8,5 Jahren, mit 13 Jahren zwischen 10 und 16 Jahren. Wie sollen da Noten den Kindern gerecht werden?

Wie können Eltern ihre Kinder unterstützen, wenn diese in der Schule unter zu viel Leistungsdruck leiden?

Das ist die Frage, die ich am meisten fürchte. Die meisten Eltern haben doch gar keine Wahl! Sie können mit den Lehrern reden, aber die stehen ja auch unter Druck. Ich wünsche mir autonome Schulen, die wie die Volksschule subventioniert werden. Solche Schulen würden nicht mehr kosten, aber viele Kinder, Eltern und Lehrer glücklicher machen. Die vor allem aber junge Erwachsene hervorbringen, die nicht durch neun Jahre Schule in ihrem Selbstwertgefühl so geknickt sind, dass sie nicht mehr daran glauben, in dieser Welt bestehen zu können. Bestenfalls können Kinder in der Schule ihr individuelles Begabungspotenzial realisieren, sind sozial kompetent und erhalten sich ein gutes Selbstwertgefühl und eine gute Selbstwirksamkeit: «Ich kann in dieser Welt bestehen.»

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Dossier Kinder unter Druck

Schon Kindergärtler werden in Basel-Stadt auf Leistung getrimmt. Die heutige Schule stresst Kinder, Eltern und Lehrer.

Alles zum Thema (9)

Konversation

  1. Ein herzliches Danke an die TagesWoche für dieses Interview und die ganze Artikelserie. Es wäre schön, wenn endlich die längst fällige Bildungsdebatte in Gang käme.
    In Basel-Stadt wie in Baselland zeigen sich die Tendenzen der heutigen Bildungspolitik: Die Lehrkräfte werden entmündigt (man hört ihnen nicht zu, man verpasst ihnen einen Maulkorb, man unterstellt sie einer Schulleitung, die nicht aus dem Kollegium kommt und nicht pädagogisch denkt, sondern betriebswirtschaftlich und linientreu, und, um ein sprechendes Detail zu nennen: die FHS Pädagogik will die Sekundarlehrer möglichst nicht von der Uni übernehmen, sondern nur auf ihrem eigenen fachlichen Schmalspurniveau ausbilden, damit man sie dann besser am Gängelband führen kann). Und dazu wächst die Bildungsbürokratie ins Unermessliche.
    Damit werden die Schulen Opfer einer überhandnehmenden Oekonomisierung aller Bereiche durch die Übernahme betriebswirtschaftlicher Modeströmungen, was zum Beispiel auch in den Spitälern fatale Folgen hat. In den Schulen heisst das: Beurteilungen und Bewertungen von der ersten Sekunde an und die unsäglichen Vergleichs-Checks („Steuerungswissen“). Es ist der Irrglaube, das alles vermessbar und statistisch auswertbar sei.
    Remo Largo versucht, Sachverstand, Erfahrung und kritisches Denken wieder zur Geltung zu bringen. Es ist zu befürchten, dass die Bildungsbürokraten nicht zuhören. Was Largo sagt, wird praktisch eins zu eins von den pädagogischen Alternativschulen wie der SOL (Schule für Offenes Lernen in Liestal) umgesetzt. Die Bildungsbürokratie versucht diese „Konkurrenz“ folgerichtig mit allen möglichen Mitteln zu behindern.

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  2. Gute Lehrpersonen haben mehr als einen Beruf. Es muss Berufung dabei sein. Anderseits kann es nicht die Aufgabe der Schule sein, die Verantwortung der Eltern zu übernehmen.
    Wie wollen Sie, Herr Westdijk. den Eltern verbieten sich einzumischen?
    In der Schule – ja und zu Hause? Können die Eltern ihr Kind nicht auch zu Hause beeinflussen?
    Wollen Sie damit sagen, dass das Übel daran liegt, dass sich Eltern zu viel einmischen? Manchmal, muss ich Ihnen sagen, ist es nur gut, wenn Eltern sich einmischen können. Wenn zum Beispiel Lehrpersonen völlig daneben oder zu einseitig sind mit Ihrer Ansicht. Allein das berufliche Profil macht noch keinen Experten!
    Wollen Sie die Kinder nur noch sogenannten Experten anvertrauen?

    Nehmen wir das Beispiel Lehrmethode: Noch immer wird in vielen Klassen frontal unterrichtet, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass Menschen verschieden lernen.
    Unsere heutige Wirtschaft hat klare Vorgaben an junge Menschen. Erfolgreich ist, wer viel Papiere und Diplome vorweisen kann und wer Beziehungen und Geld hat.
    Alleinerziehende, auch nur als ein Beispiel, haben oft keine Chance, ihren Kindern adäquat beizustehen. Gute Betreuung erfordert nicht nur Plätze sondern auch noch das entsprechend volle Portemonnaie.
    Das ganze Thema ist äusserst komplex und vielseitig. Mit pauschalen Aussagen und Behauptungen kann ich mehr denn je nicht mehr viel anfangen. „Gewissheit gewinnt man nicht vom Hörensagen“
    (zit. Friedrich der Grosse)

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    1. @Theodor Weber: Ich meine Herr Weber, dass es den Eltern verboten werden sollte, die Schulaufgaben ihrer Kinder zu lösen oder den Kindern dabei zu helfen, sind die Aufgaben nämlich eine Sache zwischen Lehrer und dem betreffenden Kinde. Klar können die Eltern sich beim Lehrer oder bei dessen Nicht-reagieren bei der Schulleitung melden. Mir war es als Vater äusserst peinlich, von der Primarlehrerin hören zu müssen, dass das Kind fürs Gymnasium vorbereitet werden sollte, „gellet Sie Herr Doktor?“. Natürlich ist die Sache sehr komplex. Dies heisst aber nicht, dass man seine Meinung nicht sagen könne, oder?

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  3. Ich denke auch, dass Kinder in der Schule ein Umfeld brauchen, in dem sie sich angenommen fühlen, sich entwickeln können, wie es ihren Begabungen passt. Dies darf nicht von aussen bestimmt werden, schon gar nicht von den Eltern. Ich war als Kind so froh, dass es den Eltern verboten war, sich einzumischen (in Holland). Kinder brauchen Zeit, Raum und Musse, ohne Noten, Beurteilungen und Zukunftsplanung. Dies sage ich als Kinderpsychiater in Basel.

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  4. Natürlich kann man auf Grönland versuchen, Tomaten zu ziehen, aber es dürfte schwierig werden….
    Die bösen, blöden Tomaten?….
    Der blöde Gärtner, unfähig, selbst Tomaten wachsen zu lassen?
    Falscher Dünger?
    Schlechte Luft?

    Da wo die Kinder Probleme bekommen wäre eigentlich schon länger die Frage, ob da die Alten, Eltern nicht eigentlich auch Probleme haben, vielleicht sogar die gleichen. Es wächst halt nicht überall alles.
    Vielleicht ist es sogar so, dass in einem Dampfdruckkasten wie Basel, Schweiz halt manches nur schlecht gedeiht, weil „die Luft“ zu schlecht ist.
    – Wir schaffen den Kindern lieber eine elektronische künstliche Welt, in der wir selber auch schon leben, statt mit ihnen auf den nächsten Spielplatz zu gehen (Verdammt noch mal, wo ist eigentlich der, wo auch keine Spritzen herum liegen und die Hunde sich versäubert haben?)
    – Wer gut sitzen kann, lebt besser, als wer Bewegung benötigt, – diese letzteren Jobs sind wenig gefragt, werden wenig angeboten und ergeben weniger Lohn. Dabei wissen wir, dass langes Sitzen nicht gesund ist.
    – Schule ist auch immer Training für den Arbeitsmarkt: Phil I, Kunst etc. ist weniger gefragt als Computerkenntnisse, Mathematik und Phil II-Fächer. Kunst, Musik gilt sogar als brotlose Kunst mit späterer drohender Armut. Wenn eine Stadt sparen muss, spart sie zuerst an den Kulturzentren.

    Vielleicht könnte die Lösung eher heissen, dass die Alten, äh die Eltern auch die Mühe aufbringen müssen, sich zu fragen, wo man selber gut leben kann. Dort werden auch die eigenen Kinder besser leben.
    Das könnte in der Schweiz aber auch schwierig werden…..

    Der gestresste Vater, die genervte Mutter und das versagende Kind könnten nämlich durchaus einen Zusammenhang haben.

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