Was für eine Kaserne hinterlassen Sie nach zehn Jahren, Frau Schlewitt?

Als Carena Schlewitt die Leitung der Kaserne Basel übernahm, stand sie vor einem Schuldenberg. Der Neuanfang war hart, aber er gelang. Auf ein letztes Gespräch, bevor sie ihre neue Stelle in Dresden antritt.

«Ich hatte nicht nur einen Neustart, sondern auch eine schwierige Geschichte zu bewältigen» – Carena Schlewitt.

Frau Schlewitt, zehn Jahre haben Sie die Kaserne Basel geleitet und in die erfolgreiche Gegenwart geführt. Als Sie antraten, lag die Kaserne am Boden. Was hatte Sie damals gereizt, nach Basel zu kommen?

Für mich war die Übernahme des interdisziplinären und freien Produktions- und Gastspielhaus mit Theater, Tanz und Musik und die Kulturregion reizvoll. Und es war meine erste Leitungstätigkeit. Ich bin sehr offen und direkt an die Aufgabe rangegangen, ohne vorher im Netz bis in die Tiefen zu recherchieren, wie man es vielleicht heute machen würde.

Und diese Lust ist Ihnen nicht vergangen, als Sie in Basel ankamen und vor einem Schuldenberg standen?

Ich hatte tatsächlich nicht nur einen Neustart, sondern auch eine schwierige Geschichte zu bewältigen. Da habe ich mich schon manchmal gefragt, ob ich mich auf die Aufgabe eingelassen hätte, wenn ich das alles gewusst hätte. Es waren zu Beginn zweieinhalb ziemlich harte Jahre, bis das Haus 2010 eine erste Subventionserhöhung entgegennehmen konnte. Und auch dann war noch ein weiter Weg zu gehen.

Wissen Sie, was in Dresden auf Sie zukommen wird?

Das Europäische Zentrum der Künste Hellerau ist als städtische Institution strukturell in einigen Punkten anders aufgestellt als die Institutionen, für die ich bisher gearbeitet habe. Also bedeutet das auch wieder Neuland. Aber auf bestimmte Erfahrungen kann ich heute natürlich aufbauen.

Wie steht es um die freie Szene?

Verglichen mit der Schweiz, aber auch mit anderen Städten in Deutschland, gibt es in Dresden strukturell und finanziell noch Entwicklungsbedarf für die freie Szene. Hier ist noch einiges an Lobbyarbeit nötig. Es gibt eine freie Tanzszene, die sehr aktiv und gut vernetzt ist, die aber viel zu gering gefördert wird. In Basel steht die freie Theater- und Tanzszene jetzt vergleichsweise an einem guten Punkt.

Das war sie aber nicht, als Sie in Basel angefangen hatten.

Ich wurde anfangs oft darauf angesprochen, dass es in Basel ja fast keine freie Szene gibt. Aber unser Dramaturg Tobias Brenk und ich haben sehr schnell verschiedene Einzelfiguren, Künstlerinnen und Künstler verschiedener Genres getroffen und sie nach ihren Ideen und Bedürfnissen befragt. Und wir haben Formate der Begegnung, der kleinen Skizzen geschaffen. Wir haben auch sehr offen signalisiert, dass wir Basler Künstlerinnen und Künstler wie Marcel Schwald, Boris Nikitin oder CapriConnection dazu einladen, in der Kaserne Basel zu arbeiten. Auch das Treibstoff-Festival erwies sich immer wieder als guter Generator für die Szene.

Die Kaserne Basel wurde ursprünglich von Künstlern der freien Szene als Veranstaltungsort erobert, jetzt mussten Sie aktiv dafür sorgen, dass dieses Haus von der Szene weiter belebt wird. Offenbart sich da eine Art Paradigmenwechsel?

Ob es ein Paradigmenwechsel ist, weiss ich nicht. Ich sehe das als wechselseitige Bewegung – Aufbau der lokalen freien Szene und Austausch mit der überregionalen und internationalen Szene. Uns ist es gemeinsam gelungen, eine Basler Szene aufzubauen, die auch national und international wahrgenommen wird. Nur kleine lokale Geschichten hätten es nicht gebracht.

Aber es reichte nicht, nur Gastgeberin und Produktionshelferin zu sein?

Ich erachte es auch als meine Aufgabe, Anregungen zu geben, herauszufinden, wo diese Gruppen ihre Stärken haben, welche Kooperationen möglich sein könnten. Unsere Rolle besteht darin, Anregungen zu geben und die nötigen Grundlagen zu schaffen.

Wie stark darf man als Produktionshaus dramaturgisch und kuratorisch in die Arbeit von Künstlern einer Szene eingreifen, die sich ja als frei deklariert?

Die freie Szene soll frei sein, die Gruppen sollen sich selber organisieren können, ihre Dramaturgen selber bestimmen. Wir bieten die Aussensicht, geben Feedbacks auf Konzepte, schauen ab und zu in die Proben rein. Ich habe nie eine Produktion abgesagt… (Denkt nach) Nein, habe ich wirklich noch nie – höchstens Vorstellungen aus Krankheitsgründen. Aber wir legen Wert auf ein ehrliches Feedback in den Proben und dann noch mal mit ein bisschen Abstand nach der Premiere. Und wir treffen natürlich insgesamt eine Auswahl für das Programm – und das sind manchmal einschneidende Entscheidungen bei der Grösse und Erwartungshaltung der Szene.

«Wir stecken nicht in den Produktionen drin, wir beraten. Manche begrüssen das, andere reagieren eher nervös darauf.»

Sie biegen nichts zurecht?

Nein, in Bezug auf die Projekte nicht. Wir gucken von aussen drauf, sagen aber schon, wo uns etwas nicht schlüssig erscheint. Wir stecken nicht in den Produktionen drin, wir beraten. Manche begrüssen das sehr und fragen aktiv, wann wir kommen, andere reagieren eher nervös darauf.

Die Grenzen zwischen freier Szene und Stadttheater verschwimmen. Thom Luz ist so jemand. Die Kaserne war ein wichtiger Ort für seine Entwicklung vom Musiker zum Theatermacher, aber jetzt ist er Hausregisseur am Theater Basel und Ihnen damit quasi weggenommen. Stört Sie das?

Nein. Thom Luz macht ja noch immer beides, arbeitet frei und am Stadttheater. Er kann beides, wie die beiden letzten Produktionen «Leonce und Lena» am Theater Basel und der freien, von uns mitproduzierten Arbeit «Unusual Weather Phenomena Project» zeigte. Schwieriger ist es, die Kulturpolitik davon zu überzeugen, dass es dieses freie Theater gibt, dass diese Projektarbeit eine Bereicherung ist und genügend gefördert werden muss.

Was kann die noch wirklich freie freie Szene, was die im Stadttheater eingebetteten Freien nicht mehr können?

Die freie Szene setzt im besten Fall als erste Innovationen im Tanz und im Theater, die dann von anderen, auch vom Stadttheater, aufgenommen und weiterentwickelt werden. Die freien Theater sind flexibel und beweglich. Zudem gibt es die zunehmende internationale Vernetzung der Freien, die es erlaubt, andere Ästhetiken aufzunehmen. Die Stadttheater sind hier qua Struktur etwas schwerfälliger. Probleme gibt es, wenn die freien Gruppen finanziell und produktionstechnisch an Grenzen stossen. Im Vergleich zur Schweiz gibt es meines Erachtens in Deutschland viel zu wenige Produktionshäuser.

Ist Basel eine Theaterstadt?

Ich denke ja. Es gibt ein interessiertes Publikum, eines, das eine Theaterbildung hat. Es gibt aber auch verschiedene Publikumsgruppen, die sehr spezifisch auswählen, und es gibt Leute, die zu uns, ins Theater Basel und in die anderen Basler Häuser, gehen. Beim Theaterfestival konnten wir auf ein ausgesprochen begeistertes Publikum zählen, was man auch jetzt in der Intendanz von Andreas Beck am Theater Basel spürt.

Wie ist das in Dresden?

Dresden gilt als Theaterstadt, was das Staatsschauspiel, das Theater der Jungen Generation und die Semperoper betrifft. Auch Hellerau hat ein gutes Publikum, das sich im Moment verstärkt auf das Tanzprogramm konzentriert. Ich hoffe, dieses Publikum weiterhin begeistern zu können und ein neues Publikum zu gewinnen, vielleicht noch stärker für Theater und Performance.

Buchhinweis: «Echoraum Kaserne Basel – Chronik eines Jahrzehnts», herausgegeben von Dagmar Walser, Carena Schlewitt und Tobias Brenk.  Das reich bebilderte Buch blickt auf die zehnjährige Ära Schlewitt in der Kaserne Basel zurück. Mit Beiträgen von Persönlichkeiten aus der Kulturszene, aber vor allem mit einer spannenden Chronik der Ereignisse der vergangenen zehn Jahre, die sich nicht nur auf die Kaserne Basel beschränkt. Erschienen im Christoph Merian Verlag.

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