«In Zukunft gibt es keine Betriebe mehr»

An der Sharing Economy kommt die Welt nicht mehr vorbei, glaubt Zukunftsforscherin Patricia Wolf. Wir wollten vor der dritten «Share Night» in Basel von ihr wissen, was das genau bedeutet.

Sharing-Anbieter wie Uber und Co. können Angst machen. Patricia Wolf sieht aber auch viele Chancen. (Bild: Patrick Blank)

Teilen statt kaufen, das ist das Prinzip der sogenannten Sharing Economy. Der Hype ist gross. Und wenn ein Unternehmen wieder mal eine durchschlagende «Sharing-Initiative» lanciert, dann schwingen nicht selten regelrechte Heilsversprechungen mit: gesündere Umwelt, mehr Zusammenhalt in der Gesellschaft – alle profitieren.

Unter diesem Vorzeichen findet am 24. Oktober in Basel zum dritten Mal die Share Night statt. Dort treffen sich verschiedene Initianten von Sharing-Projekten zum Austausch, etwa ein Camper-Verleih oder eine Mode-Leih-Boutique.

Teilen statt kaufen: Das klingt gut. Aber ist es das auch? Wir haben bei Patricia Wolf nach Antworten gesucht. Sie ist Leiterin des Zukunftslabors CreaLab in Luzern und gern zitierte Expertin in der Schweiz, wenn es um Sharing Economy und andere sogenannt «innovative, digitale Projekte» geht.

Patricia Wolf, die Sharing Economy soll die Gesellschaft weiterbringen. Schaut man aber, was bekannte Sharing-Anbieter wie Uber und Airbnb hervorbringen, dann stösst man auf sehr viel Angst. Taxigewerbe und Hoteliers sehen sich bedroht, Arbeitsplätze könnten verloren gehen, es werden Löhne gedrückt… 

Die Angst ist in Bezug auf gewisse Angebote durchaus berechtigt. Aber man darf nicht alle Initiativen der Sharing Economy über einen Kamm scheren.

Wo führt das alles denn noch hin?

Wenn man aktuellen Science-Fiction-Büchern glaubt, gibt es in Zukunft keine Betriebe und keine grossen wirtschaftlichen Organisationen mehr, sondern einzelne Menschen, die verschiedene Aufgaben erledigen. Vielleicht stellen Roboter Dinge wie Kleider oder Bauteile her, während die Menschen etwas anderes machen.

«In den USA hat es 65 Prozent der Jobs noch vor 25 Jahren gar nicht gegeben.»

Moment, Science-Fiction soll eine gute Wahrsagerin sein? 

Ja. Schauen Sie mal, wie viel die Bücher aus den 1950er-Jahren vorausgesagt haben, was heute Realität ist: das Internet, Skype…

Okay, nehmen wir an, es wird wie in den Science-Fiction-Büchern. Was machen wir dann, wenn die Roboter unsere Arbeit erledigen?

Das könnte ein Weg zu einem selbstbestimmteren Leben sein. Es werden neue Berufe entstehen, genauso wie es bei den vorgängigen industriellen Revolutionen der Fall war. Nehmen wir zum Beispiel die USA: Dort hat es 65 Prozent der Jobs noch vor 25 Jahren gar nicht gegeben.

Was für Tätigkeiten sind das?

Nun, die Kreativwirtschaft wird an Bedeutung gewinnen. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Menschen lokale Initiativen machen. Wir haben auch in Zukunft Bedarf an Dienstleistungen, wir können ja nicht alles selber machen. Vielleicht kommen dann die Angebote einfach aus der Nachbarschaft.

Patricia Wolf ist Professorin für Innovationsmanagement und leitet das Zukunftslabor CreaLab an der Hochschule Luzern. Dort erforscht sie unter anderem, wie Sharing-Projekte Städte verändern.

Also weg von der Globalisierung?

Vielleicht. Der Trend geht in Richtung Individualisierung. Das heisst, die Sachen, die wir kaufen, sollen Unikate sein. Wir wollen ein Verhältnis zu diesen Sachen. Das wiederum kann bedeuten, dass wir uns viel mehr in die Produktion einbringen.

Reden wir über eine der grössten ökonomischen Herausforderungen der Wirtschaft: die Care-Ökonomie. Kinder, Kranke und alte Menschen betreuen, das erledigten Frauen lange Zeit gratis. Jetzt ist das unbezahlbar für den Einzelnen.

Vieles davon könnten in Zukunft Roboter machen. Aber zum Trösten und Sich-Sorgen wird es weiterhin Menschen brauchen. Ein weiterer Bereich also, wo neue Jobs entstehen. Ich könnte mir auch Kooperationen vorstellen, wie wir sie heute in Mehrgenerationenhäusern haben. Dass man zum Beispiel Kliniken und Altersresidenzen nebeneinander baut, so dass Ältere selbstbestimmt leben können, aber im Notfall einen Arzt in der Nähe haben.

Aber nochmals: Wie lässt sich das alles finanzieren? 

Das ist eine Frage, die die Gesellschaft lösen muss. Vielleicht brauchen wir ein bedingungsloses Grundeinkommen. Aber das hat die Schweiz ja im Jahr 2016 abgelehnt.

Gibt es denn mit den neuen Jobs, die Sie in Aussicht stellen, kein Geld zu verdienen?

Es gibt durchaus Geschäftsmodelle der Sharing Economy, mit denen der Einzelne Geld verdient und nicht nur grosse Plattformen wie Uber. Zum Beispiel mit solchen Modellen: Man ist an der Entwicklung von 3D-Druckern beteiligt und hat noch einen Shop. Das ist ein klassisches Modell in Open Design. Aber auch ein bisschen langweilig.

Wie sähen spannendere Modelle aus?

Es gibt Leute, die Objekte entwickeln und die Designs dann auf Thingiverse  hochladen – das ist die Plattform für Open Design. Dort kann jeder die Designdaten gratis herunterladen. Wenn er etwas am Design verändert, muss er das wieder teilen. Nun haben mehrere Leute angefangen, solche Designs mittels 3D-Druckern zu produzieren und auf der Online-Handelsseite Etsy zu verkaufen. Einen Teil des Verkaufspreises, fünf oder zehn Prozent, geben sie dann den Designern ab, die am Objekt-Entwurf beteiligt waren.

«Auch Wissenschaft gibt es gratis im Internet, dafür braucht es keine Hochschule mehr.»

Mit virtueller Arbeit Geld zu verdienen scheint trotzdem schwierig zu sein. Sie selbst haben vor drei Jahren Politiker vor solchen Gefahren gewarnt: Menschen erledigen vor dem Computer Dubeli-Aufgaben für wenig Geld, ohne Sozialversicherungen.

Ja, fünf Prozent der arbeitstätigen Menschen in der Schweiz sind in so ein Arbeitsverhältnis involviert. Was nicht heisst, dass sie alle ihren Hauptlohn damit verdienen. Aber: Solche Arbeitsverhältnisse sind wirklich furchtbar.

Inwiefern?

Da sucht man zum Beispiel für eine Pornoseite in einem Sexfilm ein geeignetes Bild, um damit Werbung zu machen. Oder man kriegt die Aufgabe, das Bild eines grünen Nashorns am Computer blau einzufärben. Für solche Sachen braucht es Menschen, das kann der Computer nicht. Wer aber sein ganzes Einkommen mit solchen Jobs verdient, wird richtig einsam. Man hat mit niemandem Kontakt. Da ist keine Chefin und da sind keine Kollegen.

Was kann die Schweiz gegen solche Arbeitsverhältnisse machen?

Die Politik müsste sich damit befassen. Aber wie sollen Politikerinnen und Politiker überhaupt von all dem erfahren? Das läuft ja alles im Internet ab. Das ist ein Problem.

Und macht nicht gerade zuversichtlich. Wenn Sie mit Ihren Prognosen Recht haben, verlieren die meisten Menschen bald ihre angestammten Jobs.

Man kann die Zukunft selber gestalten. Die Hauptsache ist, dass man sich überlegt: Wo will man hin und wie kommt man dahin? Wir haben als wissenschaftliches Institut ja dasselbe Problem.

Dass Sie überflüssig werden?

Auch Wissenschaft gibt es gratis im Internet, dafür braucht es keine Hochschule mehr. Wozu braucht es uns also noch? Meine einzige Antwort darauf ist im Moment: Wir haben noch eine gewisse Autorität, bei uns kriegt man garantiert eine qualitativ gute Ausbildung.

Dann denken Sie ähnlich wie viele Medien: Es gibt so viel Fake News, da ist qualitativ hochstehender Journalismus ein wertvolles Gut. Nur, gibt es dafür auch genug Abnehmer?

Das ist die falsche Frage. Statt an dem festzuhalten, was Sie bisher gemacht haben und Leser zu suchen, sollten Sie fragen: Was wollen die Leute kaufen? Wo sind meine Kompetenzen gefragt?

«Airbnb zeigt, dass die Politik, die Gesellschaft und die Wirtschaft sich mit der Share Economy befassen müssen.»

Das tut die TagesWoche unter anderem mit dem Format Stadtgespräch. Unsere Leserinnen und Leser bestimmen, was wir recherchieren. Was tun Sie als Hochschule?

Wir studieren im CreaLab an einem neuen Master herum. Die Idee ist, dass die Leute mit einer Herausforderung, einem Projekt zu uns kommen und dann der Lehrplan massgeschneidert zusammengestellt wird, sodass sie dies angehen können. Dann müssten sie nicht in langweiligen Grundkursen sitzen.

Das klingt spannend. Nur: Wenn in Zukunft alles, die Bildung, die Wirtschaft, der Journalismus, über die Nachfrage bestimmt wird, was ist dann mit den Minderheiten oder denen, denen es schlecht geht? Wer schaut, dass sie einbezogen werden?

Ich glaube, wenn alte Autoritäten wie die Medien, Hochschulen oder Wirtschaftsorganisationen verschwinden, müssen wir dafür sorgen, dass es weiterhin Mechanismen gibt, die das Zusammenleben regulieren.

Aber nehmen wir die Nationalstaaten. Die Philosophen Deleuze und Guattari sagten voraus, dass die Grenzen aufgelöst werden. Aber eben nicht für alle. Wer eine Kreditkarte hat, hat freien Verkehr. Wer keine hat, steht vor geschlossenen Grenzen und ertrinkt im Meer. 

Genau, das sind Ängste, die man haben muss. Aber nur, wenn man darüber nachdenkt, findet man Lösungen. Vielleicht wird die Philosophie ja wieder wichtiger, es gab eine Zeit, da musste man Philosophie studieren, um es zu etwas zu bringen. Und es gibt auch positive Entwicklungen.

Ja?

Zum Beispiel die Entwicklung von umweltfreundlichen Technologien wie Zero Waste oder Green Tech. Es ist nicht alles schwarz-weiss. Das Beispiel Airbnb zeigt, dass die Politik, die Gesellschaft und die Wirtschaft sich mit der Share Economy befassen müssen.

Basel hat gerade das Gesetz so angepasst, dass Airbnb-Gäste Kurtaxe zahlen müssen wie Hotelgäste auch.

Ja, man kann sagen: Wir kooperieren mit Plattformen wie Airbnb – oder man kann sie ignorieren. Sie sind dann aber trotzdem da, und so muss man halt im Nachhinein reagieren, wenn es schon zu spät ist. Aber das ist ja bei allen Innovationen so. Als die Autos aufkamen, sagten die Leute auch: «Hey, fahr nicht, es ist gefährlich.»

Gut, der Umwelt und der Lebensqualität in den Städten haben die Autos auch nicht gerade gut getan.

Das stimmt. Dann sollte man fragen: Wie kann man die Ressourcen in der Stadt besser nutzen, sie vielleicht mit weniger Autoverkehr umweltfreundlicher machen? Und da kann man als Gesellschaft mitreden.

24. Oktober, 17.30 Uhr Sharing Night in den  Launchlabs Basel, Dornacherstrasse 192, 4053 Basel. Zum Programm.

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