Ein dreister Akt des Basel Tattoo

Mit seinem Last-Minute-Votum gegen den Kasernen-Umbau stösst Basel-Tattoo-Impresario Erik Julliard nicht nur den Kanton, sondern all diejenigen vor den Kopf, die das Areal nicht nur während zwei Wochen im Jahr nutzen.

Die Kaserne hat uns zu dienen. Und nur uns, meint das Basel Tattoo.

(Bild: Keystone/Georgios Kefalas)

Mit seinem Last Minute-Votum gegen den Kasernen-Umbau stösst Basel Tattoo-Impresario Erik Julliard nicht nur den Kanton, sondern all diejenigen vor den Kopf, die das Areal nicht nur während zwei Wochen im Jahr nutzen.

Das Basel Tattoo ist ein Fremdkörper auf dem Platz. Nicht, wenn man die Kaserne auf ihre Urnutzung als Waffenplatz zurückwirft. Doch das ist seit 50 Jahren vorbei. Inzwischen hat sich ein lebendiges, spannendes und multikulturelles Zentrum für zeitgenössische Kunst und Kultur und für die Klein- und Grossbasler Bevölkerung etabliert. Dass eine Militärmusik-Veranstaltung die ehemaligen Armeebauten als willkommene Kulisse nutzt, kann man nachvollziehen. Aber das Tattoo auf dem Kasernenareal von heute ist wie ein Punk-Festival im Grossen Musiksaal des Stadtcasinos – was ja auch ganz interessant sein könnte. 

Und doch konnten sich die Tattoo-Macher mit den übrigen Arealnutzern bislang irgendwie arrangieren – wenn man von den Dauerquerelen mit dem Verein «Heb Sorg zum Glaibasel» absieht. In den Sommerferien störte die Veranstaltung die ansässigen Institutionen nicht so sehr. Und der Hauptbau, der als Dauerprovisorium für Schulen genutzt wurde, stand eh leer. Der Kanton zeigte ebenfalls immer grosses Entgegenkommen, weil er sich zusammen mit Basel Tourismus über volle Hotels freuen konnte.

Alle Nutzer freuen sich, ausser…

Das mit dem Freipass zur Nutzung des Areals als Kulisse soll nun anders werden mit dem Umbau und der Umnutzung. Zum Glück. Alle Arealnutzer freuen sich, dass endlich auch dem letzten und markantesten Baustein auf dem Areal nach langen 50 Jahren nachhaltiges Leben eingehaucht, und dass der Durchgang zum Rhein möglich wird. Alle ausser einer. Das Basel Tattoo.

Keine zwei Wochen vor der entscheidenden Abstimmung ruft der Impresario zum Nein gegen den Umbau auf. Das Projekt gefährde die Weiterführung des Anlasses, behauptet er. Wie er zu dieser Behauptung kommt, ist schleierhaft. Oder Zeichen von absoluter Sturheit.

Der Kanton hat mit seinen Zugeständnissen gegenüber dem Anlass die Grenze des Erträglichen bereits ausgereizt. Über drei Millionen Franken Mehrkosten wirft Basel-Stadt auf, damit das Tattoo während der Bauzeit weiter über den Platz gehen oder marschieren kann und die Herbstmesse einen Rummel veranstalten. Und die zukünftigen Mietverträge für den Hauptbau sollen eine spezielle Tattoo-Klausel erhalten, um den Aufmarsch der Massed Pipes and Drums ja nicht zu stören.

Alles oder nichts

Julliard kümmert es aber keinen Deut, welchen Gewinn die Umnutzung des Hauptbaus für das Quartier und den nicht militärmusikalisch affinen oder eingeschränkten Teil der Kulturstadt bringen wird. Er will alles oder nichts. Er will die Fassade als tote Kulisse und die Innenräume als Backstage- und Technikbereich nutzen können. Und das ohne die geringsten Einschränkungen. Der Kasernenhauptbau soll nicht angetastet werden, damit sich die Veranstalter des Tattoos ja nichts Neues einfallen lassen müssen. 

Mit seinem Vorstoss gegen das Umbauprojekt hat Julliard sich und vor allem der Stadt einen Bärendienst erwiesen. Er dürfte damit die letzten toleranten Geister aus dem Umfeld der dauerhaften Kasernen-Nutzer gegen sich aufgebracht haben. Und bei einer Ablehnung des Umbauprojekts muss er damit rechnen, dass ihm die Nutzung des baufälligen Hauptbaus aus baupolizeilichen Gründen eh verwehrt wird. Geschweige denn, wenn eine private Trägerschaft dereinst den Betrieb des Hauptbaus übernehmen würde, wie es die politischen Gegner wünschen.

Wo sind die politischen Gegner?

Julliard lässt sich jetzt als Galionsfigur der bürgerlichen Umbaugegner vor den Karren spannen, deren Argumente so mager sind, dass sie sich selber kaum für ein Nein engagieren. Mit seiner Intoleranz gegenüber allen anderen Nutzern des Areals hat er sich vielleicht Freunde in den rechtsbürgerlichen Kreisen in Riehen geschaffen. Aber sicher nicht bei denjenigen, die schon da sind im lebendigen Herz des pulsierenden Kleinbasel.

Konversation

  1. Ich wollte meinen geistigen Einfluss für immer meinem Vater überlassen. Er hat mich nun aber aufgeweckt, denn diese wirklich nervende Diskussion über diesen historisch unwichtigen Bau dreht in im Grab.
    Ginge es nach ihm, könnte der Kopfbau am Rhein flach gemacht werden, und die Wiese bis zum Rhein verlängert und mit Park Bäumen bepflanzt werden. Es wäre ein Ort der Ruhe, ohne irgend welche dummen Paraden und ohne snobistische architektonische unbewohnbare teure Szene Kathedrale! Ich bin weder Katholik, noch Mediengeil, weder Protestant noch Pseudo Kommandant! Ich bin für den bedingungslosen Rückbau!

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  2. Es sollte doch möglich sein, diesen grössenwahnsinnigen und selbsternannten Tattoo-Gott in die Schranken zu weisen. Toleranz und Nachsicht verstehen Leute wie Julliard nicht. Es müssen klare Grenzen und definitive Richtlinien festgelegt werden, um solche Leute zu stoppen.

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    1. Sind Grenzen klar und Richtlinien definitiv – also abschliessend festgelegt und nicht zu ändern – nennen gewisse ganz schlimme Leute das „Diktatur“. Für Sie und Ihresgleichen bedeutet es wahrscheinlich Freiheit – Freiheit zu machen mit anderen Leuten was Sie wollen.
      Geben Sie doch mal eine kleine Liste von „solchen Leuten“, damit man sieht ob Sie nicht besser auf den Abfallhaufen der Geschichte gehören.

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  3. @ Seiler
    Sie schreiben von einer „Morin abgepressten“ Kasernenanlage- Moschee.
    Nun, ich habe von 1979 bis 1994 als Lehrer in der Kaserne gearbeitet. Damals gab den muslimischen Gebetsraum, also die Moschee, bereits. Nur: Den Herrn Morin, den gab es damals noch nicht einmal als Grossrat, geschweige denn als Regierungsrat oder als Regierungspräsident. Wie man als Moscheeverein in den späten Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts jemanden, der bis in diese Tage ein Amt ausführte, welches es damals für mehr als 30 zukünftige Jahre noch gar nicht gegeben haben konnte, „erpressen“ konnte, bleibt da schon ihr Geheimnis.

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    1. „Dass heute ein riesiges Chaos herrscht…“
      Ob und wo Sie Lehrer waren in jenen Jahren interessiert mich wirklich nicht und tut nichts zur Sache. Ich kann nur hoffen, dass Sie nicht auch das Fach Lesen unterrichtet haben.

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  4. @Spirgi.
    Ich empfinde finde den Artikel in gewissen Aspekten auch als tendenziös.
    Zwar ist das Militär schon 50 Jahre draussen, aber die sogenannt Kulturbefliessennen erst schrittchenweise seit ca. 1980 drin. Und mal ehrlich, Herr Spirgi, was haben diese Künstler und Kunstmanager eigentlich Bleibendes geschaffen ? Nichts. Nichts als Beschäftigungstherapie für die jeunesse dorée bâloise, der der Staat dann einfach eine x-te Chance gegeben hat, wenn das Alte langweilig wurde.
    Dass heute ein riesiges Chaos herrscht mit einem künstlerischen Jekami, einer – ich kanns leider nicht anders formulieren – Morin abgepressten Moschee, unzufriedenen Rheinfahrern etc. liegt doch nicht alleine an Julliard.
    Übrigens bin ich auch kein Militärfan, allerdings auch nicht so intolerant wie gewisse Grüne, die noch meinen sie müssten um einen Meter abgestorbenes Gras streiten, das von den Kindern „dank“ Hundskegel und Spritzen so oder so nicht gebraucht werden kann.
    PS. Ich hoffe trotz allem, dass Sie der TaWo erhalten bleiben.

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  5. Meines Wissens ist an diesem Ort ja nichts „für alle“ geplant, sondern alles für die, die in dieser Stadt den Ton angeben.

    Dass sich ein Kulturunternehmer für seine Vorteile wehrt, ist nichts als legitim.

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  6. Wie kommen Sie auf diese Unterstellung? Ich bin in keiner Weise «ein in die Kaserne involvierter Journalist», wie sie schreiben. Aber vielleicht meinen Sie damit, dass ich als aktiver Trommler eine ideelle Nähe zum Basel Tattoo haben könnte. Oder dass ich als ehemaliger Fliegerabwehrkanonier der Schweizer Armee vor vielen Jahren eine gewisse Zeit in Kasernen habe verbringen müssen. Allerdings nicht in Basel.

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